Argumentationspraxis in der Literaturwissenschaft

Profil und Ziele



Allgemeine Beschreibung

Literaturwissenschaftliche Forschungsbeiträge zielen darauf ab, ihre Leser zu überzeugen, und zu diesem Zweck argumentieren sie für ihre Annahmen. Über die Grenzen verschiedener Richtungen hinweg ist das Argumentieren für oder gegen eine These über einen literaturbezogenen Sachverhalt (im weiten Sinne) eine gemeinsame, normative Praxis, mit deren Hilfe disziplinäres Wissen erzeugt und vermittelt wird. Der Relevanz dieser Praxis entspricht aber kein gleichwertiges Forschungsinteresse in der Literaturwissenschaft. Da das literaturwissenschaftliche Argumentieren bislang nur ausschnittsweise und/oder mit eingeschränktem Ansatz untersucht worden ist, gibt es kaum gesichertes Wissen in diesem Bereich: Mit Hilfe welcher Faktoren eine literaturwissenschaftlich plausible Argumentation aufgebaut wird, ist nicht erforscht. Hier setzt das Projekt „Das Herstellen von Plausibilität in Interpretationstexten. Untersuchungen zur Argumentationspraxis in der Literaturwissenschaft“ an und zielt am Beispielfall der literaturwissenschaftlichen Interpretationspraxis auf eine praxeologisch ausgerichtete Bestandsaufnahme. Sie soll dazu beitragen, das Wissen der Literaturwissenschaftlerinnen und Literaturwissenschaftler über das eigene argumentative Vorgehen und dessen Bedingungen zu vertiefen und damit ein dringendes fachgeschichtliches Desiderat zu beheben. Diese Bestandsaufnahme ist nicht einfach zu erzielen: Weder liegt ein geeignetes Analyseverfahren vor, das nur noch auf ein größeres Korpus literaturwissenschaftlicher Interpretationstexte anzuwenden wäre, noch lassen sich Standards literaturwissenschaftlichen Argumentierens nachlesen, an denen sich eine Analyse orientieren könnte. Im Projekt wird daher mit einem eigenen Verfahren gearbeitet, das Ergebnisse und Methoden unterschiedlicher Disziplinen aufnimmt und anpasst.

Vorliegende Forschung

Das Projekt kann an vorliegende Beiträge zum Argumentieren aus eine Reihe unterschiedlicher Forschungsfelder anschließen:

  • an die grundlegenden Arbeiten zur Argumentation in der Literaturwissenschaft der 1970er Jahre (v.a. Günther Grewendorf, Eike v. Savigny, Siegfried J. Schmidt, Walther Kindt) und die Studien zur Sprache der Literaturwissenschaft von Harald Fricke
  • an neuere Einzelstudien zum literaturwissenschaftlichen Argumentieren seit den 1990er-Jahren (z.B. Els Andringa, Jeanne Fahnestock und Marie Secor, Laura Wilder)
  • an neuere Ansätze der Argumentationstheorie und -analyse, die seit den Standardwerken von Stephen Toulmin und Chaïm Perelman/Lucie Olbrechts-Tyteca vorgelegt worden sind und von denen die pragma-dialektische Theorie Frans van Eemerens und Rob Grootendorsts wohl momentan am verbreitetsten ist. Die Ansätze lassen sich grob in drei Richtungen einteilen: philosophische, die Logik als Basis nutzende Theorien (z.B. Georg Brun, Christoph Lumer, Douglas Walton, Harald Wohlrapp); Theorien, die mit den Kategorien der antiken Rhetorik arbeiten (z.B. Ruth Amossy, Richard J. Burke, Clemens Ottmers), und linguistisch basierte Theorien, die auf die sprachlichen Strukturen und Mittel des Argumentierens konzentriert sind (z.B. Manfred Kienpointner, Josef Kopperschmidt, Walther Kindt).
  • an Ansätze der neueren Wissenschaftsforschung, in denen das Argumentieren auf der Basis unterschiedlicher Modelle als soziale Praxis beschrieben wird (z.B. in Arbeiten im Anschluss an Ludwik Fleck, Ian Hacking oder Pierre Bourdieu)
  • an linguistische Beiträge der Fachkommunikationsforschung (z.B. Ulla Fix, Klaus-Dieter Baumann, Katja Klammer, Jan-Eric Dörr)


Ziele des Projekts

(1) Das Hauptziel des Projekts ist eine möglichst deskriptive Bestandsaufnahme der gegenwärtigen literaturwissenschaftlichen Argumentationspraxis in Interpretationstexten. Leitende Fragen sind: Wie werden in Interpretationstexten der deutschsprachigen Literaturwissenschaft Hypothesen plausibilisiert? Gibt es typische Verfahrensweisen oder Vorlieben für bestimmte Schlusstypen oder sprachliche Mittel? Das Projekt zielt nicht darauf, die argumentativen Besonderheiten in den Beiträgen einzelner Literaturwissenschaftlerinnen und Literaturwissenschaftler herauszuarbeiten, sondern soll – durch den Fokus auf häufig wiederkehrenden und in diesem Sinne typischen Darstellungsformen – kollektive argumentative Muster und Strategien rekonstruieren, die als fach- oder zumindest als gruppenspezifisch gelten können.

