Institut für Ethnologie und Ethnologische Sammlung

Archiv 2011

Nepal – Bilder einer Mönchsweihe

08.05.2011 - 10.09.2011

Entlang des Himalaya-Gebirges zwischen Indien und Tibet erstreckt sich eines der höchstgelegenen Länder der Welt: das Königreich Nepal. Ungefähr die Hälfte der ca. 29 Mio. Einwohner leben in Gebieten bis zu 3000 Meter über dem Meeresspiegel. Das Hauptballungszentrum im Herzen Nepals ist das Kathmandu-Tal mit seinen fruchtbaren Böden und günstigen klimatischen Bedingungen. Aus ehemaligen Fürstentümern bildeten sich hier die heutigen Städte Lalitpur, Bhaktapur und die Hauptstadt Kathmandu.

Seit zweitausend Jahren gehört Nepal zur kulturellen Einflusssphäre Indiens und ist insofern hinduistisch geprägt. Doch innerhalb der aus über 100 ethnischen Gruppen bestehenden Gesellschaft ist bis heute auch der Buddhismus sehr lebendig. Den im Kathmandu-Tal lebenden Newar gelang es in ihrer langen Geschichte auf dynamische Weise, Buddhismus und Hinduismus in ihre ursprünglichen lokalen Glaubenstraditionen und kulturellen Eigenarten zu integrieren und miteinander zu verschmelzen. Die Newar unterscheiden zwischen Kasten mit hohem (thajat) und niedrigem (knjat) Rang. Die Darstellung ihrer Ordnung findet oftmals in Form von Mandalas (mandah) statt, wobei die höchste Kaste das Zentrum bildet und sich die anderen darum gruppieren. Mandalas spielen in der sozialen und räumlichen Organisation allgemein eine große Rolle. Sie verbildlichen drei Elemente, nämlich soziale Integration, Hierarchie und die Bedeutsamkeit eines Zentrums, was sich heute immer noch an der Existenz zahlreicher alter Kloster- und Tempelanlagen ablesen lässt.

Im Zuge von Landreformen und damit einhergehenden politischen und wirtschaftlichen Veränderungen erlebte Nepal während der letzten 40 Jahre einen gesellschaftlichen Wandel, der zu einer umfassenden Säkularisierung des alltäglichen Lebens zu führen schien. Klöster der Newar begannen zu verfallen, religiöse Traditionen und Praktiken verlagerten sich zunehmend aus dem geregelten Zusammenspiel der Klöster und der Gemeinwesen in die Privatsphäre der Haushalte und der Familien. Dienten buddhistische Heiligtümer und Rituale einst dazu, dem Leben in Stadt und Land eine innere Ordnung, Stabilität und kulturelle Identität zu verleihen, bestimmten nun individuelle Interessen mehr und mehr das öffentliche Leben.

In den letzten Jahren aber ist eine gegenläufige Tendenz in der Gesellschaft zu beobachten. In Konkurrenz zu dem aus Südostasien vordringenden und sich breiten Bevölkerungsgruppen öffnenden Theravada-Buddhismus, der sich in seiner Lehrpraxis für Mönche auf die ältesten erhaltenen Schriften zur Überlieferung Buddhas stützt, setzte auch für den Newar-Buddhismus eine Renaissance ein. Sie geht einher mit einer zunehmenden Lockerung religiöser Regelungen und einer Öffnung ritueller Praktiken nach außen. Die buddhistische Klosterkultur ist wieder erblüht. Einige Kloster in Lalitpur und Kathmandu bieten mittlerweile regelmäßig Meditations- und Lehrstunden zur buddhistischen Praxis für Menschen aus allen Schichten der Newar an.

Historisch betrachtet haben sich bei den Newar zwei Arten von Mönchskasten des Mahayana-Buddhismus herausgebildet. In dieser Lehrtradition spielen im Unterschied zum Theravada-Buddhismus generell Bodhisattvas eine zentrale Rolle: Diese haben als Menschen den Vorgang des „Erwachens“ bodhi durchlaufen, aber auf das Übergehen in das endgültige „Verlöschen“ parinirvana verzichtet, um den Menschen zu helfen, ebenfalls dieses Ziel zu erreichen.

