Lehrstuhl für Neuere und Neueste Geschichte - Prof. Dr. Dirk Schumann

Aktuelles




Neuerscheinungen in der Publikationsreihe des ZAKN: "Tor zur Freiheit", "Das therapeutische Jahrzehnt", "Gewalt, Zurichtung, Befreiung".

In diesem Jahr erscheinen drei Bände in der Publikationsreihe des Zeitgeschichtlichen Arbeitskreises. Neben den Dissertationen der ehemaligen Mitarbeiter Sascha Schießl über das "Lager Friedland" und Maik Tändler über die 1970er als "therapeutisches Jahrzehnt" erscheinen auch die Ergebnisse einer Forschungstagung über die Geschichte individueller Ausnahmezustände in der Reihe, die von Hannah Ahlheim herausgegeben werden.


Sascha Schießl, "Das Tor zur Freiheit"
Kriegsfolgen, Erinnerungspolitik und humanitärer Anspruch im Lager Friedland (1945-1970)


Reihe: Veröffentlichungen des Zeitgeschichtlichen Arbeitskreises Niedersachsen (Hg. von Dirk Schumann, Cornelia Rauh und Petra Terhoeven); Bd. 31

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Wie konnte sich das Flüchtlingslager Friedland innerhalb weniger Jahre von einem Provisorium unter vielen zu einem bundesweit bekannten und symbolisch hochgradig aufgeladenen »Tor zur Freiheit« entwickeln?
Um diese Frage zu beantworten, verortet Sascha Schießl die langlebige Institution Friedland mit ihren vielschichtigen Funktionen in der westdeutschen Nachkriegsgeschichte. Indem er die Aufnahmeprozesse im Lager mit den zeitgenössischen erinnerungspolitischen Diskursen verknüpft, werden nicht nur die divergierenden Interessen, Wahrnehmungen und Konflikte beleuchtet, die zur Entstehung und Fortentwicklung des Erinnerungsortes beitrugen. Zugleich veranschaulicht Schießl, in welchem Beziehungsgeflecht Flüchtlinge, Vertriebene, Kriegsheimkehrer und Aussiedler in Friedland aufgenommen wurden und welche Deutungen mit ihrer Ankunft in der bundesdeutschen Nachkriegsgesellschaft verbunden waren.
Sascha Schießl arbeitet überzeugend heraus, dass die Prozeduren zur Aufnahme von »Deutschen« in den ersten Nachkriegsjahrzehnten auf Entscheidungen und Definitionen der nationalsozialistischen Rassenpolitik und Besatzungsherrschaft zurückgriffen und wie sehr diese Zusammenhänge durch erinnerungspolitische und symbolische Zuschreibungen überlagert wurden.



Maik Tändler, Das therapeutische Jahrzehnt.
Der Psychoboom in den siebziger Jahren



Reihe: Veröffentlichungen des Zeitgeschichtlichen Arbeitskreises Niedersachsen (Hg. von Dirk Schumann, Petra Terhoeven und Cornelia Rauh); Bd. 30

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Eine Kulturgeschichte des westdeutschen »Psychobooms« der 1970er Jahre zwischen Verwissenschaftlichung des Sozialen und Politisierung des Selbst im Zeichen der 68er.

Um 1970 setzte in der Bundesrepublik eine Welle der Popularisierung von psychologischem Wissen und psychotherapeutischen Praktiken ein. Wissenschaftliche wie populäre Sachbücher zu den Themen Psychologie, Psychoanalyse und Psychotherapie kamen in immer größerer Zahl und Auflage auf den Markt, Hunderttausende nahmen an Therapie- und Selbsterfahrungsgruppen teil.
Maik Tändler rekonstruiert die komplexen wissenschaftlichen, kulturellen und politischen Entstehungsbedingungen und die gesellschaftliche Dynamik dieses »Psychobooms«. Dabei zeigt sich, dass dieser weder auf randständige Psychosekten noch auf eine entpolitisierte »neue Innerlichkeit« reduziert werden kann. Es handelte sich vielmehr um eine übergreifende gesellschaftliche Entwicklung, die entscheidend von den gesellschaftspolitischen Verheißungen der 68er-Jahre vorangetrieben wurde: Die rasante Verbreitung psychologisch-therapeutischer Praktiken in den 1970er Jahren erklärt sich vor allem daraus, dass sie als demokratisierende und emanzipatorische Selbsttechnologien verstanden wurden. Doch während die therapeutischen Utopien zum Ende des Jahrzehnts versiegten, bereitete der Psychoboom langfristig den Boden für die Ausbreitung therapeutischer Selbstoptimierungstechniken im Zeichen einer immer weiter voranschreitenden Ökonomisierung des Selbst.



