Hilde Domin (1909–2006)

Übersicht: Das lyrische Werk


„Ich richte mir ein Zimmer ein in der Luft / unter den Akrobaten und Vögeln“ (Domin 2009, S. 48), mit diesen Versen beginnt das Titelgedicht von Hilde Domins erstem, 1959 veröffentlichten Gedichtband Nur eine Rose als Stütze. In ihnen kommt die Erfahrung von Heimatlosigkeit zum Ausdruck, um die Domins erster Band thematisch kreist. Das lyrische Ich sucht Halt in der Luft, im Immateriellen, und findet es am Ende des Gedichts schließlich im dichterischen Wort (vgl. Hammers 2017, S. 122f.). Die Metapher der Rose, die unter anderem bei ihrem Zeitgenossen Paul Celan zur „Niemandsrose“ verkommt, wird bei Domin so zum Zeichen für den Glauben an die Sprache und die Kraft der Lyrik (vgl. Braun 2020).
Mit dem Thema der Heimatlosigkeit sind im ersten Band weitere existenzielle Themen eng verknüpft, insbesondere Fremdheit, Zugehörigkeit, Verlust und Vergänglichkeit. Der Mensch erscheint als „Wanderer“ (Domin 2009, S. 11) ohne Verankerung: „Ach, mein Körper aus Sand!“ (ebd., S. 19). Dabei greifen die Gedichte zahlreiche Naturmotive – Bäume, Blumen, Landschaften, Vögel – auf, die dem Menschen einerseits die Fragilität seines Daseins vor Augen führen und andererseits die Möglichkeit, in genau dieser starken Bildlichkeit Halt zu finden: „Die kahlen Birken am Weg, / glatte weiße Finger, / kennen das Ziel / besser als ich.“ (ebd., S. 62) Formal zeichnen sich die Gedichte durch ihre reduzierten, lakonischen freien Verse aus, die zumeist in unregelmäßigen Strophen arrangiert sind.
In Domins zwei darauffolgenden Gedichtbänden, Rückkehr der Schiffe (1962) und Hier (1964), werden die Themen des ersten Bandes weitergeführt, doch kommt nun das Thema der Rückkehr hinzu. Damit wird Domin zur „Dichterin der Rückkehr“, wie Hans-Georg Gadamer sie einmal nannte (zitiert nach Braun 2020), die den ambivalenten Prozess des Wiederankommens thematisiert: „Wenn alles dich einlädt, / das ist die Stunde / wo dich alles verläßt.“ (Domin 2009, S. 86) Vor allem für Hier kann eine zunehmende Reduktion der Sprache festgehalten werden, die die Interpunktion fast gänzlich tilgt und Aussagen auf prägnante Verse und Bilder beschränkt. In diesem Sinne finden sich einige haiku- und epigrammähnliche Gedichte in dem Band.
Diese formale Entwicklung verstärkt sich in Ich will dich (1970), Domins viertem Band. Er markiert einen klaren Wechsel in ihrer Lyrik und hat nun vermehrt Gedichte zu Themen der sozialpolitischen Gegenwart zum Gegenstand: Krieg, Frieden und Gewalt. Die appellative Form einiger dieser Gedichte zielt zudem auf die Verantwortung des Einzelnen, worin ihr politischer Charakter verstanden werden kann (vgl. Hammers 2017, S. 145f.). Mit ihrem letzten Gedichtband, Der Baum blüht trotzdem (1999), nimmt Domin schließlich Motive und Formen ihrer frühen Lyrik wieder auf.

