Christian Handel, Andreas Suchanek: Pride began on Christopher Street (2024). Roman
Inhalt
Der Roman setzt im Jahr 1969 in New York an, zur Zeit prekärer Umstände für viele queere Menschen in der Stadt – Homosexualität war gesellschaftlich stark stigmatisiert, der Alltag geprägt von Diskriminierung, Polizeigewalt und dem unaufhörlichen Risiko der Entdeckung. Die Hauptfiguren, der Polizist Jake und der freigeistige Finn, entstammen unterschiedlichen Lebenswelten, getrennt durch Gesetz, Herkunft und soziale Normen. Dennoch entsteht zwischen ihnen eine sofortige und starke emotionale Verbindung. Die Handlung verdichtet sich dramatisch, als in der Nacht des 28. Juni 1969 im Stonewall Inn, einer Bar an der Christopher Street in Greenwich Village, eine Polizeirazia stattfindet – ein Ereignis, das im Roman zur Initialzündung für eine persönliche Entscheidung der Protagonisten und symbolisch für den Beginn einer weitreichenden Bewegung (dem heutigen Christopher Street Day / „Pride“) gerät. Der Konflikt aus Angst, Liebe, gesellschaftlicher Unterdrückung und mutiger Zuwendung prägt den Verlauf der Erzählung.
Einordnung
Pride began on Christopher Street ist ein historischer Roman, der sich dem Beginn der queeren Bürgerrechtsbewegung der USA nähert und dabei über die individuelle Liebesgeschichte hinaus einen symbolischen Bruch mit Unterdrückung, Homophobie und heteronormativen Strukturen markiert. In der literarischen Konstruktion von Jake und Finn wird deutlich, wie enge gesetzliche und soziale Normen intim-persönliche Lebensentwürfe unterdrücken und wie menschliche Beziehungen dennoch Widerstand leisten können. Der Roman leistet damit nicht nur Erzählarbeit, sondern auch Erinnerungsarbeit an einen zentralen Moment der queeren Geschichte.
Im historiographischen Spiegel wird der Aufstand im Stonewall Inn im Jahr 1969 häufig als Wendepunkt für die modernere „Pride“-Bewegung gesehen (vgl. Vogler 2023, S. 33f.). Der Roman kann als fiktionaler Beitrag zu dieser Erinnerungskultur verstanden werden: Indem er das Private (eine Liebesgeschichte) mit dem Politischen (Diskriminierung, gesellschaftlicher Wandel) verknüpft, öffnet er einen reflektierenden Blick auf queere Vergangenheit und Gegenwart.
Sprachlich und strukturell folgt der Text gängigen romanhaften Prinzipien, kombiniert jedoch historische Schilderung mit emotionaler Intensität. Er bleibt dabei belletristisch, bemüht sich aber um Authentizität im historischen Kontext, insbesondere im Hinblick auf die gesellschaftlichen Verhältnisse Ende der 1960er Jahre in den USA. Damit kann er sowohl als Einstieg in queere historische Lebensrealitäten dienen als auch als literarischer Beitrag zur Erinnerungskultur (vgl. Rauchut 2008, S. 163ff.). Gerade für Leser:innen, die mit der Geschichte der queeren Bewegung nicht vertraut sind, bietet der Roman einen zugänglichen, erzählerisch starken Einstieg.
Literaturangaben
- Rauchut, Franziska: Queeres Gedächtnis: Zur Bedeutung von Erinnerungspraktiken in den Queer Studies. In: Querelles: Jahrbuch für Frauen- und Geschlechterforschung 13 (2008), S. 155–170. (DOI: https://doi.org/10.25595/592)
- Vogler, Tanja: Erbe und Geist der Stonewall-Inn-Protest: Eine diskursanalytische Untersuchung queer Erinnerungspolitiken. In: Feministische Studien 41 / 1 (2023), S. 31–48. (DOI 10.1515/fs-2023-0003)
Ausgaben
- Handel, Christian / Andreas Suchanek: Pride began on Christopher Street. München: Piper 2024. (in der SUB leider nicht vorhanden)
Weiterführende Literatur / Ressourcen
- Baumann, Jason (Hg.): The Stonewall Reader. Foreword by Edmund White. New York: Penguin Books 2019.
- Gammerl, Benno: Queer. Eine deutsche Geschichte von Kaiserreich bis heute. München: Hanser Verlag 2023.
Lesedauer
- ca. 8–11 Stunden (Textlänge: 360 Seiten)
Leseprobe
Jake hatte Schwierigkeiten, das, was er sah, und das, was er hörte, in Einklang zu bringen. Auf dem Revier war er ein paar Mal Queens begegnet, doch das war sein erstes richtiges Gespräch mit einer, und er fragt sich, was einen Mann dazu brachte, in einem Kleid auf die Straße gehen zu wollen? Erwartete Rita, dass er den Mann hinter dem Make-up vergaß?
Rita trat noch etwas näher und nippte an ihrem Drink. Sie ließ den Blick über die Menge gleiten. „Ist es nicht schön? So viel Freiheit und Unbeschwertheit. Dort draußen existiert eine Welt, die uns verabscheut. Die jeden hier zwingt, graue Alltagskleidung zu tragen, zu lächeln, Normalität vorzuspielen. Aber in den Abendstunden an einem Ort wie diesem ist das alles vergessen.“
Was finde ich an dem Text interessant?
Pride began on Christopher Street hat mich abermals dazu inspiriert und motiviert, mehr über die Ereignisse rund um die Stonewall-Proteste von 1969 und die Entstehung des Christopher Street Days zu lernen. Verpackt in eine scheinbar inkompatible Liebesgeschichte, erlebt man die Proteste aus Sicht der Teilnehmenden und kann die Gefühle der Unterdrückung der 1960er und der kurzzeitigen Befreiung in der Nacht vom 28. Juni durch die zugängliche Beschreibung des Romans nachfühlen.
Torben Henze (M.Edu.-Studierender)