Gewalt, Zurichtung, Befreiung?
Individuelle »Ausnahmezustände« im 20. Jahrhundert

Herausgegeben von Hannah Ahlheim



Reihe: Veröffentlichungen des Zeitgeschichtlichen Arbeitskreises Niedersachsen (Hg. von Dirk Schumann, Petra Terhoeven und Cornelia Rauh); Bd. 32

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Die Konstitution des modernen Subjekts in der »Ausnahme«: über Normierungsprozesse sowie das Zusammenspiel von Emanzipation und Einpassung.

Nicht nur in staatsrechtlich-polizeilichen Zusammenhängen kommt es zu »Ausnahmezuständen«. Auch Individuen sind in Industriegesellschaften des 20. Jahrhunderts im »Ausnahmezustand«. Sie hungern und werden gequält, sie werden krank, sie testen ihre Grenzen und berauschen sich. Die Beiträgerinnen und Beiträger des Bandes richten den Blick auf Situationen, in denen der Mensch mehr oder weniger offen in seiner körperlichen und seelischen Unversehrtheit bedroht ist, oder aber die eigenen Leistungs- und Leidensgrenzen zu seiner Ermächtigung, Optimierung oder Befreiung zu verschieben sucht.
Aus dem Inhalt:
Malte Thießen: Der Ausnahmezustand als Argument. Zum Zusammenhang von Seuchenangst, Immunität und persönlichen Freiheitsrechten im 19. und
20. Jahrhundert
Annelie Ramsbrock: Schnittstellen am Gesicht. Der Ausnahmezustand als persönliche Erfahrung und medizinisches Argument
Christoph Kopke: Hungerforschung im Konzentrationslager. Ernst Günther Schenck und das Konzept der »extremen Lebensverhältnisse«
Pascal Eitler: Selbsterfahrung im Ausnahmezustand. Vom Einsetzen und Entlasten des Körpers nach »1968«
Jürgen Martschukat: Fitness und Fatness. Über Körper und Ausnahmezustände in der Zeitgeschichte




Jahrestagung des Arbeitskreises am 17. und 18. Juni 2016 in Göttingen

Exit. Ausstieg und Verweigerung in "offenen Gesellschaften" nach 1945

"Niemand kann besser Auskunft geben über den Zustand einer Gesellschaft als der, der aus ihr aussteigt. In der Art des Ausstiegs und der Weise der Reaktion darauf lässt sich das Wertesystem eines Gemeinwesens lesen. Der Aussteiger ist die Rache der Gesellschaft an sich selbst."

Diese provokante, entfernt an das Denken Carl Schmitts erinnernde These des Essayisten und politischen Philosophen Christian Schüle wird hier als produktive Anregung verstanden, die Figur des Aussteigers zur zeithistorischen Sonde für die Untersuchung von Norm- und Diskursverschiebungen in demokratisch verfassten Gesellschaften während der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu machen.
Der Aussteiger - verstanden als Person, die vermeintlich oder tatsächlich von ihrem kulturell verbrieften Recht auf Selbstverwirklichung Gebrauch macht und mit traditionellen Lebenswelten, vertrauten Beziehungen und überkommenen Strukturen in einem als abrupt wahrgenommenen Akt bricht - erscheint aus vielen Gründen als besonders geeigneter Seismograph für die angedeuteten gesellschaftlichen Entwicklungen im Untersuchungszeitraum. Hat David Riesman in seinem berühmten soziologischen Werk "The lonely crowd" von 1956 den durch konformistische Außenlenkung bestimmten Menschentypus ("other-directed") als bestimmend für die post-industriellen Wohlstandsgesellschaften identifiziert, vermag der Aussteiger ganz offensichtlich die Angst vor dem Bruch der an ihn gerichteten Konformitätserwartungen seiner Umgebung zu überwinden.
Zweifellos hat sich die ursprünglich negative Konnotation des Ausstiegs im Laufe der letzten Jahrzehnte erheblich abgeschwächt. Statt als Verräter, Desperado oder Asozialer galt bzw. gilt der Aussteiger vermehrt als Projektionsfigur für Phantasien eines mutigeren, 'authentischeren' und in jeder Hinsicht 'besseren' Lebens. Im Fokus der Tagung steht dabei ausdrücklich nicht das neue 'Innen', sprich die Anpassung des Aussteigers an ein neues Normen- und Koordinatensystem, sondern vielmehr der Abschied vom Alten - und die Reaktion der Zurückgebliebenen.
Generell geht es darum, aus einer historischen Perspektive den Blick für die Risiken und Ambivalenzen der 'zweiten' bzw. reflexiven Moderne (Ulrich Beck) zu schärfen. Das subjektive Autonomieempfinden des einzelnen bzw. das Autonomieideal der Gruppe, das als historisches Produkt eines umfassenden Individualisierungsschubes der Moderne gelten kann, ist zwar zweifellos ein wichtiger Indikator für das Vorhandensein einer 'offenen Gesellschaft' (Karl Popper). Allein jedoch vermag es wohl kaum erschöpfend über das tatsächlich vorhandene Maß an individueller Autonomie bzw. gesellschaftlicher Konformität Auskunft zu geben.

