Queere Literatur
Queere Literatur gab es schon immer und seit vielen Jahrzehnten ist sie auch teilweise Bestandteil der deutschsprachigen und internationalen Literaturgeschichte. Dennoch wurden Werke mit queeren Themen, Figuren oder Autor:innen innerhalb literaturgeschichtlicher Darstellungen lange Zeit nur am Rande berücksichtigt oder ausschließlich unter spezifischen Fragestellungen behandelt. In den vergangenen Jahren hat die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit queerer Literatur deutlich an Bedeutung gewonnen. Insbesondere die Queer Studies haben dazu beigetragen, literarische Texte verstärkt unter den Gesichtspunkten von Geschlecht, Sexualität und gesellschaftlichen Normierungsprozessen zu untersuchen (vgl. Degele 2008, 10ff.).
Die vorliegende Zusammenstellung versteht sich nicht als eigenständiger Kanon queerer Literatur. Vielmehr basiert sie auf einer offenen Auswahl literarischer Werke, die unterschiedliche Perspektiven auf queere Lebensrealitäten und deren literarische Darstellung sichtbar machen. Da weder der Begriff ,queer‘ noch der Begriff ,queere Literatur‘ eindeutig definiert werden können, orientiert sich die Zusammenstellung an einem offenen Literaturverständnis, das verschiedene wissenschaftliche Zugänge berücksichtigt. Im Mittelpunkt steht dabei weniger die Frage, welche Werke eindeutig als „queer“ gelten können, sondern vielmehr, welche Texte für die literaturwissenschaftliche Auseinandersetzung mit queeren Themen, Figuren und Perspektiven von besonderer Bedeutung sind.
Wissenschaftliche Einordnung
Der Begriff ,queer‘ entzieht sich einer allgemeingültigen Definition. Ursprünglich wurde er im englischsprachigen Raum als abwertende Bezeichnung für Menschen verwendet, deren geschlechtliche Identität oder sexuelle Orientierung von gesellschaftlichen Normvorstellungen abwich. Seit den späten 1980er und frühen 1990er Jahren wurde der Begriff zunehmend von den betroffenen Communities angeeignet und entwickelte sich sowohl zu einer politischen Selbstbezeichnung als auch zu einem zentralen Begriff der Queer Studies (vgl. Perko 2008, 71; Laufenberg 2022, 9ff.).
Innerhalb der Queer Studies bezeichnet ,queer‘ heute weniger eine klar umrissene Identität als vielmehr eine wissenschaftliche Perspektive, die gesellschaftliche Vorstellungen von Geschlecht und Sexualität kritisch hinterfragt. Im Mittelpunkt stehen dabei nicht einzelne Identitäten, sondern die Analyse jener gesellschaftlichen Prozesse, durch die Kategorien wie „weiblich“, „männlich“, „heterosexuell“ oder „homosexuell“ überhaupt erst entstehen und als selbstverständlich erscheinen (vgl. Degele 2008, 57ff.). Gerade diese Offenheit gilt als wesentliches Merkmal der Queer Studies und erklärt, weshalb bis heute keine allgemein akzeptierte Definition des Begriffs existiert (vgl. Laufenberg 2022, 12).
Diese theoretische Offenheit spiegelt sich auch in der Literaturwissenschaft wider. Während queere Literatur lange Zeit häufig über die sexuelle Orientierung ihrer Autor:innen oder die Darstellung queerer Figuren bestimmt wurde, rücken neuere literaturwissenschaftliche Ansätze stärker die Texte selbst und ihre unterschiedlichen Lesemöglichkeiten in den Mittelpunkt. Im Rahmen des Queer Reading wird danach gefragt, wie literarische Texte gesellschaftliche Vorstellungen von Geschlecht und Sexualität darstellen, hinterfragen oder überschreiten (vgl. Kraß 2004, 237f.). Entscheidend ist dabei nicht ausschließlich, von wem ein Werk verfasst wurde, sondern welche Perspektiven auf Geschlecht, Sexualität und Begehren ein literarischer Text eröffnet.
Eine allgemeingültige Definition queerer Literatur existiert daher ebenfalls nicht. Unterschiedliche wissenschaftliche Ansätze setzen verschiedene Schwerpunkte und beziehen neben der Autor:innenschaft auch Figuren, Themen, Erzählweisen oder spezifische Formen der Lektüre ein (vgl. von Pich-Lipinski 2018, 265; Kraß 2004, 237f.). Die Zusammenstellung der Werke orientiert sich deshalb bewusst an einem offenen Literaturverständnis, das diese unterschiedlichen Perspektiven berücksichtigt.
