Rebecca Yarros: Fourth Wing (2023). Roman

Inhalt


Für die junge Violet Sorrengail gibt es nur zwei Optionen: Entweder sie schafft den Abschluss der Ausbildung zur Drachenreiterin am Basgiath War College oder sie stirbt. Im Königreich Navarre gibt es für Studierende die Wahl zwischen vier Quadranten: Sie können sich zwischen der Ausbildung zum Schriftgelehrten, Infanteristen, Heilkundigen oder Reiter entscheiden – letztere haben die Aufgabe, Navarre mithilfe ihrer Drachen vor feindlichen Angriffen, insbesondere aus dem Nachbarkönigreich Poromiel, zu beschützen. Die Bindung zwischen Reiter und Drache ist notwendig für die Aufrechterhaltung des magischen Schutzwalls, der das Königreich umgibt. Die 20-jährige Violet wurde ihr Leben lang eigentlich darauf vorbereitet, eine Schriftgelehrte zu werden, wird von ihrer Mutter, der Generalin im Reiterquadranten, nun aber gezwungen, sich – trotz ihres fragilen Körperbaus – dem brutalen Auswahlverfahren für Drachenreiter zu stellen, das ein Großteil der Kadetten nicht überlebt. Violet schafft die Aufnahmeprüfung – die Überquerung des schmalen Viadukts – und ist ab sofort Rookie am militärischen Basgiath War College. Sie freundet sich mit Rhiannon Matthias an, die ihre beste Freundin und engste Verbündete im Quadranten wird.
Als Tochter der Generalin und als kleine, zierliche Person wird Violet jedoch schnell zur Zielscheibe. In einer Umgebung, in der jegliche Art von Schwäche als Risiko gilt und sofort ohne Erbarmen eliminiert wird, muss sie sowohl gegen die tödlichen Prüfungen der Akademie bestehen als auch gegen ihre Mitstreiter, die im Wettbewerb miteinander stehen. Besonders gefährlich ist Xaden Riorson, der Anführer ihres Geschwaders. Als Sohn eines hingerichteten Rebellen hat er allen Grund, Violet für die Taten ihrer Mutter, die die Hinrichtung der Rebellen veranlasste, zu hassen. Sechs Jahre zuvor gab es in der Provinz Tyrrendor eine Rebellion gegen Navarre. In der Schlacht von Aretia, der Hauptstadt Tyrrendors, tötete Xadens Vater Violets Bruder, sodass umgekehrt auch Violet Xaden misstraut. Die Kinder der Rebellen werden aufgrund ihrer Rebellionsmale auch als „Gezeichnete” benannt und müssen gezwungenermaßen dem Reiterquadranten beitreten. Doch während der harten Ausbildung entwickelt sich zwischen Violet und Xaden trotz der anfänglichen Feindseligkeit eine gefährliche Anziehungskraft und Liebe.
Beim sogenannten „Dreschen“, dem entscheidenden Moment, in dem die Drachen ihre Reiter auswählen, wird Violet entgegen aller Erwartung und als erste in der Geschichte der Drachenreiter von gleich zwei Drachen gebunden: dem mächtigen, schwarzen Tairn und der kleinen, goldenen Andarna, welche Bindung ihr nicht nur die telepathische Kommunikation mit ihren Drachen ermöglicht, sondern ihr darüber hinaus auch seltene magische Siegelkräfte verleiht. Während Violet im weiteren Verlauf ihres ersten Jahres an der Militärakademie versucht, ihre Kräfte zu kontrollieren, die Beziehung zu ihren Drachen auszubauen, sich ihrer Gefühle für Xaden klar zu werden und einfach versucht, zu überleben, stößt sie auf ein düsteres Geheimnis. Sie findet heraus, dass die Führung von Navarre das Volk über den Krieg und die Ereignisse außerhalb der Landesgrenzen belügt. Der Schutzzauber, der das Königreich umgibt, soll nicht vor den angeblich feindlich gesinnten Greifenreitern aus dem benachbarten Königreich Poromiel schützen, sondern vor einer ganz anderen Bedrohung, die den Schutzzauber schwächt. Eine uralte, Violet bisher bloß aus Märchen bekannte Bedrohung durch die Veneni – bösartige Wesen, die die Magie aus der Erde ziehen und davon korrumpiert werden – tritt zutage. Violet muss feststellen, dass die Menschen, denen sie vertraut hat, sich als Feinde entpuppen, während die Rebellen, zu denen auch Xaden gehört und die sie als Verräter Navarres betrachtete, die Einzigen sind, die die Wahrheit kennen und Welt vor dem Bösen beschützen wollen.
An einem Außenposten außerhalb des Reiches, zu dem Violet mit Xaden und weiteren Gezeichneten geschickt wird, erkennen sie, dass sie von dem kommandierenden General des Basgiath War College in eine Falle gelockt wurden. Der Außenposten wird von Veneni angegriffen und sie wurden dorthin geschickt, um mit ihrem Wissen über das aufgedeckte Geheimnis zu sterben. Gemeinsam mit den Greifenreitern aus Poromiel kämpfen sie gegen die bösen Kreaturen und gewinnen – mit hohen Verlusten – knapp. Violet wird schwer verletzt und Xaden und die anderen Überlebenden bringen sie nach Aretia. Dort wird Violet von ihrem Bruder Brennan geheilt, von dem sie dachte, dass er in der tyrrischen Rebellion vor sechs Jahren starb. Brennan begrüßt seine fassungslose Schwester mit den Worten: »Willkommen bei der Revolution, Violet« (Yarros 2024, S. 763).

