Fantasy-Literatur
Vom Nischengenre zum Kulturphänomen
Das Genre der Fantasy gilt heute als äußerst erfolgreich und spricht ein breites Publikum über alle Altersklassen hinweg an. Auch intentional als Kinder- und Jugendliteratur entstandene Werke, wie bspw. Harry Potter oder Die unendliche Geschichte, gelten heutzutage als „all-age” (Abraham 2022, S. 99). Zu der großen Popularität trägt auch die Multimedialität des Genres bei, vor allem visuelle Medien wie Verfilmungen, Serien oder auch Spieladaptionen, die durch Interaktivität eine Partizipation der Rezipient:innen ermöglichen. Mittlerweile haben sich in der Fantasy-Literatur zahlreiche Subgenres wie die High Fantasy, die Urban Fantasy oder auch die Romantasy ausgebildet, welche Ausdifferenzierung ebenfalls die Vielschichtigkeit und hohe Dynamik des Genres aufzeigt. Als mögliche Gründe für die Attraktivität können neben der Unterhaltungsqualität das in der Psyche des Menschen wurzelnde metaphysische Bedürfnis nach Realitätsüberschreitung oder auch das freie Spiel mit der Phantasie angeführt werden (Weinreich 2007, S. 39). Nach J. R. R. Tolkien hat die Fantasy auch eine heilende Wirkung, insofern wir den „klaren Blick” der Kindheit wiedererlangen und Verlorenes wie das Staunen „wiedererwecken” können, wie es der Autor in seinem einflussreichen Essay „On Fairy-Stories” ausführt (Tolkien 1982, S. 58).
Die Frage, die sich in Hinblick auf die zentrale Rolle, die die Fantasy-Literatur als Mainstream-Genre gegenwärtig einnimmt, nun stellt: Sollte die Fantasy-Literatur nicht auch Eingang in universitäre Leselisten finden?
Begriffsklärungen: Phantastische Literatur vs. Fantasy
Was aber meint man eigentlich genau, wenn man von ‚Fantasy’ spricht? Hier gibt es sehr verschiedene Definitionen. Frank Weinreich etwa führt als zentrales, inhaltliches Erkennungselement des Genres das Übernatürliche an (Weinreich 2007, S. 10, 19). Allerdings werden nicht alle Werke, die das Übernatürliche bzw. Magische als Thema haben, zur Fantasy-Literatur gezählt. Zur Einordnung ist es sinnvoll, diese Werke unter den übergeordneten Begriff der ‚phantastischen Literatur’ zu fassen, unter welchen sich zahlreiche Untergattungen wie etwa die Fabel, das Haus- und Kunstmärchen oder Science Fiction versammeln – und ebenfalls die Fantasy als eigenes Subgenre (ebd., S. 18). Als „Keimzelle aller phantastischen Literatur” (ebd., S. 39) gilt der Mythos, der ebenfalls das Übernatürliche enthält und dessen weit zurückreichende Geschichte demnach eng mit der Entwicklung der Fantasy verbunden ist (ebd., S. 42).
Die hier vorgestellte Fantasy-Liste berücksichtigt somit nicht die gesamte phantastische Literatur. Eine genaue Bestimmung des Fantasy-Genres bleibt dennoch schwierig, da die Grenzen zu anderen Subgenres der phantastischen Literatur teils fließend sind, was schon an Begriffen wie ‚Science Fantasy’ (eine Mischung aus Science-Fiction und Fantasy) markiert wird. Auch werden die beiden Begriffe ‚Fantasy’ und ‚Phantastik’ häufig synonym verwendet, was eine klare Einordnung zusätzlich erschwert. In der Forschung wird bei Untersuchungen zur Geschichte der phantastischen Literatur häufig auf Tzvetan Todorov Bezug genommen, der das Phantastische streng an das Kriterium der Unschlüssigkeit des Lesers und der Figuren über die Realität des Wahrgenommenen knüpft und es zwischen dem Unheimlichen und dem Wunderbaren ansiedelt (Todorov 1972, S. 40). Weinreich, der sich an einer inhaltlichen Begriffsbestimmung der Fantasy versucht, nennt drei konstitutive Charakteristika: einen Helden oder eine Heldin, eine imaginäre Welt sowie die Existenz von Magie (Weinreich 2007, S. 10, 22).
