Sklaverei und Sklavenhandel im individuellen und kollektiven Gedächtnis: Ein kontrastiver Vergleich verschiedener lokaler Gemeinden, Generationen und Gruppierungen in Ghana und Brasilien


Leitung:
Prof. Dr. Maria Pohn-Lauggas, Prof. Dr. Gabriele Rosenthal (Georg-August Universität Göttingen, Deutschland)

Kooperationspartner:
Prof. Dr. Hermílio Santos (Pontifical Catholic University of Rio Grande do Sul; Porto Alegre, Brazil)
Prof. Dr. Steve Tonah (University of Ghana; Legon, Ghana)

Finanzierung durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG)
Projektlaufzeit: 2022-2025


Das Anliegen unserer empirischen interpretativen Untersuchung ist ein kontrastiver Vergleich der kollektiven und individuellen Gedächtnisse an die Sklaverei in verschiedenen Regionen, Generationen und Gruppierungen in Ghana und Brasilien. Aus einer wissens- und figurationssoziologischen Perspektive werden wir die Wechselwirkungen verschiedener Erinnerungspraktiken rekonstruieren.
Während für eine weiße Europäerin die Zeit des transkontinentalen Sklavenhandels zeitlich so weit zurückliegen mag, dass sie diesen nicht in Verbindung mit ihrer eigenen (Familien-)Geschichte bringt, verhält sich dies in Brasilien und in Ghana völlig anders. Hier wird im öffentlichen, aber auch im familialen Gedenken und Erinnern diese Vergangenheit – in unterschiedlichen Facetten – noch in zeitlicher Nähe erlebt und ist zum Teil mit dem Wissen um versklavte Angehörige oder Angehörige, die andere Menschen versklavten, verbunden. In beiden Ländern wird allerdings an die Geschichte des Sklavenhandels und generell der Sklaverei recht unterschiedlich bis hin zu kontrovers in den öffentlichen Diskursen oder Erinnerungsorten, im Familiendialog, von Angehörigen verschiedener Gruppierungen und in unterschiedlichen Regionen des Landes gedacht. Mit Hilfe eines kontrastiven Vergleichs von gezielt ausgewählten Regionen in Ghana und in Brasilien sollen diese insbesondere durch erheblich distinkte Verläufe in der Vergangenheit sowie durch unterschiedliche, sich wandelnde gesellschaftliche Figurationen von Bevölkerungsgruppierungen bedingten Unterschiede differenzierter herausgearbeitet werden. In Ghana planen wir eine Konzentration auf die Küstenorte Elmina und Cape Coast, von denen die Sklavenschiffe abgingen, sowie auf zwei Regionen im Norden des Landes, in denen Menschen gefangen genommen und auf Märkten verkauft wurden. In Brasilien planen wir die Forschung in der Küstenregion von Salvador de Bahia, wo die gegenwärtige Bevölkerung mehrheitlich Nachkommen ehemaliger Sklav*innen sind, und in der Region um Pelotas in Rio Grande do Sul, wo die Bevölkerung mehrheitlich europäische Vorfahren hat. Unsere forschungsleitenden Fragestellungen lauten: Was wurde in den Communities und in den Familien über die Vergangenheit tradiert? Welche Formen der Sklaverei und des (transatlantischen, transsaharischen und generell innerafrikanischen sowie innerbrasilianischen) Sklavenhandels werden von wem, wie und in welchem Kontext thematisiert? Darüber hinaus interessiert uns, was an Erinnerungsorten und in Gedenkveranstaltungen in diesen Regionen vermittelt wird, bzw. was nicht, und wer sich dabei begegnet.
Wir planen familien- und lebensgeschichtliche Interviews (wenn möglich mit mehreren Generationen in einer Familie), Gruppendiskussionen sowie thematisch fokussierte und ethnographische Interviews an den Erinnerungsorten mit den Besuchern und den Führer*innen.