Studienfach Geschlechterforschung

LogoWebsite


Seit 25 Jahren gibt es das Studienfach Geschlechterforschung an der Universität Göttingen. Hier finden Sie das Programm der Jubiläumsfeier 2026. Der Studiengang erfreut sich dabei seit Beginn großer Beliebtheit und weist eine solide Studierendenauslastung auf. Innerhalb Niedersachsens gibt es derzeit nur zwei Standorte, an denen Geschlechterforschung studiert werden kann. Göttingen ist dabei der einzige Standort mit einem klaren sozialwissenschaftlichen Schwerpunkt und bietet sowohl im Bachelor- als auch im Masterstudiengang ein umfassendes Studienangebot an.


Die Geschlechterforschung untersucht, wie Geschlecht gesellschaftlich organisiert, erlebt und wirksam wird. Sie fragt, wie Geschlechterverhältnisse entstehen, wie sie sich verändern – und wie sie mit Macht, Arbeit, Körper, Sprache, Recht oder Gesundheit verknüpft sind.

Ursprünglich entwickelte sich die Geschlechterforschung aus der Frauenforschung, die darauf aufmerksam machte, dass Frauen und ihre Lebensrealitäten in vielen Wissenschaften lange ignoriert oder verzerrt dargestellt wurden. Ziel war es, diese Wissenslücken zu schließen und wissenschaftliche Perspektiven zu korrigieren. Später kamen weitere Forschungsbereiche hinzu – etwa die Männlichkeitsforschung, die zeigt: Auch Männer haben ein Geschlecht und machen geschlechtsspezifische Erfahrungen. Heute arbeitet die Geschlechterforschung unter einem intersektionalen, vielfaltsbewussten und machtkritischen Ansatz. Zentrale Impulse kommen auch aus der Queer- und LGBTQI-Forschung, die zeigt: Geschlecht ist nicht losgelöst von Sexualität, Begehren, Normen und Identität zu denken, weil der gesellschaftliche Alltag stark vom System der Zweigeschlechtlichkeit und Heterosexualität geprägt ist.

Die Geschlechterforschung untersucht soziale Ungleichheiten wie den Gender Pay Gap (Lohnlücke), den Gender Care Gap (ungleiche Verteilung von Sorgearbeit), den Gender Pension Gap (Risiko weiblicher Altersarmut) oder den Gender Data Gap, also geschlechterbezogene Verzerrungen bei der Erhebung und Auswertung von Daten. Darüber hinaus analysiert sie, wie Geschlecht gesellschaftliche Strukturen und den Alltag prägt – etwa in Bildung, Arbeitsmarkt, Politik, Architektur oder Stadtplanung. Dabei richtet sie den Blick auch auf materielle und technische Umwelten: Geschlechtervorstellungen können sich in der Gestaltung von Technik, Alltagsgegenständen, Kleidung, Gebäuden oder öffentlichen Räumen niederschlagen. Die Geschlechterforschung macht diese oft unsichtbaren Einschreibungen sichtbar und untersucht, wie sie Teilhabe, Handlungsmöglichkeiten und soziale Zugehörigkeiten beeinflussen.

Ein weiterer Schwerpunkt der Geschlechterforschung liegt auf der Betrachtung von Geschlecht als sozialer Praxis. Geschlecht wird dabei nicht als feste Eigenschaft verstanden, sondern als etwas, das in alltäglichen Interaktionen immer wieder hergestellt und bestätigt wird. Dies zeigt sich beispielsweise darin, wie Menschen sprechen, sich kleiden, bestimmte Berufe wählen oder auf Erwartungen an 'männliches' und 'weibliches' Verhalten reagieren. Auch scheinbar selbstverständliche Situationen – etwa die Anrede einer Person, die Aufteilung von Aufgaben in Gruppen oder die Nutzung geschlechtergetrennter Räume – tragen dazu bei, Geschlechterordnungen im Alltag zu reproduzieren oder zu verändern. Die Geschlechterforschung untersucht, wie solche sozialen Praktiken entstehen, welche Normen ihnen zugrunde liegen und wie sie individuelle Handlungsmöglichkeiten eröffnen oder begrenzen

Auch die kulturell-symbolischen Differenzierungs- und Kategorisierungsprozesse sowie die Bewertung von Geschlechtszuschreibungen ('männlich', 'weiblich', 'trans', 'nicht-binär') und sexuellen Orientierungen stehen im Fokus. Die Geschlechterforschung befasst sich damit, welche Bedeutung Geschlecht und sexuelle Vielfalt für die Identität und die Selbstwahrnehmung von Individuen haben, wie Geschlechterbilder und Normen von Sexualität unsere körperlich-leibliche (Selbst-)Wahrnehmung prägen und welche Transformationen und Kontinuitäten dabei im Verhältnis zu gesellschaftlichen Entwicklungen zu beobachten sind. Sie untersucht zudem die Verschränkung von Geschlecht und Sexualität sowie die gesellschaftlichen Bedingungen, unter denen unterschiedliche geschlechtliche und sexuelle Lebensweisen Anerkennung, Sichtbarkeit oder Ausgrenzung erfahren

