Thomas Mann: Tonio Kröger (1903). Novelle
Inhalt
Die Novelle gliedert sich in neun unterschiedlich lange Kapitel. Im ersten Kapitel begleiten wir den vierzehnjährigen Tonio Kröger auf seinem Spaziergang mit Hans Hansen. Tonio ist der Sohn des Kaufmanns und Konsuls Kröger und seiner südländischen Frau und die Familie bewohnt das herrschaftlichste Haus der an der Ostsee gelegenen Stadt. Durch seine Neigung zum Künstlerischen und Tiefgründigen, etwa zum Geigespielen und dem Schreiben von Versen, fühlt Tonio sich unter seinen Mitmenschen fremd und bringt schlechte Noten nach Hause. Er fragt sich häufig: „Warum bin ich doch so sonderlich und in Widerstreit mit allem, zerfallen mit den Lehrern und fremd unter den anderen Jungen?“ (Mann 2026, S. 12). Außerdem ist er unglücklich in den blonden, blauäugigen Hans verliebt, der das Gegenteil von ihm selbst verkörpert und sich allgemeiner Beliebtheit erfreut. Das zweite Kapitel schildert die Liebe des nun sechzehnjährigen Tonio zu der blonden, ebenfalls blauäugigen Ingeborg Holm, die ihm während einer Tanzstunde bewusst wird. Genauso wie vorher bei Hans leidet er an einer schmerzlichen Sehnsucht nach Ingeborg, die ihn jedoch keines Blickes würdigt.
Kapitel 3 erzählt vom Abschied Tonios aus seiner Vaterstadt, nachdem sein Vater gestorben und seine Mutter neuvermählt ausgewandert ist. Tonio gibt sich einem ausschweifenden Leben in großen Städten im Süden hin, wovon er sich eine Reifung seiner Kunst und eine Überwindung seiner Einsamkeit erhofft, schnell aber spürt, dass er dieses Leben verabscheut. Dennoch kann er erste Erfolge mit seinen geschriebenen Versen verzeichnen und sich einen Namen als Schriftsteller machen.
Das vierte Kapitel kreist um einen Besuch des nun über dreißigjährigen Tonios bei seiner Freundin, der Malerin Lisaweta Iwanowna, in einem Münchner Atelier. Tonio widmet sich in einer Art Selbstgespräch eingehend der Frage nach dem Wesen des Künstlers. So meint er etwa, ein Künstler brauche ein kühles, distanziertes Verhältnis zum Menschlichen und jede Empfindung sei unbrauchbar, weshalb er sich „in einem rätselhaften Gegensatz zu den Anderen, den Gewöhnlichen, den Ordentlichen“ (ebd., S. 39) fühlt. Lisaweta bringt die Antwort für seinen Konflikt knapp auf den Punkt: Er sei „ein Bürger auf Irrwegen“, ein „verirrter Bürger“ (ebd., S. 49). In Kapitel 5 berichtet Tonio Lisaweta von seinem Wunsch, nach Dänemark zu reisen. Auf seiner Reise kommt er nach dreizehn Jahren auch zurück zu seinem „Ausgangspunkt“ (ebd., S. 51), d.h. in seine Heimatstadt, wie Lisaweta ihm entlockt.
Von seinem kurzen Aufenthalt in seiner Vaterstadt erzählt das sechste Kapitel. Dort besichtigt Tonio sein Elternhaus, in dem mittlerweile die Volksbibliothek untergebracht ist, und wird von Wehmut über die wieder erwachten Kindheitserinnerungen eingeholt. Bevor er aus seinem Hotel auschecken kann, wird er von der Polizei befragt, die nach einem Betrüger aus München fahndet. Schließlich aber gewährt man ihm die Weiterreise. Mit dem Schiff reist der Protagonist nun nach Kopenhagen, wie im siebten Kapitel geschildert wird. Nach einer kurzen Besichtigungstour fährt er mit dem Schiff nach Helsingör und von dort aus weiter zu einem Badehotel in Aalsgaard, wo er ein Zimmer bezieht. Hier bleibt Tonio eine Weile und genießt die Zeit am Meer, wie Kapitel 8 darlegt. Als er eines Tages im Esssaal des Hotels frühstückt, sieht er plötzlich ein Paar hereinkommen, das ihn stark an Hans Hansen und Ingeborg Holm erinnert. Tonio beobachtet die beiden unbemerkt auf der abendlichen Tanzveranstaltung und ihn überfallen ein schmerzliches Heimweh und eine Eifersucht, die ihn in seine Jugendzeit zurückversetzen.
