Annette von Droste-Hülshoff: Die Judenbuche. Ein Sittengemälde aus dem gebirgigten Westphalen (1842). Novelle

Inhalt


Friedrich Mergel kommt als Sohn eines Alkoholikers und einer erst spät verheirateten Mutter in dem abgeschiedenen „Dorf B.“ in Westfalen zur Welt, in dem Durchsetzungsvermögen mehr zählt als Gesetze. Als sein Vater verstirbt, schlägt sein Onkel Simon Friedrichs Mutter eine Art Adoption vor, und Friedrich hütet fortan dessen Kühe. Damit ist er doppelter Abgeschiedenheit ausgesetzt – einmal räumlich, da das Dorf allseitig nur von tiefem Wald umgeben ist, einmal sozial, da er aufgrund seiner Familiensituation eher am Rande der Dorfgesellschaft steht. Bald erlangt Friedrich jedoch durch sein zunehmendes Selbstbewusstsein Ansehen im Dorf. Über seinen Onkel macht er Bekanntschaft mit Johannes Niemand, einem Jungen im selben Alter, der Friedrich zum Verwechseln ähnlich sieht, jedoch bedeutend schmächtiger und zurückhaltender ist. Er nimmt schnell eine Art Dienerrolle gegenüber Friedrich ein.
Im Wald um das Dorf kommt es verstärkt zu Holzdiebstählen, die einer verbrecherischen Organisation namens „Blaukittel“ zugeschrieben werden. Trotz der Bemühungen der Förster bleiben die Mitglieder der Bande unerkannt, jedoch wird einer der Förster auf der Suche nach den Holzfrevlern im Wald erschlagen. In der Novelle wird impliziert, dass Simon in diesen Mord involviert ist, auch wenn er nicht überführt wird. Als Friedrich auf einer Hochzeitsfeier von dem Juden Aaron, dem er Geld schuldet, öffentlich bloßgestellt wird und Aaron später ermordet unter einer Buche – der „Judenbuche“ – aufgefunden wird, gerät Friedrich zunehmend in Verdacht, Aaron getötet zu haben. Die Situation spitzt sich so zu, dass Friedrich mit Johannes flieht. Wer den Mord wirklich begangen hat, lässt die Novelle trotz vieler Hinweise in diverse Richtungen offen. Obwohl 28 Jahre nach dem Geschehen ein Mann, der sich als Johannes Niemand ausgibt, zurückkehrt, sorgt dieser nicht für Aufklärung. Er erhängt sich am Schluss der Erzählung in der titelgebenden Buche und wird nach seinem Tod vom Gutsbesitzer als Friedrich Mergel identifiziert. Dennoch bleiben die Lesenden verunsichert darüber zurück, was sich in der erzählten Welt zugetragen hat.

Einordnung


Anna Elisabeth (Annette) von Droste-Hülshoff wurde am 12. Januar 1797 geboren und begann schon in ihrer Kindheit mit dem Schreiben von Gedichten (vgl. Freund 1997, S. 117). Trotz seit dem Jahr 1815 anhaltender gesundheitlicher Komplikationen (vgl. ebd., S. 118), an denen sie am 24. Mai 1848 starb (vgl. ebd. S. 122), reiste sie seit ihrer Kindheit viel und knüpfte Kontakte zu den Brüdern Grimm, August Wilhelm Schlegel sowie weiteren zeitgenössisch bedeutsamen Schriftstellern (vgl. ebd., S. 118f.). Auch zum katholischen Glauben fand sie bereits in jungen Jahren, was sich vielfach in ihrem Schaffen äußert, etwa im Gedichtzyklus Das Geistliche Jahr (vgl. ebd., S. 118) und in weiteren thematischen Bezügen.
Ihr literarisches Werk umfasst neben Gedichten, Versepen (vgl. Freund 1998, S. 96), Dramen (vgl. Freund 1997, S. 118) und zumindest begonnenen Romanen (vgl. ebd., S. 118) auch ihre einzige Novelle Die Judenbuche. (vgl. ebd., S. 111). Diese wurde von Droste-Hülshoff selbst als „Kriminalgeschichte“ (vgl. Freund 1997, S. 11) bezeichnet und wurde zuerst im Frühjahr 1842 fortlaufend in der bei Cotta erscheinenden renommierten Zeitschrift Morgenblatt für gebildete Leser veröffentlicht (vgl. ebd., S. 12). Anhand von Friedrich thematisiert die Autorin exemplarisch die Probleme einer vorschnell urteilenden und gewaltbereiten Gesellschaft (vgl. ebd., S. 13). Bereits der Titel, benannt nach dem zentralen Symbol der Novelle, eröffnet eine tiefere, sinnbildliche Ebene und stelle, so Freund, Menschen wie Bäume gleichermaßen als „den Bedrohungen eines hemmungslosen Raubbaus ausgesetzt“ (ebd., S. 17) dar. Tatsächlich scheint sowohl das Dorf als auch der Wald durchweg destruktiven Handlungen ausgesetzt zu sein, die sich nur immer weiter zuspitzen und auch nicht entspannen, wie es für Novellen typisch ist (vgl. ebd., S. 24).
Droste-Hülshoff kritisiert die Ausrichtung der Gesellschaft auf Materielles, Eigennutz und Gewalt (vgl. ebd. S. 19); diese Einstellungen widersprechen allesamt den christlichen Werten und Handlungsrichtlinien, die sie selbst als Gläubige vertritt (vgl. ebd., S. 12). Auch die Figuren praktizieren den christlichen Glauben, gehen beispielsweise zur Beichte oder beten, doch er scheint letztlich wirkungslos zu bleiben. Somit wirkt dieses „Sittengemälde“, wie der Untertitel der Novelle lautet, als Spiegel einer gesetzlosen, zu kritisierenden Gesellschaft (vgl. ebd., S. 32). Die Erzählung gehört zum Kanon deutschsprachiger Literatur, wurde mehrfach übersetzt und war 2008 bereits in über sechs Millionen Exemplaren gedruckt worden (vgl. Mecklenburg 2008, S. 11).

