Ödön von Horváth: Geschichten aus dem Wiener Wald (1931). Volksstück
Inhalt
Das Volksstück in drei Teilen erzählt von einem nur kurz währenden Glück und dem darauffolgenden, anhaltenden sozialen Abstieg Mariannes. Die Handlung ist zwischen einer „stille[n] Straße“ (WA 3, S. 709) im achten Wiener Gemeindebezirk, dem Wiener Wald sowie der Wachau situiert. Auf Mariannes Verlobungsfeier mit dem Fleischhauer Oskar wendet sie sich von ihm ab und entscheidet sich, kaum dass sie den mittellosen Alfred kennengelernt hat, für ein Leben an dessen Seite, das sie ausdrücklich mit dem Anspruch auf Liebe gegen die Aussicht materieller Sicherheit setzt. Infolge dieser Entscheidung wird sie von ihrem Vater, dem Inhaber eines Spielwaren- und Scherzartikelgeschäfts, verstoßen, während Oskar mit der Äußerung „du entgehst mir nicht“ (WA 3, S. 725) reagiert, die die weitere Entwicklung Mariannes andeutet. Ein Jahr später lebt Marianne mit Alfred und dem gemeinsamen Kind Leopold in einem möblierten Zimmer im 18. Wiener Gemeindebezirk. Alfred geht keiner geregelten Erwerbstätigkeit nach, Marianne verfügt über keine berufliche Ausbildung, da ihr Vater diese stets verweigerte. Aufgrund der prekären ökonomischen Verhältnisse wird das Kind schließlich zu Alfreds Mutter und Großmutter in die Wachau gegeben, während Marianne über einen Bekannten Alfreds als Animiermädchen an ein Vergnügungsetablissement vermittelt wird. Bei einem arrangierten Besuch im Vergnügungsetablissement wird Mariannes Vater im Kreis von Bekannten mit seiner auf der Bühne auftretenden, unbekleideten Tochter konfrontiert. Der Vater weist sie in der anschließenden Aussprache erneut zurück, während Marianne ihre Tätigkeit mit der Notwendigkeit begründet, für das Kind zu sorgen. In der Schlussszene kommt es zu einer Aussöhnung. Die Beteiligten sind in der Wachau, um den kleinen Leopold abzuholen, wobei sich jedoch herausstellt, dass das Kind bereits infolge vorsätzlicher Vernachlässigung durch die Großmutter verstorben ist. Marianne erleidet hierauf einen Zusammenbruch und kehrt aus Kraft- und Ausweglosigkeit zum ebenfalls anwesenden Oskar zurück: „Ich kann nicht mehr. Jetzt kann ich nicht mehr —“ (WA 3, S. 762).
Einordnung
Die Entstehung von Geschichten aus dem Wiener Wald (1931) steht in engem Zusammenhang mit einem Komplex früherer Werkprojekte, die thematisch um soziale Abhängigkeiten, Prostitution und die prekäre Lage junger Frauen kreisen (Streitler-Kastberger 2023a, S. 132f.). Ausgehend von fragmentarischen Vorarbeiten wie beispielsweise „Ein Fräulein wird verkauft“ (1930) entwickelt sich das Drama aus einem „Textcluster“ (Gartner / Kastberger 2003, S. 218), dessen Motive und Figurenkonstellationen schrittweise transformiert und verdichtet wurden (Streitler-Kastberger 2023a, S. 132f.). Die Genese verweist damit auf eine charakteristische Arbeitsweise Horváths, die weniger abgeschlossene Textstufen als vielmehr ein „Kontinuum von Texten“ (Häntschel 2012, S. 201) hervorbringt, dessen Konzeptualisierung erst in der neueren Forschung herausgearbeitet werden konnte (Vejvar 2023a).
Indem Horváth sein Stück programmatisch als Volksstück bezeichnet, positioniert er sich bewusst innerhalb einer Gattungstradition, verfolgt jedoch zugleich das Ziel ihrer „Erneuerung“ (WA 17, S. 462). Das „zur reinen Heimatdichtung herabgesunkene[] Volksstück[]“ (Vejvar 2023b, S. 303) wird in Geschichten aus dem Wiener Wald systematisch unterlaufen: Vertraute Konventionen des Volksstücks einschließlich des Wiener Lokalkolorits werden aufgegriffen, jedoch gebrochen (ebd.), sodass soziale Spannungen innerhalb der dargestellten Ordnung sichtbar werden.
