Theodor Fontane - Arbeitsstelle

Von Zwanzig bis Dreißig. Autobiographisches. Große Brandenburger Ausgabe. Das autobiographische Werk, Band 3

Bandherausgeberin


  • Theodor Fontane-Arbeitsstelle, Universität Göttingen



Textkonstitution und Kommentierung


  • Wolfgang Rasch



Redaktion


  • Judith Wassiltschenko
  • Hartmut Hombrecher



»Von Zwanzig bis Dreißig«

Mit 75 Jahren, im Winter 1894, setzt Fontane die Arbeit an seiner 1892 begonnenen Selbstbiographie fort. Nach den »Kinderjahren« (1894) widmete er sich einem Lebensabschnitt, der für seine künstlerische Entwicklung und spätere Berufswahl entscheidend werden sollte, den Jahren von 1840 bis 1850. Fontane blickt auf eine ereignisreiche Epoche seines Lebens zurück, in der er den Brotberuf eines Apothekers ausübt und sich danach sehnt, als unabhängiger Schriftsteller und Poet ganz der Kunst leben zu können. Viele kleine und große Lebensstationen lässt er Revue passieren, so sein literarisches Debüt im »Berliner Figaro« 1839/40, die Apothekerzeit und sein schriftstellerisches Engagement in Leipzig und Dresden 1841/43, sein Militärpflichtjahr 1844/45 und die erste Reise nach England, die Berliner Revolution 1848, seine Tätigkeit im Diakonissenhaus Bethanien 1849 sowie Verlobung (1845) und Eheschließung (1850) mit Emilie Rouanet. Große Aufmerksamkeit widmet er in den Erinnerungen jenen Dichtervereinen, die seine literarische Sozialisation förderten und seine künstlerische Entfaltung beeinflussten. Mehr als ein Drittel des Buches ist allein dem ›Tunnel über der Spree‹ gewidmet.

Einband »Von Zwanzig bis Dreißig«Fontane hält sich nicht streng an den im Werktitel vorgegebenen Zeitrahmen. Er blickt zurück in die dreißiger Jahre, erzählt vom Leben als Berliner Apothekerlehrling, greift aber auch vor und plaudert von seinem langjährigen Aufenthalt in England in den fünfziger oder seiner Tätigkeit bei der ›Kreuzzeitung‹ in den sechziger Jahren. Immer wieder verlässt er dabei die autobiographische Ebene und wendet sich in biographischen Skizzen Menschen zu, die einmal seinen Lebensweg kreuzten und beeinflussten, vorzugsweise Lebenskünstlern und gescheiterten Existenzen, Originalen, Käuzen und Außenseitern, in seltenen Fällen auch ›Berühmtheiten‹ wie etwa Theodor Storm. Fontane zeigt sich hier als Meister biographischer und psychologischer Porträtierkunst. Seine eigene Entwicklung schließlich, die eines Apothekergehilfen von zwanzig Jahren zum ›freien‹ Schriftsteller mit dreißig erscheint ihm im Rückblick wie ein verwegener ›Ritt über den Bodensee‹, »denn ein Apotheker«, so schreibt er schon am 23. August 1891 seiner Frau, »der anstatt von einer Apotheke von der Dichtkunst leben will, ist so ziemlich das Tollste, was es gibt.«

Fontane erzählt in Bildern, lebensnah aber auch idyllisch-verklärend, anekdotenreich, humorvoll, nachdenklich. Liebe zum Detail, für das scheinbar Nebensächliche, charakterisiert die epische Perspektive. »Von Zwanzig bis Dreißig« ist nicht nur für Fontanes Biographie eine unentbehrliche Quelle, es ist auch in sozial-, kultur- und literaturhistorischer Sicht von großem Wert.


»Von Zwanzig bis Dreißig« in der Großen Brandenburger Ausgabe

Die Neuedition wird neben den Überblickskommentaren zur Entstehung, Rezeption und Überlieferung des Werks besonderes Gewicht auf einen ausführlichen Stellenkommentar legen.
Von Zwanzig bis Dreißig klein Er soll nicht nur anhand der Forschungsliteratur, gestützt auf eigene Quellenforschungen sowie die Handschrift Irrtümer berichtigen, Euphemisierungen, Selbsttäuschungen und Lücken in der Darstellung benennen und das besondere Spannungsverhältnis zwischen ›Dichtung und Wahrheit‹ in Fontanes Selbstbiographie ausloten. Der Stellenkommentar wird auch den kulturhistorischen Hintergrund der Selbstbiographie vom Alltagsleben der kleinen Leute bis zu den großen historischen Ereignissen sichtbar machen. Die Neuedition wird Fontanes »Von Zwanzig bis Dreißig« nach sorgfältiger textkritischer Prüfung erstmals seit der Ausgabe von 1898 zeichengetreu abdrucken und damit auch das historisch authentische Relief des Textes wiederherstellen.

(Wolfgang Rasch)