Jakob Michael Reinhold Lenz: Der Hofmeister oder Vortheile der Privaterziehung (1774). Tragikomödie
Inhalt
In der Tragikomödie in fünf Akten geht es um die sozialen und moralischen Verwicklungen rund um den Hofmeister Läuffer sowie um Lebenswege junger Menschen zwischen adliger Erziehung und bürgerlicher Existenz. Der Theologiestudent Läuffer nimmt eine Stelle als Hofmeister beim Major von Berg an und soll dessen Sohn Leopold „in allen Wissenschaften und Artigkeiten und Weltmanieren“ (Damm 1, S. 43) unterrichten, später auch Tochter Gustchen im Zeichnen sowie in „alle[n] Morgen etwas aus dem Christentum“ (Damm 1, S. 49). Zugleich warnt der Major ihn ausdrücklich davor, sich seiner Tochter in unerlaubter Weise zu nähern, und droht bei Zuwiderhandlung mit harten Konsequenzen und setzt das anfänglich vereinbarte Salair herab.
Gustchen ist in ihren Cousin Fritz verliebt, der jedoch zum Studium nach Halle geschickt wird. Während seiner Abwesenheit lässt sie sich auf eine Liaison mit Läuffer ein, obwohl sie Fritz Treue geschworen hat; sie wird schwanger. Als Beziehung und Schwangerschaft bekannt werden, flieht sie vor der drohenden väterlichen Reaktion aufgrund des Ehrverlusts der Familie. Auch Läuffer flieht und findet Zuflucht beim Dorfschullehrer Wenzeslaus, der ihn zu einem enthaltsamen Leben anzuhalten versucht.
Parallel dazu wird das Studentenleben in Halle geschildert: Fritz leidet unter der Trennung von Gustchen, während sein Freund Pätus ein ausschweifendes Leben führt, Schulden anhäuft und eine Liebesbeziehung mit der Bürgerstochter Jungfer Rehaar eingeht. Fritz bürgt für ihn und gerät dadurch schließlich selbst in Haft.
Gustchen findet Zuflucht bei der Bettlerin Marthe und bringt ihr Kind zur Welt. Ein Jahr später versucht Gustchen, Kontakt zu ihrem Vater aufzunehmen; in der Folge begeht sie aus Verzweiflung einen Suizidversuch, indem sie sich in einen Teich stürzt, wird jedoch von ihrem Vater, der sich in der Nähe befindet, gerettet. Es kommt zur Versöhnung. Indes erfährt Läuffer von der Geburt seines Kindes und nimmt aus Reue und Verzweiflung eine Selbstkastration vor, die von Wenzeslaus begrüßt wird.
Die Tragikomödie schließt mit einer Zusammenführung der Figuren: Der geläuterte Fritz kehrt zur Familie zurück, will Gustchen ehelichen und nimmt ihr Kind als das seine an; Pätus und Jungfer Rehaar werden einander zugeführt, und auch Läuffer findet sein Glück bei dem Bauernmädchen Lise.
Einordnung
Jakob Michael Reinhold Lenz’ Der Hofmeister oder Vortheile der Privaterziehung wurde 1774 in Leipzig in seiner endgültigen Fassung bei Weygand, Goethes Verleger, zunächst anonym publiziert und in der zeitgenössischen Rezeption nicht zuletzt aufgrund dieses Umstands zeitweise Goethe zugeschrieben; zugleich wurde das Drama in der Tradition Shakespeares verstanden (Guthke 2002, S. 119f.). Im Erstdruck firmiert das Werk als Komödie, während Lenz in Briefen mehrfach vom Trauerspiel spricht und im Berliner Manuskript den Untertitel Lust- und Trauerspiel verwendet. Auch in der zeitgenössischen Rezeption zeigt sich eine entsprechende Unsicherheit hinsichtlich der Gattungszuordnung (ebd., S. 123f.).
Die Gattungsunsicherheit war zudem auf Lenz’ poetologische Neubestimmung der dramatischen Gattungen zurückzuführen, die in Abgrenzung zur seit der aristotelischen Poetik entwickelten Gattungstradition erfolgte. So wird die Komödie nicht mehr ausschließlich als situations- und typenorientierte Form verstanden, sondern zugleich als „Gemälde der menschlichen Gesellschaft“ (Damm 2, S. 703; Freytag 2017a, S. 48f.), in dem die tragischen Momente aus den sozialen Verhältnissen der Figuren hervorgehen. Auf dieser Grundlage wird Der Hofmeister in der Forschung als eine der ersten deutschen Tragikomödien eingeordnet (ebd.). Die Fokussierung auf Figuren und soziale Konstellationen zeigt sich am Hofmeister Läuffer und der adligen Gesellschaft: Lenz stellt den in seiner sozialen Position und persönlichen Disposition beschädigten Hofmeister Läuffer einer teilweise grotesk überzeichneten adligen Umwelt gegenüber. Zugleich trägt Läuffers Disposition selbst komische Züge, die seine Tragik nicht relativieren, sondern verstärken (Guthke 2002, S. 125).
