Politik und Ethik der Endlichkeit


Klimawandel, Artensterben und Ressourcenknappheit: Die ökologischen Krisenerscheinungen und ihre (materiellen) Folgeschäden gelten als zentrale Herausforderungen moderner Gesellschaften und ihrer politischen Ordnungen im 21. Jahrhundert. Das DFG-geförderte Kooperationsprojekt der CAU Kiel und der Universität Göttingen „Politik und Ethik der Endlichkeit“ richtet den Blick auf die ökologische Krise und das ökologische Endlichkeitsproblem als zentralen Gegenstand zeitgenössischen politischen Denkens in westlichen Demokratien. Ziel des Projektes ist es, die normativen Grundlagen und empirisch-lebensweltlichen Voraussetzungen für den ökologischen Gesellschaftswandel zu klären und so notwendige Erkenntnisse für die ethische und politische Gestaltung des Transformationsprozesses zu entwickeln.

Die beiden Teilprojekte „Endliche Welt und offene Zukunft. Endlichkeit und Wachstumskritik im politischen Denken“ (1) und „Endliche Welt und nachhaltiges Verhalten als Politik. Zur ökologischen Transformation der Gesellschaft“ (2) befassen sich aus ideenhistorischer wie politiktheoretischer Perspektive mit den ideengeschichtlichen Wurzeln des Wachstumsdenkens der Moderne und der sich seit den 1970er-Jahren daran entflammenden ökologischen Kritik im politischen Denken (1) sowie zeitgenössischen Initiativen als praktisch-politische Ethosformen nachhaltigen Verhaltens (2). Beide Projekte sind im Herbst 2019 gestartet. Das Teilprojekt „Sittlichkeit und Nachhaltigkeit in einer Postwachstumsgesellschaft“ (3) möchte, ausgehend vom gesellschaftstheoretischen Entwurf von G. F. W. Hegel, eine sozialphilosophische Konzeption für eine Postwachstumsgesellschaft entwerfen und ist im Februar 2020 angelaufen.





Zeit- und geschichtstheoretische Deutungen des Wachstums“ (Prof. Ludger Heidbrink, bearbeitet von David Bockelt M.A.)

Die auf Wachstum gründende Wirtschafts- und Gesellschaftsform steht vor immensen Herausforderungen, allen voran jener der Klimakrise. Zweifelsfrei ist das ungebrochene ökonomische Wachstumsparadigma ein maßgeblicher Treiber dieser Entwicklung. Nicht zufällig lässt sich in den letzten Jahren eine (Wieder-)Belebung der Debatte um „Post-Wachstum“ und „De-Growth“ verzeichnen. Wachstum als Orientierungsmuster und Sinnstifter ist allerdings eine relativ neue Erscheinung, die eng an temporale Dispositionen der zeitlichen Subjekte gebunden ist. Die griechische Antike, geprägt von der Anschauung periodisch-zyklischer Naturvorgänge und fasziniert vom Logos des Kosmos, folgt einer kreishaften Zeitvorstellung. Systematisches Wirtschaftswachstum im heutigen Sinne kann sich aus einer solchen Konstellation nicht ergeben. Die erstarkenden Erlösungsreligionen transformieren die Zeitlichkeit und deuten sie apokalyptisch respektive eschatologisch. Das hoffnungsvolle Glauben, gerichtet auf ein Ende der Welt und der Zeit, eröffnet erstmalig eine Zukunftsperspektive, wenn auch gekoppelt an ein absehbares Ende. Die religiöse Ausrichtung auf das Jenseits verhindert jedoch eine systematisch angelegte innerweltliche Fortschrittsperspektive. Ab der Neuzeit und in besonderem Maße mit dem einsetzenden 18. Jhd. bricht die Zukunft durch Prozesse wie Säkularisierung, Aufklärung, Verwissenschaftlichung etc. gänzlich auf. Aus dieser Gemengelage, innerhalb derer sich auch die Ökonomik als alleinstehende wissenschaftliche Disziplin etabliert, entspringt auch das Paradigma des Fortschritts, welcher ökonomisch übersetzt in Wirtschaftswachstum aufgeht.

