Clive Staples Lewis: The Magician’s Nephew (1955). Roman
Inhalt
Die Geschichte beginnt im späten viktorianischen London, wo die Kinder Digory Kirke und Polly Plummer aufeinandertreffen. Digory lebt mit seiner sterbenskranken Mutter bei seiner Tante Letty sowie seinem exzentrischen Onkel Andrew, der sich in seinem Arbeitszimmer heimlich als Zauberer versucht, im Haus neben Polly. Durch eine List drängt Andrew die ihm als Versuchsobjekte dienenden Kinder dazu, magische Ringe zu testen, die sie in den „Wald zwischen den Welten“ (Lewis 2025, S. 38) befördern – einen neutralen Ort mit Dutzenden von Teichen, die als Tore zu unzähligen anderen Universen dienen.
Bei der Erkundung einer sterbenden Welt namens Charn begeht Digory aus Neugier den fatalen Fehler, eine Glocke zu läuten. Damit erweckt er versehentlich die grausame Königin Jadis (die spätere Weiße Hexe) aus ihrem Zauberschlaf. Jadis folgt den Kindern in ihre Welt nach London und sorgt dort im Versuch, die Herrschaft über diese Welt an sich zu reißen, für Chaos. In der Bemühung, sie mit ihren Zauberringen aus ihrer Welt wieder herauszuschaffen, transportieren Polly und Digory die Hexe und darüber hinaus versehentlich auch Onkel Andrew, einen Kutscher samt Pferd sowie eine Eisenstange von einer Londoner Straßenlaterne (aus der später eine immer leuchtende Straßenlaterne für Narnia erwächst) erneut in den Wald zwischen den Welten und landen von dort aus schließlich in einer völligen Dunkelheit, im Nichts: in einer noch leeren Welt, die gerade erst erschaffen wird.
In dieser Leere hören sie plötzlich ein Lied. Der mächtige Löwe Aslan erscheint und singt das Land Narnia buchstäblich ins Dasein. Die Sterne, die Sonne, die Pflanzen und Tiere, die aus „dem Kopf des Löwen” (ebd., S. 99) kommen, erwachen durch seinen Gesang zum Leben. Ausgewählten Tieren verleiht Aslan mit seiner Stimme weiterhin die Fähigkeit der Sprache: „Narnia, Narnia, Narnia, erwache. Liebe. Denke. Sprich. Seid wandelnde Bäume. Seid sprechende Tiere. Seid heilige Wasser” (ebd., S. 108). Doch mit Jadis ist bereits das Böse in diese neue Welt eingedrungen. Aslan beruft einige der Tiere in seinen Rat, um mit ihnen Sicherheitsvorkehrungen für Narnia zu treffen und ernennt außerdem den Kutscher Frank und seine Frau Helen, die durch einen Ruf des Löwen ebenfalls in Narnia erscheint, zum ersten Königspaar von Narnia.
Um seinen folgenschweren Fehler wiedergutzumachen, erklärt sich Digory auf Aslans Frage hin bereit, zu helfen. Zusammen mit Polly und dem Pferd des Kutschers, das Aslan kurzerhand in ein geflügeltes Pferd verwandelt, begeben sich die drei auf eine Reise. Die von Aslan beschriebene Aufgabe: Das Pflücken eines Apfels von einem Apfelbaum, der in einem Garten auf einem Hügel steht. Am erreichten Ziel angekommen, widersteht Digory dem Überredungsversuch der plötzlich auftauchenden Hexe Jadis, den silbernen Apfel als Heilung für seine sterbende Mutter zu stehlen, und bringt ihn stattdessen wie versprochen zu Aslan.
Aus dem Samen des magischen Apfels wächst ein Schutzbaum, der Narnia für viele Jahrhunderte vor Jadis schützt, die sich weit in den Norden Narnias zurückzieht. Aslan schenkt Digory vor seiner und Pollys Rückkehr in ihre Welt zudem eine Frucht des Baumes, die Digorys Mutter im Londoner Alltag tatsächlich heilt. Das Kerngehäuse dieses Apfels vergräbt Digory im Garten, woraus ein prächtiger Baum wächst. Jahre später wird aus dem Holz dieses Apfelbaumes ein Kleiderschrank gefertigt – das magische Portal, durch das im nächsten Band (The Lion, the Witch and the Wardrobe, dt. Der König von Narnia) die vier Geschwister Pevensie den Weg nach Narnia finden werden.
