Martin Walser: Ein fliehendes Pferd (1978). Novelle

Inhalt


Im Sommerurlaub am Bodensee begegnen der innerlich von Trägheit und Lebensekel gezeichnete, Mitte vierzigjährige Lehrer Helmut Halm und seine Frau zufällig einem ehemaligen Klassenkameraden. Klaus Buch – ein junggebliebener, durchtrainierter wie erfolgreicher Journalist – ist von diesem Wiedersehen nach 23 Jahren enthusiasmiert und drängt auf gemeinsame Ausflüge. Während dieser Unternehmungen hält Klaus prahlerische Monologe und schäkert offensiv mit seiner deutlich jüngeren, attraktiven Frau Helene. Obwohl den Protagonisten Helmut „brennende[r] Neid“ (Walser 1997, S. 284) verzehrt, übt er sich an einer guten Miene zum bösen Spiel; unaushaltbar wird Helmuts Verbitterung gegenüber dem Antagonisten, als den zwei Paaren während einer Wanderung ein entflohenes Pferd über den Weg läuft: In einer satirisch zugespitzten Szene eilt Klaus dem Tier nach, schwingt sich auf dessen Rücken und galoppiert davon.
Nachdem beide Männer am nächsten Tag zu einer Segelpartie aufbrechen, braut sich auf dem See ein Sturm zusammen; während Klaus das Unwetter zum Anlass nimmt, sich an gefährlichen Segelmanövern zu probieren, wird Helmut von Todesangst gepackt. Um die Kontrolle über das Boot wiederzuerlangen, stößt er seinen Widersacher zur Seite: Klaus fällt über Bord, Helmut hingegen wird auf dem Schiff nach einiger Zeit wieder an ein Ufer gespült. Da Klaus auch am darauffolgenden Tag nicht auftaucht, glaubt man ihn ertrunken. Die verzweifelte Frau des Verschollenen besucht das Ehepaar Halm und gesteht, dass ihr aufschneiderischer Mann in einer Lebenslüge verstrickt und seine großtuerische Art bloß Fassade war. Kurz nach dieser Enthüllung klingelt Klaus an der Haustür.

Einordnung


Martin Walser (1927–2023) ist ein bekannter und umstrittener Schriftsteller der deutschen Nachkriegszeit. Nachdem er 1955 den Preis der Gruppe 47 erhielt, erschien zwei Jahre später sein erfolgreicher Debütroman Ehen in Philippsburg (vgl. Fetz 1997, S. 6). Anfang der 1960er Jahre begann Walser, sich politisch zu engagieren, und avancierte im Laufe des Jahrzehnts zum „wichtigsten Wortführer der linken Intellektuellen in der BRD“ (ebd., S. 7). Seit Mitte der 1970er Jahre grenzte sich Walser zunehmend von dieser Rolle ab; die Essayistik und literarischen Werke verlagerten sich zugunsten einer stärkeren Innerlichkeit (vgl. Lorenz 2005, S. 418f., vgl. Bogdal 2000, S. 22). Zeugnis davon ist die Novelle Ein fliehendes Pferd (1978), die von der Literaturkritik sehr gelobt wurde (vgl. Fetz 1997, S. 10). Während einige in dem Werk die Gestaltung eines rein innerlichen „psychologischen Pointillismus“ (Doane 1980, S. 70) sehen, lässt sich die Novelle jedoch auch begreifen als eine Modellierung „psychologische[r] Formationen und Deformationen, die in den politischen Verhältnissen wurzeln“ (ebd.) In der Literaturwissenschaft wurden u.a. die Beziehung von Walsers Fliehendem Pferd zu Goethes Die Wahlverwandtschaften, Thomas Manns Tonio Kröger und der Philosophie Kierkegaards untersucht (vgl. Wagener 1993, S. 279).
Ein Jahrzehnt nach der Veröffentlichung der Novelle zeigte sich in Walsers politischer Haltung verstärkt die Hinwendung zu einer rechtskonservativen Einstellung (vgl. Lorenz 2005, S. 438f.) Diese kulminierte in seiner 1998 gehaltenen Paulskirchenrede, in der er verfocht, Auschwitz dürfe nicht als „Einschüchterungsmittel oder Moralkeule“ (Walser 1998, S. 20) verwendet werden, und postulierte, das Holocaust-Denkmal in Berlin stelle eine „Monumentalisierung der Schande“ (ebd.) dar. Mit dieser Rede – die der damalige Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland Ignatz Bubis als „geistige[] Brandstiftung“ bezeichnete (zit. nach Lorenz 2005, S. 463) – plädierte Walser somit für eine erinnerungspolitische Wende (vgl. Wiegel 1999, S. 42f.) Kontrovers diskutiert wurde auch sein im Jahr 2002 erschienener Roman Tod eines Kritikers, dessen Hauptfigur dem Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki nachempfunden ist. Mehrheitlich wurde das Buch von der Kritik abgelehnt und dem Autor vorgeworfen, sich antisemitischer Stereotype zu bedienen (Lorenz 2005, S. 90f.)

