Zentrum für Globale Migrationsstudien (CeMig)

CeMig Vorlesungsreihe Wintersemester 2018/19

Die CeMig Vorlesungsreihe "Fluchtursachen: Interdisziplinäre Einsichten und politische Herausforderungen“ wirft eine kritische Perspektive auf die Fluchtursachendebatte und –forschung. Die Beiträge aus Wissenschaft und Praxis zeigen die komplexen Zusammenhänge auf, die sich hinter dem politischen Narrativ der Fluchtursachenbekämpfung verbergen. Das Themenspektrum reicht von biographischen Selbstdarstellungen von MigrantInnen und Flüchtenden, über Entwicklungszusammenarbeit und entwicklungspolitische Handlungsmöglichkeiten bis zur Analyse der Zusammenhänge mit dem kolonialen Erbe. Zudem ist ein Diskussionspanel “Fluchtursachenbekämpfung in der Kritik: Diskurse, Politiken, Handlungsoptionen” mit AktivistInnen und PraktikerInnen mit und ohne Migrations-/Fluchtbiographie geplant. Es wird deutsche und englische Vorträge geben.

Termin: Donnerstags, 19:00 - 20:30 Uhr
Ort: Verfügungsgebäude (Platz der Göttinger Sieben 7), Raum: VG 4.102
(hier gehts zum Lageplan)


AUßER DER REIHE! Mittwoch, 07. November, 19:00 - 20:30 Uhr, VG. 1.104
Prof. Dr. Gabriele Rosenthal (MZS, Universität Göttingen)
Armutsmigration oder Flucht vor kollektiver und individueller Gewalt? Biographische Selbstdarstellungen von MigrantInnen und Flüchtenden aus und in Afrika.

Mein Vortrag geht der Frage nach, welch unterschiedliche kollektiv- und lebensgeschichtliche Konstellationen (nicht zuletzt auch familiale und familiengeschichtliche Konstellationen) dazu führen können, dass Menschen aus subsaharischen Ländern ihr Land verlassen, welche Erfahrungen sie auf ihrer Migrationsroute (vor allem auch mit staatlichen und politischen Grenzen oder Grenzziehungen) machen und wie sie heute in ihrer gegenwärtigen Situation als Asylsuchende in einem europäischen oder afrikanischen Land darüber sprechen. Dabei möchte ich zum einen verdeutlichen, wie divergent diese Verläufe sind, wie wenig sie dem in Westeuropa herrschenden Bild von Armutsmigration entsprechen und wie sich dennoch die individuellen Selbstdarstellungen an diesem Bild bzw. Diskurs zum Teil orientieren. Mit der Vorstellung von verschiedenen Migrationsverläufen werde ich aufzeigen, wer, durch welche lebens- und kollektivgeschichtlichen Konstellationen bedingt, zunächst eher die Gründe für sein Weggehen verschleiert und wer dagegen relativ offen darüber spricht.

15. November, 19:00 - 20:30 Uhr, VG 4.102
Dr. Stephan Dünnwald (Ethnologe, Bayerischer Flüchtlingsrat)
Mehr Bewegung: Für eine Entwicklungszusammenarbeit der Mobilität.
Entwicklungszusammenarbeit hat Migration nicht auf dem Radar, ist doch die gängige EZ eher damit zu beschreiben, dass sie Menschen an ihren Wohnorten das Leben erleichtern will. Nun wird aber die EZ zunehmend in eine Rolle der Hilfskraft für Migrationssteuerung gedrängt. Hierauf ist sie nicht vorbereitet, und die Vorgaben, die mit den Zielen "Migrationskontrolle" oder "Fluchtursachenbekämpfung" an die EZ herangetragen werden, lassen befürchten, dass sich das Verständnis von Migration auch künftig bestenfalls einseitig entwickeln wird. Der Beitrag plädiert dafür, die Sache breiter anzugehen: Ausgehend von Beispielen aus Mali wird die Rolle von Migration und Remigration in Bezug zur lokalen/regionalen Entwicklung gesetzt. Hieraus leitet sich ab, dass durch die Vernachlässigung von Migration und Migrationseffekten Entwicklungschancen vertan werden. Unterstützung von Migration kann durchaus dazu führen, dass ein Zwang zur Migration nicht entsteht oder abgefedert werden kann.

AUßER DER REIHE! Mittwoch, 21. November, 19:00 - 20:30 Uhr, VG. 1.104
Dr. Ilse Ruyssen (CESSMIR, Ghent University)
Climate Shocks and Migration Intentions in the Global South: Insights from a Multilevel Analysis
In this lecture, I will be presenting the results from two studies investigating the impact of climate shocks on migration. Knowledge of the size, composition and distribution of future climate migration is crucial to assess its impact and to develop appropriate policies to manage these flows. There are, however, inherent difficulties in predicting the scale and dispersion of the ensuing migrant flows. Empirical analyses are typically subject to binding data constraints, inducing a reliance on a (very) coarse spatial and temporal aggregation of the data. Both studies make use of individual-level surveys conducted in a large set of developing countries over the period 2008-2016. In the first study, we analyse to what extent individual migration behavior is determined by the personal experience with the local occurrence of pollution, floods, droughts, or long periods of extreme heat or cold. The second study uses a multilevel approach to characterize the relationship between climate shocks, internal and international migration. Focusing on six Western African countries, we combine individual survey data on migration intentions with various types of climate shocks measurable at a relatively detailed spatial scale. We run a large set of exploratory regressions that exploit the degrees of freedom underlying the functional form of the response function. We then conduct a meta-analysis of these exploratory results to shed light on the climate-migration nexus and on the way to model it.

