Annette von Droste-Hülshoff (1797–1848)
Übersicht: Das lyrische Werk
Was ursprünglich als Liederbuch religiöser Gedichte für alle Sonn- und Feiertage konzipiert war, entwickelte sich für Annette von Droste-Hülshoff schon bald zu einer tiefgreifenden Auseinandersetzung mit dem eigenen Glauben. Das geistliche Jahr (1851) wird so zum poetischen Zeugnis eines intellektuellen Sündenfalls, in dem religiöse Gewissheiten nicht mehr fraglos vorausgesetzt werden können, sondern im Denken und Empfinden immer wieder neu errungen werden müssen. In einem fortwährenden Ringen, mit einem Penchant zur Allegorie und ihrem charakteristischen Clair-obscur setzt sich Droste mit Zweifeln, Ängsten und dem Bewusstsein menschlicher Unzulänglichkeit auseinander. In dem vorangestellten Brief an ihre Mutter beschreibt sie ihre Gedichte als „schwankend in sich selbst“ mit „Spuren eines vielfach gepreßten und geteilten Gemütes“ (Droste-Hülshoff 1951, S. 84). Bereits hier wird die tiefe Subjektivität des Werkes deutlich. Die Gedichte sind weniger als objektive Glaubenslehre denn als Ausdruck eines persönlich erlebten, pietistisch geprägten Glaubens zu verstehen, der sich in einem Prozess permanenter Selbstprüfung konstituiert und dabei gottesdienstliche Züge annimmt. Dabei werden biblische Stoffe und christliche Motive immer wieder Ausgangspunkt für persönliche Empfindungen und Erfahrungen und verleihen der Perikopenlyrik teilweise epische Züge. Droste richtet sich mit ihren Gedichten explizit an „die geheime, aber gewiß sehr verbreitete Sekte jener, bei denen die Liebe größer wie der Glaube, für jene unglücklichen aber törichten Menschen, die in einer Stunde mehr fragen, als sieben Weise in sieben Jahren beantworten können“ (ebd.). Die individuelle Glaubenskrise erscheint dabei als christlich-religiöse Erfahrung, die sich nicht in Gewissheiten auflöst, sondern im Zweifel fortbesteht. Trotz dieser inneren Zerrissenheit ist Drostes Schreiben von einer neutestamentlichen Gottesauffassung und intensiven Theopathie geprägt, nach der Gott als Wesen der Liebe und des Erbarmens erscheint. Gerade im Spannungsfeld zwischen Zweifel und Hoffnung gewinnt der Glaube bei Droste seine existenzielle Bedeutung.
Über den religiösen Inhalt hinaus zeigt sich im geistlichen Jahr ein ausgeprägtes Formbewusstsein. So weist jedes Gedicht – abgesehen von einer einzigen Doppelung – eine eigene Strophen- und Versform auf. Wegen dieser großen Formvariation sowie Drostes kontinuierlicher Arbeit am geistlichen Jahr interpretierte die Forschung Drostes lange Bemühungen als „Schreibexerzitium“ (Wortmann 2014, S. 73). Auch die zyklische Anlage des Werkes verdeutlicht Drostes eigenes Schreiben als jahrelangen Prozess. Entsprechend werden auch inhaltlich poetologische Fragen reflektiert und der „biblische Prätext“ wird eher zum „‚[P]retext‘“ (Wortmann 2018, S. 131), der das Schreiben anregen soll. In diesem besonderen „Spannungsfeld zwischen Literatur und Religion“ kommt dem Werk ein „ambivalenter Status“ (ebd.) zu. Beim geistlichen Jahr ging es Droste damit nicht nur um ihr eigenes religiöses Ringen, sondern es prägte auch ihr Selbstverständnis als Autorin. So wird Das geistliche Jahr heute auch als „autorpoetisches Projekt“ (Wortmann 2014, S. 225) gesehen, das sich zu Drostes „Lebenswerk“ (ebd., S. 221) entwickelte.