Geschlecht prägt also nicht nur, wer wir sind, es beeinflusst auch, wie wir denken, wie wir arbeiten, wie wir uns in der Welt bewegen und wie Gesellschaft organisiert ist. „Daher betreffen Geschlechterverhältnisse – wenn auch in unterschiedlichem Maße und in unterschiedlicher Ausprägung – alle Wissenschaftsdisziplinen.“ (Wissenschaftsrat 2023: 24)

Die Geschlechterforschung ist ein interdisziplinäres Fach, das die soziale Kategorie Geschlecht in all ihren Facetten untersucht – von der Gesellschaft über die Politik bis hin zur Kultur, Wirtschaft und Wissenschaft. Durch die Verbindung von Perspektiven aus Soziologie, Politikwissenschaft, Psychologie, Philosophie, Literaturwissenschaft, Geschichte und vielen anderen Disziplinen entsteht ein ganzheitliches Verständnis der historischen, gesellschaftlichen und biographischen Auswirkungen von Geschlechterverhältnissen und -ordnungen.

In Göttingen ist die Geschlechterforschung an der Sozialwissenschaftlichen Fakultät angesiedelt. Neben grundständiger Lehre aus der sozialwissenschaftlichen Geschlechterforschung bezieht der Studiengang Lehre aus anderen Fächern und Fakultäten. Die interdisziplinäre Struktur des Faches ermöglicht den Studierenden über die engen Fächergrenzen hinaus, Perspektiven und Methoden vieler Disziplinen miteinander zu verknüpfen und einen kritisch-reflexiver Blick gegenüber den traditionellen Wissenschaften zu gewinnen. Es gilt, die zumeist unsichtbaren Fäden, die von einer Disziplin zur anderen gewoben werden, zu entziffern und zu erforschen. Aus intersektionaler Perspektive werden weitere soziale Kategorien wie soziale Positionierung, Sexualität, race/Ethnizität und Alter mit der Kategorie Gender in Beziehung gesetzt und analysiert.

Geschlechterforschung ist eine wissenschaftliche Disziplin, die gesellschaftliche Phänomene wie Geschlechterverhältnisse, Ungleichheiten und die Prozesse von Geschlechterunterscheidungen untersucht. Sie fragt: Wie entstehen Geschlechterdifferenzen? Wie wirken sie in Politik, Arbeit, Gesundheit, Bildung und im alltäglichen Miteinander von Menschen? Und wie hängen sie mit Machtverhältnissen zusammen?

Gleichstellungspolitik hingegen verfolgt praktische Maßnahmen, um bestehende Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern zu verringern – z. B. beim Lohn, in der Gesundheitsversorgung oder bei der beruflichen Teilhabe. Zwar gibt es inhaltliche Schnittmengen und eine sinnvolle Zusammenarbeit, doch die Ziele und Logiken beider Bereiche unterscheiden sich grundlegend. Gleichzeitig kann die Gleichstellungsarbeit (an Universitäten, in Kommunen etc.) ein potentielles Arbeitsfeld für Absolvent*innen des Studiums der Geschlechterforschung darstellen.

Geschlechterforschung und Gleichstellungspolitik ergänzen sich, da die gleichstellungspolitische Praxis auf wissenschaftliche Erkenntnisse aus der Geschlechterforschung angewiesen ist, um wirksame, nachhaltige und strukturelle Maßnahmen zu entwickeln. Dabei nimmt die Forschung kritische Distanz ein, da sie sich – anders als Gleichstellungspolitik nicht nach Forderungen von Effizienz und Zielerreichung konzentrieren muss, sondern strukturelle Ursachen von Ungleichheit, Macht, Normen und Veränderungsmöglichkeiten in den Blick nehmen kann – auch dort, wo Gleichstellungspolitik erfolgreich zu sein scheint. Die Geschlechterforschung steht gleichzeitig in enger Beziehung zum Praxisfeld, greift dort relevante Themen auf und Gleichstellungspolitik bildet ein zentrales Berufsfeld für Studierende der GeFo.

Denn Geschlechterforschung ist wissenschaftlich relevant, gesellschaftlich notwendig und strategisch zukunftsweisend.