29. November, 19:00 - 20:30 Uhr, VG 4.102
Dr. Benjamin Schraven (Deutsches Institut für Entwicklungspolitik)
"Fluchtursachenbekämpfung" in Afrika - Diskurse, Politiken und Herausforderungen
Nach dem Höhepunkt der so genannten europäischen Flüchtlingskrise im Jahr 2015 setzte in Deutschland rasch eine Debatte darüber ein, wie den Ursachen von Flucht und irregulärer Migration begegnet werden könne bzw. wie diese "bekämpft" werden könnten. Diese Debatte sowie auch die politische Ausgestaltung der "Fluchtursachenbekämpfung" fokussieren mittlerweile sehr stark auf den afrikanischen Kontinent. Dieser Vortrag möchte gängige Narrative dieses Diskurses analysieren und einige Herausforderungen aus Sicht der Entwicklungs- und Migrationsforschung skizzieren.

06. Dezember, 19:00 - 20:30 Uhr, VG 4.102
Prof. Dr. Anja Jetschke (Politikwissenschaft, Universität Göttingen)
Rohingya Flüchtlinge in Südostasien: Führt die Krise zu einem besseren Menschenrechtsschutz?
Flüchtlingsmigration ist ein globales Phänomen, das in den letzten Jahren stark zugenommen hat. Die politikwissenschaftliche Forschung untersucht Flüchtlingsmigration häufig in Bezug auf nationalstaatliche Politiken, sogenannte Migrationsregime, die zur Steuerung und zum Management von Flüchtlingen verabschiedet werden. Dieser Vortrag geht der Frage nach, ob Flüchtlingsmigration zu einem besseren regionalen Menschenrechtsschutz beträgt. Er geht von der Annahme aus, dass Fluchtbewegungen oftmals Reaktionen auf politische Repression und Bürgerkriege sind. Als solche können sie aber auch potentiell destabilisierende Wirkung auf Nachbarstaaten haben. Wie reagieren Staaten darauf? Der Vortrag begründet theoretisch und zeigt empirisch am Beispiel Südostasiens, wie Flüchtlingsmigration zur Etablierung eines regionalen Menschenrechtssystems führen kann.

13. Dezember, 19:00 - 20:30 Uhr, VG 4.102
Prof. Dr. Shahram Khosravi (Social Anthropology, Stockholm University)
Life in Displacement: The Case of Afghanistan.
Shahram Khosravi is a public intellectual and professor at the Department for Social Anthropology at Stockholm University. He has done extensive research on migration, human rights, forced displacement and border politics. Interjecting personal narratives into his ethnographic writing, he often links and connects his experiences with those of others (‘auto-ethnography’). His most recent research projects focus on asylum seekers after deportation from Sweden and undocumented migrants waiting for residence permits in Sweden. As part of the lecture series, he presents empirical findings on life in displacement using the example of Afghanistan.

10. Januar, 19:00 - 20:30 Uhr, VG 4.102
Olaf Bernau (Afrique-Europe-Interact)
Fokus Westafrika: Wer Fluchtursachen verstehen möchte, darf vom kolonialen Erbe nicht schweigen
Seit einigen Jahren wird in Deutschland wieder verstärkt über die Geschichte des Kolonialismus debattiert. Gleichzeitig wird ein direkter Zusammenhang zwischen den gesellschaftlichen Verhältnissen im heutigen Afrika und den langfristigen Auswirkungen kolonialer Herrschaft häufig verneint: Nicht die Europäer_innen, sondern die Afrikaner_innen selbst seien für die vielfältigen Krisen auf ihrem Kontinent verantwortlich – immerhin liege die Erlangung der staatlichen Unabhängigkeit bereits über 50 Jahre zurück. Genau hier lohnt jedoch ein genauerer Blick. Denn vieles spricht dafür, dass die gesellschaftlichen Grundlagen für schlechte Regierungsführung, ungleiche Handelsverhältnisse oder Fixierung auf Rohstoffexporte während des Kolonialismus gelegt wurden. In dem Vortrag soll daher am Beispiel Westafrikas gezeigt werden, weshalb die viel zitierte Bekämpfung der Fluchtursachen nur gelingen kann, wenn auch die im Kolonialismus entstandenen Dominanz- und Abhängigkeitsverhältnisse zwischen Afrika und Europa in den Blick genommen werden. Gleichzeitig soll zur Sprache kommen, weshalb Entwicklung keineswegs automatisch zu einem Rückgang von Flucht und Migration führt - schon gar nicht in Westafrika, wo vielerorts eine tief in der Geschichte verankerte Kultur der Mobilität besteht.
Vortrag zum nachhören!