Das Werk lässt sich der literarischen Strömung des Sturm und Drang zuordnen, da es zentrale Themenfelder dieser Strömung aufgreift und in dramatischen Konstellationen entfaltet. Im Mittelpunkt steht dabei die Kritik an Machtverhältnissen innerhalb der ständisch geordneten Gesellschaft, die sich in verschiedenen sozialen Institutionen und Figurenkonstellationen manifestiert (Luserke 1997, S. 10f., 275f., 279f.). Besonders deutlich wird diese Kritik in der Institution des Hofmeisters, die als Ausdruck sozialer und ständischer Abhängigkeit verstanden werden kann. Der Hofmeister nimmt darin eine prekäre Position zwischen Adel und Bürgertum ein und ist materiell wie sozial weitgehend von der Herrschaft abhängig. Diese Abhängigkeit zeigt sich exemplarisch in der drastischen Charakterisierung des Hofmeisters als „Sklav […] über den die Herrschaft unumschränkte Gewalt hat“ (Damm 1, S. 56) und verweist damit auf die strukturelle Machtasymmetrie zwischen den Ständen (Schulz 2017, S. 337).
Daneben wird Erziehung als Konflikt konkurrierender Bildungsmodelle entfaltet, die im Drama im Hofmeisterwesen, in der städtischen Schulbildung und in der Dorfschule konkret werden. Diese Bildungsformen erscheinen nicht als neutrale Orte der Wissensvermittlung und individueller Entfaltung, sondern als durch soziale Abhängigkeit, Disziplinierung und ständische Ordnung geprägte Strukturen, in denen die Handlungsspielräume der Figuren erkennbar eingeschränkt werden (Freytag 2017b, S. 58f.).
Die in den Figurenkonstellationen angelegten sozialen Machtverhältnisse werden zudem in der Thematik der Sexualität deutlich, die hier insbesondere als Überschreitung ständischer Ordnung erscheint und eng mit Bedingungen sozialer Abhängigkeit verknüpft ist (Sautermeister 2017, S. 356). Die Beziehung zwischen Gustchen und Läuffer stellt hierbei gleich in zweifacher Hinsicht, wenn auch nur temporär, die Ehre und die damit einhergehende soziale Zugehörigkeit der Familie von Berg in Frage – durch die uneheliche Schwangerschaft sowie durch die ständische Differenz der beiden – und legt so die Instabilität normativer Geschlechter- und Familienordnungen offen (ebd.).
Exemplarisch für die Literatur des Sturm und Drangs verdichtet Lenz in seiner Tragikomödie Der Hofmeister die Kritik an den Machtverhältnissen in der Darstellung ständischer Ordnung, Erziehung und individueller Lebenspraxis.
Literaturangaben
- Freytag, Julia: Lenz’ Dramenästhetik. In: Julia Freytag / Inge Stephan / Hans Gerd Winter (Hg.): J.M.R.-Lenz-Handbuch. Berlin/Boston 2017a, S. 47–51.
- Freytag, Julia: Dramen. In: Julia Freytag / Inge Stephan / Hans-Gerd Winter (Hg.): J.M.R.-Lenz-Handbuch. Berlin/Boston 2017b, S. 51–100.
- Guthke, Karl S.: Nachwort. In: J.M.R. Lenz. Der Hofmeister. Ditzingen 2002, S. 119–125.
- Lenz, Jakob Michael Reinhold: Rezension des Neuen Menoza. In: Jakob Michael Reinhold Lenz: Werke und Briefe in drei Bänden. Bd. 2. Hg. v. Sigrid Damm. München 1987, S. 699–704. [Zitiert als Damm 2.]
- Luserke, Matthias: Sturm und Drang. Autoren — Texte — Themen. Ditzingen 2019.
- Sautermeister, Gert: Sexualität. In: Julia Freytag / Inge Stephan / Hans-Gerd Winter (Hg.): J.M.R.-Lenz-Handbuch. Berlin/Boston 2017, S. 354–367.
- Schulz, Georg-Michael: Gesellschaftskritik. In: Julia Freytag / Inge Stephan / Hans-Gerd Winter (Hg.): J.M.R.-Lenz-Handbuch. Berlin/Boston 2017, S. 333–341.
Ausgaben
- Lenz, Jakob Michael Reinhold: Der Hofmeister. In: Jakob Michael Reinhold Lenz: Werke und Briefe in drei Bänden. Bd. 1. Hg. v. Sigrid Damm. München 1987, S. 41–123. [Zitiert als Damm 1.] (SDP-Bibliothek, Signatur: S-LE 60 1/8:1)
- Lenz, Jakob Michael Reinhold: Der Hofmeister. Stuttgart 2012.