Obwohl jede Auswahl literarischer Werke mittelbar Einfluss auf literarische Wahrnehmungs- und Kanonisierungsprozesse nehmen kann, handelt es sich bei der vorliegenden Zusammenstellung ausdrücklich nicht um einen alternativen Kanon. Vielmehr werden die Auswahlentscheidungen transparent gemacht und als wissenschaftlich begründete, zugleich jedoch erweiterbare Auswahl verstanden (vgl. Winko 2002, 10ff.).
Queere Geschichte
Literatur entsteht stets innerhalb gesellschaftlicher, politischer und rechtlicher Rahmenbedingungen. Dies gilt insbesondere für queere Literatur, deren Themen und Darstellungsformen eng mit der Geschichte queerer Lebensrealitäten verbunden sind. Ein grundlegendes Verständnis zentraler historischer Entwicklungen erleichtert daher die Einordnung zahlreicher Werke. Der folgende Zeitstrahl zeigt ausgewählte Zäsuren, die für die Geschichte queerer Communities und damit auch für die Entstehungs- und Rezeptionsbedingungen queerer Literatur von besonderer Bedeutung sind.

Eigene Grafik
Mit der Einführung des §175 im Jahr 1871 begann die strafrechtliche Verfolgung homosexueller Männer im Deutschen Kaiserreich. Über mehr als ein Jahrhundert prägte diese Kriminalisierung die gesellschaftlichen Lebensrealitäten queerer Menschen und bildete den historischen Hintergrund zahlreicher literarischer Werke (vgl. Gammerl 2023, 25ff.). Einen wichtigen Gegenpol bildete die Gründung des Instituts für Sexualwissenschaft durch Magnus Hirschfeld im Jahr 1919, das wissenschaftliche Forschung mit gesellschaftlicher Aufklärungsarbeit verband und einen bedeutenden Beitrag zur frühen Emanzipationsbewegung leistete (vgl. ebd., 38ff.).
Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurden das Institut zerstört und homosexuelle Menschen systematisch verfolgt. Die Verschärfung des §175 und die Verfolgung queerer Menschen stellen bis heute einen tiefen Einschnitt in der Geschichte queerer Communities dar (vgl. ebd. 93ff.). Einen internationalen Wendepunkt markierte der Stonewall-Aufstand in New York von 1969, der den Beginn der modernen LGBTQ+-Bewegung symbolisiert und Emanzipationsbewegungen weltweit nachhaltig beeinflusste. Bis heute finden deshalb die bekannten Christopher Street Days statt (vgl. ebd., 159ff.). Weitere bedeutende Zäsuren bilden die HIV/AIDS Pandemie der 1980er und 1990er Jahre sowie die schrittweise rechtliche Gleichstellung queerer Menschen seit den 1990er Jahren. Hierzu zählen unter anderem die Änderung des Diagnoseschlüssels der WHO (1990), sodass Homosexualität nicht mehr als psychische Krankheit gilt, die Abschaffung des §175 im Jahr 1994, das Gesetz zur strafrechtlichen Rehabilitierung der nach §175 verurteilten Personen (2017), die Einführung der Ehe für alle (2017) sowie das Selbstbestimmungsgesetz (2024) (vgl. Antidiskriminierungsstelle des Bundes 2026).
Die dargestellten Entwicklungen verdeutlichen, dass queere Literatur stets innerhalb konkreter historischer und gesellschaftlicher Kontexte entsteht. Der Zeitstrahl erhebt dabei keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern soll zentrale Orientierungspunkte aufzeigen, die das Verständnis zahlreicher Werke queerer Literatur erleichtern.
Zur Konzeption der Leseliste
Die Zusammenstellung der Werke orientiert sich an den zuvor dargestellten theoretischen Überlegungen. Da weder ,queer‘ noch ,queere Literatur‘ eindeutig definiert werden können, erfolgt die Aufnahme eines Werkes nicht aufgrund eines einzelnen Merkmals, sondern auf Grundlage verschiedener literaturwissenschaftlicher Zugänge.
Berücksichtigt wurden insbesondere Werke, die literaturgeschichtlich von Bedeutung sind, queere Figuren oder Themen aufgreifen, heteronormative Vorstellungen von Geschlecht und Sexualität hinterfragen oder innerhalb der queeren Literatur- und Rezeptionsgeschichte eine besondere Rolle einnehmen. Ebenso wurden Werke aufgenommen, deren Autor:innen die Entwicklung queerer Literatur nachhaltig geprägt haben. Die Zusammenstellung versteht sich dabei nicht als abschließende Definition queerer Literatur, sondern als nachvollziehbare und erweiterbare Auswahl.