Einordnung


Der Auftakt der als fünfteilig geplanten Empyrean-Buchreihe kann mittlerweile als internationales Phänomen gelten, insbesondere durch den Hype auf der Videoplattform TikTok stieg Rebecca Yarros gesamtes Fantasy-Epos zum riesigen Erfolg auf und Fourth Wing erreichte in kurzer Zeit weltweit eine Verkaufszahl von über zwei Millionen Exemplaren (vgl. Wikipedia „Fourth Wing – Flammengeküsst”). Die Reihe wird dem Subgenre der Romantasy zugeordnet, da sie Romance mit Fantasy verbindet. Auf der digitalen Social-Reading-Plattform LovelyBooks wurde der Roman der US-amerikanischen Schriftstellerin bereits 2500 mal rezensiert und bekommt im Durchschnitt 4,7 Sterne, ebenso beim Online-Shop Thalia mit 1071 Bewertungen (Stand: 25.02.26). Bei Amazon liegt Fourth Wing sogar bei 4,8 von 5 Sternen (15961 weltweite Kundenrezensionen, Stand: 25.02.26). Als positiv werden beispielsweise die starke Protagonistin, die sich trotz ihrer körperlichen Unterlegenheit nicht unterkriegen lässt, und die Dynamik der Figuren hervorgehoben (vgl. LovelyBooks). Yarros verarbeitete in dem Roman ihre eigenen Erfahrungen mit dem Ehlers-Danlos-Syndrom (vgl. Wikipedia „Fourth Wing – Flammengeküsst”), denn auch ihre Heldin Violet leidet unter brüchigen Knochen, schwachem Bindegewebe und anderen Symptomen der Erbkrankheit, auch wenn diese im Buch nicht explizit erwähnt wird. Ferner werden das Setting des Romans, die mitreißende, bildhafte Erzählweise und die Drachen in Rezensionen gelobt (vgl. LovelyBooks).
In der Fantastischen Literatur lassen sich in Hinblick auf Drachen als traditionell beliebte fantastische Figuren zwei verschiedene Traditionslinien unterscheiden: die westliche und die östliche (vgl. Mohr 2012, S. 75). Während Drachen in der westlichen Tradition als gewalttätige, mordlustige und furchterregende Raubtiere dargestellt und mit Tod und Zerstörung verbunden werden, entsprechen die Drachen der östlichen Tradition einem gänzlich anderen Drachenbild (vgl. ebd., S. 76). Für dieses Bild ist v.a. die chinesische und japanische Drachentradition bekannt, nach der Drachen mit Weisheit, Vernunft, Freundlichkeit gegenüber dem Menschen und Glück assoziiert und oft als heilige Wesen dargestellt werden (vgl. ebd., S. 77). In der Fantastischen Literatur findet man beide Traditionen aber oft auch in Mischformen vor (vgl. ebd.).
Auch bei den Drachen in Fourth Wing kann man von einer Mischung der westlichen und östlichen Tradition sprechen: Auf der einen Seite sind sie der westlichen Tradition gemäß gefährlich und grausam, auf der anderen Seite verfügen sie aber auch über eine hohe Intelligenz, Vernunft, die Fähigkeit der (mentalen) Kommunikation mit dem Menschen und besitzen allgemein einen sehr individuell ausgearbeiteten Charakter, was eindeutig eher der östlichen Tradition entspricht. Die Bindung zwischen Mensch und Drache wird als sehr tief und existenziell dargestellt und durch die enge, emotionale Verbindung sowie dadurch, dass Drachenreiter:innen sterben, wenn ihre Drachen sterben, verdeutlicht.
Besonders in neueren Werken der fantastischen Literatur lässt sich die Tendenz feststellen, dass Fabelwesen oft auch menschlich ausgestaltet werden, sodass sich die Leser:innen ein lebendiges Bild von der Figur machen können (vgl. ebd., S. 154). Besonders die Fantasy und die Science-Fiction zeichnen sich durch eine hohe Variationsbreite in der Figurenausgestaltung aus (vgl. ebd., S. 159). Gerade die Erweiterung oder Modifizierung der literarischen Schemata der Leser:innen durch die Variationen bzw. der Bruch mit dem ihnen Bekannten mache den besonderen Reiz Fantastischer Texte aus (vgl. ebd.). Aus Mythen und Märchen bekannte Figuren immer wieder anders oder individuell darzustellen und neue Variationen anzubieten, ist demnach als wichtige Strategie der Aufmerksamkeitslenkung zu verstehen (vgl. ebd.).

