Joanne K. Rowling: Harry Potter and the Prisoner of Azkaban (1999). Roman
Inhalt
Der dreizehnjährige Harry Potter muss seine Sommerferien wie üblich bei seinen Muggel-Verwandten, den schrecklichen Dursleys, verbringen und wartet sehnsüchtig darauf, nach Hogwarts zurückkehren zu können. Jedoch verstößt der Zauberlehrling gegen das Zauberverbot für Minderjährige außerhalb der Schule, wird aber zu seiner Überraschung nicht der Schule verwiesen und tritt – wenn auch unter düsteren Vorzeichen – sein drittes Schuljahr in Hogwarts an.
Aktuell nämlich erregt sowohl die Muggel- wie vor allem die Zaubererwelt die Meldung, dass ein als hochgefährlich geltender Massenmörder namens Sirius Black aus dem berüchtigten Zauberergefängnis Askaban geflohen ist. Vor allem Harry wird wiederholt gewarnt, vor diesem Mann auf der Hut zu sein, denn Gerüchten zufolge hat Black es auf ihn abgesehen und hofft, Lord Voldemort mit dem Mord an Harry zur Rückkehr verhelfen zu können. Die Gefahr wird allgegenwärtig, als Black in Hogwarts gesichtet wird und die Sicherheitsvorkehrungen noch verschärft werden. Sich auf den Unterricht zu konzentrieren wird Harry zunehmend erschwert, da sich die dunklen Dementoren – die Wärter von Askaban – aufgrund der Fahndung nach Black auf dem Schulgelände befinden, Harry in seiner Bewegungsfreiheit einschränken und ihm auch psychisch stark zusetzen. Sein neuer Lehrer in Verteidigung gegen die dunklen Künste, Professor Remus Lupin, bringt ihm bei, wie man sich gegen diese böswilligen Kreaturen, die jegliche Freude aus ihrer Umgebung saugen, verteidigen kann, und wird zu Harrys Mentor.
Eines Tages erfährt Harry durch das heimliche Belauschen eines Gesprächs in Hogsmeade ein erschütterndes Geheimnis, das seinen Hass auf Black entfacht: Sirius Black war der beste Freund seines Vaters James Potter und hat seine Eltern damals an Voldemort verraten. Die Handlung spitzt sich zu, als Ron von einem riesigen schwarzen Hund in die Heulende Hütte in Hogsmeade verschleppt wird. Harry und Hermine folgen ihm und treffen dort nicht nur auf Sirius Black, der sich als Animagus in einen Hund verwandeln kann, sondern auch auf Professor Lupin, welcher sich auf Blacks Seite schlägt und den drei Freunden die Wahrheit erzählt. Es folgt eine schockierende Wendung: Sirius Black ist unschuldig. Nicht er war der Verräter der Potters, sondern Peter Pettigrew, neben Lupin und Black ebenfalls ein ehemaliger Schulfreund von Harrys Vater, der sich zwölf Jahre lang als Rons Ratte Krätze getarnt hatte. Black ist zudem Harrys rechtmäßiger Pate.
Bevor dessen Unschuld jedoch offiziell bewiesen und der überführte Pettigrew zur Rechenschaft gezogen werden kann, verwandelt sich Lupin beim Anblick des Vollmonds in seine unkontrollierbare Werwolfgestalt und Pettigrew kann durch die Ablenkung entkommen. Black wird gefasst und ihm droht der Kuss des Dementors, der einem die Seele aussaugt. Mithilfe des Zeitumkehrers – ein magisches Objekt, mit dem Hermine zeitgleich stattfindende Fächer in ihrem Stundenplan belegen konnte – reisen Harry und Hermine in der Zeit zurück. Ihnen gelingt eine doppelte Rettung: Sie retten den zum Tode verurteilten Hippogreif Seidenschnabel vor seiner Hinrichtung und befreien Black, bevor die Dementoren das Urteil vollstrecken können. Auf dem Rücken von Seidenschnabel flieht Black in die Freiheit.