Im neunten Kapitel offenbart Tonio in einem Brief an Lisaweta schließlich seine innere Zerrissenheit zwischen Bürger- und Künstlertum: „Ich stehe zwischen zwei Welten, bin in keiner daheim und habe es infolge dessen ein wenig schwer“ (ebd., S. 89). Auch bekennt er sich zu seiner anhaltende Lieben zu den „Blonden und Blauäugigen“ (ebd., S. 90) beziehungsweise zu den Gewöhnlichen.
Einordnung
Tonio Kröger erschien 1903 zunächst in der Neuen Rundschau sowie im selben Jahr mit Thomas Manns Novellenband Tristan. Sechs Novellen auch als Buchausgabe und thematisiert im Kern den Konflikt zwischen Bürgertum und Künstlertum. Die Novelle gilt neben
Thomas Mann bezeichnete die Geschichte mehrmals als diejenige, die seinem Herzen am nächsten stand (vgl. ebd., S. 105f.). Der Entstehungskontext der Novelle ist stark autobiographisch geprägt und hatte eine existenzielle, persönliche Bedeutung einer künstlerischen wie lebensgeschichtlichen Neuausrichtung für Mann (vgl. ebd.). Zum einen ist schon der Kern der Novelle autobiographisch, denn Mann selbst unternahm im September 1899 eine Reise von München nach Dänemark, mit Station in Lübeck, aus welchem Nukleus die Geschichte erwuchs (vgl. Wißkirchen 2015, S. 111). Das Schreiben zog sich von 1899 bis Herbst 1902, da Mann die Arbeit am Text immer wieder unterbrochen hat (vgl. ebd.). Der Autor verarbeitete auch Einflüsse seiner eigenen Jugend und Schulzeit in Lübeck (vgl. ebd.). Zum Beispiel entspricht die Hans-Hansen-Figur in der Lebensgeschichte Manns seinem Klassenkameraden Armin Martens, in den er als Vierzehnjähriger verliebt war, wie er in Briefen und Gedichten mitteilte (vgl. Neumann 2023, S. 189).
Weitere wichtige Einflüsse für die Novelle waren die Philosophie Nietzsches und Schopenhauers und auch die Literatur Theodor Storms, v.a. in Hinblick auf die wehmütig-heimatliche Stimmung des Textes (vgl. Wißkirchen 2015, S. 111). Besonders Storms Novelle Immensee – die im Text auch explizit genannt wird (vgl. Mann 2026, S. 25f.) – gilt als wichtiger Bezugstext, ebenso wie dessen Gedicht Hyazinthen, aus dem ein Vers in Tonio Kröger zitiert wird (vgl. Wißkirchen 2015, S. 111). Ferner gab es Einflüsse aus der russischen Literatur (vgl. ebd.).
Das zentrale vierte Kapitel der Novelle enthält einen essayistischen, ebenfalls autobiographisch gefärbten Exkurs Manns über Kunst und Leben, Künstlertum und Gesellschaft (vgl. Honold 2026, S. 104). Schon der von Mann eigentlich für die Novelle vorgesehene Titel „Litteratur“ verweist darauf, dass der Autor erstmals den Anspruch und die Stellung der Literatur als zentralen Erzählgegenstand adressierte (vgl. ebd., S. 108f.). Anhand der Hauptfigur sollte Grundlegendes über das künstlerische Selbstverständnis sowie die soziale Position des Schriftstellers formuliert werden (vgl. ebd., S. 109). Die Literatur basiert nach der Vorstellung des Protagonisten auf einer strikten Trennung von Kunst und Leben, welcher ästhetizistischen Kunstphilosophie im Werk Manns damals eine große Bedeutung zukam (vgl. Wißkirchen 2015, S. 112).