Die moderne Fantasy
Die Leseliste konzentriert sich ferner auf die moderne Fantasy des 20. und 21. Jahrhunderts. Als eines der prägendsten Werke der Fantasy-Literatur gilt unbestritten J. R. R. Tolkiens Der Herr der Ringe von 1945/55, das häufig sogar als Markierung des eigentlichen Beginns des Genres und seiner Hochkonjunktur aufgefasst wird (vgl. ebd., S. 21). Insbesondere durch den komplexen Weltenbau der imaginären Sekundärwelt Mittelerde fasziniert sein Werk bis heute (vgl. ebd.) und wird der sogenannten ‚High Fantasy’ zugeordnet (Mohr 2012, S. 256). Begrifflich etablierte sich die Fantasy tatsächlich erst im 20. Jahrhundert ab den 1960er-Jahren, auch wenn die Geschichte und Wurzeln der Fantasy-Literatur – wie mit der Erwähnung des Mythos schon angerissen – deutlich weiter zurückreichen (Weinreich 2007, S. 63). Als Beispiel für Vorläufer lassen sich hier etwa die Romantiker im 19. Jahrhundert nennen, die das Übernatürliche und Jenseitige schon in den Mittelpunkt ihrer Werke stellten (ebd., S. 67). Wichtige Pioniere der modernen Fantasy sind weiterhin auch George MacDonald, William Morris, Lord Dunsany oder Robert E. Howard (ebd., S. 76–83), um nur einige wichtige Namen zu nennen.
Zum Status der Fantasy-Liste und ein Plädoyer
Die Fantasy-Liste soll als Vorschlags- und Empfehlungsliste für alle Fantasy-Interessierten dienen und versammelt eine Auswahl an wichtigen Werken des Genres. Trotz der großen Popularität der Fantasy-Literatur und ihrer häufig prägenden Rolle in der eigenen Lesesozialisation gelten ihre Werke häufig immer noch als Privat- und Eskapismuslektüre sowie Trivialliteratur, was auch die lange wissenschaftliche Vernachlässigung der phantastischen Literatur erklärt (Abraham 2022, S. 206–208). Dabei steht die Fantasy in einer langen literarischen Tradition und nimmt einen wichtigen Raum in der Literaturgeschichte ein. Der langen Abwertung des Genres sollte auch im Literaturstudium entgegengewirkt werden, indem auch die Fantasy-Literatur in einer Leseliste repräsentiert wird.
Die Gründe dafür, warum genau diese Werke auf die Leseliste aufgenommen wurden, können verschieden sein und sollen in den Begleittexten zum jeweiligen Titel näher erläutert werden. Primäre Kriterien bei der Auswahl der Titel waren etwa ihr Einfluss auf das Genre und andere Autor:innen sowie ihr Erfolg. Viele wichtige Fantasy-Schriftsteller:innen kommen aus dem nicht-deutschsprachigen Raum, sodass sich eine Liste der Fantasy-Literatur nicht auf die deutschsprachige Literatur beschränken kann. Es lässt sich nicht vermeiden, dass die Leseliste – darauf soll ebenfalls hingewiesen werden – aufgrund der Notwendigkeit der Auswahl sowie ihres Empfehlungscharakters – auch subjektiv geprägt ist und keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt. Vorschläge und Anregungen für eine Verbesserung oder Erweiterung der Liste und ein gemeinsamer Austausch sind jederzeit ausdrücklich erwünscht.
Entdecke inspirierende Werke, die uns in vielerlei Hinsicht über Grenzen hinausführen und beweisen, dass anspruchsvolle Literatur und grenzenlose Vorstellungskraft keine Gegensätze sind.
Literaturangaben
Abraham, Ulf: Fantastik in Literatur und Film. Eine Einführung für Schule und Hochschule. 2. neu bearbeit. Aufl. Berlin 2022.
Mohr, Judith: Zwischen Mittelerde und Tintenwelt. Zur Struktur fantastischer Welten in der Fantasy. Frankfurt a. M. 2012.
Todorov, Tzvetan: Einführung in die fantastische Literatur. München 1972.
Tolkien, J. R. R.: Baum und Blatt. Aus dem Englischen übertr. von Wolfgang Krege. Frankfurt a. M./Berlin/Wien 1982.
Weinreich, Frank: Fantasy. Einführung. Essen 2007.
Weiterführende Literatur
Fischer, Jens Malte: Literatur zwischen Traum und Wirklichkeit. Studien zur Phantastik. Wetzlar 1998.
Barron, Neil (Hg.): Fantasy Literature. A Reader’s Guide. New York/London 1990.
Sidney Lazerus (M.A.-Studierende)