Dabei ist der „Bildungsjargon“ (WA 17, S. 463) für Horváths Sprachkonzeption konstitutiv. Dieser fungiert als künstliche, vom Dialekt überformte Sprechweise, in der dialektale Sprachmuster weiterhin durchscheinen und die so die „geistige Heimatlosigkeit“ (Neuhuber 2023, S. 254) der Figuren offenlegt. Die Sprache, durchsetzt von Bildungszitaten und Floskeln (Kastberger 2009, S. 235), ist Ausdruck eines sozial aufstiegsorientierten Sprechversuchs und dient der Verschleierung sozialer Herkunft (Streitler-Kastberger 2023b, S. 246).
Ebenso zentral wie der Bildungsjargon erweist sich für Horváth die „Dramaturgie der Stille“ (Benthien 2002, S. 206). Er schreibt: „Bitte achten Sie genau auf die Pausen im Dialog, die ich mit ‚Stille‘ bezeichne — Hier kämpft sich das Bewußtsein oder Unterbewußtsein miteinander, und das muß sichtbar werden.“ (WA 17, S. 463) Die ‚Stille‘ erscheint damit als Ort der Artikulation innerer Konflikte jenseits der Figurenrede (Nibbrig 1981, S. 200).
Eine vergleichbare Funktion kommt der Musik zu, die als leitmotivisches Element die Dramaturgie des Volksstücks prägt (Kappeler 2018, S. 84). Sie dient sowohl der Charakterisierung der Figuren als auch der semantischen Aufladung des Bühnengeschehens (ebd.), was sich bereits im Titel des Volksstücks zeigt, der auf den Walzer Johann Strauss’ (Sohn) rekurriert (Schedtler 2023, S. 311) und mit dessen klanglicher Idylle Verklärung und Verdrängung befördert (Baumgartner 1988, S. 156, 178).
Das ‚Fräulein‘ ist ein in der Forschung als paradigmatisch für Horváths Werk beschriebener Figurentypus; Geschichten aus dem Wiener Wald gilt dabei als sein erstes ‚Fräuleinstück‘ (Streitler-Kastberger 2023c, S. 489). Dieser Typus, hier durch Marianne realisiert, beschreibt eine junge, ökonomisch abhängige Frau, die in ein Geflecht patriarchaler und sozialer Zwänge gerät, das ihren Handlungsspielraum zunehmend einschränkt (ebd.). Sie unterliegt in diesem Zusammenhang einem strukturellen Determinismus, da sie sich verklärten Liebesvorstellungen hingibt und dadurch schrittweise in Abhängigkeit und soziale Marginalisierung gerät (Brucher 2018, S. 161). Horváth fungiert hierbei als kritischer Beobachter, der den Warencharakter dieses Figurentypus offenlegt (Kastberger 2006, S. 63).
Damit erweist sich Horváths Geschichten aus dem Wiener Wald als ein repräsentatives Werk der Weiterentwicklung des Volksstücks im frühen 20. Jahrhundert, das insbesondere durch Bildungsjargon, die Figur des Fräuleins und die damit einhergehende soziale Problematik geprägt ist.
Literaturangaben
- Baumgartner, Wilhelm Martin: Lied und Musik in den Volksstücken Ödön von Horváths. In: Traugott Krischke (Hg.): Horváths Stücke. Frankfurt a. M. 1988, S. 154–180.
- Benthien, Claudia: Die stumme Präsenz. Zur ‚Figur‘ des Schweigens bei Ödön von Horváth. In: Gabriele Brandstetter / Sibylle Peters (Hg.): de figura. Rhetorik — Bewegung — Gestalt. München 2002, S. 195–220.
- Brucher, Rosemarie: Geschlecht und Differenz. ‚Othering‘-Prozesse bei Ödön von Horváth. In: Nicole Streitler-Kastberger / Martin Vejvar (Hg.): ‚Ich denke ja gar nichts, ich sage es ja nur‘. Ödön von Horváth. Erotik, Ökonomie und Politik. Salzburg/Wien 2018, S. 161–170.