Mit dem neuzeitlichen Verlust des theologischen Ordnungsschemas der menschlichen Praxis setzt die Zeit der humanen Selbstbehauptung und des Anthropozentrismus ein. Ausgestattet mit einer nur episodisch kurzen individuellen Lebenszeit innerhalb einer unermesslich großen Weltzeit versucht der Mensch seiner Endlichkeit durch ein säkulares, gleichsam transzendierendes Heilsstreben in Form von effizienter Zeitnutzung und Akkumulation zu entrinnen. Dieses Streben wiederum führt zu einer Steigerungs- und Beschleunigungsdynamik, welche die oben angedeuteten Krisen auslösen und verstärken. Das Wachstum als entleerte Hülle auf ein vages, unspezifiziertes Ziel hin ausgerichtet, in Verbindung mit seinem faktischen Erfolg im Sinne einer ungeahnten Bemächtigung der Natur durch den Menschen, seiner Funktion als säkulare Religion und dem für das moderne Subjekt geltenden Dilemma einer Fortschrittsgefangenschaft durch die Befreiung qua Fortschritt wird es, das Wachstum, zur maßgebenden unmäßigen Kategorie.

Sowohl der aktuellen Wachstumskritik als auch der Wachstumsapologetik fehlt jedoch aufgrund der Nichtberücksichtigung der lebens- und weltzeitlichen Verschränkungsperspektive ein Erklärungsansatz für ihr jeweiliges Interesse. Argumentiert von einer funktional-ökonomischen Warte aus, ergibt sich ein halbseitig verkürztes, unvollständiges Bild, das ergänzt um die geschichtliche und individuell-anthropologische Perspektive ein präziseres Explikationsmoment in sich trägt. Angesichts der angesprochenen Krisendynamiken, welche nach einer Transformation der Wirtschaftspraxis und
-theorie verlangen, kann das erkenntnisleitende Interesse dieser Arbeit wie folgt formuliert werden: Wie kann eine Wachstumskritik unter Berücksichtigung welt- und lebenszeitlicher Faktoren formuliert werden, die in Konsequenz eine lebensdienlichere Ökonomie generiert, welche gleichermaßen die anthropologisch-existenziellen mentalen Infrastrukturen des Menschen sowie die Notwendigkeit einer gesellschaftlichen Transformation inkludiert?

Erhalt offener Zukunft: Beiträge des ökologisch-politischen Denkens“ (Prof. Tine Stein, bearbeitet von André Rathfelder, M.Sc.)

Im zweiten Themenbereich wird an der Universität Göttingen das ökologisch-politische Denken untersucht, das seit den siebziger Jahren die Landschaft des politischen Denkens erweitert hat und das seinen Ausgang in der Wahrnehmung der Endlichkeit und Fragilität der natürlichen Lebensgrundlagen nimmt. Bei den ökologisch-politischen Denkern steht insbesondere das ökonomische Wachstumsparadigma in der Kritik, das als ursächlich für die Zerstörung der natürlichen Lebensgrundlagen angenommen wird. Ihre politischen Ansätze können als Antwortversuche auf die Wahrnehmung der Grenzen des Wachstums rekonstruiert und untersucht werden. Im Zuge dessen werden die Schriften exemplarisch ausgewählter Denker dieser Strömung dahingehend befragt, welche Ideen für einen nachhaltigen Umgang mit der Natur entwickelt werden und wie die Szenarien einer ökologischen Transformation ausfallen. Aus politikwissenschaftlicher Perspektive stehen dabei insbesondere die Fragen im Zentrum, von welchen Akteuren der politische Impuls für eine ökologische Transformation erwartet wird, welche Rolle dabei dem Staat bzw. seinen (möglicherweise zu verändernden) Institutionen zukommt und welche Eingriffstiefe staatliches Handeln gegenüber Bürgern und Wirtschaftsakteuren haben soll/darf.

Ziel der Arbeit ist in erster Linie eine Kartierung dieser bisher wenig beleuchteten politischen Denklandschaft. Dies impliziert zunächst die Rekonstruktion, Interpretation und Gegenüberstellung der jeweiligen Denkgebäude. Daraus hervorgehend können gemeinsame Ausgangspunkte, vor allem aber die Unterscheidungslinien, welche das Feld des ökologisch-politischen Denkens auffächern, beschrieben werden. Interessant ist dabei auch die zeitliche Entwicklung ökologisch-politischer Gegenentwürfe seit den 1970er-Jahren. Im Zuge dessen soll auch die bisher offene Frage behandelt werden, wie sich das ökologische-politische Denken zu tradierten Strömungen des politischen Denkens wie Konservativismus, Liberalismus oder Sozialismus verhält: Erweitert hier eine neue Strömung das Feld des politischen Denkens oder bleiben die verschiedenen Denker den traditionellen Denkräumen verhaftet und werfen von dort aus einen liberalen, sozialistischen, sozialdemokratischen oder konservativen Blick auf die ökologische Krise? Abschließend ist zu klären, wie die vorgebrachten politischen Entwürfe aus einer den normativen Leitideen von Demokratie und Freiheit verpflichteten Perspektive zu bewerten sind. Durch die Bearbeitung dieser Fragestellungen kann dieser bisher nicht systematisch erfasste Strang des politischen Denkens für die heutige Debatte um eine ökologische Transformation fruchtbar gemacht werden.