Hans Hansen und Ingeborg Holm werden in der Novelle zu „Repräsentanten des Lebens“ (Wißkirchen 2015, S. 112). Im letzten Kapitel fasst Tonio seine Kunstphilosophie zusammen: Er sieht sich selbst als einen Künstler, der das Bürgerliche jedoch nicht verleugnen will (vgl. ebd.). In Tonio Kröger und auch in anderen Erzählungen Manns werde das geniale Künstlertum mit dem Verlust innerer Lebendigkeit erkauft, worunter die Protagonisten zu leiden haben (vgl. Neumann 2023, S. 180). Am Ende gesteht Tonio seine Bürgerliebe zum Menschlichen und Lebendigen aber ein, die ihn vom bloßen Literaten erst zum wirklichen Dichter mache (vgl. ebd., S. 185). Sein eigenes Bürgertum kann er zwar nicht in der sozialen Wirklichkeit ausleben, aber er erlebt dieses innerlich als eine tiefe Sehnsucht, die sich im künstlerischen Werk Ausdruck verschaffen kann (vgl. ebd.).
Mann verhandelt in der Novelle aber nicht nur den Gegensatz von Geist bzw. Kunst und Leben – der auch in der Forschung häufig als zentrales Sujet hervorgehoben wird –, sondern nach einer weiteren möglichen Lesart auch ein Lebensproblem des Autors: die „Übersetzung seines homosexuellen Begehrens in Literatur, das Ästhetisch-Werden einer ganz spezifischen Verliebtheit“ (Wißkirchen 2015, S. 113). Die umfangreiche, zeitgenössische Rezeption der Novelle bestand fast durchgängig aus Lob und bezog sich primär auf den autobiographischen Charakter des Textes, der von Beginn an „fast durchgängig als ein Selbstporträt Thomas Manns gelesen“ wurde (ebd., S. 112). Dass Tonio im Tanzsaal Hans Hansen und Ingeborg Holm, seine beiden ersten unglücklichen Lieben, nun als Paar sieht, ist als eine „phantastische Projektion eines Einsamen“, der den Kontakt zur Wirklichkeit verloren hat sowie als „symbolische Chiffre für die eigene Ausgeschlossenheit“ zu lesen, so Alexander Honold (Honold 2026, S. 121), was das Gefühl der Fremdheit verstärkt als ein die Novelle durchziehendes Motiv betont.
Andreas Blödorn hat untersucht, welche neuen Perspektiven die sich seit Anfang der 1990er Jahre etablierten Queer Studies für eine Analyse des Textes eröffnen können. Die Queer Studies untersuchen ,Identitäten‘ als Konstruktionen im Spannungsfeld verschiedener identitätsbildender Faktoren, wie das biologische und soziale Geschlecht sowie die sexuelle Orientierung (vgl. Blödorn 2006, S. 131). Die geschlechtliche Identität wird nicht als naturgegeben verstanden, sondern als soziales, kulturelles Konstrukt, „gekoppelt an gesellschaftliche Unterdrückungsprozesse, die der Machtausübung dienen und der Aufrechterhaltung von gesellschaftlicher Ordnung im Sinne einer zur Norm erhobenen ,Normalität‘“ (ebd.). Die Queer Theory befasst sich v.a. mit der Einteilung in eine scheinbare Norm (Heterosexualität) und die Abweichung davon (z.B. Homosexualität) und der Wechselbeziehung zwischen diesen beiden Polen (vgl. ebd., S. 133). In der Literaturwissenschaft lassen sich zwei Hauptansätze der Queer Studies nennen: Einerseits beschäftigen sich Forschende auf der Motivebene mit Texten, die queere Identitäten beschreiben, andererseits wird der Versuch unternommen, „eine Subversion heteronormativer Diskurse ausfindig zu machen“ (ebd., S. 134). Die Analyse zielt bspw. darauf, kulturelle, dichotomische Grenzziehungen aufzulösen oder zu unterminieren und Grenzen zwischen den Geschlechtern zu unterwandern (vgl. ebd.). Das zentrale Anliegen der Queer Studies, d.h. „die Konstruktion von Normalität und deren Umwertung zu normativen Wertung sowie deren Unterdrückungsmechanismen für Abweichendes und Andersartiges zu betrachten“ (ebd.), werfe ein neues Schlaglicht auf die im Frühwerk Manns häufig thematisierte Außenseiter-Problematik (vgl. ebd.). So werden bspw. die Fragen gestellt, wer wie definiert, was als ,normal‘ gilt, und wie sich diese Definitionen normativ auf Außenseiter auswirken (vgl. ebd.).
