Carmina medii aevi posterioris Latina

Die mittellateinische Literatur stellt allein durch ihre Quantität alle anderen mittelalterlichen Literaturen des westlichen Abendlands in den Schatten. Sie ist weniger als jene erforscht und zu großen Teilen noch unediert. Mehr als 16 000 Autoren haben zwischen 500 und 1500 in lateinischer Sprache ihre Werke verfaßt, die meisten von ihnen haben auch gedichtet.

Seit über einhundert Jahren ist die weltliche lateinische Dichtung des Hoch- und des Spätmittelalters das bevorzugte Arbeitsfeld von Göttinger Wissenschaftlern. Ihnen verdankt man z.B. die erste kritische Ausgabe der Carmina Burana. 1930 gründete die Göttinger Akademie der Wissenschaften die Kommission der Carmina medii aevi posterioris Latina, für die Hans Walther in jahrzehntelanger Sammeltätigkeit ein grundlegendes Repertorium erstellte. In seinen Initia carminum sind 21 000 Versanfänge oft anonym überlieferter lateinischer Dichtungen unter Angabe der sie tradierenden Handschriften nachgewiesen. In neun Bänden von jeweils etwa 1000 Seiten publizierte Walther lateinische Sprichwörter und Sentenzen. Beide Repertorien sind unerlässliche Standardwerke, die in keiner mediävistischen Bibliothek des In- und des Auslands fehlen.

Die von Hans Walther begonnene Sammlung frauenfeindlicher Verse, die für die Belehrung der zum Zölibat verpflichteten Kleriker bestimmt waren, wird von dem derzeitigen Kommissionsvorsitzenden, Prof. Dr. Paul Gerhard Schmidt, unter Berücksichtigung inzwischen erschienener Neufunde erweitert und steht unmittelbar vor der Drucklegung. Weitere Sammlungen von Dichtungen nach thematischen Gesichtspunkten (Stadtlob, Bakelfest, Prälatenkritik) werden demnächst abgeschlossen.