Endliche Welt und Nachhaltiges Verhalten als Politik. Zur Ökologischen Transformation der Gesellschaft“ (Prof. Tine Stein, bearbeitet von Kim-Kathrin Lewe, M.A.)

Das Projekt „Endliche Welt und nachhaltiges Verhalten als Politik. Zur ökologischen Transformation der Gesellschaft“ beschäftigt sich mit der Frage nach dem spezifisch politischen Gehalt zeitgenössischer gesellschaftlicher Initiativen, wie z.B. Urban Gardening, Verbraucher-Erzeuger-Gemeinschaften und Bürgerenergiegenossenschaften. Unter dem Eindruck der ökologischen Krise und des in dieser Hinsicht verbreitet wahrgenommenen „Staatsversagens“ lässt sich aktuell beobachten, dass Individuen und Kollektive in selbstorganisierter wie praktischer Weise alternative Lösungen beitragen wollen. Dabei begegnen sie dem Problem ökologischer Endlichkeit beispielhaft mit nachhaltigen Handlungsstrategien für einen transformativen Gesellschaftsentwurf, der jenseits des Staates praktiziert wird.

Das Teilprojekt macht es sich zur Aufgabe, diese (relativ) neuartigen Formen individuellen wie kollektiven nachhaltigen Verhaltens vor dem Hintergrund der ökologischen Krise theoretisch zu erfassen und mit Blick auf ihren Beitrag zur ökologischen Transformation der Gesellschaft kritisch zu prüfen. Ausgehend von einer politisch-soziologischen Bestandsaufnahme und der begrifflich-analytischen Konzeptualisierung des Phänomens soll daher eine politiktheoretische Analyse zur Qualität und Verortung innerhalb der zeitgenössischen Demokratietheorie geleistet werden. In einem ersten Schritt werden qualitative Leitfadeninterviews mit ausgewählten Initiativen geführt und die Akteure, ihre Arbeitsweisen, Ziele und (politischen) Selbstbilder rekonstruiert. In einem zweiten Schritt erfolgt die systematische Reflexion der Initiativen im Hinblick auf Politikbegriffe und demokratische Potenziale. Zu prüfen ist hierbei, inwiefern sich diese nachhaltigen Verhaltensweisen über eine individualethische Dimension hinaus als genuin politisch qualifizieren lassen und ob darin womöglich eine „neue Form“ von Politik zum Ausdruck kommt. Das Ziel des Projektes ist es, einen Beitrag zu Politik- bzw. Demokratieverständnissen und dem Wesen politischen Handelns angesichts der ökologischen Krise und Transformation moderner Gesellschaften zu leisten.






Sittlichkeit und Nachhaltigkeit in einer Postwachstumsgesellschaft“ (Prof. Konrad Ott, bearbeitet von Eric Grabow, M.A.)

Das Projekt „Sittlichkeit und Nachhaltigkeit in einer Postwachstumsgesellschaft“ widmet sich einem zu antizipierenden Übergang in eine freiheitliche Gesellschaft, der ein institutionalisierter und stark nachhaltiger Umgang mit der Begrenztheit natürlicher Ressourcen wesentlich eignet, wodurch sie zugleich auch die Form einer Postwachstumsgesellschaft gewinnt.
Im Hinblick auf ein gesellschaftstheoretisches Defizit derartiger Transformationsforschung einerseits und die Notwendigkeit andererseits, die Anerkennungswürdigkeit einer nachhaltigen Postwachstumsgesellschaft reflektier- und evaluierbar zu machen, soll ein theoretischer Rahmen geschaffen werden, der zugleich deskriptiv wie normativ fungieren kann. Zu diesem Zweck werden die Möglichkeiten und Resultate einer Transformation von Gesellschaft und Staat der hegelschen Rechtsphilosophie untersucht. Indem Hegels Rechtsphilosophie – charakteristisch repräsentiert in den Grundlinien der Philosophie des Rechts – als institutionalisierter Umgang mit Natur gelesen und interpretiert wird, lässt sich ein gesellschaftstheoretischer Rahmen erarbeiten, der die institutionelle Einbettung einer Theorie Starker Nachhaltigkeit ermöglicht. Die hieraus resultierende nachhaltige hegelsche Sittlichkeit ist auf die sich ergebenden Konsequenzen und Veränderungen hin zu befragen, insbesondere auf die Gestalt und den Zusammenhang der Institutionen sowie auf den Begriff und die begrifflich-argumentative Basis jenes „Richtigen“, das durch eine solche – hegelianisch fundierte und zugleich nachhaltige – Rechtsphilosophie in den Sphären von Recht, Moral und Sittlichkeit vermittelt und manifestiert wird.

