Forschungsnetzwerk: "Lager in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg"

I. Aktueller Projektstand
Seit Mai 2009 besteht ein E-Mail-Verteiler, der dazu beitragen soll, sich über die jeweiligen Forschungsprojekte auszutauschen, andere Forschungsansätze kennenzulernen, auf aktuelle Literatur hinzuweisen und Fragen, bei denen vielleicht Kollegen weiterhelfen können, zu klären.


II. Zweiter Workshop in Gießen
Am 29. und 30. September 2011 findet am ZMI Gießen (Sektion 4: Medien und Zeitgeschichte) ein zweiter Workshop des Netzwerks mit dem Titel "Lager und Öffentlichkeit in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg" statt.
Das CfP ist hier abrufbar.

Ein erster Workshop fand - veranstaltet vom Zeitgeschichtlichen Arbeitskreis Niedersachsen - am 18./19. September 2009 in Göttingen statt (Programm und Bericht).


III. Skizzierung des Projekts
Nach Ende des Zweiten Weltkriegs bemühten sich die Militärverwaltungen der Siegermächte, die deutschen Behörden sowie die Kirchen und Wohlfahrtsverbände, Regelungen für die große Zahl von Menschen zu finden, die auf den Straßen Deutschlands unterwegs waren. Innerhalb kurzer Zeit entstanden vor allem entlang der Grenzen der Besatzungszonen zunächst improvisierte, dann rasch ausgebaute Flüchtlingslager. DPs, Evakuierte, Flüchtlinge und Vertriebene, elternlose Kinder und Jugendliche wurden für wenige Stunden oder ein bis zwei Tage aufgenommen und betreut, um dann rasch – oftmals in eine der anderen Besatzungszonen – weitergeleitet zu werden.

Daneben wurden in nahezu jeder größeren Stadt Flüchtlings- und Wohnlager errichtet, in denen die Menschen in Ermangelung anderen Wohnraums mitunter sogar mehrere Jahre lebten. Diese Lager verschwanden erst im Laufe der Jahre aus dem Stadtbild oder entwickelten sich zu festen Siedlungen.

Auch die meisten Auffang- und Durchgangslager wurden mit dem Nachlassen des ersten Flüchtlingsstroms aufgegeben. Allerdings blieben einige dieser Einrichtungen bestehen und übernahmen im Laufe der Jahre neue Funktionen, die sich häufiger wandelten. Die Lager beherbergten und betreuten nun entlassene Kriegsgefangene, Aussiedler, Flüchtlinge bzw. Auswanderer aus der SBZ/DDR, und politische Flüchtlinge (etwa aus Ungarn), bevor diese in lokale Aufnahmelager oder –heime bzw. andere Durchgangslager weitergeleitet wurden. Beispiele hierfür sind die Durchgangslager in Friedland, Furth im Walde, Schirnding, Gießen, Uelzen-Bohldamm, Frankfurt (Oder), die zum Teil bis in die 1960er Jahre bestanden. Das Grenzdurchgangslager Friedland existiert sogar bis heute als die bundesweit einzige Erstaufnahmeeinrichtung für Spätaussiedler aus der ehemaligen Sowjetunion.

Außerdem wurden einige nationalsozialistische Lager nach dem Ende des Krieges als alliierte Internierungslager verwendet. Somit zählen zu den Personen, die nach dem Ende des Zweiten Krieges ein Lager durchliefen, nicht nur "Betreute" (in den Durchgangslagern) oder "Bewohner" (in den länger bestehenden Flüchtlingslagern), sondern auch "Insassen".

Obschon einige lokale Studien existieren, die sich mit einzelnen dieser Lager beschäftigen, ist die Forschungslage als äußerst dürftig zu kennzeichnen. Die wenigsten der größeren Flüchtlings- und Grenzdurchgangslager sind bislang überhaupt erforscht. Für manche läßt sich nicht einmal problemlos ermitteln, wie lange sie bestanden, wer sie beaufsichtigte und für welche Gruppen sie zuständig waren. Etwas besser erfoscht ist die Nachnutzung nationalsozialistischer Lager durch die Alliierten. Aber auch in diesem Feld ist noch vielfältige Forschungsarbeit zu leisten.

Wer heute auch nur diese grundlegenden Informationen sucht, muß in den meisten Fällen direkt in den zuständigen Archiven recherchieren. Eine systematische Erforschung dieser Orte sowie ihrer Verbindungen untereinander steht damit aus. So wird noch zu klären sein, welche Bedeutung diese unzähligen Institutionen für die Gestaltung der Nachkriegsgesellschaft zukam, wie sie öffentlich wahrgenommen wurden und welche politischen Entscheidungsprozesse die Entstehung und den Funktionswandel der Lager bedingten.

Für das Grenzdurchgangslager Friedland wird dieses Forschungsfeld am Zeitgeschichtlichen Arbeitskreis Niedersachsen bearbeitet, der das Projekt des Landes Niedersachsens zur Errichtung eines Museums im Lager Friedland wissenschaftlich begleitet. Hier werden neben der unerläßlichen Grundlagenforschung sowohl mögliche Objekte für das spätere Museum recherchiert als auch Interviews mit Zeitzeugen durchgeführt.

Eingebettet in dieses Projekt soll der Versuch unternommen werden, Forscherinnen und Forschern einen Austausch zu ermöglichen, die sich mit Lagern in Deutschland nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges beschäftigen. Mögliche Themen können sein:

  • einzelne Durchgangs- und Flüchtlingslager im Nachkriegsdeutschland sowie deren Verbindungen untereinander
  • Alliierte Internierungslager und sowjetische Speziallager
  • politische Entscheidungsprozesse bei der Errichtung der Lager und bei der Steuerung der Flüchtlingsströme
  • Umgang der Verwaltungen mit den Gruppen, die die Lager durchliefen (Betreuung, aber auch der Aspekt der z.T. systematischen Befragungen)
  • Erinnerungs- und Symbolfunktion der Lager/ die öffentliche Wahrnehmung der Lager
  • karitative Arbeit der Wohlfahrtsverbände und der Kirchen in den Lagern
  • Funktionswandel der Lager im Laufe ihres Bestehens
  • „unorganisierte“ Flüchtlingsströme von Lager zu Lager sowie abseits der Lager
  • „Integration“ der die Lager durchlaufenden Flüchtlinge, Vertriebenen, Heimkehrer und anderen Gruppen in die Gesellschaft
  • Aufnahme und Betreuung politischer Flüchtlinge und Asylbewerber
  • Bedeutung des Lageraufenthalts für die dort Betreuten

  • Diese Themenübersicht erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern soll nur erste Anhaltspunkte geben. Innerhalb des Netzwerkes soll einerseits ein Austausch über die jeweiligen Forschungsprojekte, Fragestellungen und Problemen ermöglicht werden. Darüber hinaus können methodologische Fragen problematisiert werden. Im Laufe der Zeit könnte ferner eine Art Datenbank entstehen, in der Informationen zu den verschiedenen Lagern zusammengetragen und mit zentralen Dokumenten verbunden werden.

    Forscherinnen und Forscher, die Interesse daran haben, sich an diesem Forschungsnetzwerk zu beteiligen, sind herzlich eingeladen, sich bei Sascha Schießl zu melden. Anregungen, Erweiterungen und Vorschläge des Netzwerks sind ebenfalls sehr willkommen!