Friedrich Schiller: Maria Stuart (1800). Drama

Inhalt


In Maria Stuart lässt Friedrich Schiller nicht nur zwei Königinnen aufeinandertreffen, sondern auch zwei Konfessionen, Welt- und Menschenbilder. In einem von Intrigen durchzogenen Kampf um die englische Krone stehen sich Elisabeth I. und Maria Stuart als politische und persönliche Rivalinnen gegenüber. Dabei müssen sich beide gegen innere wie äußere Bedrohungen behaupten.
Maria befindet sich bereits seit mehreren Jahren in englischer Gefangenschaft, als sie von ihrer Verurteilung aufgrund einer angeblichen Verschwörung gegen Elisabeth erfährt. Ihre Hinrichtung scheint nun unausweichlich. Doch sie erkennt das Urteil nicht an und bittet um ein persönliches Gespräch mit der englischen Königin. Während Elisabeth im Verborgenen einen Mordanschlag auf Maria befiehlt, erweist sich der vermeintliche Attentäter Mortimer als heimlicher Anhänger Marias. Auch Lord Leicester, Elisabeths engster Vertrauter, ist Maria ergeben und nutzt seinen Einfluss, um ein Treffen der beiden Frauen zu arrangieren. Dieses führt jedoch nicht zur erhofften Annäherung, sondern zur Eskalation: Von Elisabeth provoziert, beleidigt Maria ihre Gegenspielerin und besiegelt mit ihrem rhetorischen Triumph auch ihren Untergang.
Nach einem gescheiterten Attentat auf sie und der Enthüllung von Leicesters Beziehung zu Maria erhöht sich der Druck auf Elisabeth. Leicester gelingt es, den Verdacht von sich abzulenken, indem er Mortimer belastet, der sich daraufhin das Leben nimmt. Um der Verantwortung zu entgehen, vermeidet Elisabeth eine eindeutige Entscheidung bezüglich des bereits unterzeichneten Todesurteils. Ein opportunistischer Berater nutzt die Gelegenheit und lässt die Hinrichtung vollziehen. Maria tritt ihrem Tod gefasst und würdevoll entgegen. Leicester flieht außer Landes, während Elisabeth zu spät erfährt, dass das Urteil über Maria auf falschen Zeugenaussagen basiert. Konfrontiert mit der Illoyalität ihrer engsten Vertrauten bleibt sie isoliert zurück.
So verdichtet sich in Schillers Tragödie der politische Konflikt der Königinnen zu einem existenziellen Ringen um Macht und Freiheit: Während Maria in äußerer Ohnmacht innere Souveränität beweist, bleibt Elisabeth trotz ihrer politischen Autorität in inneren Zwängen gefangen (vgl. Hinderer 1996, S. 284).

Einordnung


Maria Stuart wurde 1800 am Weimarer Hoftheater uraufgeführt und fällt damit in die Hochzeit der Weimarer Klassik, die im engeren Sinne die Zusammenarbeit von Johann Wolfgang von Goethe und Friedrich Schiller um 1800 bezeichnet (vgl. Stephan 2019, S. 192). Mit seinen Briefen Über die ästhetische Erziehung des Menschen lieferte Schiller die theoretische Grundlage ihres Kunstideals: Durch die Verbindung von Formstrenge und „Leben“ (Reed 2004, S. 238), Vernunft und Sinnlichkeit sollte eine ganzheitliche ästhetische Erfahrung entstehen, die zur sittlichen Bildung des von Entfremdungserfahrungen verunsicherten Menschen beitragen sollte (vgl. ebd.; Janz 2004, S. 651). In Maria Stuart sah Schiller dieses Ideal exemplarisch verwirklicht (vgl. Ritzer 2004, S. 271).
Der streng pyramidale Aufbau nach dem Vorbild des antiken Dramas zeigt sich auch in der symmetrischen Anordnung der Akte: Der erste und vierte Akt sind Maria gewidmet, der zweite und fünfte Elisabeth, der dritte bildet mit dem Zusammentreffen beider Figuren den dramaturgischen Höhepunkt. Durch die Konzentration des historischen Stoffes auf den Moment der Urteilsverkündung und Vollstreckung gewinnt das Drama seine ausgeprägte Geschlossenheit und Dichte (vgl. Ritzer 2004, S. 272). Da das Stück mit der Verurteilung einsetzt und die Katastrophe so bereits im ersten Akt feststeht (vgl. Hofmann 2003, S. 159), erscheint die gesamte Handlung als ein ausgedehntes retardierendes Moment (vgl. ebd.).
Nicht nur der hohe rhetorische Stil der Verssprache, sondern vor allem die Rückkehr zu einem historisch-politischen Stoff mit hochadeligen Figuren markierte Schillers Abkehr vom bürgerlichen Trauerspiel (vgl. Stephan 2019, S. 198). Schiller stützt sich auf ein genaues Quellenstudium (vgl. Hofmann 2003, S. 158), löst sich jedoch aus dramaturgischen Gründen auch mehrfach von der geschichtlichen Vorlage, indem er etwa das historisch nicht belegte Zusammentreffen der beiden Königinnen ergänzt (vgl. Ritzer 2004, S. 272).
Das zentrale politische Problem des Stückes bildet die Legitimität monarchischer Herrschaft (vgl. Foi 2006, S. 228). Recht wird von beiden Königinnen interessengeleitet ausgelegt und so vollständig realpolitischer Macht untergeordnet (vgl. ebd., S. 229). Auch zeitgenössische Debatten über die Todesstrafe für politische Gegner im Kontext der Französischen Revolution klingen in dem Drama an (vgl. ebd., S. 238). Zugleich verbindet Schiller den politischen Konflikt mit einer differenzierten psychologischen Konzeption der Hauptfiguren. Weder wird Maria vollständig zur Heiligen verklärt (vgl. Guthke 2004, S. 451–464) noch Elisabeth zur eindimensionalen Gegenspielerin reduziert (vgl. ebd., S. 445–451). Beide sind in ihrem Schicksal verbunden und verkörpern Eigenschaften, die der jeweils anderen fehlen (vgl. Hofmann 2003, S. 164). Dass Schiller diese Spiegelstruktur betonte, zeigt sich auch darin, dass die Hauptdarstellerinnen am Weimarer Theater auf seine Anweisung hin nach jeder Aufführung ihre Rollen tauschen sollten (vgl. Guthke 2004, S. 445).
Maria Stuart ist weder eine reine Geschichts- noch eine bloße Seelentragödie, sondern eine kunstvolle Verbindung beider Dimensionen.