Um das Hauptziel erreichen zu können, war (2) ein genügend umfangreiches Korpus von Interpretationstexten aufzubauen, das aussagekräftige Ergebnisse verspricht. Um einfache Suchen schnell durchführen zu können, musste es in digitaler Form zur Verfügung stehen. Zudem wird (3) ein eigenes Analyseraster weiterentwickelt, um die argumentativen Strukturen und die Darstellungsmittel der Interpretationstexte in einer umfassenden, nichtreduktiven Weise beschreiben zu können. Auch wenn das Projekt in seinen Analysekategorien an vorliegende Forschung verschiedener Fächer anschließen kann, hat es mit seinen Leitfragen doch Pilotcharakter. Es soll eine systematische Analyse der Strategien ermöglichen, mit denen in Interpretationstexten Plausibilität erzeugt wird. Diese Auswertung soll wegen der Vielfalt und sprachlichen Komplexität der eingesetzten Darstellungsmittel auf hermeneutischer Basis erfolgen. Schließlich wird (4) die Fülle der Analyseergebnisse synthetisiert, indem sie unter bündelnden Leitfragen bzw. nach den sich zeigenden Mustern zusammengefasst werden.

Insgesamt soll das Projekt einen Beitrag zur literaturwissenschaftlichen Praxeologie in einer textbezogenen Variante leisten: Auf der Basis von Texten und ausgewählten Kontextinformationen (z.B. Publikationstyp und -ort, rudimentäre Daten zum Verfasser) werden implizite Regeln der argumentativen Praxis rekonstruiert. Verfahren und Ergebnisse des Projekts (Einzelresultate und zusammenfassende Monographie) werden unter Open Access-Bedingungen zugänglich gemacht.

Projektdesign und Vorgehen

Im Projekt soll in deskriptiver Absicht die normative Praxis des literaturwissenschaftlichen Argumentierens rekonstruiert werden. Diese Praxis stützt sich nicht auf explizite Anleitungen zum Argumentieren in einschlägigen kodifizierenden Werken des Faches, sondern wird zum weitaus größten Teil implizit vermittelt. Daher liegt es nahe, die akzeptierte argumentative Praxis in der Literaturwissenschaft über eine breite Erhebung und Auswertung vorliegender Beiträge aus dem literaturwissenschaftlichen ‚Alltagsgeschäft‘ zu rekonstruieren. Da verschiedene Typen literaturwissenschaftlicher Texte – etwa literaturtheoretische Beiträge, Literaturgeschichten, Textanalysen und Interpretationen – je nach ihren Zielen und Vorgehensweisen abweichende Begründungszusammenhänge entfalten dürften, ist es sinnvoll, sich auf einen Typ zu beschränken. Um Vergleichbarkeit mit vorliegenden Ergebnissen zu erzielen und weil Beiträge, die Literatur in einem weiten Sinne ‚interpretieren‘, noch immer einen großen Teil der Publikationen im Fach ausmachen, konzentriert sich das Projekt auf Interpretationstexte.

‚Praxis des literaturwissenschaftlichen Argumentierens‘ wird im Projekt in einem weiten Sinne verstanden. Bedingungen der literaturwissenschaftlichen Interpretationspraxis, z.B. konsensuell geteiltes Wissen und rhetorische Darstellungsmittel, werden nicht als ‚Störfaktoren‘ eingeschätzt und ausgeblendet, sondern dezidiert mit untersucht. Anders als in einigen Studien der 1970er Jahre wird keine ‚Skelettierung‘ von Argumentationen zwecks Rekonstruktion und Prüfung angestrebt, sondern es wird der Versuch einer ‚dichten Beschreibung‘ einer offenkundig funktionierenden Argumentationspraxis unternommen. Um dieses Ziel zu erreichen, wird mit dem Konzept Plausibilität eine argumentationsanalytische Kategorie in den Mittelpunkt der Untersuchungen gestellt, für die weder der ‚wahr‘/‚falsch‘-Dualismus zentral noch die Schlüssigkeit das wichtigste Kriterium ist. Vielmehr sind es drei Aspekte, unter denen sich Plausibilisierungsstrategien beschreiben lassen: die Schlüssigkeit des Argumentationszusammenhanges, die Passung der angeführten Argumente sowie die kollektive Akzeptanz der Argumente und vorausgesetzten Schlussregeln. Auch wenn sich die drei Aspekte nicht trennscharf gegeneinander abgrenzen lassen, bieten sie eine hilfreiche Heuristik für die Analyse argumentativer Strategien und legen nahe, im Projekt auch die Darstellungsform der Interpretationstexte, z.B. die verwendete Sprache, rhetorische Mittel und nicht-argumentative (etwa narrative und referierende, Inhalt paraphrasierende) Passagen, zu untersuchen.

