Ingeborg Bachmann (1926–1973)
Übersicht: Das lyrische Werk
Leben nach dem Zweiten Weltkrieg: Wie soll das gehen? Wie sieht das aus?
Bachmann beschäftigt sich in ihrem ersten Lyrikband Die gestundete Zeit (1953) genau mit diesen Fragen. Illusionslos schildert sie die fehlende Aufarbeitung und Bestrafung der „Henker von gestern“ (Früher Mittag, S. 37, V. 20), welche sieben Jahre später aus ihren „goldenen Becher[n]“ trinken (ebd., V. 21). Es sind die fehlenden Veränderungen, die erschrecken. Bachmann kritisiert das allzu leichte Zurückkehren in den Alltag trotz des Wissens um die Shoah. Gegen diese gesellschaftliche Verdrängung stellt sich ein lyrisches Ich, welches mit den eigenen „Pochen der Schuld“ (Herbstmanöver, S. 27, V. 23) zu kämpfen hat. Gefangen „[i]m Keller des Herzens“ (ebd., V. 24) zeigt sich die Unmöglichkeit, zu einem ‚Davor‘ zurückzukehren oder in einem ‚Danach‘ weiter zu machen. Das Ich bleibt im Nachhall des Krieges gefangen, in einer Gegenwart, die keinen Frieden kennt. Es ist verstrickt in einen unauflösbaren Widerstreit mit der Gesellschaft und mit sich selbst. Jede Form von Kunst, Liebe und Leben verliert ihre Möglichkeit als denkbare Daseinsform. Lediglich im Bild des „armselige[n] Stern[es]“ (Alle Tage, S. 39, V. 7) deutet sich ein vereinzelter Widerstand an: ein zaghafter Versuch, die Fesseln einer Hoffnung zu lösen, die bislang „erblindet im Licht“ (Früher Mittag, S. 37, V. 28) verharrte. Erst durch den Mut, „[d]as Unsägliche“ (ebd., V. 36) auszusprechen, wird die Erinnerung aufrecht gehalten. In diesem politischen Appell zeigt sich bei Bachmann ein erster, vorsichtiger Blick in eine ungewisse Zukunft.
Mögliche Entwürfe dieser Utopie spiegeln sich später in Bachmanns zweitem Lyrikband Anrufung des großen Bären (1956). In einem „heroisch-pathetischen Ton“ (Höller 2022, S. 140) und mit stellenweise anklingender musikalischer Sprachführung greift Bachmann auf mythische Erzählungen, märchenhafte Motive, Erinnerungsräume der Kindheit sowie auf die südliche Landschaft als projektive Flucht- und Gegenbilder zurück. Doch diese scheinbaren Rückzugsorte erweisen sich als fragil: Sie werden immer wieder von der traumatischen Erfahrung der Zeit durchdrungen und in ihrer tröstenden Funktion radikal hinterfragt. Dabei ist die Zeit nicht linear organisiert, sondern erscheint als zyklische Struktur: Motive, Schuld- und Erinnerungskomplexe kehren wieder, variieren sich, ohne je aufgelöst zu werden. Besonders deutlich wird diese Poetik in dem topografisch geprägten Duktus, der sich in den autobiografisch gefärbten Italiengedichten zeigt. Vereinzelte utopische Momente der mediterranen Landschaft bleiben auch hier nicht bestehen, sondern werden beständig von einer eschatologisch geprägten Leidenserfahrung hinterfragt. In diesem Spannungsfeld verhandeln einzelne Gedichte immer wieder eine (Un-)Möglichkeit der Liebe in einer Epoche, die unmittelbar auf ein großes Menschheitsverbrechen folgt. Das lyrische Ich bewegt sich in einem Zustand innerer Zerrissenheit, den Hans Höller als „Konflikt zwischen Geist und Sinnlichkeit“ (zitiert nach Höller 2022, S. 193) beschreibt. Zwischen Ideal und Wirklichkeit entfaltet sich das lyrische Ich bei Bachmann als oszillierende Existenzform: verortet zwischen Heimat und Exil, getragen von einer zeitlichen Ungewissheit, irgendwo zwischen Vergangenheit und Zukunft schwebend – verloren, aber noch immer auf der Suche.
