Heiner Müller: Die Hamletmaschine (1977). Drama
Inhalt
Wer das Drama Die Hamletmaschine in der Erwartung zur Hand nimmt, mit Wissen über Shakespeares Hamlet der Handlung gut folgen zu können, wird gleich in zweierlei Hinsicht eines Besseren belehrt: Abgesehen von den Figuren hat das Stück nichts mit Hamlet gemeinsam und besitzt überdies keine wirkliche Handlung, der man folgen könnte. Die fünf Szenen von sehr unterschiedlicher Länge folgen scheinbar zusammenhangslos aufeinander und bestehen jeweils weitestgehend aus einem Monolog von Prinz Hamlet oder Ophelia, der Tochter von Polonius, der in Hamlet der Ratgeber des neuen Königs Claudius ist. Dieser hat nach Ermordung von König Hamlet dessen Frau geheiratet und den Thron übernommen. Szene 1 spielt Hamlets Worten nach zu urteilen auf der Beerdigung und Hochzeit, die zeitgleich stattfinden. Hamlets Monolog zeugt von tiefer Abscheu gegenüber der gesamten Situation und allen Beteiligten. Die zweite, wesentlich kürzere Szene führt Ophelia ein, die davon spricht, sie sei die Frau, die sich selbst auf verschiedenste Arten getötet hätte, nun jedoch aus dem Gefängnis ausbräche und sich rächen werde. Dieser drohenden Rede folgt eine Auferstehung von Toten sowie ein unvermittelter Tausch von Identitäten einiger Figuren in Szene 3, die mit einem immer hektischer werdenden Tanz und dem unmotivierten Auftauchen weiterer Figuren, darunter die Madonna mit einem strahlenden Brustkrebs, endet. Darauf folgt die längste Szene des Dramas, in der Hamlet sich nach wenigen Worten des Kostüms entkleidet und – fortan als HAMLETDARSTELLER bezeichnet – einen langen Monolog beginnt, der von gewalttätigen Aufständen handelt und zugleich einen Diskurs über Hamlets Leben als konstruiertes Drama darstellt. Den Abschluss des Dramas bildet Ophelia in Szene 5, die sich als Elektra bezeichnet und davon spricht, die Welt, die sie geboren habe, und deren Existenz auszulöschen.
Einordnung
„Mein Hauptinteresse beim Stückeschreiben ist es, Dinge zu zerstören. [...] [A]lso schrieb ich einen kurzen Text, HAMLETMASCHINE, mit dem ich versuchte, Hamlet zu zerstören.“ (Heiner Müller, zit. nach Schütte 2010, S. 49)
Diese dekonstruktivistische Herangehensweise merkt man nicht nur der Hamletmaschine an, sondern sie ist ein prägendes Merkmal für das gesamte Schaffen Heiner Müllers. Der 1929 geborene, nach dem 2. Weltkrieg in der DDR aufgewachsene und 1995 gestorbene Autor (vgl. ebd., S. 16f., 24) gilt als einer der zentralen Autoren der Postmoderne (vgl. He 2022, S. 70). Kritische Auseinandersetzungen mit der Politik in vielen seiner Werke führten zunächst immer wieder zu Repression durch das DDR-Regime (vgl. Schütte, S. 19f.). Aufgrund internationalen Ansehens wegen seines speziellen Stils gelang Müller jedoch in den 1980ern auch der Durchbruch in der DDR: Schließlich wurde er dort sogar zum meist gespielten Dramatiker (vgl. ebd., S. 22).
