Christian Morgenstern (1871-1914)

Übersicht: Das lyrische Werk


Morgensterns Werk ist ebenso umfangreich wie vielseitig: Einen Großteil macht seine sogenannte ernste Dichtung aus, die jedoch weitestgehend in Vergessenheit geraten ist. Die humoristische Dichtung hingegen hat ihn „unsterblich“ gemacht, denn „ihre Originalität und Raffinesse sind unübertroffen geblieben in der deutschsprachigen Lyrik“ (Palm Meister 1983: 10). Sein Gedichtzyklus Galgenlieder ist der erste und bekannteste seiner humorvollen, sprachspielerischen Lyrik, die explizit dem ‚Kind im Manne‘ gewidmet ist. Wie das Spiel unter Kindern seien die Galgenlieder ein „Spiel in der Kunst“, das den Versuch darstellt, das Leiden eines Erwachsenen „an der Rätselhaftigkeit des Lebens, der Gesellschaft, Gottes usw. dadurch zu mildern“, dass er sie verzerrt, zerlegt, aus ihrem Zusammenhang löst und wieder neu zusammensetzt (ebd.: 6).
Welcher Gattung diese Gedichte zuzuordnen sind, ist nicht eindeutig feststellbar. Die häufigste Zuordnung findet zu den Grotesken statt, die bis ins 16. Jahrhundert zurückzuverfolgen sind (Monecke 2020). Eine Groteske bezeichnet im Kern eine Verfremdung der Realität, indem sie das, was als ‚normal‘ und gewohnt gilt, in andere Kontexte bettet und so fremd erscheinen lässt (Palm Meister 1983: 6). Andererseits werden die Galgenlieder auch der Nonsens-Dichtung zugeordnet, also einer Dichtung, die sich explizit weigert, einen Sinn in sich zu tragen. Dem widerspricht, dass die Galgenlieder eine Form der Lebensweisheit darstellen, die aufs Kürzeste und Wesentliche heruntergebrochen sei (Wilson 2003: 39). Sie in die „Schublade Unsinnspoesie“ zu stecken, könne nur unter Verbiegung der Gedichte und somit unzulässig stattfinden (ebd.: 46).
Stattdessen finde sich in den Sprachspielen, Synonym- und Lauthäufungen, Neologismen und Fantasiewesen die Reflexion eingefahrener Konventionen im Sprachgebrauch, im Denken und auch in der Lyrik selbst. So wurde etwa das Gedicht Fisches Nachtgesang, das aus Schriftzeichen eine Fischform bildet, zeitgenössisch als Beleidigung der Poesie aufgefasst und nur als Scherz betrachtet, der ein „Symptom für die Gehirnmüdigkeit unserer Zeit“ darstelle (zit. nach Wilson 2003: 39). Doch in dieser Verwirrung der Gewohnheiten stecke ein „unverkennbar sprachreflektorisches, sprachkritisches Moment“ (ebd.: 50), das dazu zwingt, die gewohnte Betrachtung der Welt umzudenken.
In Morgensterns Lyrik führen die „reizvolle Rätselhaftigkeit vieler Wortbildungen“ und eine „sprachpsychologische[] Veranlagung“ dazu, dass Weltordnungen versagen (Palm Meister 1983: 10). Ursprünglich getrennte Lebensbereiche werden vermischt und Normabweichungen bilden plötzlich die Regel: In den daraus entstehenden Gedichten bildet sich eine phantastische Welt voller irrealer Wesen und bisher unbedachter Fragen, die nicht auf der Ebene von Humor stehen bleiben, sondern existenzielle Bereiche betreffen: Warum etwa gibt es kein Plural von ‚wer‘ (Der Werwolf)? Warum erhalten einige Wörter Einzug ins Wörterbuch und andere nicht (Das Nasobem)? Und was hat es mit all den Wesen auf sich, die wir aufgrund fehlender Referenzen nicht benennen können (Anto-Logie)?
Neben diesen philosophischen, sprachkritischen und unkonventionellen Dimensionen seiner Lyrik fasst Wilson dennoch die erste Begegnung mit Morgensterns Gedichten so zusammen: „Die Galgenlyrik machte Spaß; es machte Spaß, die Gedichte zu sprechen, sie zu flüstern, sie zu singen. Es waren andere Gedichte: nicht etwas, worüber man sprach, sondern etwas, das man sprach“ (Wilson 1983: 17).