Weiterführende Literatur / Ressourcen
- Geisenhanslüke, Achim: Monströse Väter und missratene Töchter. Familiendramen und andere Katastrophen in Lessings Emilia Galotti und Lenz’ Der Hofmeister. In: Inge Kroppenberg und Martin Löhnig (Hg.): Fragmentierte Familien. Brechungen einer sozialen Form in der Moderne. Bielefeld 2010, S. 185–207.
- Koneffke, Marianne: Die weiblichen Figuren in den Dramen des J.M.R. Lenz: Der Hofmeister, Der neue Menoza, Die Soldaten. In: Wirkendes Wort 42 (1992). S 389–405.
- Stephan, Inge / Hans-Gerd Winter (Hg.): „Die Wunde Lenz“. J.M.R. Lenz. Leben, Werk und Rezeption. Bern 2003.
- Wiessmeyer, Monika: Gesellschaftskritik in der Tragikomödie: Der Hofmeister (1774) und Die Soldaten (1776) von J.M.R. Lenz. In: Mathias Luserke (Hg.): Jakob Michael Reinhold Lenz im Spiegel der Forschung. Hildesheim 1995, S. 368–381.
Lesedauer
- Individuelle Lesezeit: 3 Stunden, 30 Minuten (Reclam-Ausgabe mit Nachwort, 100 Seiten)
Leseprobe
(Die Majorin stürzt herein.)
MAJORIN.
Zu Hülfe Mann — Wir sind verloren — Unsere Familie! unsere Familie!
GEHEIMER RAT.
Gott behüt Frau Schwester! Was stellen Sie an? Wollen Sie Ihren Mann rasend machen?
MAJORIN.
Er soll rasend werden — Unsere Familie — Infamie! — — O ich kann nicht mehr — (Fällt auf einen Stuhl.)
MAJOR (geht auf sie zu).
Willst du mit der Sprach heraus? — Oder ich dreh dir den Hals um.
MAJORIN.
Deine Dochter — Der Hofmeister. — Lauf! (Fällt in Ohnmacht.)
MAJOR.
Hat er sie zur Hure gemacht? (Schüttelt sie.) Was fällst du da hin; jetzt ist’s nicht Zeit zum Hinfallen. Heraus mit, oder das Wetter soll dich zerschlagen. Zur Hure gemacht? Ist’s das? — Nun so werd denn die ganze Welt zur Hure und du Berg nimm die Mistgabel in die Hand — (Will gehen.)
GEHEIMER RAT (hält ihn zurück).
Bruder, wenn du dein Leben lieb hast, so bleib hier — Ich will alles untersuchen — Deine Wut macht dich unmündig. (Geht ab und schließt die Tür zu.)
MAJOR (arbeitet vergebens sie aufzumachen).
Ich werd dich beunmündig — (Zu seiner Frau.) Komm, komm, Hure, du auch! sieh zu. (Reißt die Tür auf.) Ich will ein Exempel statuieren — Gott hat mich bis hierher erhalten, damit ich an Weib und Kindern Exempel statuieren kann — Verbrannt, verbrannt, verbrannt! (Schleppt seine Frau ohnmächtig vom Theater.)
(Zitat: TextGrid Repository (2012). Jakob Michael Reinhold Lenz: Der Hofmeister oder Vorteile der Privaterziehung. TextGrid Digitale Bibliothek)
Was finde ich an dem Text interessant?
Was mich an der Tragikomödie besonders interessiert, ist, wie Lenz eine soziale Ordnung zeigt, in der sich unterschiedliche Kapitalformen im Sinne Bourdieus strukturbildend auswirken. Das Salair des Hofmeisters Läuffer, als Form ökonomischen Kapitals, wird vom Hausherrn gedrückt; zwar verfügt Läuffer über kulturelles Kapital qua Bildung, doch bleibt fraglich, inwieweit ihm dies soziale Aufstiegsmöglichkeiten eröffnet. Ebenso zentral ist die verlorene Ehre Gustchens, die als symbolisches Kapital nicht nur sie selbst, sondern die gesamte Familie von Berg betrifft und deren gesellschaftlichen Status beschädigt. Das soziale Kapital zeigt sich dabei vor allem in den standesgebundenen Strukturen der Tragikomödie und wird beispielsweise in der Beziehung zwischen Läuffer und Gustchen sichtbar. Damit wird deutlich, wie eng ökonomische Abhängigkeit, kulturelle Bildung, soziale Beziehungen und gesellschaftliche Anerkennung im Handeln der Figuren miteinander verflochten sind — gewissermaßen avant la lettre.
Maximilian Menzel (M.A.-Studierender)