Tonio Kröger, „dessen gleichnamiger Held sein problematisches Außenseiter-Verhältnis zur Umwelt lebenslang auszuloten versucht, immer auf der Suche nach einem passenden Ort innerhalb der Gesellschaft“ (ebd., S. 135) bietet sich, so Blödorn, als Untersuchungsgegenstand für diese Fragen besonders an. Tonio Kröger sei ein „gespaltenes ,Mischwesen‘“ (ebd., S. 136), da er in sich zwei verschiedene wesensmäßige Pole habe, zwischen denen er hin- und hergerissen ist (vgl. ebd.). Diese Polarität werde im Text mithilfe zahlreicher Antithesen vielfach variiert, u.a. durch die Gegensätze Tonio vs. Kröger, Süden vs. Norden, Mutter vs. Vater, Künstler vs. Bürger, Geist/Erkenntnis vs. Leben (vgl. ebd., S. 137). Die Ironie der Novelle offenbare sich in Tonios permanentem Schwanken zwischen diesen Extremen: Indem er versucht, beides zugleich zu sein, verkörpert er im Grunde zugleich keines von beidem – ein Dilemma, das auch durch seine fortwährende Sehnsucht nach dem jeweils Anderen untermauert wird (vgl. ebd.). Die Novelle zeigt nach Blödorn aber somit auch die Möglichkeiten zwischen den Extremen auf, die Möglichkeit anderer ,Identitätsformen‘ (vgl. ebd., S. 144f.).
Literaturangaben
- Blödorn, Andreas: Von der Queer Theory zur Methode eines Queer Reading: Tonio Krögers verquere ,Normalität‘. Queer Studies. In: Tim Lörke / Christian Müller (Hg.): Vom Nutzen und Nachteil der Theorie für die Lektüre. Das Werk Thomas Manns im Lichte neuer Literaturtheorien. Würzburg 2006, S. 129–146.
- Honold, Alexander: Nachwort. In: Thomas Mann: Tonio Kröger. Novelle. Ditzingen 2026, S. 102–127.
- Mann, Thomas: Tonio Kröger. Novelle. Hg. von Alexander Honold. Ditzingen 2026.
- Neumann, Christian: Das Opfer der Lebendigkeit. Devitalisierung und Melancholie im Erzählwerk Theodor Storms, Thomas Manns und Franz Kafkas. Würzburg 2023.
- Wißkirchen, Hans: Tonio Kröger (1903). In: Andreas Blödorn / Friedhelm Marx (Hg.): Thomas Mann Handbuch. Leben – Werk – Wirkung. Stuttgart 2015, S. 111–114.
Ausgaben
- Mann, Thomas: Tonio Kröger. In: Thomas Mann: Frühe Erzählungen 1893–1912. Hg. und textkritisch durchges. von Terence J. Reed, unter Mitarbeit von Malte Herwig. Frankfurt a. M. 2004, S. 243–318. (=Große kommentierte Frankfurter Ausgabe. Werke – Briefe – Tagebücher. Hg. von Heinrich Detering et. al. Bd. 2,1). (SDP-Bibliothek: Signatur W-MA 50 1/8:2,1 oder X-M 0.2a:2,1 Ausleihbibl., SUB Standort: LS1, Signatur HS 600 ManT:z = FA 24843:2,1)
- Mann, Thomas: Tonio Kröger. Novelle. Hg. von Alexander Honold. Ditzingen 2026.
