Herta Müller: Atemschaukel (2009). Roman
Inhalt
Es ist Winter im Jahre 1945. Mit einem zweckentfremdeten Grammophonkoffer beginnt die Reise des 17-jährigen rumäniendeutschen Leopold Auberg in ein sowjetisches Arbeitslager. Obwohl sich seine Familie um ihn sorgt, sieht der homosexuelle Ich-Erzähler der Wegfahrt aus der kleinbürgerlichen Heimat zunächst entgegen; sehr schnell jedoch muss er feststellen, dass er sich falsche Vorstellungen gemacht hatte, denn im Lager herrschen chronischer Hunger, Dreck und Zwangsarbeit. Der Tod durch Unterernährung, Krankheiten, Unterkühlung oder Arbeitsunfälle ist alltäglich. In den fünf Jahren seiner Zeit dort hält sich der Häftling an einem Ausspruch seiner Großmutter fest: „ICH WEISS DU KOMMST WIEDER“ (Müller 2009, S. 14). „So ein Satz“, schreibt der Protagonist, „hält einen am Leben“ (ebd.). Als Leo schließlich wiederkehrt, begegnet seine Familie dem Totgeglaubten indes mit befremdeter Nüchternheit.
Nüchtern und zugleich kunstvoll in ihrer Bildlichkeit ist auch die Sprache, die Herta Müller für die traumatischen Erfahrungen des Protagonisten findet. Diese werden vom Ich-Erzähler selbst mit 60 Jahren Abstand in 64 kurzen Kapiteln erzählt, die eine bestimmte Facette des Lagerlebens oder seiner Nachwirkungen schildern. In den zentralen, im Buch entwickelten Metaphern – der „Atemschaukel“, der „Herzschaufel“, die dem Protagonisten als Kontrahenten des „Hungerengels“ dienen (Steinecke 2017, S. 65) – verdichtet und verbildlicht sich der tagtägliche Überlebenskampf des Protagonisten im Lager.
Einordnung
Herta Müller, 1953 als Teil der deutschen Minderheit im rumänischen Nitzkydorf geboren, gewann 2009 den Literaturnobelpreis (vgl. Eke 2017, S. 2). Mit ihrem ersten Erzählband Niederungen (1982) und ihrem Roman Herztier (1994) hatte sie sich bei einem literarisch interessierten Publikum bereits einen Namen gemacht. In diesen und anderen Werken setzte sie sich autofiktional mit der Lebenswelt der Banater Schwaben in Rumänien, der verdrängten nationalsozialistischen Vergangenheit in der Region und der Lebensrealität unter der Ceaușescu-Diktatur auseinander (vgl. Bannasch 2020, S. 52). Sie selbst litt unter den Repressionen des rumänischen Geheimdienstes Securitate und verarbeitete dies immer wieder literarisch (vgl. Eke 2017, S. 7 f.)
Der breiten Öffentlichkeit wurde sie durch die Nobelpreisvergabe schlagartig bekannt, und so auch ihr im selben Jahr erschienener fünfter Roman Atemschaukel (2009). Von der Literaturkritik wurde dieser weitgehend sehr positiv rezipiert; nur vereinzelt meldeten sich Stimmen zu Wort, die gegenüber Herta Müllers Stil den Vorwurf des Kitsches erhoben (vgl. Steinecke 2017, S. 66). Der Roman ist im Oeuvre der Schriftstellerin insofern einzigartig, als er nicht autofiktional angelegt ist, sondern zentral auf den erinnerten Lagererfahrungen des mit Müller befreundeten Schriftstellers Oskar Pastior basiert; das Buch lässt sich daher der postmemorialen Literatur zuordnen (vgl. ebd, S. 59 f.) Dennoch fügt sich der Roman insoweit in Müllers Werk ein, als die Nachwirkungen der Lager zu ihrer Lebenswelt gehörten: Die Mutter der Autorin wurde 1945 gleichfalls in ein ukrainisches Lager deportiert (vgl. Eke 2017, S. 4). Thematische Kontinuität im Rahmen des Gesamtwerks von Herta Müller zeigt sich auch darin, dass das Buch die menschenfeindlichen, psychischen wie physischen Folgen totalitärer Strukturen beleuchtet, die Herta Müller auch zuvor beschäftigt hatten (vgl. Bannasch 2020, S. 53). Es ist die literarisch wie ästhetisch gelungene Auseinandersetzung mit diesem Sujet, die das Buch zu einem „Höhepunkt von Herta Müllers politischer Kunst“ (Steinecke 2017, S. 66) macht.
Literaturangaben
- Bannasch, Bettina: „Aber ich bin nicht mein Fleisch“. Herta Müllers Roman „Atemschaukel“. In: Text+Kritik 155 (Zweite Auflage: Neufassung 2020), S. 52–67.
- Eke, Norbert Otto: Biographische Skizze. In: Eke, Norbert Otto (Hg.): Herta Müller Handbuch. Stuttgart 2017, S. 2–12.
- Müller, Herta: Atemschaukel. Roman. Hanser Verlag, München 2009.