Einordnung


Bei „Hilde Domin“ handelt es sich um das Pseudonym von Hildegard Palm, geborene Löwenstein. Der Name ist eine Hommage an die Dominikanische Republik, die ihr als Jüdin während der NS-Zeit zur Zuflucht wurde: „[I]ch selber rief mich / mit dem Namen einer Insel“ (Domin 2009, S. 238). Hinter ihrem freigewählten Künstlernamen versteckt sich damit bereits ein zentrales Motiv ihres lyrischen Schaffens: das Exil. Er verweist außerdem auf die enge Verknüpfung zwischen Domins Lyrik und ihrem Leben. Während vor allem ihre frühe Lyrik den existenziellen Heimat- und Sprachverlust angesichts ihrer Exilerfahrung thematisiert und sich mit der Rückkehr aus dem Exil in die deutsche Heimat und Sprache beschäftigt, entwickelt sich daraus später eine zunehmend gesellschaftlich engagierte Lyrik.
Obwohl Domin auch Romane und Essays veröffentlichte, ist sie vor allem als Lyrikerin bekannt. Innerhalb der heterogenen deutschsprachigen Nachkriegslyrik nimmt sie als Vertreterin einer „nachgeholten Moderne“ (Braun 2020) eine besondere Stellung ein: Geprägt von der Lyrik der europäischen und lateinamerikanischen Moderne trug sie wesentlich dazu bei, die deutschsprachige Lyrik nach 1945 wieder an internationale Entwicklungen anzuknüpfen (vgl. ebd.). Dabei wirkte sie nicht nur als Lyrikerin, sondern auch als Übersetzerin und übertrug Gedichte aus dem Spanischen, Italienischen, Französischen und Englischen ins Deutsche. Diese Internationalität ist durch ihre Exilerfahrungen und weitere Auslandsaufenthalte nicht zuletzt biografisch begründet.
1909 in Köln geboren, wuchs Domin dort in einer assimilierten jüdischen Familie auf. Obwohl sie sich aufgrund ihrer Distanz zum jüdischen Glauben später ausdrücklich gegen die Bezeichnung als „jüdische Dichterin“ aussprach, verstand sie ihre jüdische Herkunft dennoch als „Zugehörigkeit zu einer Schicksalsgemeinschaft“ (Marion Tauschwitz zitiert nach Wiese 2012, S. 121), aus der sich für sie die Verantwortung ergab, von dem Leid der Verfolgten in ihrer Lyrik Zeugnis abzulegen. So stellt eines ihrer bekanntesten Gedichte, Wen es trifft, die Erfahrung von Verfolgung, Entmenschlichung und Überleben dar – unmittelbar und zugleich anonym, wodurch das individuelle Schicksal hinter einer stellvertretenden Erfahrung des Leidens zurücktritt und erfahrbar wird.
Aufgrund ihrer jüdischen Identität war sie im Europa der 1930er Jahre zu zahlreichen Ortswechseln gezwungen. Angesichts des wachsenden Antisemitismus verließ Domin Deutschland im Jahr 1932, gemeinsam mit ihrem späteren Ehemann Erwin Walter Palm. In Rom und Florenz beendete sie ihr Studium und promovierte in Politikwissenschaft. Auf die Flucht aus dem faschistischen Italien nach London folgte 1940 das Exil in Santo Domingo, Dominikanische Republik. Die frühe Emigration verstand sie rückblickend „als individuellen Akt einer dem Zwang zuvorkommenden Freiheit“ (Wiese 2012, S. 120). Erst 1954 kehrte sie nach Deutschland zurück. Zunächst war diese Rückkehr von langjährigen Aufenthalten in Spanien unterbrochen, bis sie dann ab 1961 dauerhaft in Heidelberg lebte.
Zehn Jahre zuvor hatte ihre ‚Neugeburt‘ stattgefunden, die den Beginn ihres lyrischen Schaffens markierte: „Ich kam erst 1951 auf die Welt. Weinend, wie jeder in diese Welt kommt. […] Als ich die Augen öffnete, verwaist und vertrieben, da stand ich auf und ging heim, in das Wort. […] Das Wort aber war das deutsche Wort.“ (Domin 1998, S. 21f.) Durch den Tod ihrer Mutter, der eine schwere Lebenskrise auslöste, fand Domin also vergleichsweise spät zum Schreiben. Nach Jahren des Exils und der Entwurzelung galt ihr die Lyrik als Heimkehr in die deutsche Sprache, ihr „Sprachzuhause“ (Domin zitiert nach Wiese 2012, S. 120). Mit dieser Heimkehr begann zugleich ihre erfolgreiche literarische Karriere, in deren Verlauf sie zahlreiche Preise erhielt.
Bereits ihr erster Gedichtband, Nur eine Rose als Stütze (1959), der Gedichte aus dem Exil sowie aus der Zeit ihrer Rückkehr nach Deutschland enthält, wurde von der zeitgenössischen Kritik positiv aufgenommen (vgl. Hammers 2017, S. 21). Gelobt wurden die Gedichte für ihre Zugänglichkeit, die zum „Etikett Dominscher Lyrik“ (ebd., S. 22) wurde, sich durch Klarheit, Einfachheit und Sprachpräzision auszeichnet und als Abkehr von der als überholt empfundenen hermetischen Nachkriegslyrik verstanden wurde. Dabei wurde sie mit bedeutenden zeitgenössischen Lyrikerinnen wie Nelly Sachs und Marie-Luise Kaschnitz verglichen (vgl. ebd.).
Mit ihren nachfolgenden Gedichtbänden, Rückkehr der Schiffe (1962) und Hier (1964), setzte Domin ihre frühe Schaffensphase fort und festigte ihre Stellung innerhalb der deutschsprachigen Nachkriegslyrik. Der politische Gehalt ihrer Gedichte nahm mit dem dritten Band bereits zu, wurde von der Kritik aber vor allem für ihren vierten Band, Ich will dich (1970), wahrgenommen (vgl. ebd., S. 27). Damit entwickelte sich Domin von einer sich zunächst vor allem mit existenziellen Themen befassenden Lyrikerin zur Dichterin des engagierten, „öffentlichen Gedichts“ (Braun 2020). In ihrem Essay Wozu Lyrik heute (1968) reflektiert sie dieses neue Lyrikverständnis und bestreitet damit auch Adornos vielzitiertes Diktum von der Barbarei, nach Ausschwitz ein Gedicht zu schreiben: Gedichte seien ein „Atemraum für Freiheit“ (zitiert nach Braun 2020), die die Wahrnehmung ihrer Lesenden schärfen und sie zu Freiheit, Menschlichkeit und eigenständigem Denken befähigen könnten. So thematisiert das Gedicht Abel steh auf die Hoffnung auf einen gesellschaftlichen Neubeginn anhand des biblischen Brudermords: „Abel steh auf / damit es anders anfängt / zwischen uns allen“ (Domin 2006, S. 171).
Diese hoffnungsvolle Haltung findet sich auch in Domins fünftem und letzten Gedichtband, Der Baum blüht trotzdem (1999), der sowohl neue als bereits veröffentlichte Gedichte versammelt. Er erschien zu ihrem 90. Geburtstag und kann als Bilanz ihres lyrischen Werks verstanden werden, der ihr Lebensmotto des „Dennoch“ noch einmal aufgreift (vgl. Braun 2015, S. 389f.). In ihrem ersten Band heißt es bereits: „Man muß weggehen können / und doch sein wie ein Baum“ (Domin 2009, S. 10). Dieses „Doch“ findet sich nun im Titelgedicht des letzten Bandes wieder: Der blühende Baum steht symbolisch für das Leben, das sich unter widrigen Bedingungen „trotzdem“ behauptet. Für ihre Gedichte lässt sich damit ein Glaube an das Leben und eine Hoffnung im Allgemeinen trotz Erfahrungen von Verfolgung, Heimatlosigkeit und Exil resümieren. Domin verstarb 2006 in Heidelberg – in den Feuilletons der großen Zeitungen erschienen durchweg anerkennende Nachrufe, die sie als eine der bedeutendsten Stimmen der Nachkriegslyrik priesen.