Literaturangaben


  • Foi, Maria C.: Recht, Macht und Legitimation in Schillers Dramen. Am Beispiel von Maria Stuart. In: Friedrich Schiller und der Weg in die Moderne. Würzburg: Königshausen & Neumann 2006, S. 227–242. (SDP-Bibliothek: Signatur TS-2 3/125)
  • Guthke, Karl S.: Maria Stuart. In: Helmut Koopmann (Hg.): Schiller-Handbuch. 2., überarb. und erw. Aufl. Stuttgart: Metzler 2004, S. 438–466. (SDP-Bibliothek: Signatur TS-2 1/65 2.A.)
  • Hinderer, Walter: Der Geschlechterdiskurs im 18. Jahrhundert und die Frauengestalten in Schillers Dramen. In: Ders. (Hg.): Friedrich Schiller und der Weg in die Moderne. Würzburg: Königshausen & Neumann 1996, S. 261–285. (SDP-Bibliothek: Signatur TS-2 3/125)
  • Hofmann, Michael: Schiller. Epoche – Werk – Wirkung. Stuttgart/Weimar: Metzler 2003. (SDP-Bibliothek: Signatur TS-2 8/104)
  • Janz, Rolf-Peter: Über die ästhetische Erziehung des Menschen in einer Reihe von Briefen. In: Helmut Koopmann (Hg.): Schiller-Handbuch. 2., überarb. und erw. Aufl. Stuttgart: Metzler 2004, S. 649–666. (SDP-Bibliothek: Signatur TS-2 1/65 2.A.)
  • Reed, T.J.: Schiller und die Weimarer Klassik. In: Helmut Koopmann (Hg.): Schiller-Handbuch. 2., überarb. und erw. Aufl. Stuttgart: Metzler 2004, S. 229–245. (SDP-Bibliothek: Signatur TS-2 1/65 2.A.)
  • Ritzer, Monika: Schillers dramatischer Stil. In: Helmut Koopmann (Hg.): Schiller-Handbuch. 2., überarb. und erw. Aufl. Stuttgart: Metzler 2004, S. 254–284. (SDP-Bibliothek: Signatur TS-2 1/65 2.A.)
  • Schiller, Friedrich v.: Maria Stuart. Ein Trauerspiel. Hamburger Leseheft Nr. 12. Husum 2023
  • Stephan, Inge: Weimarer Klassik. In: Wolfgang Beutin et al. (Hg.): Deutsche Literaturgeschichte. Von den Anfängen bis zur Gegenwart. 9. aktualisierte und erw. Aufl. Berlin: Metzler 2019, S. 192–200. (SDP-Bibliothek: Signatur E-10 3/203 9.A.)


Ausgaben


  • Schillers Werke: Nationalausgabe. Bd. 9.1 Maria Stuart. Hg. v. Nikolas Immer. Weimar: Böhlau 2010. (SDP-Bibliothek: Signatur TS-1 1/15:9,1N Ex.1 / Ex.2)
  • Schiller, Friedrich v.: Maria Stuart. Ein Trauerspiel. Hamburger Leseheft Nr. 12. Husum 2023.