Einordnung
Ingeborg Bachmann gilt als eine der bedeutendsten Stimmen der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur. Entgegen der zeitgenössischen literarischen Tendenz vollzieht Bachmann keinen Bruch mit der Vergangenheit, sondern stellt in ihrer Lyrik vielmehr einen „Zusammenhang von Krieg und mörderischem NS-Terror“ (Höller 2023, S. 8) dar. Als Tochter eines früheren NSDAP-Mitglieds spürte Bachmann schon früh das Bewusstsein einer Zeugen- und Schuldhaftigkeit (vgl. Höller 2023, S. 136-138). Als Akt des Widerstandes beschreibt Bachmann in ihrem Kriegstagebuch, wie sie bei Bombardierungen nicht Schutz in den Bunkern suchte, sondern Gedichte im Garten las (vgl. Höller 2023, S. 96f). Diese Form des Widerstands spiegelt sich auch in ihrem lyrischen Werk wider. Bachmann selbst konstatiert: „Schreiben ist neben anderem ein stetes Zurückdrängen von Dunkelheit“ (zitiert nach Höller 2022, S. 10). Schonungslos reflektiert ihre Lyrik das Leben nach 1945 und stößt damit – wenn auch zeitlich verzögert – auf breite Resonanz. 1953 erhielt Bachmann den Literaturpreis der Gruppe 47 für Gedichte aus ihrem ersten Lyrikband Die gestundete Zeit. Eine intensivere mediale Auseinandersetzung setzte jedoch erst Monate später ein, ausgelöst durch einen Spiegel-Artikel, der Bachmann als promovierte Philosophin hervorhob (vgl. Höller 2022, S. 122), sodass auch in ihrer Lyrik Bezüge zu den philosophischen Ansätzen Martin Heideggers und Ludwig Wittgensteins hergestellt wurden.
Die überwiegend positive Aufnahme ihres Werks überrascht angesichts der thematischen Schärfe, die Hans Werner Henze als „alarmierend, skandalös, befremdlich, erschreckend“ (zitiert nach Höller 2022, S. 115) beschreibt. Diese positive Rezeption ist auch darauf zurückzuführen, dass Bachmanns Lyrik zunächst häufig ahistorisch interpretiert wurde: Im Vordergrund standen Klang, Bildsprache und philosophische Bezüge, während die politische Dimension weitgehend ausgeblendet blieb. Auch bei der Aufnahme ihres zweiten Lyrikbandes wurden insbesondere traditionelle poetische Elemente hervorgehoben (vgl. Albrecht/Göttsche 2020, S. 83). Erst die spätere literaturwissenschaftliche Forschung richtete den Blick verstärkt auf die politischen und diskursiven Aspekte ihres Werks. Höller betont in diesem Zusammenhang ein „literarisches und politisches Bewusstsein des Dialogischen“ (Höller 2022, S. 8). Zunehmend wurden zudem Bachmanns sprachliche Innovationen analysiert, etwa ihre ausgeprägte Formen- und Stimmenvielfalt sowie die Vielzahl intertextueller und intermedialer Bezüge. In ihren Gedichten lassen sich unter anderem Einflüsse Bertolt Brechts erkennen, ebenso wie Spuren ihrer Freundschaft mit Ilse Aichinger und ihrer Liebesbeziehung zu Paul Celan. Das Verhältnis zwischen dem Sohn ermordeter Juden und der Tochter eines ehemaligen NSDAP-Mitglieds war historisch belastet; diese Spannung findet in Bachmanns Lyrik Ausdruck durch ein „verzweifeltes Gespräch” (Höller 2023, S. 134). Nach ihrem zweiten Lyrikband veröffentlichte Bachmann nur noch vereinzelt Gedichte, schrieb jedoch zeitlebens weiter und wandte sich zunehmend der Prosa zu.
In späteren Jahren entwickelte sie eine Tabletten- und Alkoholabhängigkeit. Bei einem Brand durch eine Zigarette erlitt sie schwere Verletzungen. Bald darauf starb Bachmann im Alter von 47 Jahren. Zu ihrem Andenken wird seit 1977 der Ingeborg-Bachmann-Preis verliehen.
Literaturangaben
- Bachmann, Ingeborg: Die gestundete Zeit. Hg. von Irene Fußl. Mit einem Vorwort von Hans Höller. München, Berlin 2023.
- Höller, Hans: Vorwort und literaturwissenschaftlicher Kommentar. In: Luigi Reitani (Hg.): Anrufung des großen Bären. München, Berlin 2022, S. 7–11 und 93–289.
- Höller, Hans: Vorwort und literaturwissenschaftlicher Kommentar. In: Irene Fußl (Hg.): Die gestundete Zeit. München, Berlin 2023, S. 7–11 und 79–224.
- Schmaus, Marion: ‚Anrufung des Großen Bären‘ und Gedichte aus dem Umfeld [Art.]. In: Monika Albrecht/Dirk Göttsche (Hg.): Bachmann-Handbuch. Leben – Werk – Wirkung. Berlin 2020, S. 83–94.
