Jan Wagner (*1971)

Übersicht: Das lyrische Werk


Wenn man Jan Wagners Fußspuren Richtung Australien (2010) folgt, wird man in alle Himmelsrichtungen wandern, zwischen Raum und Zeit reisen und dabei in reale wie imaginäre Welten eintauchen. Wagners ‚Australien‘ ist deutlich mehr als ein einfaches Urlaubsziel: Es ist ein Abbild einer Reise, die sich festen Regeln und Erwartungen entzieht. Als Leser:in wird man dabei selbst zum Entdecker und wird dazu eingeladen, die Geheimnisse dieser Welt in Wagners Hieroglyphen zu entschlüsseln. Ausschnitthaft erhält man immer wieder Einblick in Beobachtungen, Erinnerungen und alte Legenden, die Wagners Erlebnislyrik eine große Anschaulichkeit geben. Wagner greift dabei auf ein großes Archiv zurück: Er verweist nicht nur historisch auf die Vergangenheit, sondern nutzt formbewusst auch einen großen literarischen Fundus, welchen er immer wieder raffiniert umformt, wodurch er eine bemerkenswerte Virtuosität erkennen lässt.
In ähnlicher Weise bündelt Wagner in seinem Selbstporträt mit Bienenschwarm (2016) eine Auswahl seiner bisherigen Gedichte. Wie „eine Art Familienfeier“ (Wagner 2016b, S. 247) kommen alle seine Gedichte zusammen. Sie bleiben unangetastet, entfalten jedoch eine „neue Dynamik“ (ebd., S. 148) und werden lediglich durch einen Epilog ergänzt, der stellvertretend für die nach der letzten Veröffentlichung entstandenen und noch entstehenden Gedichte steht (vgl. ebd.). In Wagners Selbstporträt mit Bienenschwarm finden sich zusätzlich zu Australien vorher noch Ausschnitte aus Probebohrung im Himmel (2001), Guerickes Sperling (2004), Achtzehn Pasteten (2007) und Der Wald im Zimmer (2007). Darüber hinaus kommen danach noch Die Eulenhasser in den Hallenhäusern. Drei Verborgene (2012) und Regentonnenvariation (2014) hinzu. Trotz der Unterschiede zwischen den einzelnen Werken lässt sich eine deutliche stilistische Einheitlichkeit in Wagners Werk erkennen. Fast schon wie eine große Enzyklopädie aus Tieren, Pflanzen, Orten, Personen, Alltagsphänomenen und literarischen Gattungen sammelt und katalogisiert Wagner in seinen Werken die Welt auf wissenschaftliche Weise. Dabei zeigt er spielerisch, „dass sich aus grundsätzlich allem ein Gedicht machen lässt“ (Wagner 2016a, S. 5). In seiner ästhetischen Einfachheit richtet Wagner den Blick auf das „‚handfeste Abseitige‘“ (Seibt zitiert nach Metz 2018, S. 177), das in der Alltagstrivialität oft übersehen wird. Vom versuch über mücken bis zu den achtzehn pasteten wird illustriert, dass sich gerade hinter den kleinsten Dingen eine große Welt verbergen kann. Dabei werden Natur und Kultur bei Wagner verschränkt und kontrastiert, wenn „fachwerkhäuser […] im schatten grasen“ oder „eine krähe […] als flugzeug wieder[kehrt]“ (eberhardzeller ekloge, S. 51, V. 4; subalpine meditation, S. 95, V. 1f.). Scharfsinnig nutzt Wagner dabei immer wieder das Moment der Überraschung und Verunsicherung, um Aufmerksamkeit zu schaffen und eine gesellschaftskritische Note in seiner Lyrik zu implementieren. Durch eine gewisse „Unschärfe“ (Metz 2018, S. 216) löst er die scheinbar einfachen Dinge aus ihrem Kontext und schafft die Möglichkeit, in ihnen Neues zu sehen. Damit macht sich der Blick durch Wagners Brille zum Ziel, die Sicht auf die Welt zu verändern.