17. Januar, 19:00 - 20:30 Uhr, VG 4.102
Dr. Steffen Angenendt (Stiftung Wissenschaft und Politik) im Expertengespräch mit
Dr. Constantin Hruschka (MPI für Sozialrecht und Sozialpolitik)
Probleme und Chancen der Global Migration Governance – Die globalen Pakte zu Migration und Flucht und ihre Umsetzung.
Im Dezember 2018 wurde die Verabschiedung des Globalen Pakts für sichere, geordnete und reguläre Migration der Vereinten Nationen in mehreren Ländern von heftigen innenpolitischen Debatten begleitet. Die fast gleichzeitige Annahme des Globalen Pakts für Flüchtlinge hat vergleichsweise wenig Kontroversen erzeugt. In einem Impulsvortrag erörtert Dr. Steffen Angenendt, Senior Associate der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin, die globalen Pakte zu Migration und Flucht. Er beleuchtet, welche Chancen und Probleme in der Umsetzung der internationalen Regelwerke liegen und welche Herausforderungen grenzüberschreitendes Migrationsmanagement birgt. Im Expertengespräch mit Dr. Constantin Hruschka, Senior Research Fellow am Max-Planck-Institut für Sozialrecht und Sozialpolitik in München, geht er der Frage nach, wie berechtigt die Einwände der Kritiker an den Pakten sind und welche praktischen Auswirkungen auf die Verabschiedung folgen. Anschließend wird die Diskussion für Fragen aus dem Publikum geöffnet.

24. Januar, 19:00 - 20:30 Uhr, VG 4.102
Podiumsdiskussion mit Emmanuel Mbolela (Afrique-Europe-Interact), Francisco Marí (Brot für die Welt), Anne Jung (medico international), Dr. Roland Drubig (ifak), Moderation: Prof. Dr. Sabine Hess (CeMig)
Fluchtursachenbekämpfung in der Kritik: Diskurse, Politiken, Handlungsoptionen.
Die Bekämpfung von Fluchtursachen ist zu einem migrationspolitischen Leitmotiv geworden. Auf dem Podium nehmen PraktikerInnen und AktivistInnen mit und ohne Migrations-/ Fluchtbiographie die Diskurse und Maßnahmen hinter der politischen Debatte kritisch in den Blick und thematisieren die komplexen Zusammenhänge, die im Bundestag oder in den Talkshows nur selten zur Sprache kommen. Ausgehend von den vielfältigen und miteinander verschränkten Gründen, weshalb Menschen besonders in Afrika für sich nach einer Lebensperspektive außerhalb des Kontinents suchen, beleuchten sie die Rahmen-bedingungen und politischen Verantwortlichkeiten von Flucht und Migration. Statt Fluchtursachen in lokal und nationalstaatlich zu bekämpfenden Umständen auszumachen, widmet sich die Diskussion den globalen Machtverhältnissen und EU-Wirtschaftsstrukturen und zeigt alternative Handlungsoptionen auf, die Ursachen, warum Menschen ihre Herkunftsregionen verlassen müssen, zu minimieren.

31. Januar, 19:00 - 20:30 Uhr, VG 4.102
Prof. Dr. Ranabir Samaddar (Calcutta Research Group)
The New Compact and the Global Gaze of Care and Power.
The Global Compacts on Refugees and Migrants have been widely considered as opportunities for the world to reconsider old approaches to refugee and migrant protection. The Declaration is global not only because it emanates from a global institution, but also because of the following aspects, to be detailed out in course of this talk: (a) First, a single declaration covering subjects of migration and forced migration is an acknowledgement of the reality that the two have deep relations, and that population flows are increasingly mixed and massive in nature defying neat categorization. (b) Second, the Declaration also highlights the limits and or unwillingness of States to carry primary responsibility of the refugees and migrants, and hence opens up the possibility to include the “whole of society”, which is to say the “whole of globe” covering various stakeholders including business and commercial segments. (c) Third, the Declaration suggests uneven geographies of protection and labor market, and conceives of the globe in terms of sanctuaries, third countries, hotspots, border zones, safe corridors, legally run labor regimes, remittance-centric segments of global economy, as well places characterized by multi-stakeholder operations. These geographies are in part created by spatial planning for refugees and migrants, in part by financial and security operations. (d) Fourth, the new approach is global because refugees and migrants are conceptualized as subjects of global development. (e) Fifth, migration and refugee “crises” are going to be inevitable unless the world works towards durable solutions – hence the need for globally relevant comprehensive response framework, such as the “comprehensive refugee response framework”. (f) And, finally, the nature of the rights question under such a technological mode of management that would circumvent borders and boundaries to cope with the complex reality of global migration. It is a postcolonial critique of an emerging global apparatus of care and power.