Zur Analyse der Interpretationstexte wurde ein umfassender Leitfaden entwickelt, der in der Anwendung auf die Korpustexte im Laufe des Projekts noch weiter präzisiert wird. Mit seiner Hilfe werden die Analysen zwar ‚systematisch‘ im Sinne von ‚auf klare Kategorien gestützt‘ vorgenommen, jedoch setzen sie in den weitaus meisten Fällen hermeneutische Verstehensprozesse voraus. Ein überwiegend hermeneutisches Vorgehen ist erforderlich, weil die eingesetzten Darstellungsmittel in Interpretationstexten vielfältig und komplex sind, weil argumentative Strukturen oft erst expliziert werden müssen und Interpretationstexte zudem Passagen enthalten können, die mehrere Lesarten zulassen. Quantitative Verfahren lassen sich nur begrenzt anwenden. Alle Korpustexte werden von mindestens je zwei Analysierenden untersucht; abweichende Beschreibungen werden festgehalten.

Korpus

Das Untersuchungskorpus besteht aus knapp 100 Interpretationstexten. Damit ist es genügend umfangreich, um aussagekräftige Ergebnisse erzielen und kollektive argumentative Muster und Strategien rekonstruieren zu können, aber auch nicht zu umfangreich, so dass es zum größten Teil noch manuell annotiert und hermeneutisch ausgewertet werden kann. Die Korpustexte sollten zum einen möglichst gut vergleichbar sein, zum anderen eine breite Praxis abdecken, also hinreichend divers in ihren Ansätzen sein. Um die Texte besser vergleichen und um Debattenzusammenhänge und Forschungstopoi besser identifizieren zu können, lag es nahe, Beiträge zu einem gemeinsamen Bezugstext einzubeziehen. Um aber nicht ggf. nur die Idiosynkrasien einer einzelnen Autorphilologie abzubilden, wurde je ein Bezugstext zweier hinreichend unterschiedlicher Autoren gewählt: Heinrich v. Kleists „Michael Kohlhaas“ und Annette v. Droste-Hülshoffs „Die Judenbuche“. Die Erzählungen können als kanonische Texte gelten, was gewährleistet, dass nicht nur genügend viele Beiträge vorliegen, sondern auch Beiträge aus allen Richtungen des Faches. Damit ergibt sich ein breites Spektrum in Bezug auf die Ausrichtung der Beiträge (Ziele, Theorien, Verfahrensweisen) und die Position der Verfasserinnen und Verfasser (Stadium der wissenschaftlichen Karriere).

Da es um die gegenwärtige Argumentationspraxis geht, wurde das Korpus aus Beiträgen der letzten 20 Jahre und verschiedener Publikationstypen zusammengesetzt. Um das Korpus homogen zu halten und die Ergebnisse vergleichbar zu machen, wurden Publikationen nur der deutschsprachigen, germanistischen Literaturwissenschaft einbezogen. Für das Anliegen dieses Projekts ist Homogenität in Bezug auf Fach- und nationalphilologische Vorgaben sinnvoll; in Folgestudien wäre es attraktiv, verschiedene Fächer oder Wissenschaftskulturen miteinander zu vergleichen.

Das Korpus umfasst also deutschsprachige Interpretationstexte zu Kleists „Michael Kohlhaas“ und Droste-Hülshoffs „Die Judenbuche“, die im Zeitraum 1995 bis 2015 erschienen sind, den oben erläuterten Bedingungen entsprechen und mithilfe germanistischer Fachbibliographien ermittelt werden konnten. Zu Kleists Erzählung liegen 81, zu Droste-Hülshoffs 47 solcher Beiträge vor. Da beide Teilkorpora gleich groß sein sollten, wurde das Kleist-Korpus randomisiert auf die Größe des Droste-Hülshoff-Korpus reduziert.