Franz Kafka: Die Verwandlung (1915). Erzählung
Inhalt
Franz Kafkas Erzählung Die Verwandlung beginnt mit einer der berühmtesten Eingangsszenen der Weltliteratur: „Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheuren Ungeziefer verwandelt.“ Aus dieser surrealen Ausgangslage entwickelt sich eine Geschichte über familiäre Entfremdung, gesellschaftlichen Leistungsdruck und den Zerfall der menschlichen Identität. Gregor, einst alleiniger Ernährer seiner Familie, wird nach seiner Verwandlung in ein Insekt nicht nur physisch isoliert, sondern zunehmend auch emotional und sozial ausgegrenzt. Der erste Teil der Erzählung zeichnet Gregors Versuch nach, trotz seiner monströsen Gestalt weiter am bürgerlichen Leben teilzuhaben. Im zweiten und dritten Teil eskaliert seine Lage: Die Familie reagiert mit zunehmender Ablehnung und Gewalt, insbesondere seine Schwester Grete, die zunächst noch Fürsorge zeigt, entwickelt sich zur treibenden Kraft in Gregors endgültiger Ausstoßung. Die Geschichte endet mit Gregors Tod, den die Familie als Befreiung empfindet – und der bei ihnen eine neue Vitalität freizusetzen scheint.
Einordnung
Franz Kafka (1883–1924) gilt heute als eine der einflussreichsten Stimmen der literarischen Moderne. Sein Werk, das zu Lebzeiten nur in kleinen Auflagen erschien, entwickelte seine prägende Wirkung vor allem postum – durch die Edition durch Max Brod. Die Verwandlung, 1915 veröffentlicht, ist ein paradigmatischer Text für Kafkas Schreibweise: knappe, nüchterne Sprache, ein nüchtern formulierter, aber absurd-surrealer Plot und ein zentrales Thema von Entfremdung und Schuld. Kafka, Sohn jüdischer Eltern in Prag, war Jurist und arbeitete bei der Arbeiter-Unfall-Versicherungsanstalt. Seine Werke sind stark geprägt von innerfamiliären Konflikten, wie sie auch in seinem berühmten Brief an den Vater (1919) sichtbar werden.
Die Erzählung kann sowohl psychologisch als auch soziologisch gelesen werden: Als Parabel auf die Überforderung des modernen Individuums im kapitalistischen System, als Darstellung familiärer Rollenverhältnisse, als Reflexion über Schuld, Verantwortung und Entmenschlichung. Die literarische Moderne, zu der Kafka zählt, experimentiert mit Perspektive, Zeitstruktur und Raumwahrnehmung – und rückt das „Unheimliche“ oftmals in den Mittelpunkt.
Stilistisch zeichnet sich Die Verwandlung durch eine spannende Mischung aus nüchterner, fast sachlicher Erzählweise und existenziell aufgeladenem Inhalt aus.
Literaturangaben
- Binder, Hartmut: Kafkas „Verwandlung“. Entstehung, Deutung, Wirkung. Frankfurt: Stroemfeld Verlag 2004.
- Poppe, Sandra: Die Verwandlung. In: Manfred Engel / Bernd Auerochs (Hg.): Kafka-Handbuch: Leben – Werk – Wirkung. Stuttgart: Metzler 2010, S. 164–174.
Ausgaben
- Kafka, Franz: Die Verwandlung. Historisch-kritische Ausgabe sämtlicher Handschriften, Drucke und Typoskripte. Hg v. Roland Reuß und Peter Staengle. Frankfurt a.M.: Stroemfeld/Roter Stern 2003. (= Oxforder Quartheft 17) (SDP-Bibliothek: Signatur W-KA 25 1/1:3,17)
- Kafka, Franz: Die Verwandlung. Studienausgabe. Hg. v. Michael Müller. Stuttgart: Reclam 2018. (SDP-Bibliothek: Signatur W-KA 25 4/28 Mag Reclam)
Weiterführende Literatur / Ressourcen
- Engel, Manfred / Bernd Auerochs (Hg.): Kafka-Handbuch: Leben – Werk – Wirkung. Stuttgart: Metzler 2010.
- Jahnke, Uwe: Franz Kafkas Erzählung „Die Verwandlung“. Ein literaturdidaktisches Konzept. Frankfurt: Peter Lang 1990.
- Kempf, Franz: Kafka und der Expressionismus: Die Verwandlung. In: Seminar 26/4 (1990), S. 327–341.
- Pfeiffer, Joachim: Franz Kafka, „Die Verwandlung“, „Brief an den Vater“. Interpretation. München: Oldenbourg 1998.
Lesedauer
Ungefähre Lesedauer: 90 Minuten (individuelle Lesezeit)
Leseprobe
Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheueren Ungeziefer verwandelt. Er lag auf seinem panzerartig harten Rücken und sah, wenn er den Kopf ein wenig hob, seinen gewölbten, braunen, von bogenförmigen Versteifungen geteilten Bauch, auf dessen Höhe sich die Bettdecke, zum gänzlichen Niedergleiten bereit, kaum noch erhalten konnte. Seine vielen, im Vergleich zu seinem sonstigen Umfang kläglich dünnen Beine flimmerten ihm hilflos vor den Augen. „Was ist mit mir geschehen?“, dachte er.
(Zitat: TextGrid Repository (2012). Franz Kafka: Die Verwandlung. TextGrid Digitale Bibliothek)
Was finden wir an dem Text interessant?
Franz Kafkas Verwandlung ist einer der Texte, mit denen man als Deutschstudierende*r auf jeden Fall früher oder später in Kontakt kommt. Die Tatsache, dass die Verwandlung von Gregor Samsa in ein Ungeziefer kaum hinterfragt, sondern eher einfach akzeptiert wird, lenkt die Aufmerksamkeit umso stärker auf die Reaktionen seiner Familie. Der Text zeigt, wie stark ein Mensch über seine Funktionen in der Gesellschaft definiert wird. Es kommt unweigerlich dazu, dass man sich die existenziellen Fragen nach Identität, Schuld und Entfremdung stellt. Die klare, sachliche Sprache Kafkas, führt in diesem Zusammenhang zu einer kontrastreichen Absurdität, die das Werk sehr lesenswert macht.
Nele Ellmer und Laura Schuldt (M.Edu.-Studierende)