Einordnung


1871 geboren, wuchs Morgenstern als Einzelkind in einer künstlerisch aktiven Familie auf: Zwei seiner Großväter waren bekannte Landschaftsmaler, seine Mutter spielte leidenschaftlich Klavier und sein Vater malte ebenfalls Landschaften, besonders gerne im Freien, wo er seinen Sohn überallhin mitnahm. Morgenstern wurde somit früh künstlerisch sozialisiert und lebte seine eigene Faszination für das Schreiben bereits mit 13 Jahren aus. Er verfasste erste humoristische Dramen und dichtete auf Latein klassische Verse der Troja-Sage in witzige Knittelverse um (Bauer 2014). Seinen kindlichen Spieltrieb behielt er bis ins Erwachsenenalter hinein, wie er 1907 in sein Tagebuch notierte: „Ich könnte heute noch im Walde wie ein Knabe spielen“ (zit. nach ebd.). Die Widmung der Galgenlieder an das ‚Kind im Manne‘ findet hier ein autobiographisches Pendant.
Ab den 1890ern bewegte sich Morgenstern im Münchner Künstlerkreis der Zeitschrift Tägliche Rundschau, zu dem auch etwa Paul Scheerbart, Heinrich und Julius Hart, Hanns Heinz Ewers und Hanns von Gumppenberg gehörten, die sich regelmäßig als „Schriftsteller-Klub“ trafen. Er schrieb darüber hinaus in den Feuilletons zahlreicher namhafter Zeitschriften der Jahrhundertwende, darunter die Freie Bühne, die Frankfurter Allgemeine Zeitung, der PAN und die Jugend (Kretschmer 1985: 3f.). Er erkrankte jedoch früh an Tuberkulose und musste Zeit seines Lebens immer wieder längere Aufenthalte in Kurorten oder Sanatorien in ganz Europa durchführen. Die Lungenkrankheit und ihre Heilung verband er mit Reisen, um so viel wie möglich von der Welt zu sehen und sie in seinen Plan einer „poetischen Symphonie“ zu integrieren, die er als Streben nach Wahrheit und Vollkommenheit begriff (ebd.: 4-6). Seine letzte Gedichtsammlung Ich und Du erschien 1912, als er mit seiner Ehefrau zusammen bereits nur noch in einem Sanatorium wohnen konnte. 1914 starb Morgenstern an der Tuberkulose in Meran (ebd.: 11).
Als Zeitgenosse des Fin de Siècle erlebte der Schriftsteller eine Phase des Umbruchs: Politische, technische, wissenschaftliche und gesellschaftliche Neuerungen und Veränderungen umgaben die Jahrhundertwende um 1900 und lösten in den Menschen Angst und Unsicherheit in Bezug auf Gegenwart und Zukunft aus. Die Literatur dieser Zeit kann unter dem Stichwort ‚Stilpluralismus‘ zusammengefasst werden; denn während etwa der Naturalismus streng an der Realität orientiert blieb, öffneten neoromantische Strömungen die Literatur für Märchenhaftes und Übernatürliches. Die Groteske bilde als literarischer Versuchsaufbau des Irrealen eine Distanz zur Realität, um diese besser bewältigen zu können. Zugleich diene sie der Vorführung, dass diese Realität sinnlos und zufällig sei. Palm Meister hält daher fest, dass umbruchsreiche Zeiten wie Jahrhundertwenden die perfekte Umgebung für diese lyrische Gattung seien, weil diese den Aufbruch ins Neue und Ungewisse begleiten können (Palm Meister 1983: 6). Unter diesen Umständen entstand Morgensterns humoristische Lyrik, die er selbst immer nur als spielerische Nebensache zu seinem eigentlichen, ernsthaften Werk angesehen hat (Wilson 1983: 20). Sie ist jedoch neben dem Spaß auch ein Abbild der Unsicherheiten und notwendigen Realitätsbewältigung der Jahrhundertwende.

Literaturangaben


  • Bauer, Michael: Christian Morgenstern. Leben und Werk. Stuttgart 2014.
  • Kretschmer, Ernst: Christian Morgenstern. Stuttgart 1985.
  • Monecke, Hiltgunt: Morgenstern, Christian: Galgenlieder. In: Heinz Ludwig Arnold (Hg.): Kindlers Literatur Lexikon (KLL). Stuttgart 2020. DOI: 10.1007/978-3-476-05728-0_12532-1.
  • Palm Meister, Christine: Greule Golch und Geigerich: die Nabelschnur zur Sprach-Wirklichkeit in der grotesken Lyrik von Christian Morgenstern. Uppsala/Stockholm 1983.
  • Wilson, Anthony T.: Über die Galgenlieder Christian Morgensterns. Würzburg 2003.