Einordnung
The Magician’s Nephew (dt. Das Wunder von Narnia) gilt in der Chronologie der Handlung als erster Band der siebenbändigen Romanreihe Die Chroniken von Narnia des irischen Schriftstellers C. S. Lewis (1898-1963), da in diesem Teil von der Schöpfung Narnias erzählt wird. Er wurde jedoch erst als sechstes veröffentlicht, sodass die typische Lese- und Erzählreihenfolge der einzelnen Bände nicht der Veröffentlichungsreihenfolge entspricht. Wenn man das Lesen nach der zeitlichen Chronologie der Publikation bevorzugt, ist The Lion, the Witch and the Wardrobe (dt. Der König von Narnia) als erster Band anzusehen. Lewis dachte beim Schreiben dieses ersten Teils noch nicht an die folgenden Narnia-Geschichten, sodass sie sich erst nach und nach zur Folge der Chroniken zusammenschlossen (vgl. Kranz 1974, S. 122).
Strukturell lässt sich bei Fantasywelten zwischen geschlossenen und offenen Sekundärwelten unterscheiden: Narnia ist aufgrund der bestehenden Verbindung der geschaffenen Sekundärwelt, d.h. fantastischen Welt, mit der Primärwelt, d.h. realistischen Welt, durch Portale als offene Sekundärwelt zu charakterisieren und verknüpft mit einer abenteuerlichen Reise in die fremde Welt, in der es eine Aufgabe zu erfüllen gilt (vgl. Mohr 2012, S. 22f., 25f.). Die sieben Erzählungen umspannen fast die Hälfte des 20. Jahrhunderts (1900-1949) der Primärwelt bzw. unserer Zeit und über zweieinhalb Jahrtausende narnianischer Zeit, nämlich von 1–2555 N.Z., d.h. die Zeit von der Erschaffung Narnias im Jahr 1. N.Z, von der in The Magician’s Nephew erzählt wird bis hin zum Ende Narnias (vgl. Duriez 2005, S. 145, 224).
Nach Stefan Neuhaus lassen sich die Narnia-Bände aufgrund der Beziehung der fantastischen Welt zur menschlichen als Wirklichkeitsmärchen klassifizieren (vgl. Neuhaus 2013, S. 149). Das Konzept der „Subcreation” bzw. Sekundärschöpfung des britischen Schriftstellers J. R. R. Tolkien hatte einen nachhaltigen Einfluss auf Lewis und inspirierte ihn bei der Erschaffung seiner Welt Narnia (vgl. Duriez 2005, S. 118). Das Märchen erschien Lewis als Gattung am besten dazu geeignet, um das auszudrücken, was er sagen wollte (vgl. Kranz 1974, S. 122). Im Leser erwecke das Märchenland eine Sehnsucht nach etwas jenseits seiner Reichweite bzw. etwas Transzendentem, und der tatsächlichen Welt werde so eine neue Tiefendimension verliehen (vgl. ebd., S. 46f.). Lewis glaubte wie Tolkien, dass das Geschichtenerzählen der natürlichste Weg zur Vermittlung geistlicher Einsichten und Wahrheiten über das Wesen der Wirklichkeit ist (vgl. Duriez 2005, S. 125).
Mit Tolkien, den er am Magdalen College in Oxford kennenlernte, verband Lewis eine enge, fast 40 Jahre überdauernde und sich gegenseitig stützende Freundschaft (vgl. ebd., S. 35, 181). Die beiden Autoren führten Gespräche über ihre Texte genauso wie über die Theologie und Philosophie, und aus dieser Harmonie und ihren ähnlichen Vorstellungen erwuchs auch der 1933 gegründete literarische Freundeskreis und Diskussionszirkel der „Inklings” (vgl. ebd., S. 36).
Nicht nur Tolkiens Schreiben prägte ihn, auch kam Lewis als langjähriger Atheist durch den Einfluss Tolkiens schließlich zu der Überzeugung über die Wahrheit des Christentums (vgl. ebd., S. 182), welche geistige Entwicklung er etwa in The Pilgrim’s Regress (1933) und Surprised by Joy (1955) schildert (vgl. Kranz 1974, S. 112f.). Beide Autoren gehören mit ihren Werken aufgrund ihrer christlichen Prägung zu den zentralen Vertretern der sogenannten christlichen Fantasy, einem Untertyp der Fantasy-Literatur (vgl. Duriez 2005, S. 108). Die von Lewis geschaffene mythische Welt Narnias ist christlich grundiert, was sich an zahlreichen Anspielungen auf die Bibel erkennen lässt, sodass sich der Text als Allegorie der christlichen Religion verstehe, so Neuhaus (vgl. Neuhaus 2013, S. 149–151). Ein häufig christlich interpretiertes Textmotiv ist beispielsweise Aslans Auftrag für Digory, der einen silbernen Apfel zu ihm bringen soll und während der Reise mit der Versuchung konfrontiert wird, den magischen Apfel zur Heilung seiner Mutter zu stehlen statt ihn wie befohlen zu Aslan zu bringen, was sich als Anspielung auf die uralte Versuchung Evas lesen lasse (vgl. Duriez 2005, S. 131). Dass Aslan die Menschen als „Adamssöhne” und „Evastöchter” anspricht, macht den Bezug zur Bibel im Text explizit.