Mit der 1977 entstandenen und 1979 uraufgeführten Hamletmaschine (vgl. ebd., S. 46), die Müllers erfolgreichstes Drama ist (vgl. Ludwig 2009, S. 223), verarbeitet er eine Vielzahl teils zeitgenössischer, teils jederzeit relevanter Themen anhand der literarischen Vorlage des Dramas Hamlet von William Shakespeare, der sehr oft als Ausgangspunkt diente (vgl. Schütte 2010, S. 46). Was wegen der Kürze des Dramas auf den ersten Blick wie eine rasche Lektüre wirken mag, gestaltet sich deshalb als äußerst zeitintensiv, wenn man das Stück verstehen möchte. In extrem verdichteter Form finden sich Bezüge zum Feminismus, der in den 1970ern seine Hochphase hatte, verbunden mit Terrorismus in der als Rächerin auftretenden Ophelia (vgl. Ludwig 2009, S. 245 und 248); hinzu kommen Anspielungen auf politisch-militärische Konflikte wie den Aufstand in Budapest im Jahr 1956 (vgl. Wieghaus 1984, S. 270 und Schütte 2010, S. 52) sowie Kritik am Stalinismus und Sozialismus (vgl. Schütte 2010, S. 50). Einerseits hat man Hamlet, der sich dem System beugt, das ihn in seiner Rolle als Unterdrücker gefangen hält, andererseits die unterdrückte Ophelia, die sich befreit und Rache verfolgt – doch beide Figuren hassen dieses System gleichermaßen (vgl. Wieghaus 1984, S. 273). Zudem sehen manche Forscher selbstkritische Reflexionen des Autors im Drama verarbeitet, etwa in Bezug auf die Handlungsunfähigkeit im Gewaltregime (vgl. Schütte, S. 50): Als Intellektueller sei man zwar gegen das unterdrückende staatliche System, genieße aber zeitgleich Privilegien von diesem. Müller sah sich zudem finanziell dazu gezwungen, neben seinen kritischen Werken auch eine Vielzahl an konformen Texten sowie Auftragsarbeiten zu schreiben (vgl. He 2022, S. 17) und sich somit dem Regime zu beugen. Besonders spürbar wird dieser Konflikt zwischen Aufstand und Unterordnung in der vierten Szene anhand der metaliterarischen Reflexionen zum Medium Drama und seiner politischen Position.
Bei der Hamletmaschine handelt sich somit um einen „Schnittpunkt unterschiedlichster Diskurse und Zeitebenen“ (Schütte 2010). Jedoch ist gerade wegen der Vieldeutigkeit und der Verdichtung der Szenen oft keine eindeutige Interpretation möglich. Die Ansätze unterscheiden sich deshalb je nach Zeit, Ideologie und Position der Forschungsliteratur (vgl. He 2022, S. 75). Das Drama ist jedoch nicht nur inhaltlich wegen seiner teils vieldeutigen Anspielungen eine Herausforderung, sondern auch formal: Müller wechselt unvermittelt zwischen den Sprachen Englisch und Deutsch hin und her, nutzt syntaktisch unpassende Einschübe, vielfach Blockschrift, integriert regelmäßig Zitate sowie Sprichworte und stellt Inszenierungen vor die Herausforderung, mit teils kaum umsetzbaren Regieanweisungen umzugehen (vgl. Schütte 2010, S. 51). An dieser Aufgabe wird sich bis heute versucht und Die Hamletmaschine so immer wieder auf internationalen Bühnen aufgeführt und aktualisiert.
Literaturangaben
- He, Lianhua: Geschichtsphilosophie als Literatur. Intertextuelle Analysen zum Werk Heiner Müllers. Bielefeld 2022.
- Ludwig, Janine: Heiner Müller, Ikone West. Das dramatische Werk Heiner Müllers in der Bundesrepublik – Rezeption und Wirkung. Frankfurt a. M. 2009.
- Schütte, Uwe: Heiner Müller. Köln/Weimar/Wien 2010 (UTB 3353).
- Wieghaus, Georg: Zwischen Auftrag und Verrat. Werk und Ästhetik Heiner Müllers. Frankfurt a. M., Bern 1984.
Ausgabe
- Müller, Heiner: Werke 4. Stücke 2. Hg. von Frank Hörnigk. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 2001, S. 545–554. (SDP-Bibliothek, Signatur: X-MU 26 1/1:4; SUB Standort: LS1, Signatur: HS 600 MülH:z = FA 21324:4)
- Lehmann, Hans-Thies / Patrick Primavesi (Hg.): Heiner Müller-Handbuch. Leben – Werk – Wirkung. Stuttgart, Weimar 2003.
- Lesedauer: ca. 20 Minuten, wenn man es am Stück liest – was in Anbetracht der unzähligen Bezüge, Anspielungen und Brüche jedoch kaum möglich bzw. zielführend ist.