Literaturangaben


  • Braun, Michael: Art. Domin, Hilde. Das lyrische Werk. In: Heinz-Ludwig Arnold (Hg.): Kindlers Literatur Lexikon. Stuttgart 2020.
  • Braun, Michael: Das „Dennoch“ von Flucht und Vertreibung. Hilde Domin als Dichterin des Exils. In: Communio 44 (2015), S. 389–402.
  • Domin, Hilde: Sämtliche Gedichte. Hg. von Nikola Herweg/Melanie Reinhold. Mit einem Nachwort von Ruth Klüger. Frankfurt a.M. 2009. (Vereinigte Theologische Seminare, Signatur: HSi 142)
  • Domin, Hilde: Gesammelte autobiographische Schriften. Fast ein Lebenslauf. München/Zürich 1998. (SDP-Bibliothek, Signatur: X-DO 55 2/3)
  • Hammers, Irmgard: Hilde Domin. Dichtungstheoretische Reflexion und künstlerische Verwirklichung. Köln/Weimar/Wien 2017. (SUB Ausleihbestand)
  • Wiese, Christian: Art. Domin, Hilde. In: Andreas B. Kilcher (Hg.): Metzler Lexikon der deutsch-jüdischen Literatur. Jüdische Autorinnen und Autoren deutscher Sprache von der Aufklärung bis zur Gegenwart. 2., aktualisierte und erweiterte Aufl. Stuttgart 2012, S. 120–122. (SDP-Bibliothek, Signatur: A-6 3/25 2.A.)