Neu erschienen:

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Cornelia Rauh und Dirk Schumann (Hg.), Ausnahmezustände. Entgrenzung und Regulierung in Europa während des Kalten Krieges, Göttingen 2015. Reihe: Veröffentlichungen des Zeitgeschichtlichen Arbeitskreises Niedersachsen (Hg. von Dirk Schumann, Petra Terhoeven und Cornelia Rauh), Bd. 28.

»Ausnahmezustand«: Gesellschaftliche und subjektbezogene Ordnungs- und Regulierungsmodelle im Wandel.

Im vorliegenden Band wird diskutiert, wie in West- und Osteuropa in der Zeit des Kalten Krieges kodifizierte und informelle Regeln »normalen« sozialen und politischen Verhaltens im Bewusstsein der Akteure in Frage gestellt wurden. Während in Osteuropa dabei die Neujustierung staatlicher Sicherheits- und Kontrollregime im Mittelpunkt stand, führte in Westeuropa einerseits die Bedrohung durch den Terrorismus zu profunder Verunsicherung und neuen kontrollierenden Zugriffen, andererseits aber eröffnete die fortdauernde Individualisierung und Liberalisierung der persönlichen Lebensgestaltung neue Freiräume.

Aus dem Inhalt:
Karl Christian Führer: Anarchie im Rechtsstaat? Hausbesetzungen der 1980er Jahre als Ausnahmezustand des bundesdeutschen Rechtssystems
Joachim C. Häberlen: Sekunden der Freiheit. Zum Verhältnis von Gefühlen, Macht und Zeit in Ausnahmesituationen am Beispiel der Revolte 1980/81 in Berlin
Tilmann Siebeneichner: Die »Arbeiter-und-Bauern-Macht« im Ausnahmezustand. Die Kampfgruppen der Arbeiterklasse und die Implosion des SED-Regimes im Herbst 1989
Marcel Streng: Der Körper im Ausnahmezustand. Hungern als politische Praxis in Westdeutschland (1973-1985)
Jonathan Voges: Die Angst vor der Datendiktatur. Die Volkszählung in den 1980er Jahren und ihre Gegner




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Kerstin Thieler, ?Volksgemeinschaft? unter Vorbehalt. Gesinnungskontrolle und politische Mobilisierung in der Herrschaftspraxis der NSDAP-Kreisleitung Göttingen, Göttingen 2014. Reihe: Veröffentlichungen des Zeitgeschichtlichen Arbeitskreises Niedersachsen (Hg. von Dirk Schumann, Petra Terhoeven und Cornelia Rauh), Bd. 29.

Nach der Machtübernahme wuchsen in der NSDAP rasch Zweifel, ob sich die »Volksgenossen« aus Überzeugung, Indifferenz oder Opportunismus konform verhielten. Die Parteileitung formulierte daher Verhaltensanforderungen an die »arische« Bevölkerung, die sich auf immer größere Bereiche erstreckten - sowohl im Privat- als auch im Berufsleben. Mit der Umsetzung vor Ort waren die NSDAP-Kreisleitungen und ihre Funktionäre beauftragt, sie sollten die Einhaltung dieses dynamischen Normenkatalogs der »Volksgemeinschaft« kontrollieren und damit gewährleisten, dass nur ideologisch konforme »Volksgenossen« in staatlichen Institutionen Karriere machten, Sozialleistungen oder öffentliche Auszeichnungen erhielten.
Die Autorin zeigt am Beispiel der Universitätsstadt Göttingen, wie die NSDAP anhand der Parteigutachten Personalpolitik und Amtspraxis von Universität und Stadtverwaltung beeinflusste, wobei auch alltägliche Beobachtungen der Funktionäre in die Bewertungen mit einflossen. Das steigende Ausmaß der Beurteilungen überforderte die lokalen Parteiapparate bald und führte zu einer Mischung aus Willkür und bürokratischem Schein, aus der die Gutachten schließlich ihre Wirkungsmacht bezogen.