Einordnung
Wir befinden uns nun entsprechend der Bandanzahl der Harry-Potter-Heptalogie in Harrys drittem Schuljahr in Hogwarts. Die Verknüpfung der einzelnen Bände mit den vorherigen ist sehr verschieden, in den Bänden zwei, drei und vier kommen ausführliche Explikations-Strukturen in Form von Erzählerberichten vor (Mohr 2012, S. 251). Insbesondere Band 3 setzt direkt mit Zusammenfassungen der zentralen Geschehnisse der ersten beiden Teile ein und wird mit dem Einstieg in die Handlung vermischt (ebd.), sodass Leser:innen problemlos in die Folgelektüre starten können.
Die Zaubererwelt wird von J. K. Rowling mit jedem neuen Band erweitert, indem etwa neue Figuren oder Orte eingeführt werden (ebd., S. 243). Einerseits wird die magische Bereichswelt in Harry Potter and the Prisoner of Azkaban räumlich, z.B. um das magische Dorf Hogsmeade, sowie andererseits figurativ, um fantastische Figuren wie die Werwölfe und Dementoren erweitert (ebd.). Aber auch die Hauptfiguren, allen voran Harry selbst, entwickeln sich mit jedem Schuljahr weiter, was schon die Einordnung von Harry Potter als Bildungsromane verdeutlicht. Rowling kombiniert ferner verschiedene Genreschemata in ihrer Harry Potter-Serie, wie Fantasy, Krimi, Märchen, Horror, school story, Abenteuer- und Liebesroman-Schemata, wobei die Haupthandlung Schemata aus den ersten beiden Genres folgt (ebd., S. 312).
Harry Potter and the Prisoner of Azkaban avancierte nach seinem Erscheinen im Juli 1999 in England mit 64.000 verkauften Exemplaren innerhalb der ersten drei Tage zum sich am schnellsten verkaufenden Buch und erschien schon etwa einen Monat später bei Carlsen in deutscher Übersetzung (Bergenthal 2008, S. 46).
Rowlings gesamte Buchreihe galt schnell nach der Veröffentlichung nicht nur als unerwartetes globales Literatur-, sondern ebenso als bis heute präsentes Medienereignis, da sie eine unvergleichlich umfangreiche Anschlusskommunikation von Fans auslöste, z.B. über zahlreiche Internetforen (Garbe/Philipp 2006, S. 8f.). Harry Potter wird mittlerweile interdisziplinär erforscht, neben den Literaturwissenschaften bspw. in den Bildungswissenschaften und der Pädagogik, in den Kulturwissenschaften, in der Psychologie, Philosophie oder Theologie. Als Grund für die hohe Popularität wird häufig der „doppelt adressierte[] Text” (ebd., S. 22), d.h. die sowohl für Kinder als auch für Erwachsene gegebene Attraktivität angeführt. Die Rezeption ist auf unterschiedlichen Komplexitätsstufen möglich, da vielfältige Themen behandelt werden, zahllose Motive aus literarischen, mythologischen oder theologischen Traditionen aufgenommen und neu kombiniert wurden und viele Anspielungen enthalten sind, welche ein „detektivisches Interesse” auslösen können (ebd.). Weiterhin werden Universalerfahrungen thematisiert, wodurch ein Anschluss an die Alltagswelt der Leser:innen gelingt (ebd.). Die Lust am Phantasieren und nicht zuletzt Rowlings Witz, Ironie und Humor spielen eine ebenso wichtige Rolle für den generationsübergreifenden Erfolg der Romanreihe (ebd., S. 23).
Literaturangaben
- Bergenthal, Ursula: Des Zauberlehrlings Künste. „Harry Potter" als Beispiel für literarische Massenkommunikation in der modernen Mediengesellschaft. Göttingen 2008.
- Garbe, Christine/Philipp, Maik: Erfolg eines Serientäters. Das Phänomen Harry Potter im Überblick. In: Harry Potter – ein Literatur- und Medienereignis im Blickpunkt interdisziplinärer Forschung. Hg. von Christine Garbe und Maik Philipp. Hamburg 2006, S. 7–26.
- Mohr, Judith: Zwischen Mittelerde und Tintenwelt. Zur Struktur fantastischer Welten in der Fantasy. Frankfurt a. M. 2012.