- Steinecke, Hartmut: „Atemschaukel“. In: Eke, Norbert Otto (Hg.): Herta Müller Handbuch. Stuttgart 2017, S. 59–67.
Ausgabe
- Müller, Herta: Atemschaukel. Roman. Hanser Verlag, München 2009. (SDP-Bibliothek, Signatur: X-MU 28 4/2).
Weiterführende Literatur / Ressourcen
- Bannasch, Bettina: „Aber ich bin nicht mein Fleisch“. Herta Müllers Roman „Atemschaukel“. In: Text+Kritik 155 (Zweite Auflage: Neufassung 2020), S. 52–67.
- Eke, Norbert Otto: „Gelber Mais, keine Zeit“. Herta Müllers Nach-Schrift Atemschaukel. Roman. In: Paul Michael Lützeler / Erin McGlothlin (Hg.): Gegenwartsliteratur. Ein germanistisches Jahrbuch. Schwerpunkt Herta Müller (10). Tübingen 2011, S. 54–74.
- Kegelmann, René: „An ihr können wir gutmachen, was wir einander antun.“ Figurenkonstellation in Herta Müllers Roman Atemschaukel. In: Dorle Merchiers / Jacques Lajarrige / Steffen Höhne (Hg.): Kann Literatur Zeuge sein? Poetologische und politische Aspekte in Herta Müllers Werk. Jahrbuch für Internationale Germanistik (112). Bern 2014, S. 333–344.
- Steinecke, Hartmut: „Atemschaukel“. In: Eke, Norbert Otto (Hg.): Herta Müller Handbuch. Stuttgart 2017, S. 59–67.
Lesedauer
- Hörbuch: gekürzte Fassung gesprochen von Ulrich Matthes: 6 Stunden, 31 Minuten
Leseprobe
Was kann man sagen über den chronischen Hunger. Kann man sagen, es gibt einen Hunger, der dich krankhungrig macht. Der immer noch hungriger dazukommt, zu dem Hunger, den man schon hat. Der immer neue Hunger, der unersättlich wächst und in den ewig alten, mühsam gezähmten Hunger hineinspringt. Wie läuft man auf der Welt herum, wenn man nichts mehr über sich zu sagen weiß, als dass man Hunger hat. Wenn man an nichts anderes mehr denken kann. Der Gaumen ist größer als der Kopf, eine Kuppel, hoch und hellhörig bis hinauf in den Schädel. Wenn man den Hunger nicht mehr aushält, zieht es im Gaumen, als wäre einem eine frische Hasenhaut zum Trocknen hinters Gesicht gespannt. Die Wangen verdorren und bedecken sich mit blassem Flaum. Ich wusste nie, soll man dem bitteren Meldekraut vorwerfen, dass man es nicht mehr essen kann, weil es verholzt und sich verweigert. Weiß das Meldekraut, dass es nicht mehr uns und dem Hunger dient, sondern dem Hungerengel. Die roten Rispenketten sind ein Geschmeide um den Hals des Hungerengels. Ab Frühherbst, wenn der erste Frost kam, schmückte sich das Meldekraut jeden Tag stärker, bis es erfror. Giftschöne Farben waren das, die im Augapfel stachen. Die Rispen, unzählige Reihen aus roten Halsketten, jeder Wegrand schmückte den Hungerengel. Er trug seinen Schmuck. Und wir trugen einen so hohen Gaumen, dass sich beim Gehen das Echo der Schritte im Mund überschlug. Eine Durchsichtigkeit im Schädel, als hätte man zu viel grelles Licht geschluckt. So ein Licht, das sich im Mund selber anschaut, sich süßlich ins Gaumenzäpfchen schleicht, bis es anschwillt und einem ins Hirn steigt. Bis man im Kopf kein Hirn, nur das Hungerecho hat. Es gibt keine passenden Wörter fürs Hungerleiden. Ich muss dem Hunger heute noch zeigen, dass ich ihm entkommen bin. Ich esse buchstäblich das Leben selbst, seit ich nicht mehr hungern muss.
(Zitat: Herta Müller: Atemschaukel. Frankfurt a. M. 2011, S. 24 f. Der Textausschnitt ist über die Leseprobe des S. Fischer Verlages frei zugänglich)
Was finde ich an dem Text interessant?
In einem Zug las ich Herta Müllers Roman Atemschaukel, der mich erschüttert zurückließ. Die unmenschlichen Zumutungen des zum Alltag gewordenen Lagerlebens werden in dem Buch konkret, ohne dabei in die Gefahr sprachlicher Gemeinplätze oder Sentimentalitäten zu geraten. Das hängt auch damit zusammen, dass Herta Müller für abstrakte Begriffe wie etwa den Hunger eindringliche, konkrete und ungewöhnliche Metaphern findet, die das Grauen verbildlichen. Die Autorin vermag es, die körperliche wie psychische Zerstörung eines Menschen vermittels einer ästhetisierten Sprache zugänglich zu machen, ohne im Lesenden die Illusion eines falschen Mitgefühls zu wecken. Das macht den Roman Atemschaukel einzigartig.
Diana Muth (M.A.-Studierende)