Neu erschienen:

Generation und Raum Kohortenband

Söhnke Grothusen, Vania Morais, Hagen Stöckmann (Hrsg.), Generation und Raum. Zur symbolischen Ortsbezogenheit generationeller Dynamiken, (Veröffentlichungen des DFG-Graduiertenkollegs "Generationengeschichte", herausgegeben von Dirk Schumann, Bd. 15), Wallstein 2014

Die Kategorie des Raums und ihr Einfluss auf generationelle Dynamiken.

Die Bezüge zwischen Räumen, Orten und Grenzen als ein fester Bestandteil generationeller Vergemeinschaftung sind vielfältig: Einen intuitiven Eindruck davon geben so unterschiedliche Beispiele wie der »Mythos von Langemarck« als Schnittstelle beider Weltkriege oder das mediale Changieren zwischen den Räumen der Neuen Medien und den konkreten Schauplätzen der arabischen Revolutionen. Dieser Band stellt aus akteurzentrierter Perspektive die Frage, ob und wie durch Konstruktion, Performanz und Aneignung spezifischer Räume und Orte generationelle Deutungsmuster generiert werden. Mit de Certeau soll also der Frage nachgegangen werden, inwiefern generationelle Prozesse dem Raum »eine Richtung geben, ihn verzeitlichen«.

Aus dem Inhalt:
Alyssa Howards: The Frontier in Space and Time. Landscapes and Generationality in the Nineteenth-Century German Eastern Frontier Novel and the American Western Frontier
Tilmann Siebeneichner: Von Langemarck zur »Nacht der langen Messer«. Zum Generationenkonflikt in der Weimarer Republik
Ines Langelüddecke: »Brandenburger Friedhofsfreunde« - Die Rückkehr der Adligen aufs Land





Doktorandenworkshop in Göttingen:

Am 12. und 13. Juni 2014 richtete der Zeitgeschichtliche Arbeitskreis Niedersachsen in Kooperation mit dem Nederlandse Instituut voor Oorlogsdocumentatie (NIOD; Niederländisches Institut für Kriegsdokumentation) einen Nachwuchsworkshop für DoktorandInnen der Zeitgeschichte aus. Zwei Tage lange diskutierten rund dreißig NachwuchswissenschaftlerInnen über thematische, methodische und konzeptionelle Zugänge zur transnationalen Zeitgeschichte. Das thematische Spektrum umfasste insbesondere Zugänge zur Geschichte des besetzten Europas während des Zweiten Weltkrieges, die Analyse denunziatorischer Praxen aber auch widerständigen Verhaltens. Zudem die Zweite Geschichte des Nationalsozialismus, sowie Perspektiven auf die justizielle Vergangenheitspolitik die justizielle Praxis angesichts der terroristischen Herausforderungen der 1970er Jahre.

Das Programm findet sich hier.

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Teilnehmerinnen und Teilnehmer der summer school 2014



Neu erschienen:

Maik Tändler und Uffa Jensen (Hrsg.), Das Selbst zwischen Anpassung und Befreiung. Psychowissen und Politik im 20. Jahrhundert (Veröffentlichungen des Zeitgeschichtlichen Arbeitskreises Niedersachen, herausgegeben von Bernd Weisbrod, Bd. 27), Göttingen 2012.

Über die vielgestaltige Verflechtung von Verwissenschaftlichung und Politisierung menschlicher Subjektivität.

Im 20. Jahrhundert konnte sich psychologisches, psychoanalytisches und psychotherapeutisches Wissen - kurz: Psychowissen - wissenschaftlich etablieren und populär verbreiten. Seine wachsende Anziehungskraft erklärt sich dabei nicht allein aus der Verheißung individueller säkularer Selbsterkenntnis. Psychowissen verband sich vielmehr von Beginn an auch mit dem Versprechen, wissenschaftliche Erkenntnisse über Wesen, Funktion und Formbarkeit des Selbst politisch nutzbar machen zu können - sei es zur Stabilisierung, Neugestaltung oder Überwindung gesellschaftlicher Ordnungen.

Aus dem Inhalt:
Maik Tändler: Therapeutische Vergemeinschaftung. Demokratisierung, Emanzipation und Emotionalisierung in der Gruppe, 1963 - 1976
Anthony Kauders: Wieviel Politik verträgt die Psychoanalyse? Eine bundesrepublikanische Debatte, 1968 - 1990
Claudia Kemper: Psychologische Abrüstung. Psychotherapeuten in der westdeutschen Friedensbewegung der frühen 1980er Jahre
Christine Leuenberger: The Self in Transition. Psychological Categories as Institutional and Political Projects before and after Germany¹s »Wende« in 1989