Literaturangaben


  • Freund, Winfried: Annette von Droste-Hülshoff. München 1998.
  • Freund, Winfried: Annette von Droste-Hülshoff. Was bleibt. dtv portrait. Stuttgart/Berlin/Köln 1997.
  • Mecklenburg, Norbert: Der Fall Judenbuche. Revision eines Fehlurteils. Bielefeld 2008.


Ausgaben


  • Droste-Hülshoff, Annette von: Historisch-kritische Ausgabe. Werke, Briefwechsel. Hg. v. Winfried Woesler. Bd. 5,1: Prosa. Text. Tübingen 1978. Bd. 5,2: Prosa. Dokumentation. Tübingen 1984. (Standort SDP-Bibliothek, Signatur: V-DR 60 1/10:5,1 / V-DR 60 1/10:5,2 )
  • Droste-Hülshoff, Annette von: Die Judenbuche. Studienausgabe. Hg. von Bernd Kortländer. Stuttgart: Reclam 2016. (Standort SDP-Bibliothek, Signatur: V-DR 60 4/4 Mag Reclam)


Weiterführende Literatur / Ressourcen



Lesedauer


  • Reclam-Hörbuch: 2h 6min


Leseprobe


Am nächsten Abend saß Margreth schon seit einer Stunde mit ihrem Rocken vor der Tür und wartete auf ihren Knaben. Es war die erste Nacht, die sie zugebracht hatte, ohne den Atem ihres Kindes neben sich zu hören, und Friedrich kam noch immer nicht. Sie war ärgerlich und ängstlich und wußte, daß sie beides ohne Grund war. Die Uhr im Turm schlug sieben, das Vieh kehrte heim; er war noch immer nicht da und sie mußte aufstehen, um nach den Kühen zu schauen. Als sie wieder in die dunkle Küche trat, stand Friedrich am Herde; er hatte sich vornübergebeugt und wärmte die Hände an den Kohlen. Der Schein spielte auf seinen Zügen und gab ihnen ein widriges Ansehen von Magerkeit und ängstlichem Zucken. Margreth blieb in der Tennentür stehen, so seltsam verändert kam ihr das Kind vor.
»Friedrich, wie geht's dem Ohm?« – Der Knabe murmelte einige unverständliche Worte und drängte sich dicht an die Feuermauer. – »Friedrich, hast du das Reden verlernt! Junge, tu das [494] Maul auf! Du weißt ja doch, daß ich auf dem rechten Ohr nicht gut höre.« – Das Kind erhob seine Stimme und geriet dermaßen ins Stammeln, daß Margreth es um nichts mehr begriff. – »Was sagst du? Einen Gruß von Meister Semmler? Wieder fort? Wohin? Die Kühe sind schon zu Hause. Verfluchter Junge, ich kann dich nicht verstehen. Wart, ich muß einmal sehen, ob du keine Zunge im Munde hast!« – Sie trat heftig einige Schritte vor. Das Kind sah zu ihr auf, mit dem Jammerblick eines armen, halbwüchsigen Hundes, der Schildwacht stehen lernt, und begann in der Angst mit den Füßen zu stampfen und den Rücken an der Feuermauer zu reiben.
Margreth stand still; ihre Blicke wurden ängstlich. Der Knabe erschien ihr wie zusammengeschrumpft, auch seine Kleider waren nicht dieselben, nein, das war ihr Kind nicht! Und dennoch – »Friedrich, Friedrich!« rief sie.
In der Schlafkammer klappte eine Schranktür und der Gerufene trat hervor, in der einen Hand eine sogenannte Holzschenvioline, d.h. einen alten Holzschuh, mit drei bis vier zerschabten Geigensaiten überspannt, in der andern einen Bogen, ganz des Instruments würdig. So ging er gerade auf sein verkümmertes Spiegelbild zu, seinerseits mit einer Haltung bewußter Würde und Selbständigkeit, die in diesem Augenblicke den Unterschied zwischen beiden sonst merkwürdig ähnlichen Knaben stark hervortreten ließ.