Die beiden Mönchskasten leben in unterschiedlichen monastischen Institutionen: Die eine Gruppe von Mönchen lehrt tantrische Aspekte des Mahayana-Buddhismus. Diese Mönche, vajracarya genannt, erhalten bis heute neben der Ordination auch eine geheime Weihe. Sie leben in den sogenannten baha- bzw. bahal-Klöstern. Dabei handelt es sich um Klosterhöfe, die ursprünglich im Inneren der Städte lagen.

Die erste, in Textquellen der Newar erscheinende Nennung des Titels vajracarya ist für das 15. Jh. n.Chr. belegt. In der Zeit bis dahin wurden die gelehrten Mönche und Priester als bhiksuacaraya bezeichnet, zusammengesetzt aus den Begriffen bhiksu „Mönch“ und acarya „Lehrer“.
Die spezielle buddhistische Lehre der vajracarya wird als Vajrayana „das diamantene Fahrzeug“ bezeichnet. Sie entwickelte sich bereits zwischen dem 1. und 7. Jh. n.Chr. in Indien und repräsentiert die im geheimen vollzogenen tantrischen Methoden des Mahayana-Buddhismus. Von besonderer Bedeutung ist in den Ritualen die Praxis der Selbstidentifikation über bildlich vorgestellte Gottheiten. Mit den tantrischen Methoden versuchen die Anhänger dieser Richtung bereits zu Lebzeiten – also schneller als im allgemeinen Mahayana-Buddhismus für möglich erachtet – zur Erlösung zu gelangen. Die Bezeichnung „Vajrayana“ nimmt dabei Bezug auf den Sanskritbegriff „vajra“, der als „Diamant“ und „Donnerkeil“ übersetzt werden kann. Der Donnerkeil ist zugleich „die Waffe des Götterkönigs Indra“. Er steht daher in tantrischen Texten für die herausragenden Eigenschaften des erleuchteten Bewusstseins und ist das wichtigste Ritualobjekt des Vajrayana (s. Abb.).

Die andere Kaste ist die der sakya, welche die Tradition des nicht-geheimen (nicht-tantrischen) Mahayana-Buddhismus pflegen. Sie leben in den bahi-Klöstern, d.h. Klosterschulen, die sich früher außerhalb der Städte befanden. In der ursprünglichen Ritual-Praxis der sakya-Mönche wird die „Verkastung“ des Mönchstandes durch den Verzicht des Zölibats besonders deutlich. In ihren bahi-Klöstern entwickelte sich der Brauch, die Mitgliedschaft nur an Söhne von ordinierten Mönchen zu vererben. So bleiben die Klöster im Besitz bestimmter Familien und so kommt es, dass die Newar-Mönche gleichzeitig Familienväter sind und der Mönchstand vererbbar geworden ist. Im Laufe der Jahrhunderte ist die Praxis des „Haushalter-Mönchtums“ auch von den vajracarya-Mönchen übernommen worden.

Bei den Familien der sakya-Mönche ebenso wie bei denen der vajracharaya-Mönche wird die Öffnung buddhistischen Rituallebens heutzutage deutlich.
Sie spiegelt sich vor allem im Vollzug des Initiationsrituals für Jungen, nämlich die Aufnahme in die Mönchsgemeinde sangah, wieder. Früher im Verborgenen abgehalten, wird sie heute unter einem großen öffentlichen Interesse inmitten der versammelten Gemeinde vollzogen. Jede traditionelle Berufsgruppe trägt ihren Anteil am Gelingen des Ganzen. Die Zeremonie der Weihe zum Mönch bare chuyegu in einem vajracharya-Kloster in Kathmandu gibt in dieser Ausstellung ein beispielhaftes Zeugnis von buddhistischen Motiven und Wertvorstellungen und deren Einbettung in das heutige Gesellschaftsgefüge.


Die Ausstellung entstand im Rahmen der Lehrveranstaltung
„Ausstellungspraxis“ (WS 2010/11):
Studierende: Ulrike Auge, Hannah Feder, Berit Gerhards, Linda Kunde, Daniel Lehr, Leonie Neumann, Raphael Ripka und Dessi Tonova
Leitung: Dr. Gundolf Krüger
Technische Arbeiten: Harry Haase, Robert Scheck, Carsten Warnke und Nicole Zornhagen
Redaktion: Julia Racz M.A.
Wissenschaftliche Beratung und Fotos: Dr. Michael Mühlich, Frankfurt/Main


Mit freundlicher Unterstützung:
Göttinger Gesellschaft für Völkerkunde e.V., Dr. Walther Liebehenz-Stiftung und
Susanne und Gerd Litfin Stiftung



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