Ausgaben


  • Morgenstern, Christian: Werke und Briefe. Kommentierte Ausgabe. Band III: Humoristische Lyrik. Hg. von Maurice Cureau. Stuttgart 1990. (SDP-Bibliothek, Signatur W-MO 65 1/6:3)
  • Morgenstern, Christian: Galgenlieder, Gingganz und Horatius Travestitus. Sämtliche Dichtungen. Band 6. Nach der letzten Ausgabe von 1913. Basel 1972. (SDP-Bibliothek, Signatur W-MO 65 1/5:6)


Weiterführende Literatur / Ressourcen


  • Ferragamo, Emanuela: Paradies Parodie. Christian Morgenstern parodistische Poetik. Würzburg 2021.
  • Fromm, Waldemar/May, Markus (Hg.): „Ein wirrer Traum entstellte mir die Nacht“: Neue Perspektiven auf das Werk Christian Morgensterns. Stuttgart 2017.
  • Henne, Helmut: „Umwortung aller Worte“: Christian Morgenstern. In: Ders.: Sprachliche Spur der Moderne in Gedichten um 1900. Nietzsche, Holz, George, Rilke, Morgenstern. Berlin 2010, S. 111-132.
  • Hüneke, Andreas/Roßbach, Jürgen (Hg): Das Leben hat viele Gesichter: Facetten zu Christian Morgenstern. Darmstadt 2023.
  • Kretschmer, Ernst: Die Welt der Galgenlieder Christian Morgensterns und der viktorianische Nonsense. Berlin/New York 1983.
  • Meyer, Sabine: Die Signifikanz des Signifikanten. Zur Übersetzung der Selbstreferenzialität poetischer Sprachverwendung am Beispiel von Christian Morgenstern und Stéphane Mallarmé. Dissertation. München 2024.


Lesedauer


  • Galgenlieder: 25-30 Min. (individuelle Lesezeit)


Leseprobe


Anto-Logie (1905)

Im Anfang lebte, wie bekannt,
als größter Säuger der Gig-ant.
Wobei gig eine Zahl ist, die
es nicht mehr gibt, – so groß war sie!

Doch jene Größe schwand wie Rauch.
Zeit gab's genug – und Zahlen auch.
Bis eines Tags, ein winzig Ding,
der Zwölef-ant das Reich empfing.

Wo blieb sein Reich? Wo blieb er selb? –
Sein Bein wird im Museum gelb.
Zwar gab die gütige Natur
den Elef-anten uns dafur.

Doch ach, der Pulverpavian,
der Mensch, voll Gier nach seinem Zahn,
erschießt ihn, statt ihm Zeit zu lassen,
zum Zehen-anten zu verblassen.

O, »Klub zum Schutz der wilden Tiere«,
hilf, daß der Mensch nicht ruiniere
die Sprossen dieser Riesenleiter,
die stets noch weiter führt und weiter!

Wie dankbar wird der Ant dir sein,
läßt du ihn wachsen und gedeihn, –‚
bis er dereinst im Nebel hinten
als Nulel-ant wird stumm verschwinden.


(Zitat: TextGrid Repository (2012). Morgenstern, Christian. Gedichte. Galgenlieder. 5. Anto-Logie. TextGrid Digitale Bibliothek.)

Was finde ich an diesen Gedichten interessant?


Morgensterns Lyrik ist passend für jede Lebenslage: Sie ist oft leicht bekömmlich und witzig, genauso oft klug und sprachreflektierend, kann aber ebenso auch melancholisch sein und Antworten auf die großen Fragen des Lebens abwägen. Ich konnte bereits in der Grundschule das Gedicht Der Werwolf auswendig, obwohl ich außer dem Sprachspiel nicht viel davon verstanden habe: „des Weswolfs, Genitiv sodann, / dem Wemwolf, Dativ, wie man‘s nennt, / den Wenwolf, – damit hat‘s ein End.“
Heute erkenne ich darin die Grenzen des menschlichen (und wölfischen) Seins, den unerreichbaren Wunsch nach Vervollkommnung und zugleich die komische Tragik unserer Sprache, bestimmte Dinge einfach nicht ausdrücken zu können. Morgenstern spielt in der Mischung aus Humor und Ernst auch mit dem Spruch: Die Grenzen meiner Sprache sind die Grenzen meiner Welt (frei nach Wittgenstein).
Indem er immer wieder neue Begriffe erfindet (Das Vierviertelschwein, Das Nasobem, Der Elf-Zwölf), zeigt er, dass Sprache nur eine Form von Konstruktion und Gewohnheit ist, die künstlerisch und spielerisch immer wieder erweitert werden kann – oder sogar muss? Der Umgang mit Dekonstruktion von Sinn und die damit verbundene auch funktionslose Freude an Sprache („Ein Wiesel saß auf einem Kiesel“) machen Morgenstern zu einem Lyriker, an dessen Werk man ästhetische Erfahrungen machen, existenzielle Fragen diskutieren und einfach Spaß haben kann.

Katarina Fiedler (M.A./M.Edu.-Studierende)