»Da, Johannes!« sagte er und reichte ihm mit einer Gönnermiene das Kunstwerk; »da ist die Violine, die ich dir versprochen habe. Mein Spielen ist vorbei, ich muß jetzt Geld verdienen.« – Johannes warf noch einmal einen scheuen Blick auf Margreth, streckte dann langsam seine Hand aus, bis er das Dargebotene fest ergriffen hatte, und brachte es wie verstohlen unter die Flügel seines armseligen Jäckchens.
Margreth stand ganz still und ließ die Kinder gewähren. Ihre Gedanken hatten eine andere, sehr ernste Richtung genommen, und sie blickte mit unruhigem Auge von einem auf den andern. Der fremde Knabe hatte sich wieder über die Kohlen gebeugt mit einem Ausdruck augenblicklichen Wohlbehagens, der an Albernheit grenzte, während in Friedrichs Zügen der Wechsel eines offenbar mehr selbstischen als gutmütigen Mitgefühls spielte und sein Auge in fast glasartiger Klarheit zum erstenmale bestimmt den Ausdruck [495] jenes ungebändigten Ehrgeizes und Hanges zum Großtun zeigte, der nachher als so starkes Motiv seiner meisten Handlungen hervortrat.

(Zitat: TextGrid Repository (2012). Annette v. Droste-Hülshoff: Die Judenbuche. TextGrid Digitale Bibliothek)

Was finde ich an dem Text interessant?


Der Reiz der Judenbuche liegt in der ununterbrochenen Rätselhaftigkeit, die man auf jeder Seite spürt. Das wird einerseits durch den Schauplatz, das Dorf B., abgeschottet in „tiefer und stolzer Waldeinsamkeit“ (Droste-Hülshoff 2013, S. 4), und seine Einwohner erreicht. Bereits zu Beginn legen die familiären Spannungen, die konfliktbehaftete Dorfgemeinschaft und Simons gnadenlos kühle Art nahe, dass Friedrichs Entwicklung überschattet sein wird. „Überschattet“ lässt sich dabei sowohl metaphorisch als auch ganz wörtlich verstehen, denn viele Szenen spielen sich bei Nacht, oft auch im Wald, ab, was der Handlung stets eine düstere Atmosphäre verleiht.
Andererseits bewahrt die Erzählinstanz, die aus einiger Distanz auf die Geschichte zurückblickt, ihr Wissen häufig für sich. Falls sie weiß, wer wen getötet hat, wer die Blaukittel sind und was die Hintergründe von Friedrichs und Johannes’ Flucht sowie der Wiederkehr von einem der beiden sind, behält sie es für sich. Auch was es mit dem so auffallend ähnlich aussehenden Johannes Niemand auf sich hat sowie diverse Handlungsintentionen der Figuren bleiben fraglich. Stattdessen sorgt die Erzählinstanz an vielen Stellen dafür, dass man ebenso angespannt und verwirrt bleibt wie die Figuren selbst, als wäre man selbst der Kriminalgeschichte ausgeliefert.
Insgesamt lässt sich die Novelle vom Schreibstil her sehr angenehm und recht schnell lesen: Doch gerade durch das offene Ende und die vielen, allerdings konträren Deutungsmöglichkeiten und deren weitreichende Auswirkungen auf die übrigen Strukturen bietet die Judenbuche auch nach der Lektüre viel Potenzial zur weiteren Beschäftigung mit dem Werk – nicht nur, indem man sich selbst der Mordfälle annimmt und sie aufzuklären versucht, sondern auch diverse Untersuchungen der Forschungsliteratur laden zur tieferen Beschäftigung ein.

Elisa Schön (B.A.-Studierende, Profil Lehramt)