Auch Tolkien las die Chroniken so und kritisierte Lewis stark dafür, dass die Romane zu allegorisch seien und nach seiner Meinung zu bewusst die Vermittlung des Wahrheitsanspruchs des Christentums intendieren würden (vgl. ebd., S. 105, 181f.). Einer solchen allegorischen Lesart jedoch widerspricht Lewis entschieden: Er stellte nachdrücklich klar, dass er nicht beabsichtigt habe, Aslans als Allegorie zu Christus darzustellen und lediglich Antworten auf „Was-wäre-wenn-Fragen” geben wolle (vgl. ebd., S. 105). Statt einer allegorischen, hätten seine „works of fiction” vielmehr mythische Qualität: Sie sind „uneigentliche Ausdrucksformen unsichtbarer, aber als real geglaubter Wirklichkeit. In ihnen sind Theologie, Mythologie und Dichtung zu einer Einheit verbunden, die den Leser mit Macht bewegt” (Kranz 1974, S. 73). Der Mythos steht nach Lewis höher als eine Allegorie, „in die der Autor nur eine einzige Bedeutung hineingelegt hat, die ihm selbst bewußt ist. In einen Mythos legt er hinein, was er selbst noch nicht weiß, was aber der spätere Leser beim Lesen des Mythos versteht” (ebd., S. 85). Lewis übernahm Tolkiens Ansicht über die zentrale Bedeutung des Mythos für fantastische Erzählungen und schöpfte Inspiration aus der antiken, altnordischen und keltischen Mythologie (vgl. Duriez 2005, S. 96f.).
Die Imaginationskraft als ursprünglichste Kraft im Autor mache Lewis zu einem „geborene[n] Erzähler” (Kranz 1974, S. 119). Bereits mit sechs Jahren schrieb er phantastische Tiergeschichten (vgl. ebd.). Lewis’ schöpferischer Prozess begann stets damit, dass er Bilder sah (vgl. ebd., S. 73). Nach einem erfolgreichen Studienabschluss in Philosophie, alten Sprache und englischer Literatur folgten 40 Jahre Lehrtätigkeit im Fach der Englischen Literatur: im Magdalen College zu Oxford und in Cambridge, wo er einen Lehrstuhl für englische Literatur des Mittelalters und der Renaissance inne hatte (vgl. ebd., S. 112). Lewis’ erstes erzählendes Prosa-Werk ist Out of the Silent Planet (1938), ein Roman über die Weltraumfahrt, womit Lewis als erstes Science Fiction, Mythos und Theologie miteinander verband (vgl. ebd., S. 120). Seine große Produktivität zeigt sich an der Anzahl seiner veröffentlichten Bücher: Zu Lebzeiten publizierte er insgesamt 41 Bücher, darunter sowohl literaturwissenschaftliche Werke, Gedichte, Erzählungen, Romane, religionsphilosophische Essays sowie autobiographische Werke (vgl. ebd., S. 111). Der in Belfast geborene C. S. Lewis ist weltweit nicht nur als Schriftsteller und Literaturwissenschaftler, sondern ferner als Literaturhistoriker, Literaturkritiker, Religionsphilosoph und Dichter bekannt und sein Werk gehört zur Weltliteratur (vgl. ebd., S. 1, 103, 112).