- Lesung: 30 Minuten
Weiterführende Literatur / Ressourcen
Lesedauer
Leseprobe
1 FAMILIENALBUM
Ich war Hamlet. Ich stand an der Küste und sprach mit der Brandung BLABLA, im Rücken die Ruinen von Europa. Die Glocken läuteten das Staatsbegräbnis ein, Mörder und Witwe ein Paar, im Stechschritt hinter dem Sarg des Hohen Kadavers die Räte, heulend in schlecht bezahlter Trauer WER IST DIE LEICHE IM LEICHENWAGEN / UM WEN HÖRT MAN VIEL SCHREIN UND KLAGEN / DIE LEICHE IST EINES GROSSEN / GEBERS VON ALMOSEN das Spalier der Bevölkerung, Werk seiner Staatskunst ER WAR EIN MANN NAHM ALLES NUR VON ALLEN. Ich stoppte den Leichenzug, stemmte den Sarg mit dem Schwert auf, dabei brach die Klinge, mit dem stumpfen Rest gelang es, und verteilte den toten Erzeuger FLEISCH UND FLEISCH GESELLT SICH GERN an die umstehenden Elendsgestalten. Die Trauer ging in Jubel über, der Jubel in Schmatzen, auf dem leeren Sarg besprang der Mörder die Witwe SOLL ICH DIR HINAUFHELFEN ONKEL MACH DIE BEINE AUF MAMA. Ich legte mich auf den Boden und hörte die Welt ihre Runden drehn im Gleichschritt der Verwesung.
I’M GOOD HAMLET GI’ME A CAUSE FOR GRIEF
AH THE WHOLE GLOBE FOR A REAL SORROW
RICHARD THE THRID I THE PRINCEKILLING KING
OH MY PEOPLE WHAT HAVE I DONE UNTO THEE
WIE EINEN BUCKEL SCHLEPP ICH MEIN SCHWERES GEHIRN
ZWEITER CLOWN IM KOMMUNISTISCHEN FRÜHLING
SOMETHING IS ROTTEN IN THIS AGE OF HOPE
LETS DELVE IN EARTH AND BLOW HER AT THE MOON
Hier kommt das Gespenst das mich gemacht hat, das Beil noch im Schädel. Du kannst deinen Hut aufbehalten, ich weiß, dass du ein Loch zuviel hast. Ich wollte, meine Mutter hätte eins zu wenig gehabt, als du im Fleisch warst: ich wäre mir erspart geblieben. Man sollte die Weiber zunähn, eine Welt ohne Mütter. Wir könnten einander in Ruhe abschlachten, und mit einiger Zuversicht, wenn uns das Leben zu lang wird oder der Hals zu eng für unsere Schreie. Was willst du von mir. Hast du an einem Staatbegräbnis nicht genug. Alter Schnorrer. Hast du kein Blut an den Schuhn. Was geht mich deine Leiche an. Sei froh, daß der Henkel heraussteht, vielleicht kommst du in den Himmel. Worauf wartest du. Die Hähne sind geschlachtet. Der Morgen findet nicht mehr statt.
[...]
(Zitat: Anfang von Heiner Müller: Die Hamletmaschine. Berlin 2007. Leseprobe des Henschel Schauspiel Theaterverlags)
Was finde ich an dem Text interessant?
Wodurch sich Die Hamletmaschine vor allem abhebt, ist ihre Andersheit. Sie ist nicht das einzige experimentelle Drama und nicht der einzige literarische Text, der mit Lesererwartungen spielt. Allerdings tut sie dies in einer ganz eigenen, regelrecht brutalen und ekelerregenden Intensität mit enormer Sprachgewalt – in einer auf den ersten Blick täuschend harmlos wirkenden Kürze.
Weder inhaltlich noch sprachlich kann man sich an etwas festhalten, nicht einmal an der Orthographie. Zudem bekommt man eine solch enorme Vielzahl an Interpretationsmöglichkeiten und Bezügen entgegengeschleudert, dass man sich wochenlang mit ihnen auseinandersetzen und wohl doch nicht gänzlich durchblicken könnte. Zugleich weckt das Lesen eben die Abneigung und das Unwohlsein, das die Figuren selbst zu spüren scheinen. Dadurch bekommt man schließlich doch einen kleinen Anknüpfungspunkt, von dem ausgehend man versuchen kann, sich das anspruchsvolle Drama zugänglicher zu machen. Müller stellt den Rezipienten gewissermaßen vor die Herausforderung, es gedanklich zu entwirren. Dafür muss man es allerdings zuerst schaffen, die anfängliche Verstörung zu übergehen, die das Drama ganz gezielt hervorruft. Das Interessante ist die Wirkung des Dramas und das, was aus seiner Rezeption entsteht: Seien es kreative Inszenierungen, Interpretationen oder das Diskutieren über die ernsten Themen, die es behandelt – wenn man sich auf das Drama einlässt.
Elisa Schön (B.A.-Studierende, Profil Lehramt)