Weiterführende Literatur / Ressourcen


  • Hinderer, Walter: Friedrich Schiller und der Weg in die Moderne. Würzburg: Königshausen & Neumann 2006, S. 227–242. (SDP-Bibliothek: Signatur TS-2 3/125)
  • Knobloch, Hans-Jörg / Helmut Koopmann (Hg.): Schiller heute. Tübingen: Stauffenburg 1996, S. 99–113. (SDP-Bibliothek: Signatur TS-2 8/91)
  • Koopmann, Helmut (Hg.): Schiller-Handbuch. 2., überarb. und erw. Aufl. Stuttgart: Metzler 2004, S. 649-666. (SDP-Bibliothek: Signatur TS-2 1/65 2.A.)
  • Luserke-Jaqui, Matthias (Hg.): Friedrich Schiller, Dramen. Darmstadt: WBG 2009, S. 135–156. (SDP-Bibliothek: Signatur TS-5 4/152)
  • Oellers, Norbert (Hg.): Schiller. Aspekte neuerer Forschung. Stuttgart: Metzler 1990, S. 134–145. (SDP-Bibliothek: Signatur C-1 60:109)


Lesedauer


  • Hörbuch: Ungekürzte Lesung, gesprochen von Jürgen Fritsche: 4 Stunden, 53 Minuten (Audible)


Leseprobe


Maria im Schleier, ein Kruzifix in der Hand. Die Vorigen.

KENNEDY
ihr entgegeneilend.
O Königin! Man tritt uns ganz mit Füßen,
Der Tyrannei, der Härte wird kein Ziel,
Und jeder neue Tag häuft neue Leiden
Und Schmach auf dein gekröntes Haupt.
MARIA.
Faß dich!
Sag an, was neu geschehen ist?
KENNEDY.
Sieh her!
Dein Pult ist aufgebrochen, deine Schriften,
Dein einzger Schatz, den wir mit Müh gerettet,
Der letzte Rest von deinem Brautgeschmeide
[555] Aus Frankreich ist in seiner Hand. Du hast nun
Nichts Königliches mehr, bist ganz beraubt.
MARIA.
Beruhige dich, Hanna. Diese Flitter machen
Die Königin nicht aus. Man kann uns niedrig
Behandeln, nicht erniedrigen. Ich habe
In England mich an viel gewöhnen lernen,
Ich kann auch das verschmerzen. Sir, Ihr habt Euch
Gewaltsam zugeeignet, was ich Euch
Noch heut zu übergeben willens war.
Bei diesen Schriften findet sich ein Brief,
Bestimmt für meine königliche Schwester
Von England – Gebt mir Euer Wort, daß Ihr
Ihn redlich an sie selbst wollt übergeben,
Und nicht in Burleighs ungetreue Hand.
PAULET.
Ich werde mich bedenken, was zu tun ist.
MARIA.
Ihr sollt den Inhalt wissen, Sir. Ich bitte
In diesem Brief um eine große Gunst –
– Um eine Unterredung mit ihr selbst,
Die ich mit Augen nie gesehn – Man hat mich
Vor ein Gericht von Männern vorgefodert,
Die ich als meinesgleichen nicht erkennen,
Zu denen ich kein Herz mir fassen kann
Elisabeth ist meines Stammes, meines
Geschlechts und Ranges – Ihr allein, der Schwester,
Der Königin, der Frau kann ich mich öffnen.


(Zitat: TextGrid Repository (2012). Schiller, Friedrich. Dramen. Maria Stuart. TextGrid Digitale Bibliothek)

Was finde ich an dem Text interessant?


Die Eskalation des Konflikts im dritten Akt gründet in der persönlichen Rivalität der beiden Königinnen mit deutlich erotischer Dimension (vgl. dazu Hinderer 1996, S. 280). Schon Leicester inszeniert das Treffen zwischen Elisabeth und Maria als Schönheitswettbewerb (vgl. Schiller 2023 II.9, V. 2001–2052). Damit verschiebt sich der Fokus auf eine Konkurrenz zwischen zwei Frauen, deren Körper, Ausstrahlung und Begehren selbst Teil des Machtkampfes werden. Auch in der Begegnungsszene greifen Elisabeth und Maria einander mit Vorwürfen an, die ihre jeweilige Weiblichkeit betreffen. Elisabeth reduziert Maria verächtlich auf ihre vermeintlich zügellose Sinnlichkeit (vgl. ebd. III.4, V. 2407–2417), während Maria Elisabeth wiederum Heuchelei vorwirft: hinter ihrer strengen Fassade würde die „wilde Glut verstohlener Lüste“ (ebd. III.4, V. 2429) lauern.
Beide Figuren scheinen gegensätzliche Modelle zu verkörpern, Herrschaft und Weiblichkeit miteinander zu vereinbaren. Elisabeth, die sich in einer männlich konnotierten Rolle behaupten muss, sichert ihre Autorität, indem sie persönliche Gefühle unterdrückt und Weiblichkeit als Schwäche kontrolliert. Maria hingegen entfaltet Macht gerade durch ihre sinnliche Präsenz und ihre Fähigkeit, Loyalität durch Leidenschaft zu wecken. Doch auch diese Form der Macht wird nicht idealisiert: Mortimers obsessive Verehrung kippt schließlich in Gewalt, als Maria ihn zurückweist (vgl. ebd. III.6).
Schiller zeigt eindrücklich, wie politische, persönliche und geschlechtsspezifische Aspekte ineinandergreifen. So wird Maria Stuart auch zu einem Drama, das die Bedingungen weiblicher Herrschaft in einer patriarchal geprägten Ordnung reflektiert.

Marie Luise Böttcher (B.A.-Studierende)