- Gartner, Erwin / Klaus Kastberger: Das ganze Fräulein — ein Stück. Von den Geschichten vom Mädchenhandel zu den Geschichten aus dem Wiener Wald. In: Bernhard Fetz / Klaus Kastberger (Hg.): Die Teile und das Ganze. Bausteine der literarischen Moderne in Österreich. Wien 2003, S. 216–222.
- Häntschel, Gregor: Ödön von Horváth: Edition und Interpretation. Symposium der Österreichischen Nationalbibliothek in Kooperation mit der Wienbibliothek im Rathaus Wien, 1./2. Dezember 2011. In: Editio. Internationales Jahrbuch für Editionswissenschaft 26/1 (2012), S. 199–201.
- Hart Nibbrig, Christiaan L.: Rhetorik des Schweigens. Versuch über den Schatten literarischer Rede. Frankfurt a. M. 1981.
- Kappeler, Anette: Akustische Widerhaken. Musik in Ödön von Horváths Theaterstücken. In: Nicole Streitler-Kastberger / Martin Vejvar (Hg.): ‚Ich denke ja gar nichts, ich sage es ja nur‘. Ödön von Horváth. Erotik, Ökonomie und Politik. Salzburg/Wien 2018, S. 81–89.
- Kastberger, Klaus: Die Frau eine sprechende Ware, der Mann ein Fleischhauer. In: Klaus Kastberger / Nicole Streitler (Hg.): Vampir und Engel. Zur Genese und Funktion der Fräulein-Figur im Werk Ödön von Horváths. Wien 2006, S. 55–66.
- Kastberger, Klaus: Nachwort. In: Klaus Kastberger / Nicole Streitler (Hg.): Ödön von Horváth. Geschichten aus dem Wiener Wald. Stuttgart 2009, S. 220–242.
- Neuhuber, Christian: Volksstück. In: Nicole Streitler-Kastberger / Martin Vejvar (Hg.): Ödön-von-Horváth-Handbuch. Berlin/Boston 2023, S. 251–255.
- Schedtler, Susanne: Musiktradition. In: Nicole Streitler-Kastberger / Martin Vejvar (Hg.): Ödön-von-Horváth-Handbuch. Berlin/Boston 2023, S. 308–319.
- Streitler-Kastberger, Nicole: Geschichten aus dem Wiener Wald (1931). In: Nicole Streitler-Kastberger / Martin Vejvar (Hg.): Ödön-von-Horváth Handbuch. Berlin/Boston 2023a, S. 132–136.
- Streitler-Kastberger, Nicole: Horváths Sprache. In: Nicole Streitler Kastberger / Martin Vejvar (Hg.): Ödön-von-Horváth-Handbuch. Berlin/Boston 2023b, S. 246–250.
- Streitler-Kastberger, Nicole: ‚Fräulein‘ und Konzepte von Weiblichkeit. In: Nicole Streitler-Kastberger / Martin Vejvar (Hg.): Ödön-von-Horváth-Handbuch. Berlin/Boston 2023c, S. 489–494.
- Vejvar, Martin: Quellen — Nachlass/Briefe und Lebensdokumente/Editionsgeschichte. In: Nicole Streitler-Kastberger / Martin Vejvar (Hg.): Ödön-von-Horváth-Handbuch. Berlin/Boston 2023a, S. 16–30.
- Vejvar Martin: Volksstücktradition. In: Nicole Streitler-Kastberger / Martin Vejvar (Hg.): Ödön-von-Horváth-Handbuch. Berlin/Boston 2023b, S. 301–307.
- von Horváth, Ödön: Theoretisches. In: Wiener Ausgabe sämtlicher Werke. Historisch-kritische Edition. Bd. 17. Hg. v. Nicole Streitler-Kastberger unter Mitarb. v. Martin Vejvar. Berlin 2023, S. 453–479. [Zitiert als: WA 17.]
