Fontane: Notizbuch C4; © Staatsbibliothek zu Berlin, Preußischer Kulturbesitz

Theodor Fontanes Notizbücher sind das letzte noch unveröffentlichte größere Textkorpus des Autors, und es gibt nur wenige, den textkritischen Standards nicht genügende Teilpublikationen einzelner Notizbuchniederschriften. Von 1859 bis Ende der 1880er Jahre hat Fontane Notizbücher geführt, die eine Fülle unterschiedlicher Notate enthalten: Tagebuchaufzeichnungen, Briefkonzepte, poetische Pläne, Vortragsmitschriften, Entwürfe zu Theater- und Kunstkritiken, Buchexzerpte sowie Notizen und Zeichnungen, die während der Ausflüge durch die Mark Brandenburg sowie auf seinen Reisen entstanden sind. Die editorische Vernachlässigung hat zur Folge, dass eine Rezeption der Notizbücher ausgeblieben ist und die Aufzeichnungen für die Entstehungsgeschichte und Textgenese der Werke Fontanes nur gelegentlich ausgewertet wurden.
Die geplante genetisch-kritische Hybrid-Edition wird erstmals alle Notizbuchniederschriften ermitteln, auszeichnen und veröffentlichen. Im Unterschied zu den bisherigen, an inhaltlichen Kriterien orientierten Einzelpublikationen stellt das Editionskonzept die komplexe Überlieferung mit ihren materialen und medialen Kennzeichen in den Mittelpunkt. Die Ausgabe besteht aus zwei Teilen, die in abgestufter Weise die Materialität visualisieren und dokumentenorientierte, chronologische und teleologische Zugriffe ermöglichen sowie einen linearen les- und zitierbaren Text herstellen: Die elektronische Edition wird alle Notizbuchaufzeichnungen in synchroner Darstellung von Digitalisat und diplomatischer Transkription sowie einen historisch-kritischen Text mit textkritischem Apparat bereitstellen; die Buch-Edition wird die historisch-kritische Textfassung mit Apparat und ausgewählten Faksimiles veröffentlichen. Die genetisch-kritische Hybrid-Edition wird neue Impulse für die werkgenetische, literatur- und kulturwissenschaftliche sowie mentalitätsgeschichtliche Forschung geben; sie wird auch ein Modell für weitere Notizbuch-Editionen mit ähnlich schwierigem Überlieferungskontext zur Verfügung stellen.
Die Edition entsteht an der Theodor Fontane-Arbeitsstelle der Universität Göttingen zusammen mit der Niedersächsischen Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen. Das Projekt wird von der Staatsbibliothek zu Berlin, Preußischer Kulturbesitz, als assoziierter Partner unterstützt. Der Einsatz der Virtuellen Forschungsumgebung TextGrid erleichtert die Editionsarbeit durch Nachnutzung bestehender digitaler Werkzeuge und Basisdienste. Für die komplexen Anforderungen der Notizbuch-Edition wird die Forschungsumgebung angepasst und weiterentwickelt. Diese Weiterentwicklungen werden anderen Editionsprojekten in TextGrid zur Verfügung gestellt. Die langfristige Verfügbarkeit der Forschungsdaten wird über eine Veröffentlichung im TextGrid Repository sichergestellt, so dass eine Nachnutzung durch andere Wissenschaftler und Forschergruppen erleichtert wird.
Das Editionsprojekt wird von Juni 2011 bis Mai 2014 von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert.
(Heike Neuroth, Gabriele Radecke)