Ausgaben


  • Domin, Hilde: Sämtliche Gedichte. Hg. von Nikola Herweg/Melanie Reinhold. Mit einem Nachwort von Ruth Klüger. Frankfurt a.M. 2009. (Vereinigte Theologische Seminare, Signatur: HSi 142)
  • Domin, Hilde: Nur eine Rose als Stütze. Frankfurt a.M. 1994. (SDP-Bibliothek, Signatur: X-DO 55 4/1)


Weiterführende Literatur / Ressourcen


  • Tauschwitz, Marion: Hilde Domin. Dass ich sein kann, wie ich bin. Biografie. Mainz 2010.
  • Tauschwitz, Marion (Hg.): Unerhört nah. Erinnerungen an Hilde Domin. Heidelberg 2009.
  • von Wangenheim, Bettina (Hg.): Vokabular der Erinnerungen. Zum Werk von Hilde Domin. Aktualisierte Neuausgabe von Ilseluise Metz. Frankfurt a.M. 1998. (SDP-Bibliothek, Signatur: X-DO 55 5/5)


Lesedauer


  • Nur eine Rose als Stütze: ca. 1 Stunde (individuelle Lesezeit)


Leseprobe


Herbstzeitlosen

Für uns, denen der Pfosten der Tür verbrannt ist,
an dem die Jahre der Kindheit
Zentimeter für Zentimeter
eingetragen waren.

Die wir keinen Baum
in unseren Garten pflanzten,
um den Stuhl
in seinen wachsenden Schatten zu stellen.

Die wir am Hügel niedersitzen,
als seien wir zu Hirten bestellt
der Wolkenschafe, die auf der blauen
Weide über den Ulmen dahinziehn.

Für uns, die stets unterwegs sind
– lebenslängliche Reise,
wie zwischen Planeten – nach
einem neuen Beginn.

Für uns
stehen die Herbstzeitlosen auf
in den braunen Wiesen des Sommers,
und der Wald füllt sich
mit Brombeeren und Hagebutten –

Damit wir in den Spiegel sehen
und es lernen
unser Gesicht zu lesen,
in dem die Ankunft
sich langsam entblößt.


(Zitat: Hilde Domin: Sämtliche Gedichte. Hg. von Nikola Herweg/Melanie Reinhold. Mit einem Nachwort von Ruth Klüger. Frankfurt a.M. 2009, S. 13f.; frei verfügbares PDF des S. Fischer Verlags)

Was finde ich an diesen Gedichten interessant?


Mich berühren insbesondere Hilde Domins frühe Gedichte. Ihnen sind die erschütternden Erfahrungen ihrer Verfasserin eingeschrieben: Existenzielle Themen von Verlust, Fremdheit und Zugehörigkeit werden durch eine reduzierte, zugängliche Sprache und eine starke Bildlichkeit unmittelbar und eindringlich verhandelt. Die klaren Bilder, die leichtfüßigen freien Verse nehmen diesen Erfahrungen ihre Schwere und gerade darin zeigt sich für mich das Hoffnungsvolle von Domins Gedichten und die Kraft der Lyrik, um die es auch Domin immer wieder ging. Eine meiner liebsten Strophen von ihr findet sich im Gedicht „Herbstzeitlosen“ der obigen Leseprobe. Sie stellt einen beinahe schwerelosen Augenblick dar, dessen Friedlichkeit zu einem Gegenbild der erlebten unruhigen Heimatlosigkeit wird: „Die wir am Hügel niedersitzen, / als seien wir zu Hirten bestellt / der Wolkenschafe, die auf der blauen / Weide über den Ulmen dahinziehn.“

Johanna von der Fecht (M.A.-Studierende)