Einordnung


Nach der Veröffentlichung seines vielgepriesenen ersten Lyrikbandes im Jahr 2001 publizierte Jan Wagner zahlreiche weitere Gedicht- und Essaybände, die „maßgeblich zum Lyrik-Boom beigetragen“ (Jürgensen/Marx/Pils 2022, S. 8) haben. Besonders hervorgehoben und vielfach ausgezeichnet wird dabei sein Beitrag zur zeitgenössischen Naturlyrik (vgl. ebd., S. 9). So erhielt Wagner 2015 mit seinem Gedichtband Regentonnenvariationen als erster Lyriktitel überhaupt den Preis der Leipziger Buchmesse. Zusätzlich erhielt er 2017 den Georg-Büchner-Preis für seine „spielerische Sprachfreude und meisterhafte Formbeherrschung“ (zitiert nach ebd., S. 8).
Bereits während seines Anglistikstudiums gab Wagner ab 1995 gemeinsam mit Thomas Girst Die Außenseite des Elements heraus, eine Literaturzeitschrift in Form einer Loseblattsammlung. Später publizierte er zahlreiche Anthologien, darunter gemeinsam mit Björn Kuhligk Lyrik von Jetzt (2003, 2008). Heute ist Wagner immer wieder als Übersetzer aus dem Englischen (u.a. von Simon Armitage, Matthew Sweeney und Margaret Atwood) sowie als Kritiker für Zeitungen und den Rundfunk tätig. Sein breites literarisches Interesse spiegelt sich auch in seinem Schreiben wider: Die Gedichte sind geprägt von Vergleichen, Metaphern und Allegorien sowie von den „Echos der Intertextualität“ (ebd., S. 7). Als literarische Vorbilder nennt Wagner unter anderem Dylan Thomas, Inger Christensen, Zbigniew Herbert und Eugenio Montale (vgl. ebd.). Entsprechend ist für Jan Wagner der Lyriker „per se ein Eklektizist“ (zitiert nach Detering 2016, S. 9), der den Leser zum Staunen bringt, indem er die Welt als „ganz neu und fremd“ (ebd., S. 13) erscheinen lässt. Dieses Selbstverständnis artikuliert Wagner auch in seiner Vorstellung vor der Deutschen Akademie als Wagenmacher, der den Leser „hineinkutschieren [lässt] in die unbekannte Welt“ (ebd., S. 14). Auch wenn Wagner damit kein herkömmlicher Gegenwartslyriker ist, befindet er sich durch seinen bewussten Rückgriff auf die literarische Tradition dennoch „[i]n bester Gesellschaft“ (Metz 2018, S. 225).

Literaturangaben


  • Detering, Heinrich: Qualle und Killer. Eine Einführung in das Schreiben Jan Wagners. In: TEXT + KRITIK 210 (2016), S. 7–14.
  • Jürgensen, Christoph / Friedhelm Marx / Holger Pils: Einleitung. In: Christoph Jürgensen, Friedhelm Marx, Holger Pils (Hg.): Natur – Form – Autorschaft. Das literarische Werk Jan Wagners. Würzburg 2022 (Literatur & Gegenwart 6), S. 7–9.
  • Metz, Christian: Poetisch denken. Die Lyrik der Gegenwart. Frankfurt a. M. 2018.
  • Wagner, Jan: Neue Texte. In: TEXT + KRITIK 210 (2016a), S. 4–6.
  • Wagner, Jan: Selbstporträt mit Bienenschwarm. Ausgewählte Gedichte 2001–2015. München 2016b.


Ausgaben


  • Wagner, Jan: Australien. Berlin 2010. (SDP-Bibliothek, Signatur: Y-WA 35 4/8)
  • Wagner, Jan: Selbstporträt mit Bienenschwarm. Ausgewählte Gedichte 2001-2015. München 2016. (SDP-Bibliothek, Signatur: Y-WA 35 2/5)


Weiterführende Literatur / Ressourcen


  • Jürgensen, Christoph / Sonja Klimek (Hg.): Gedichte von Jan Wagner. Interpretationen. Münster 2017.
  • Jürgensen, Christoph / Friedhelm Marx / Holger Pils (Hg.): Natur – Form – Autorschaft. Das literarische Werk Jan Wagners. Würzburg 2022 (Literatur & Gegenwart 6).
  • Metz, Christian: Poetisch denken. Die Lyrik der Gegenwart. Frankfurt a. M. 2018.
  • Audiomitschnitte von verschiedenen Lesungen der Literarisches Colloquium Berlin e. V. mit Jan Wagner auf dichterlesen.net
  • Website Jan Wagner.


Lesedauer


  • Australien: ca. 1 Stunde (individuelle Lesezeit)
  • Selbstporträt mit Bienenschwarm: ca. 3 Stunden (individuelle Lesezeit)


Leseprobe


hamburg–berlin

der zug hielt mitten auf der strecke. draußen hörte
man auf an der kurbel zu drehen: das land lag still
wie ein bild vorm dritten schlag des auktionators.

ein dorf mit dem rücken zum tag. in gruppen die bäume
mit dunklen kapuzen. rechteckige felder,
die karten eines riesigen solitairespiels.

in der ferne nahmen zwei windräder
eine probebohrung im himmel vor:
gott hielt den atem an.


(Zitat: Jan Wagner: Selbstporträt mit Bienenschwarm. Ausgewählte Gedichte 2001-2015. München 2016, S. 20; frei verfügbares PDF)

In den ausgewerteten Leselisten wird zudem als wichtiges Gedicht "giersch" aus dem Band regentonnenvariationen (2014) genannt.

Was finde ich an diesen Gedichten interessant?


Als jemand, der selbst gerne reist, konnte ich mich als Jan Wagners Beifahrer durch eine kuriose Welt führen lassen. Seine Gedichte sind für mich wie kleine Reisen im Kopf: Man entdeckt Neues und lernt, genauer hinzuschauen. Landschaften und Städte werden lebendig und entfalten dabei ein eigenes Tempo, einen Rhythmus, der sich deutlich vom Alltag unterscheidet – langsamer, ruhiger, nachdenklicher. Auch wenn Wagners Gedichte auf den ersten Blick oft leicht und teilweise sogar komisch wirken, zeigt sich bei genauerem Hinsehen häufig eine verborgene Bedeutung. Genau dieses Spiel zwischen Leichtigkeit und Tiefe begründet für mich die besondere Anziehungskraft von Wagners Gedichten.

Leonie Kurtz (B.A.-Studierende)