Ausgaben
- Bachmann, Ingeborg: Die gestundete Zeit. Hg. von Irene Fußl. Mit einem Vorwort von Hans Höller. München, Berlin 2023. (SDP-Bibliothek, Signatur: X-BA 10 1/3:8)
- Bachmann, Ingeborg: Anrufung des großen Bären. Hg. von Luigi Reitani. Mit einem Vorwort von Hans Höller. München, Berlin 2022. (SDP-Bibliothek, Signatur: X-BA 10 1/3:6)
- Bachmann, Ingeborg: Sämtliche Gedichte. München: Piper Verlag 2003.
Weiterführende Literatur / Ressourcen
- Albrecht, Monika/Göttsche, Dirk (Hg.): Bachmann-Handbuch. Leben – Werk – Wirkung. Berlin 2020.
- Witte, Bernd: Ingeborg Bachmann [Art.]. In: Munzinger Online/KLG – Kritisches Lexikon zur deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. [26.12.2025]
- Ingeborg-Bachmann-Preis.
Lesedauer
- Die gestundete Zeit: ca. 1,5 Stunde (individuelle Lesezeit)
- Anrufung des großen Bären: ca. 1,5 Stunde (individuelle Lesezeit)
Leseprobe
Das Spiel ist aus
Mein lieber Bruder, wann bauen wir uns ein Floß
und fahren den Himmel hinunter?
Mein lieber Bruder, bald ist die Fracht zu groß
und wir gehen unter.
Mein lieber Bruder, wir zeichnen aufs Papier
viele Länder und Schienen.
Gib acht, vor den schwarzen Linien hier
fliegst du hoch mit den Minen.
Mein lieber Bruder, dann will ich an den Pfahl
gebunden sein und schreien.
Doch du reitest schon aus dem Totental
und wir fliehen zu zweien.
Wach im Zigeunerlager und wach im Wüstenzelt,
es rinnt uns der Sand aus den Haaren,
dein und mein Alter und das Alter der Welt
mißt man nicht mit den Jahren.
Laß dich von listigen Raben, von klebriger Spinnenhand
und der Feder im Strauch nicht betrügen,
iß und trink auch nicht im Schlaraffenland,
es schäumt Schein in den Pfannen und Krügen.
Nur wer an der goldenen Brücke für die Karfunkelfee
das Wort noch weiß, hat gewonnen.
Ich muß dir sagen, es ist mit dem letzten Schnee
im Garten zerronnen.
Von vielen, vielen Steinen sind unsre Füse so wund.
Einer heilt. Mit dem wollen wir springen,
bis der Kinderkönig, mit dem Schlüssel zu seinem Reich im Mund,
uns holt, und wir werden singen:
Es ist eine schöne Zeit, wenn der Dattelkern keimt!
Jeder, der fällt, hat Flügel.
Roter Fingerhut ist’s, der den Armen das Leichentuch säumt,
und dein Herzblatt sinkt auf mein Siegel.
Wir müssen schlafen gehn, Liebster, das Spiel ist aus.
Auf Zehenspitzen. Die weißen Hemden bauschen.
Vater und Mutter sagen, es geistert im Haus,
wenn wir den Atem tauschen.
(Zitat: Ingeborg Bachmann: Anrufung des großen Bären. Hg. von Luigi Reitani. Mit einem Vorwort von Hans Höller. Berlin 2022, S. 17f.; frei verfügbares PDF des Suhrkamp Verlags))
Was finde ich an diesen Gedichten interessant?
Bei Bachmann begegnen sich für mich Schönheit und Schrecken in einer Weise, die mich beim Lesen immer wieder verunsichert. Kaum habe ich mich der poetischen Sprache hingegeben, werde ich durch das Wissen um die Realität der historischen und menschlichen Abgründe jäh zurückgeholt. Ihre Lyrik ist für mich längst mehr als ein literarisches Zeugnis der Nachkriegszeit: Sie erinnert an einen Schrecken, dessen Vergessen selbst schuldig machen würde. Bachmann richtet sich nicht nur an ihre Zeitgenossen, sondern ebenso an die Generationen, die ihnen folgen. In ihrer ungebrochenen Modernität mahnt sie dazu, den Blick nicht abzuwenden, sondern Widerstand zu leisten. So regt ihre Lyrik dazu an, über die eigene Verantwortung, über Geschichte und Gegenwart nachzudenken.
Leonie Kurtz (B.A.-Studierende)