Ausgaben
- von Horváth, Ödön: Geschichten aus dem Wiener Wald. In: Wiener Ausgabe sämtlicher Werke. Historisch-kritische Edition. Bd. 3. Hg. v. Erwin Gartner u. Nicole Streitler-Kastberger unter Mitarb. v. Sabine Edith Braun, Charles-Onno Klopp, Kerstin Reimann u. Martin Vejvar. Berlin 2015, S. 703–762. [Zitiert als WA 3.] (SDP-Bibliothek, Signatur: W-HO 80 1/4:3,2)
- von Horváth, Ödön: Geschichten aus dem Wiener Wald. Hg. v. Klaus Kastberger u. Nicole Streitler, Ditzingen 2009
Weiterführende Literatur / Ressourcen
- Franz, Joachim: Die Negation von Solidarität. Selbstdarstellungs- und Interaktionsstrategien des Kleinbürgertums in den Dramen ‚Zur schönen Aussicht‘, ‚Geschichten aus dem Wiener Wald‘ und ‚Kasimir und Karoline‘ von Ödön von Horváth. Heidelberg 2022.
- Fritz, Axel: Ödön von Horváth als Kritiker seiner Zeit. Studien zum Werk in seinem Verhältnis zum politischen, sozialen und kulturellen Zeitgeschehen. München 1973.
- Kastberger, Klaus (Hg.): Ödön von Horváth. Unendliche Dummheit — dumme Unendlichkeit. Wien 2001.
- Nolting, Winfried: Der totale Jargon. Die dramatischen Beispiele Ödön von Horváths. München 1976.
Lesedauer
- Individuelle Lesezeit: 2 Stunden, 30 Minuten (Reclam-Ausgabe mit Nachwort, 121 Seiten)
Leseprobe
IV.
An der schönen blauen Donau.
Nun ist die Sonne untergegangen, es dämmert bereits und in der Ferne spielt der lieben TANTE ihr Reisegrammophon den Frühlingsstimmen-Walzer von Johann Strauss.
ALFRED.
(In Bademantel und Strohhut — Er blickt verträumt auf das andere Ufer.)
MARIANNE.
(steigt aus der schönen blauen Donau und erkennt Alfred).
(Stille)
ALFRED.
(lüftet den Strohhut.) Ich wußt es, daß Sie hier landen werden.
MARIANNE.
Woher wußten Sie das?
ALFRED.
Ich wußt es.
(Stille)
MARIANNE.
Die Donau ist weich wie Samt —
ALFRED. Wie Samt.
MARIANNE. Heut möcht ich weit fort — Heut könnt man im Freien übernachten.
ALFRED.
Leicht.
MARIANNE.
Ach, wir armen Kulturmenschen! Was haben wir von unserer Natur!
ALFRED.
Was haben wir aus unserer Natur gemacht? Eine Zwangsjacke. Keiner darf, wie er will.
MARIANNE.
Und keiner will, wie er darf.
(Stille)
ALFRED. Und keiner darf, wie er kann.
MARIANNE.
Und keiner kann, wie er soll —
ALFRED.
(umarmt sie mit großer Gebärde, und sie wehrt sich mit keiner Faser — ein langer Kuß)
MARIANNE.
(haucht.) Ich habs gewußt, ich habs gewußt —
ALFRED.
Ich auch.
MARIANNE.
Liebst du mich, wie du solltest — ?
ALFRED.
Das hab ich im Gefühl. Komm, setzen wir uns. (Sie setzen sich.)
(Stille)
(Zitat: Ödön von Horváth: Geschichten aus dem Wiener Wald. Digitale Edition. Graz 2017.
Was finde ich an dem Text interessant?
„In der Luft ist ein Klingen und Singen — als verklänge irgendwo immer wieder der Walzer ‚Geschichten aus dem Wiener Wald‘ von Johann Strauss“ (WA 3, S. 705), und ruhig schlängelt sich da „die schöne blaue Donau“ (ebd.) durch die Wachau und den Wiener Wald — doch die soziale Härte ist allgegenwärtig: Gesellschaftliche Zwänge und Entscheidungen Dritter bestimmen das Handeln der Figuren. Gerade dieser von Horváth bewusst forcierte Kontrast zwischen permanentem Kitsch und gleichzeitiger Brutalität interessiert mich besonders an dem Volksstück. Er sorgt dafür, dass einem das anfängliche Lachen im Halse steckenbleibt, und lässt die gesellschaftlich bestimmten Lebensbedingungen der Figuren umso beklemmender erscheinen.
Maximilian Menzel (M.A.-Studierender)