Literaturangaben / Quellen


  • Mohr, Judith: Zwischen Mittelerde und Tintenwelt. Zur Struktur fantastischer Welten in der Fantasy. Frankfurt a. M. 2012.
  • Yarros, Rebecca: Fourth Wing. Flammengeküsst. Roman. Aus dem amerikanischen Englisch von Michaela Kolodziejcok. 3. Aufl. München 2024.


Ausgaben


  • Englische Ausgabe: Rebecca Yarros: Fourth Wing. London 2023. (Ausleihbestand in der SUB, Signatur: 2024 A 1604)
  • Deutsche Ausgabe: Rebecca Yarros: Fourth Wing – Flammengeküsst. Aus dem amerikanischen Englisch von Michaela Kolodziejcok. München 2023 (oder neuere Aufl.).


Weiterführende Literatur / Ressourcen



Lesedauer


  • Hörbuch, gesprochen von Rebecca Soler und Teddy Hamilton: 22 Stunden, 2 Minuten (Englisch)
  • Hörbuch, gesprochen von Dagmar Bittner und Vincent Fallow: 25 Stunden, 24 Minuten (Deutsch)


Leseprobe


Ich werde heute nicht sterben.
Die Worte sind wie ein Mantra, das in Dauerschleife durch meinen Kopf läuft, als Rhiannon dem Reiter, der an der Öffnung zum Viadukt die Liste führt, ihren Namen nennt. Der hasserfüllte Blick von Xaden brennt auf meinem Gesicht wie eine heiße Flamme und selbst der Regen, der mit jedem Windstoß auf meine Haut prasselt, lindert nicht die Hitze – oder den Angstschauder, der mir über den Rücken jagt.
Dylan ist tot. Er ist einfach nur noch ein Name, ein weiterer Grabstein, der bald auf einem der endlosen Friedhöfe stehen wird, die die Straßen von Basgiath säumen. Eine weitere Warnung an die ehrgeizigen Anwärter, die lieber ihr Leben bei den Reitern aufs Spiel setzen, als die Sicherheit eines der anderen Quadranten zu wählen. Ich verstehe jetzt, warum Mira mich davor gewarnt hat, Freundschaften zu schließen.
Rhiannon hält sich an beiden Seiten der Öffnung fest, dann blickt sie über ihre Schulter zu mir. »Ich warte auf der anderen Seite auf dich«, brüllt sie über den Sturm hinweg. Die Angst in ihren Augen spiegelt meine eigene wider.
»Ich sehe dich auf der anderen Seite.« Ich nicke und bringe sogar ein verkrampftes Lächeln zustande.

(Zitat aus der frei verfügbaren Leseprobe des Carlsen-Verlags zur neugestalteten Ausgabe von 2025, S. 36f.)

Was finde ich an dem Text interessant?


Forth Wing überzeugt und imponiert insbesondere durch die kontinuierlich aufrechterhaltene Spannung durch den modernen Schreibstil, viel Action und mehrere Plot Twists, aber auch durch die hervorragend gelungene Mischung aus Ernst und Humor. Der Kontrast zwischen dem gewaltvollen, schonungslosen Alltag und Umgang am Militärcollege und der auflockernden Situationskomik macht den Roman gerade aus. Vor allem die Kommunikation zwischen der Sympathieträgerin und Protagonistin Violet mit ihren oft ironischen Kommentaren und ihren beiden Drachen, die ihren ganz eigenen Kopf haben, ist von großem Humor gekennzeichnet und ein zentraler Aspekt der Unterhaltung beim Lesen. Im Allgemeinen empfindet man viel Empathie mit den Figuren, sodass man auch emotional stark mitgenommen wird. Weiterhin können die geschaffene Atmosphäre und das Worldbuilding von Beginn an euphorisieren, sodass man das Buch kaum aus der Hand legen mag und mühelos in die Welt der Drachen und Drachenreiter:innen eintauchen kann. Der große Hype um Yarros’ Fantasy-Roman ist in meinen Augen tatsächlich absolut berechtigt.

Sidney Lazerus (M.A.-Studierende)