Literaturangaben
- Duriez, Colin: Streifzüge durch Narnia. Ein Reiseführer durch die faszinierende Welt von C. S. Lewis. Asslar 2005. (SUB: Signatur 2006 A 10809)
- Gehring, Martin: Fantasy für Kinder! Die theoretischen Positionen von J. R. R. Tolkien und C. S. Lewis und die aktuelle Bedeutsamkeit des Mythos in der literarischen Fantasy. In: Kinderliterarische Mythen-Translation. Zur Konstruktion phantastischer Welten bei Tove Jansson, C. S. Lewis und J. R. R. Tolkien. Hg. von Gunda Mairbäurl et. al. Wien 2013, S. 117–131. (SUB: Signatur 2014 A 15603)
- Kranz, Gisbert: C. S. Lewis. Studien zu Leben und Werk. Bonn 1974. (SUB: Signatur ZA 15136:158)
- Lewis, C. S.: Das Wunder von Narnia / Der König von Narnia. Die Chroniken von Narnia Bd. 1 und 2. Aus dem Englischen von Wolfgang Hohlbein und Christian Rendel. 6. Aufl. Berlin 2025.
- Mohr, Judith: Zwischen Mittelerde und Tintenwelt. Zur Struktur fantastischer Welten in der Fantasy. Frankfurt a. M. 2012. (SDP-Bibliothek: Signatur E-13 8/120)
- Neuhaus, Stefan: Spiegelwelten. Zur Funktion und Rezeption phantastischer Mythen bei Tove Jansson, C. S. Lewis und anderen. In: Kinderliterarische Mythen-Translation. Zur Konstruktion phantastischer Welten bei Tove Jansson, C. S. Lewis und J. R. R. Tolkien. Hg. von Gunda Mairbäurl et. al. Wien 2013, S. 143–159. (SUB: Signatur 2014 A 15603)
Ausgaben
- Englische Ausgabe: Lewis, C. S.: The Chronicles of Narnia 1. The Magician's Nephew. London 2001.
- Deutsche Ausgabe: Lewis, C. S.: Das Wunder von Narnia. Die Chroniken von Narnia Bd. 1. Aus dem Englischen von Wolfgang Hohlbein und Christian Rendel. 6. Aufl. Berlin 2015. (oder s. den oben angegebenen Doppelband, der Teil 1 und 2 enthält)
Weiterführende Literatur / Ressourcen
- Bartels-Ray, Gretchen. „Chronicling Narnia. History and Myth in C. S. Lewis’s Narnia Books.” In: The Lamp-Post of the Southern California C.S. Lewis Society, 41 (2023), No. 1, S. 3–27. JSTOR .
- Neuhaus, Stefan: C. S. Lewis. Die Chroniken von Narnia (1950-56). In Ders.: Märchen. 2., überarb. Aufl. Tübingen 2017, S. 317–326. (SDP-Bibliothek: Signatur: E-17 2/175)
- Schütze, Marli: Neue Wege nach Narnia und Mittelerde. Handlungskonstituenten in der Fantasy-Literatur von C. S. Lewis und J. R. R. Tolkien. Diss. Frankfurt a. M. 1986. (SUB: Signatur ZA 31648:156)
Lesedauer
- Individuelle Lesezeit: 4 Stunden
- Hörbuch: Gesprochen von Philipp Schepmann: 4 Stunden, 38 Minuten
Leseprobe
»Möchtest du nicht einen Ring haben, meine Liebe?«, sagte Onkel Andrew zu Polly.
(Zitat aus der frei verfügbaren Leseprobe des Ueberreuter Verlags.
»Meinen Sie etwa einen von diesen gelben oder grünen?«, fragte Polly. »Wie schön!«
»Keinen grünen«, erwiderte Onkel Andrew. »Die grünen kann ich nicht verschenken, fürchte ich. Aber ich würde dir mit Vergnügen einen von den gelben schenken; mit meinen besten Wünschen. Komm und probier einen an.«
Polly hatte ihre Angst inzwischen völlig vergessen und war sicher, dass der alte Herr keineswegs verrückt war; und diese funkelnden Ringe hatten zweifellos etwas seltsam Anziehendes. Sie ging hinüber zu dem Tablett.
»Nanu!«, sagte sie. »Das Summen wird hier ja auf einmal lauter. Es hört sich fast so an, als ob es von den Ringen käme.«
»Was für ein ulkiger Gedanke, meine Liebe«, sagte Onkel Andrew lachend. Das Lachen hörte sich ganz natürlich an, doch Digory entging nicht der ungeduldige, fast gierige Ausdruck auf seinem Gesicht.
»Polly! Sei nicht dumm!«, rief er. »Fass sie nicht an!«
Es war zu spät. Noch während er sprach, streckte Polly die Hand aus, um einen der Ringe zu berühren. Und im selben Moment, ohne einen Blitz oder einen Lärm oder irgendeine Art von Vorwarnung, war Polly nicht mehr da. Digory und sein Onkel waren allein im Zimmer.