Universitäten stehen im Wettbewerb um die klügsten Köpfe – bei Studierenden ebenso wie bei Forschenden. Die Möglichkeit, sich mit Geschlechterfragen wissenschaftlich auseinanderzusetzen, ist für viele ein starkes Argument bei der Studien- oder Berufswahl. Geschlechterforschung ist dabei ein Alleinstellungsmerkmal, das die Sichtbarkeit und Attraktivität einer Hochschule erhöht.

Gleichzeitig ist Geschlecht ein zentrales Querschnittsthema in nahezu allen Disziplinen – von Technik über Medizin bis zur Soziologie. Es spielt eine Rolle in aktuellen Debatten über gesellschaftlichen Zusammenhalt, politischen Extremismus, Künstlicher Intelligenz, Digitalisierung, Arbeitsorganisation, psychische Gesundheit oder medizinischer Versorgung. Forschung, die den Anspruch hat, diese Entwicklungen zu verstehen und mitzugestalten, kann auf Geschlechterperspektiven nicht verzichten.

Auch aus forschungspolitischer Sicht ist Geschlechterforschung etabliert und gefordert: Nationale und internationale Drittmittelgeber fördern seit Jahren geschlechtersensible Forschung. Das Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) und viele Bundesländer – wie z. B. Niedersachsen – haben gezielt Förderprogramme aufgelegt. In Niedersachsen wurden etwa Zentrumsgründungen unterstützt, das Maria-Goeppert-Mayer-Programm, u.A. zur Förderung von (Gast)Professuren aufgelegt, die Geschäftsstelle der Landesarbeitsgemeinschaft der Einrichtungen für Frauen- und Geschlechterforschung Niedersachsen (LAGEN) finanziert und große Verbundprojekte wie „Geschlecht – Macht – Wissen“ gefördert.

Eine Universität, die Zukunftsthemen ernst nimmt, braucht die Geschlechterforschung als integralen Bestandteil wissenschaftlicher Exzellenz und gesellschaftlicher Verantwortung.

Wie andere Disziplinen konzentriert sich die Geschlechterforschung auf einen spezifischen Wissensbereich. Sie verfügt über eigene Theorien, Methoden, Fachdebatten, Publikationsorgane, Studiengänge, wissenschaftliche Gesellschaften und internationale Konferenzen. Auch institutionell ist sie fest verankert – an Universitäten, in Lehrstühlen, Forschungsinstituten und Curricula.

Gleichzeitig ist die Geschlechterforschung in besonderem Maße Gegenstand öffentlicher, politischer und medialer Auseinandersetzungen. Kritik kommt dabei vor allem aus konservativen und anti-feministischen bzw. sogenannten „anti-gender“-Positionen, die Geschlechterforschung häufig als ideologisch oder politisch motiviert darstellen. Solche Vorwürfe stehen im Kontext breiterer gesellschaftlicher Konflikte um Geschlechterverhältnisse, Gleichstellungspolitiken und wissenschaftliche Deutungshoheit. Dabei wird der Geschlechterforschung mitunter pauschal die Wissenschaftlichkeit abgesprochen oder ihre gesellschaftliche Relevanz infrage gestellt.

Dass Geschlechterforschung öffentlich diskutiert und kritisiert wird, ist daher kein Hinweis auf mangelnde Wissenschaftlichkeit, sondern Ausdruck ihrer hohen gesellschaftlichen Bedeutung. Wissenschaftliche Forschung, die gesellschaftliche Strukturen analysiert, ist immer auch in politische und kulturelle Auseinandersetzungen eingebunden.

Die Geschlechterforschung orientiert sich an wissenschaftlichen Standards und zugleich an einem aufklärerischen Erkenntnisinteresse. Sie untersucht Geschlechterverhältnisse, Macht- und Ungleichheitsstrukturen sowie Fragen von Teilhabe, Anerkennung und sozialer Gerechtigkeit. Der Wissenschaftsrat stellt in seiner Evaluation klar:„Ein emanzipatorisch-aufklärerisches Ziel zu verfolgen, steht nicht im Widerspruch zum Status als Wissenschaft.“ (Wissenschaftsrat 2023: 8). Angriffe auf die Geschlechterforschung betreffen daher nicht nur ein einzelnes Fach, sondern berühren grundlegende Fragen des Wissenschaftsverständnisses in pluralen Gesellschaften.

Der Studiengang Geschlechterforschung verfügt in Göttingen über keine eigene Professur und sollte auf Beschluss des Präsidiums im Jahr 2022 geschlossen werden. Nach breitem öffentlichen und studentischen Protest konnte diese Schließung durch das Land Niedersachsen verhindert werden.

Offener Brief zur Lage der Geschlechterforschung: "Chancengerechtigkeit für alle Fächer - für eine vielfältige, zukunftsfähige Hochschule!"

Weitere Informationen sind über die Fachgruppe GeFo zu finden, die sich aktiv für den Erhalt des Studienfachs eingesetzt hat.