Einordnung
Annette von Droste-Hülshoff entstammte einem alten westfälischen Adelsgeschlecht, wuchs katholisch auf und erhielt eine umfassende Bildung. In einer Zeit tiefgreifender politischer und kirchlicher Umbrüche führte sie überwiegend ein behütetes und zurückgezogenes Leben. Bereits im Alter von 23 Jahren begann Droste, geistliche Dichtung für ihre Großmutter zu verfassen. Durch die religiösen Gespräche mit Heinrich Straube und das abrupte Ende der Beziehung zu Straube erfuhr Droste jedoch eine existenzielle Erschütterung, die sich auch in ihrem Glauben und in ihren Gedichten niederschlug. Im geistlichen Jahr reflektiert Droste im Folgenden den Gehalt, Sinn und Antrieb ihres religiösen Lebens. In dieser Zeit persönlicher und politischer Umbrüche wird Religion für Droste zu einem elementaren Orientierungs- und Ordnungsfaktor (vgl. Wortmann 2014, S. 57f.). In einem Brief an ihre Mutter will sie sich Rat holen, wobei jedoch die erhoffte Zustimmung ausblieb, weshalb Droste für viele Jahre das Schreiben am geistlichen Jahr unterbrach. Dennoch schrieb Droste weiterhin Gedichte und veröffentlichte 1938 halbanonym die Sammlung Gedichte. Der ausbleibende Erfolg dieses Bandes hielt Droste nicht vom Schreiben ab. In den folgenden Jahren schloss sie Das geistliche Jahr vorläufig ab. Aufgrund des ausgeprägten Bekenntnischarakters der Gedichte und aus Rücksicht auf ihre Familie ließ sie Das geistliche Jahr aber erst posthum veröffentlichen. Erst nach ihrem Tod erlangten ihre Balladen sowie die Novelle Die Judenbuche größere Bekanntheit. Heute gilt Annette von Droste-Hülshoff als eine der bedeutendsten deutschsprachigen Dichterinnen des 19. Jahrhunderts. Ihr geistliches Jahr gilt dabei als eines der tiefsten religiösen Lyrikwerke seiner Zeit. Obwohl Droste häufig – u.a. wegen ihrer sozialen Herkunft und der damit verbundenen Lebensführung – dem Biedermeier zugeordnet wird, lässt sich ihr Werk literarisch zwischen Klassik und Realismus verorten. Dabei machte ihre moderne Poetik, insbesondere durch die produktive Aneignung literarischer Traditionen und ihre eigenständige Innovationskraft, sie zu einem „Solitär mit Ausnahmeposition im Epochenkontext“ (Nutt-Kofoth, zitiert nach Grywatsch 2022, S. 53).
Literaturangaben
- Droste-Hülshoff, Annette von: Das Geistliche Jahr. Hg. von Cornelius Schröder. 2., verb. Aufl. Münster 1951.
- Grywatsch, Jochen: Annette von Droste-Hülshoff. Baden-Baden 2022 (Literatur kompakt 19).
- Wortmann, Thomas: Literatur als Prozess. Drostes „Geistliches Jahr“ als Schreibzyklus. Konstanz 2014.
- Wortmann, Thomas: Geistliches Jahr in Liedern auf alle Sonn- und Festtage. In: Cornelia Blasberg / Jochen Grywatsch (Hg.): Annette von Droste-Hülshoff-Handbuch. Berlin, Boston 2018, S. 123–155.
Ausgaben
- Droste-Hülshoff, Annette von: Historisch-kritische Ausgabe. Werke, Briefwechsel. Hg. v. Winfried Woesler. Bd. 4,1: Geistliche Dichtung. Text. Tübingen 1980. Bd. 4,2: Geistliche Dichtung. Dokumentation. Tübingen 1992. (Standort SDP-Bibliothek, Signatur: V-DR 60 1/10:4,1 / V-DR 60 1/10:4,2 )
- Droste-Hülshoff, Annette von: Gedichte. Hg. v. Bodo Plachta. Frankfurt a.M.: DKV 1994. (Standort SDP-Bibliothek, Signatur: V-DR 60 1/11:1 und IX-Dr 0.5:1 Ausleihbibl.)