Ist der Kapitalismus alternativlos? Eine kritische Theorie der pol. Ökonomie“ (Haziran Zeller)

Mein Forschungsprojekt ist die Kombination von drei Denkern: G.W.F. Hegel, Adam Smith und Friedrich Pollock. Man könnte es auch als die Verbindung dreier Themenkomplexe verstehen: Hegels Philosophie, bürgerliche Ökonomie und kritische Theorie.

1) Im ersten Teil meiner Arbeit untersuche ich die Beziehung von Adam Smith zu G.W.F Hegel. Hegel war einer der ersten Philosophen in Deutschland, der die neue Tradition der britischen Nationalökonomie ernstnahm und rezipiert hat. Die Lektüre von Smith und Steuart hatte großen Einfluss auf sein Werk. Das gilt nicht nur für die Rechtsphilosophie, sondern auch für das Verständnis vom Absoluten, also die höchsten Regionen der Hegelschen Dialektik. Zwar hat Smith sich nicht explizit mit Religionsphilosophie auseinandergesetzt, aber seine Sozialphilosophie hat einen deistischen Einschlag; er verzichtet nicht auf das Konzept eines höchsten Wesens. Diese Verschränkung profaner und sakraler Hinsichten ist auch in Hegels Philosophie aktiv. Hegel nennt das: Geist.

Abgesehen von der philologischen Ebene richtet sich der erste Teil meiner Arbeit auf den status quo, denn wir befinden uns ohne Zweifel in einer bürgerlichen Gesellschaft. Indem man die Beziehung von Hegel und Smith entwickelt, blickt man auf die Gegenwart und sagt, was der Fall ist.

2) Das wirft automatisch die Frage auf, ob wir in diesem Zustand bleiben wollen. Hier kommt die kritische Theorie ins Spiel. Sie stellt nicht nur fest, was ist, sondern auch, wie es sein müsste. Daher ihr kritischer Impuls: Sie ist mit dem status quo nicht zufrieden. Ihr Impuls löst sich aber nicht in reiner Negativität auf, auch wenn manche das gerne so hätten, sie enthält einen positiven Zielbegriff. Indem man sagt: das ist schlecht, sagt man: etwas anderes wäre gut.

Im zweiten Teil meiner Arbeit wird es also um Alternativen zur Marktwirtschaft gehen. Systematisch werde ich dafür die Beziehung von Hegels Philosophie und Friedrich Pollocks Untersuchungen zur Planwirtschaft herausarbeiten. Zudem werden Bezüge zu Carsten Hermann-Pillaths Grundlegung einer kritischen Theorie der Wirtschaft hergestellt – der wohl aktuellsten Variante einer kritischen politischen Ökonomie.

Der Gedankengang kann in einem Begriff zusammengefasst werden: Sittlichkeit. Die bürgerliche Gesellschaft ist ein vernünftiger sozialer Zusammenschluss. Nur ist ihre Vernunft selbst nicht vernünftig. Stellen wir Mängel fest, z.B. im Bereich der Ökologie angeht, wird die bürgerliche Gesellschaft davon nicht wie eine falsche Gleichung widerlegt, sondern etwas bleibt erhalten: Nur aus dem Bewusstsein ihres Defizits entsteht die Idee einer besser organisierten Gesellschaft. Hegel nennt das Aufhebung. Sittlichkeit ist entsprechend die konzeptuelle Klammer, die auch dafür sorgt, dass die Alternativen zum Bestehenden nicht utopistisch im luftleeren Raum schweben. Was anders wäre, ist nichts anderes als die bestimmte Negation dessen, was wir als ökonomische Umgebung vorfinden.