Weiterführende Literatur / Ressourcen
- Hurta, Jan: „Aber was ist der Künstler?“ Künstlertypologien im novellistischen Werk Thomas Manns. Bamberg 2020.
- Koopmann, Helmut (Hg.): Thomas-Mann-Handbuch. 3., aktual. Aufl. Stuttgart 2001.
- Kristiansen, Børge: Thomas Mann – Der ironische Metaphysiker. ,Nihilismus‘, Ironie, Anthropologie in Thomas Manns Erzählungen und im Zauberberg. Würzburg 2013.
- Schneider, Jens Ole: Unglückliche Modernität. Zur Pathologisierung des Künstlers und zum Versuch seiner Heilung in Tonio Kröger. In: Schwache Nerven, starke Texte. Thomas Mann, die bürgerliche Gesellschaft und der Neurasthenie-Diskurs. Hg. von Birgit Stammberger, Birte Lipinski und Cornelius Borck. Frankfurt a. M. 2021, S. 121–144.
- Deutsche Thomas Mann-Gesellschaft
Lesedauer
- Individuelle Lesezeit: ca. 2 Stunden (Reclam-Ausgabe 2026, 90 Seiten)
Leseprobe
Die Sache war die, daß Tonio Hans Hansen liebte und schon Vieles um ihn gelitten hatte. Wer am meisten liebt, ist der Unterlegene und muß leiden, – diese schlichte und harte Lehre hatte seine vierzehnjährige Seele bereits vom Leben entgegengenommen; und er war so geartet, daß er solche Erfahrungen wohl vermerkte, sie gleichsam innerlich aufschrieb und gewissermaßen seine Freude daran hatte, ohne sich freilich für seine Person danach zu richten und praktischen Nutzen daraus zu ziehen. Auch war es so mit ihm bestellt, daß er solche Lehren weit wichtiger und interessanter achtete, als die Kenntnisse, die man ihm in der Schule aufnötigte, ja, daß er sich während der Unterrichtsstunden in den gotischen Klassengewölben meistens damit abgab, solche Einsichten bis auf den Grund zu empfinden und völlig auszudenken. Und diese Beschäftigung bereitete ihm eine ganz ähnliche Genugtuung, wie wenn er mit seiner Geige (denn er spielte die Geige) in seinem Zimmer umherging und die Töne, so weich, wie er sie nur hervorzubringen vermochte, in das Plätschern des Springstrahles hinein erklingen ließ, der drunten im Garten unter den Zweigen des alten Walnußbaumes tänzelnd emporstieg …
Der Springbrunnen, der alte Walnußbaum, seine Geige und in der Ferne das Meer, die Ostsee, deren sommerliche Träume er in den Ferien belauschen durfte, diese Dinge waren es, die er liebte, mit denen er sich gleichsam umstellte, und zwischen denen sich sein inneres Leben abspielte, Dinge, deren Namen mit guter Wirkung in Versen zu verwenden sind und auch wirklich in den Versen, die Tonio Kröger zuweilen verfertigte, immer wieder erklangen.
Was finde ich an dem Text interessant?
Insbesondere die Darstellung der inneren Zerrissenheit und der psychischen, emotionalen Verfasstheit des Protagonisten finde ich interessant. So verharrt Tonio von seiner Jugendzeit an stets in einer distanzierten Beobachterrolle, anstatt die ersehnte Teilhabe zu erlangen. Seine äußere Passivität kontrastiert mit einer intensiven inneren Reflexion, da ein existenzielles Fremdheitsgefühl ihn von aktivem Handeln abhält. Dieser Konflikt stellt sich demnach nicht nur als Widerstreit zwischen Künstlertum und Bürgertum, sondern auch zwischen Geist und Leben, Innen und Außen, dar. Die Schilderung von Tonios Verunsicherung, des Unverstandenseins und seiner frühen, schon in der Jugend empfundenen Schamgefühle werden eindringlich beschrieben und von Mann sensibel eingefangen, was dem Text eine empathische Tiefe verleiht.
Sidney Lazerus (M.A.-Studierende)