Darüber hinaus wurde versucht, die Vielfalt queerer Literatur möglichst umfassend abzubilden. Neben literaturgeschichtlich etablierten Autoren wurden bewusst Werke von Autor:innen sowie Texte berücksichtigt, die unterschiedliche geschlechtliche Identitäten und sexuelle Orientierungen thematisieren. Hierzu zählen insbesondere Werke mit trans- oder nicht-binären Perspektiven sowie Texte, die queere Lebensrealitäten jenseits männlich-homosexueller Erfahrungen sichtbar machen.
Ziel war dabei ausdrücklich nicht die vollständige Repräsentation sämtlicher queerer Perspektiven, sondern eine möglichst vielfältige und ausgewogene Auswahl innerhalb des begrenzten Umfangs der Leseliste.
Queere Literatur entwickelte sich nie ausschließlich innerhalb nationaler Literaturgeschichten, sondern war stets von internationalen literarischen, gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen geprägt. Eine ausschließlich deutschsprachige Auswahl würde diesen transnationalen Verflechtungen nicht gerecht werden. Die Ergänzung internationaler Werke soll daher zentrale Entwicklungslinien queerer Literatur über nationale Grenzen hinweg sichtbar machen und die deutschsprachige Literatur in einen erweiterten literaturgeschichtlichen Zusammenhang einordnen. Auch die Liste für internationale queere Literatur erhebt dabei keinen kanonischen Anspruch oder einen solchen auf Vollständigkeit.
Wer Ideen, Kritik oder Vorschläge für weitere Werke für die Leseliste der queeren Literatur hat, ist herzlich zur Mitarbeit eingeladen!
Literaturangaben
- Antidiskriminierungsstelle des Bundes (2026): Sexuelle Identität (zuletzt aufgerufen am 30.06.2026).
- Degele, Nina (2008): Gender/ Queer Studies. Eine Einführung. Paderborn: Wilhelm Fink.
- Gammerl, Benno (2023): Queer. Eine deutsche Geschichte von Kaiserreich bis heute. München: Hanser Verlag.
- Kraß, Andreas (2004): Queer lesen: Literaturgeschichte und Queer Theory. In: Frey Steffen, Therese; Rosenthal, Caroline; Väth, Anke (Hrsg.): Gender Studies. Wissenschaftstheorien und Gesellschaftskritik. Würzburg: Verlag Königshausen & Neumann. S. 233–248.
- Laufenberg, Mike (2022): Queere Theorien zur Einführung. Hamburg: Junius.
- Perko, Gudrun (2008): Wissenschaftstheoretische Grundlagen zu Queer Theory als Hintergrundfolie von Queer Reading. In: Babka, Anna; Hochreiter, Susanne (Hrsg.): Queer Reading in den Philologien. Modelle und Anwendungen. Wien: Vienna University Press. S. 69–88.
- von Pich-Lipinski, Diana (2018): Queere Gegenwartsliteratur im Kanonisierungsprozess? Wertungskriterien deutschsprachiger Zeitungsrezensionen. In: Loster-Schneider, Gudrun; Häusl, Maria; Horlacher, Stefan; Schötz, Susanne (Hrsg.): GenderGraduateProjects III – Grenzen, Grenzgänge, Transgressionen. Leipzig: Leipziger Universitätsverlag. S. 265–280.
- Winko, Simone (2002): Literatur-Kanon als invisible hand-Phänomen. In: Text + Kritik Zeitschrift für Literatur (Sonderband: Literarische Kanonbildung). München: Edition Text + Kritik. S. 9–24.
Weiterführende Literatur
- Brand, Marlon; Braunshofer, Bianca-Maria; Schiller, Tobi (2026): Und jetzt queer! Lesen jenseits der Norm. Graz, Wien, Berlin: Leykam Buchverlag.
- Nieberle, Sigrid (2013): Gender Studies und Literatur. Eine Einführung. Darmstadt: WBG.
- Popp, Wolfgang (1992): Männerliebe. Homosexualität und Literatur. Stuttgart: J.B. Metzleresche Verlagsbuchhandlung.
- Popp, Wolfgang (2007): Forum Homosexualität und Literatur - Ein Rückblick. In: Forum Homosexualität und Literatur 50. S. 5–26.
Torben Henze (M.Edu.-Studierender)