Weiterführende Literatur / Ressourcen
- Ribbat, Ernst (Hg.): Dialoge mit der Droste. Kolloquium zum 200. Geburtstag von Annette von Droste-Hülshoff. Paderborn 1998.
- Blasberg, Cornelia / Jochen Grywatsch (Hg.): Annette von Droste-Hülshoff-Handbuch. Berlin, Boston 2018.
- Jahrbuch der Droste-Gesellschaft. Westfälische Blätter für Dichtung und Geistesgeschichte Hg. von Clemens Heselhaus. Band 1-5 (1947–1972).
- Droste-Jahrbuch. Hg. von der Annette-von-Droste-Gesellschaft. Band 1–14 (1986–2022).
- Annette von Droste-Gesellschaft e.V.
Lesedauer
- Das geistliche Jahr: ca. 4,5 Stunden (individuelle Lesezeit)
Leseprobe
Am Karsamstage
Tiefes, ödes Schweigen,
Die ganze Erd’ wie tot!
Lerchen ohne Lieder steigen,
Die Sonne ohne Morgenrot.
Auf die Welt sich legt
Der Himmel matt und schwer,
Starr und unbewegt
Wie ein gefrorenes Meer.
O Herr, erhalt’ uns!
Meereswogen brechen,
Sie toben sonder Schall;
Nur die Menschenkinder sprechen,
Doch schaurig schweigt der Widerhall.
Wie versteinet steht
Der Äther um uns her,
Dringt wohl kein Gebet
Durch ihn zum Himmel mehr.
O Herr, erhalt’ uns!
Sünden sind geschehen,
Für jedes Wort zu groß,
Daß die Erde müßt’ vergehen,
Trüg sie nicht Jesu Leib im Schoß.
Noch im Tod voll Huld
Erhält sein Leib die Welt,
Daß in ihrer Schuld
Sie nicht zu Staub zerfällt.
O Herr, verschon’ uns!
Jesus liegt im Grabe,
Im Grabe liegt mein Gott!
Was ich von Gedanken habe,
Ist doch dagegen nur ein Spott.
Kennt in Ewigkeit
Kein Jesus mehr die Welt?
Keiner, der verzeiht,
Und keiner, der erhält?
O Herr, errett’ uns!
[…]
(Zitat: TextGrid Repository (2012). Annette von Droste-Hülshoff: Geistliches Jahr in Liedern auf alle Sonn- und Festtage. TextGrid Digitale Bibliothek)
Als weitere wichtige Gedichte werden in den ausgewerteten universitäten Leselisten „Der Knabe im Moor“ und „Unruhe“ genannt.
Was finde ich an diesen Gedichten interessant?
„Meine Lieder werden leben,
wenn ich längst entschwand:
Mancher wird von ihnen beben,
der gleich mir empfand.“
(Droste-Hülshoff 1951, S. 124)
Bei Droste hatte ich oft das Gefühl, verstanden zu werden – und gleichzeitig ein wenig verloren zu sein. Ihre Gedichte sprechen Zweifel, Angst und Unsicherheit so offen aus, dass sie überraschend nah wirken. Gerade darin liegt ihre Stärke: Droste tut nicht so, als sei Glauben etwas Ruhiges oder Abgeschlossenes, sondern zeigt ihn als etwas Fragiles, ständig Bedrohtes. Besonders eindrücklich ist der moderne Widerstreit zwischen Glauben und Wissen. Viele ihrer Fragen fühlen sich auch heute noch vertraut an. Durch Drostes rückhaltlose Ehrlichkeit überzeugt ihre religiöse Lyrik auch heute noch: Sie verschweigt nichts, beschönigt nichts und erlaubt sich, Fragen offen stehen zu lassen.
Leonie Kurtz (B.A.-Studierende)