Was finde ich an dem Text interessant?
Lewis’ Roman ist ein zentrales Werk der Fantasy-Literatur, das schöne Kindheitserinnerungen an die früher geschauten Narnia-Filme auslöst, aber auch noch für Erwachsene Unterhaltung und Inspiration bieten kann und an einigen Stellen zum Schmunzeln anregt. Unterhaltend finde ich etwa die gelegentliche direkte Ansprache der Leser:innen bzw. den Appell an ihre Vorstellung, die schon zu Beginn des Werks auffällt: „Diese Geschichte handelt von Dingen, die sich vor langer Zeit zugetragen haben, als dein Großvater noch ein Kind war. Es ist eine sehr wichtige Geschichte, denn sie zeigt, wie all das Hin und Her zwischen unserer Welt und dem Lande Narnia seinen Anfang nahm” (Lewis 2025, S. 9). Auch werden den Leser:innen vom mitunter auf einer Metaebene reflektierenden Erzähler des Romans menschliche Weisheiten oder kritische Reflexionen in leicht zugänglicher Form vermittelt, etwa über die oft ignorante Seite des Menschen, wie folgendes Textbeispiel zeigt: Onkel Andrew redet sich während der Erschaffung Narnias selbst solange ein, dass der wahrgenommene Gesang des Löwen Aslan lediglich Gebrüll sein muss (da Löwen gemeinhin in unserer Welt nicht singen können), bis diese Einbildung zu seiner Wahrheit wird: „Bald hörte er in Aslans Gesang nichts als Gebrüll. Und bald hätte er gar nichts anderes mehr hören können, selbst wenn er gewollt hätte” (ebd., S. 117).
Außerdem spannend finde ich, dass Bilder oft den Ausgangspunkt für Lewis’ Erzählen darstellen (vgl. Gehring 2013, S. 125) und dass Lewis der Fantasy einen sehr hohen Wert zuschreibt. Die imaginierte Geschichte habe primär den Verdienst, in eine besondere Erregung zu versetzen und eine Sehnsucht zu evozieren, in der sich die Atmosphäre des „ganzen Bilds” entfalte (vgl. ebd., S. 126). Hier zeigt sich Lewis’ Idee, dass die Fantasy als Fortführung des ganzen Bildes eine Art literarisches Experiment und einen spezifischen Versuch der poetischen Weltdeutung darstellt (vgl. ebd.). Sie befriedige die Sehnsucht der (nicht nur jugendlichen) Leser:innen, indem sie eine neue Dimension der Tiefe für sie erschaffe (vgl. ebd.). Lewis schrieb seine Chroniken ausdrücklich nicht bloß für Kinder; so meinte er, dass eine gute Erzählung auch noch im Alter gefallen würde, ansonsten sei sie auch eine schlechte Kinder-Geschichte und er wolle Kindern auf Augenhöhe, von Mensch zu Mensch, begegnen (vgl. ebd., S. 126f.). Seine Narnia-Chroniken sind jedoch kindgerecht erzählt, damit es schon jungen Lesern gelingen könne, das ganze Bild zu erfassen, Teilnehmer des phantastischen Experiments zu werden und einen tiefen Zugang zur Literatur zu erhalten (vgl. ebd.). Außerdem empfand es Lewis als förderlich, wenn sich Kinder durch phantastische Literatur mit Gefahren auseinandersetzen, da man so auch in der wirklichen Welt einen geschärften Blick gewinne, sodass das „supposal” durch die Chroniken pädagogisch wertvoll sei, ohne jedoch direkt belehren zu wollen (vgl. ebd., S. 127). Auch die Moral entwickele sich aus der Geschichte selbst und sei nicht die ursprüngliche Absicht des Autors gewesen (vgl. Kranz 1974, S. 122). Lewis spricht – ähnlich wie auch Tolkien – in seinen theoretischen Texten bezüglich des eskapistischen Potenzials der phantastischen Literatur von einer literarischen Grenzerfahrung, da sie den Leser verwandle und ihm in der Betrachtung der Wirklichkeit ganz neue Perspektiven eröffne (vgl. Gehring 2013, S. 128): eine erneuerte Sicht der Realität in all ihren Dimensionen, ihren alltäglichen, geistlichen, physischen wie moralischen (vgl. Duriez 2005, S. 126f.). Die Wahrnehmung nämlich kenne keine Grenzen außer denen der menschlichen Vorstellungskraft (vgl. ebd., S. 111).
Sidney Lazerus (M.A.-Studierende)