Ausgaben
- Englische Ausgabe: Joanne K. Rowling: Harry Potter and the Prisoner of Azkaban. London 1999. (Ausleihbestand; Präsenzbestand in SEP-Bibliothek: Signatur ATE 6232/3)
- Deutsche Ausgabe: Joanne K. Rowling: Harry Potter und der Gefangene von Askaban. Aus dem Englischen von Klaus Fritz. Hamburg 1999. (Präsenzbestand, Historisches Gebäude)
Weiterführende Literatur / Ressourcen
- Biskop, Robert Benjamin: Dramaturgie, Medien, Bildung und Gesellschaft in Harry Potter. Leitfaden zur Analyse, Verständnis und Aneignung literarischer Intrigenmotive. Wiesbaden 2020.
- Karg, Ina/Mende, Iris: Kulturphänomen Harry Potter. Multiadressiertheit und Internationalität eines nationalen Literatur- und Medienevents. Göttingen 2010.
Lesedauer
Hörbücher:
- Gesprochen von Rufus Beck: 13 Stunden, 18 Minuten
- Gesprochen von Felix von Manteuffel: 14 Stunden, 35 Minuten
Leseprobe
Harry öffnete den Koffer und kramte unter seinen Sachen nach dem Tarnumhang. Doch bevor er ihn gefunden hatte, richtete er sich plötzlich auf und sah sich um. Ein komisches Prickeln im Nacken gab ihm das Gefühl, er würde beobachtet. Doch die Straße schien immer noch menschenleer und kein Fenster der großen, quadratischen Häuser war erleuchtet. Er beugte sich wieder über seinen Koffer, doch fast sofort stand er erneut auf, die Hand um den Zauberstab geklammert. Er ahnte es eher, als dass er es hörte: Jemand oder etwas stand hinter ihm, im schmalen Durchgang zwischen dem Zaun und einer Garage. Harry spähte in die Dunkelheit hinein. Wenn es sich nur bewegen würde, dann würde er sehen, ob es nur eine streunende Katze war – oder etwas anderes.
»Lumos«, murmelte Harry und an der Spitze seines Zauberstabs erschien ein Licht, das ihn fast blendete. Er hielt den Zauberstab hoch über den Kopf, und die rau verputzten Mauern von Nummer zwei glitzerten plötzlich; die Garagentür schimmerte und dazwischen sah Harry ganz deutlich die mächtigen Umrisse von etwas sehr Großem mit weit aufgerissenen, glühenden Augen.
(Zitat aus der frei verfügbaren Leseprobe des Carlsen-Verlags zur neugestalteten Ausgabe von 2025, S. 36f.)
Was finde ich an dem Text interessant?
Am dritten Teil von Harry Potter fasziniert mich schon immer das Motiv des Zeitumkehrers, der die Erzählstruktur komplexer macht und Korrekturen der Vergangenheit bzw. das Teilnehmen an zeitgleichen Ereignissen ermöglicht. Denn wer hat sich nicht schon einmal gewünscht, an zwei Orten gleichzeitig sein zu können? Auch andere interessante magische Objekte wie die Karte des Rumtreibers kommen zum ersten Mal vor, die die Handlung entscheidend beeinflussen. Dadurch, dass man durch die Einführung neuer Charaktere wie Remus Lupin und Sirius Black mehr über die Vorgeschichte und Harrys Eltern erfährt und Harry durch diese familiäre Unterstützung erhält, ist der Roman sowohl interessant als auch emotional bewegend. Die vielen unterschwellig präsenten Geheimnisse und die unerwartete Enthüllung zu Sirius Blacks wahren Absichten am Ende, über die man als Leser:in genau wie die Figuren bis dahin im Dunkeln gelassen wird, sowie die düstere Atmosphäre tragen entscheidend zur kontinuierlichen Spannung bei. Auch durch die behandelten – im Vergleich zu den ersten beiden Bänden – existenzieller anmutenden Themen wie Verrat, Loyalität, Ungerechtigkeit, die Konfrontation mit den eigenen tiefsten Ängsten, Identitätsbildung und die Widerspiegelung des eigenen Wesens durch Animagus- oder Patronus-Gestalten sowie die nicht immer leicht zu beantwortende Frage nach Gut oder Böse, begeistert mich der Roman.
Sidney Lazerus (M.A.-Studierende)