Institut für Historische Landesforschung

Die Erschließung des Staatsgebiets: Chausseebau in Nordwestdeutschland 1764-1843

Eine systematische räumliche Erschließung des eigenen Staatsgebiets begann im Kurfürstentum Hannover in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, als sogenannte Kunststraßen angelegt wurden, die neben das natürlich gewachsene Netz der mittelalterlichen Wege traten. Diese als Chausseen bezeichneten Anlagen wurden von zentraler Stelle geplant und gebaut und manifestierten sich sicht- und erfahrbar als Symbole einer aktiven, Wirtschaft und Ent-wicklung fördernden Regierung. Neben den noch einmal gut ein Jahrhundert später gebauten Eisenbahntrassen strukturieren sie den Raum.
Im Kurfürstentum Hannover wurde 1764 erstmals eine Wegebaubehörde eingerichtet. Nutzer der Wege und hochfrequenter Träger des überregionalen Verkehrs und der überregionalen Kommunikation war im 18. Jahrhundert der Postdienst. Er bildete eine eigene Infrastruktur aus mit Posthaltereien, Wechselstationen etc., die neben das Netz der Krüge und Zollstellen trat. Die Rückmeldung der Postbediensteten über die Wegeverhältnisse bildete einen wertvollen Impuls für den systematischen Ausbau von sog. befestigten Kunststraßen, den Chausseen. Daher lässt sich eine wachsende Kommunikationsdichte als Auslöser für den planmäßigen, zentral staatlich gesteuerten Ausbau des Wegenetzes identifizieren. Zugleich wird hier landschaftlich sichtbar, wie die Staatsgewalt ihr Staatsgebiet durchdrang und erschloss, sprich: Chaus-seen stellten ostentativ eine vermeintlich fürsorgende Politik der Regierung zur Schau (sie waren technisch ?modern? und oft als ?schöne? Alleen angelegt). Hannovers Nachbarterritorien Braunschweig (1770) und Schaumburg (1780) schlossen sich dem Wandel an. Oldenburg folgte erst 1820, nachdem Hannover hierzu gedrängt hatte, das mit Olden-burg seit 1836 durch Handels- und Zollverträge verbunden war.
Ziel des Vorhabens ist nun die exakte Kartierung dieser Entwicklung in ihrer raumzeitlichen Dynamik, um die Veränderungen in der Kulturlandschaft zu erforschen. Indem dies digital erfolgt, können grundlegende methodische Probleme der analogen historisch-thematischen Kartographie aufgelöst und die Darstellung um eine zeitliche Komponente erweitert werden, so dass ein methodisch neuer Zugriff erfolgt. Die unter dem Begriff spatial turn zusammengefassten raumtheoretischen Ansätze, die auch in den Kulturlandschaftsbegriff Eingang gefunden haben gehen von der kulturellen und sozialen Konstruktion des Raumes aus, wonach die Wahrnehmung des Raumes gesellschaftliche Realitäten schafft. Ergebnisse werden in einer serverbasierten GIS-Karte online verfügbar gemacht. Neben der reinen Kartierung werden ergänzend Objektinformationen, bibliographische Angaben und vor allem Aktenti-tel und Spezialkarten verknüpft verfügbar gemacht. Zurückgegriffen wird auf Akten, die in den Standorten des Nieder-sächsischen Landesarchivs vorliegen und die nun z.T. digitalisiert werden sollen. Auch werden erhaltene Denkmalobjekte wie Meilensteine, Brücken und Gebäude in Abbildungsform aufgenommen.

Das Vorhaben wird finanziert im Rahmen des Campuslabors Digitalisierung.