Literaturangaben


  • Bogdal, Klaus-Michael: „Nach Gott haben wir nichts mehr gehabt als die Öffentlichkeit“. Selbstinszenierungen eines deutschen Schriftstellers. In: Text+Kritik 41/42 (3. Auflage: Neufassung 2000), S. 19–43.
  • Doane, Heike A.: Innen- und Außenwelt in Martin Walsers Novelle Ein fliehendes Pferd. In: German Studies Review 3 (1980), H. 1, S. 69–83.
  • Fetz, Gerald A.: Martin Walser. Stuttgart 1997.
  • Lorenz, Matthias N.: „Auschwitz drängt uns auf einen Fleck“. Judendarstellung und Auschwitzdiskurs bei Martin Walser. Diss. Stuttgart 2005.
  • Wagener, Hans: Die Sekunde durchschauten Scheins. Martin Walser: Ein fliehendes Pferd (1978). In: Winfried Freud (Hg.): Deutsche Novellen. Von der Klassik bis zur Gegenwart. München 1993, S. 279–289.
  • Walser, Martin: Ein fliehendes Pferd. In: ders.: Werke in zwölf Bänden. Bd. 5: Seelenarbeit. Ein fliehendes Pferd. Brandung. Dorle und Wolf. Hg. von Helmuth Kiesel unter Mitwirkung von Frank Barsch. Frankfurt a.M. 1997, S. 269–357.
  • Walser, Martin: Erfahrungen beim Verfassen einer Sonntagsrede. Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 1998. Mit der Laudatio von Frank Schirrmacher. Frankfurt a. M. 1998.
  • Wiegel, Gerd: Eine Rede und ihre Folgen. Die Debatte zur Walser-Rede. In: Ders. / Johannes Klotz: Geistige Brandstiftung? Die Walser-Bubis Debatte. Köln 1999, S. 17–64.


Ausgaben


  • Walser, Martin: Ein fliehendes Pferd. In: Ders.: Werke in zwölf Bänden. Bd. 5: Seelenarbeit. Ein fliehendes Pferd. Brandung. Dorle und Wolf. Hg. von Helmuth Kiesel unter Mitwirkung von Frank Barsch. Frankfurt a.M.: Suhrkamp 1997, S. 269–357. (SDP-Bibliothek, Signatur: X-WA 50 1/1:5).
  • Walser, Martin: Ein fliehendes Pferd. Novelle. Frankfurt a.M.: Suhrkamp 1978. (SDP-Bibliothek, Signatur: X-WA 50 4/25)


Weiterführende Literatur / Ressourcen


  • Bogdal, Klaus-Michael: „Nach Gott haben wir nichts mehr gehabt als die Öffentlichkeit“. Selbstinszenierungen eines deutschen Schriftstellers. In: Text+Kritik 41/42 (3. Auflage: Neufassung 2000), S. 19–43.
  • Dierks, Manfred: „Nur durch Zustimmung kommst du weg“. Martin Walsers Ironie-Konzept und „Ein fliehendes Pferd“. In: Literatur für Leser (1984), H. 1, S. 44–53.
  • Doane, Heike A.: Innen- und Außenwelt in Martin Walsers Novelle Ein fliehendes Pferd. In: German Studies Review 3 (1980), H. 1, S. 69–83.
  • Fetz, Gerald A.: Martin Walser. Stuttgart 1997.
  • Lüdke, W. Martin: Der stetig steigende Unterhaltungswert der späten Prosa Martin Walsers. Vom „Fliehenden Pferd“ zum „Schwanenhaus“. In: Text+Kritik 41/42 (Zweite, erweiterte Auflage 1983), S. 77–92.
  • Wagener, Hans: Die Sekunde durchschauten Scheins. Martin Walser: Ein fliehendes Pferd (1978). In: Winfried Freud (Hg.): Deutsche Novellen. Von der Klassik bis zur Gegenwart. München 1993, S. 279–289.


Lesedauer


  • Individuelle Lesezeit: ca. 2h und 45 Minuten


Leseprobe


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Martin Walser zeigt in dieser kurzweiligen Novelle, wie zwei unleidliche Protagonisten mit dem Anpassungsdruck an das hegemoniale Männlichkeitsideal umgehen: Beide verbergen sich hinter mühsam aufrechterhaltenen Masken, während sie permanent mit sozialem Vergleich und destruktivem Selbsthass hadern, der sich mit Misogynie vermengt. Helmuts nach innen mit ironischem Stolz vertretene Kleinbürgerlichkeit und sein sorgsam gepflegter Anschein stoischer Gleichmut treffen auf die Performanz sexueller und naturverbundener Virilität bei Klaus. Die Gegensätze der Antagonisten jedoch entpuppen sich als Täuschung. Unterhaltsam und parodistisch gestaltet Martin Walser diese explosive Grundsituation.

Diana Muth (M.A.-Studierende)