Johannes Bobrowski (1917–1965)
Übersicht: Das lyrische Werk
Johannes Bobrowski erlangte 1960 in Westdeutschland erstmals größere Bekanntheit, als Gedichte von ihm in der Anthologie Deutsche Lyrik auf der anderen Seite erschienen (vgl. Hamburger 1993, S. 74), und bereits ein Jahr später folgte mit Sarmatische Zeit sein erster eigener Gedichtband. 1962 folgte unter dem Titel Schattenland Ströme schon sein zweiter Gedichtband, dem – beachtlicherweise – eine englische Übersetzung bloß vier Jahre später unter dem Titel Shadowlands gewidmet wird. Ebenfalls 1966, ein Jahr nach Bobrowskis Tod, erschien mit Wetterzeichen ein dritter Band, der Gedichte aus seinen letzten Schaffensjahren bis 1965 versammelt (vgl. Hamburger 1993, S. 74; vgl. Kleinert 2017). Die vierte Sammlung, Im Windgesträuch, wurde 1970 herausgebracht und enthält neben einigen späteren, von Bobrowski selbst als unbefriedigend empfundenen Gedichten vor allem Texte aus den 1950er Jahren. Seine berühmten satirischen Distichen folgten in der Sammlung Literarisches Klima im Jahr 1977 (vgl. Hamburger 1993, S. 74). Schließlich publizierte man 2017 den Band Gesammelte Gedichte, der sowohl die zu Lebzeiten veröffentlichten als auch Gedichte aus dem Nachlass umfasst (vgl. Kleinert 2017).
Bobrowski verwendete die Metaphorik der Naturlyrik, wobei er die Natur- und Dingbeschreibungen nur auf den Menschen und seine individuelle Geschichte bezog (vgl. Gajek/Haufe 1977, S. 66). Bei seinen Gedichten handelt es sich um „vielschichtige Kunstgebilde“ (ebd., S. 69), in der die Themen mit Wortpaaren, Wörtern und Motiven verknüpft werden. Zudem zeichnen sich die Gedichte durch das Missachten syntaktischer Regeln aus. Oft verwendete rhetorische Mittel sind Metaphern, Ellipsen, Parallelismen, Anaphern, Antithesen, Alliterationen und Inversionen. Die durchgängig verwendeten Wörter und Bilder („Strom“, „grün“, usf.) in den Gedichten geben Aufschluss zu einem Motivzusammenhang (Natur) im gesamten lyrischen Werk (ebd., S. 69). Bobrowskis lyrisches Werk zeichnet sich insgesamt durch nüchterne Detailgenauigkeit und einen unausschöpflichen Bedeutungsreichtum aus (vgl. Hamburger 1993, S. 80).
Thematisch sind die Vorahnungen über den frühen Tod Bobrowskis stets präsent. So schrieb er jedes Gedicht, als wäre es sein letztes. Auch die meisten Künstler, denen er Gedichte widmete, waren bereits tot, wodurch seine Dichtung elegisch ist und der Tod als Voraussetzung zur Feier gilt (vgl. ebd., S. 75). Insgesamt vermitteln seine Gedichte aber einen „Eindruck des Feierlichen und nicht des Trauerns“ (ebd., S. 76).
Politisch ging es Bobrowski darum, die „Verschuldung gegenüber den Ostvölkern“ sichtbar zu machen (Gajek/Haufe 1977, S. 67). Dabei wollte er sich durch das Schreiben nicht von der Schuld befreien, sondern seine Wahrheit und Erfahrung vermitteln. Er hoffte, dass andere sich selbst in seinen Gedichten wiedererkennen können (vgl. Hamburger 1993, S. 76).
Einordnung
Johannes Bobrowski gilt als eine der bedeutenden Stimmen der deutschen Nachkriegslyrik. Obwohl sein lyrisches Gesamtwerk vergleichsweise schmal ist, entfaltet es eine völlig eigenständige poetische Position innerhalb der Epoche. Einer breiteren literarischen Öffentlichkeit wurde er insbesondere 1962 durch die Verleihung des prestigeträchtigen Literaturpreises der Nachkriegszeit in Deutschland, des Preises der Gruppe 47, bekannt (Glenn 1966, S. 45). Ab 1965 erschienen zudem im Union Verlag Berlin erste grundlegende Erörterungen seines Werks (Wolf 1967, S. 7).
Seine literarische Eigenständigkeit wurzelt tief in seiner Herkunft und Biografie. 1917 in Tilsit geboren, wuchs Bobrowski in Ostpreußen auf und erlebte eine Kindheit in einem heterogenen ostmitteleuropäischen Raum, in dem Polen, Litauer, Russen und Deutsche in enger Nachbarschaft lebten (Wolf 1967, S. 9). Neben Günter Grass gibt es kaum einen anderen deutschen Autor, der aus diesem von diversen Ethnien, Religionen und Sprachen geprägten Gebiet stammt und ihm literarisch so eng verbunden blieb (Scrase 1995, S. 6). Ein begonnenes Kunstgeschichtsstudium in Königsberg wurde durch den Zweiten Weltkrieg abgebrochen. Bobrowski diente als Wehrmachtssoldat in Russland und geriet 1945 in sowjetische Kriegsgefangenschaft (Glenn 1966, S. 45). Nach seiner Rückkehr im Jahr 1949 lebte er bis zu seinem frühen Tod 1965 im Alter von 48 Jahren in Ost-Berlin. Dort war er unter anderem als Lektor tätig und gesellschaftlich integriert, etwa als Mitglied des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes und der Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft (Völker 2005, S. 41; Glenn 1966, S. 45).
Prägend für sein literarisches Schaffen waren jedoch weniger diese späten Strukturen als vielmehr seine tiefen moralischen und religiösen Überzeugungen. Als Anhänger der Bekennenden Kirche und des christlichen Widerstands gegen den Faschismus ließen seine Erlebnisse und sein soziales Umfeld es für ihn zu einer existenziellen Aufgabe werden, seine Kenntnisse und Erfahrungen mitzuteilen (Wolf 1967, S. 12). Für Bobrowski war es eine Bestimmung, mit Worten für etwas einzustehen. Er vereinte Geschichte und die seinerzeit jüngste Vergangenheit in der Sprache, um die Welt aus seiner Sicht zu erfassen und zu bewältigen (Wolf 1967, S. 7, 11). Bezeichnenderweise nannte er sein zentrales literarisches Thema in einem Interview einmal „so etwas wie eine Kriegsverletzung“ (Bobrowski 1965, S. 135).
Literaturhistorisch entzog sich Bobrowski den gängigen Strömungen seiner Zeit. Seine frühen Gedichte der 1950er Jahre waren geprägt von „Unruhe, neuem Suchen, optimistischem Aufbauwillen, Abgrenzungsdenken oder experimenteller Spielfreude“ (Völker 2005, S. 41). Damit fiel er durch alle Raster: Den Liebhabern klassischer Heimatdichtung waren seine Verse nicht „hell, herzergreifend, reaktionär und liedhaft genug“, während sie den Anhängern der literarischen Moderne als zu „altmodisch, ungebrochen, zu innerlich empathisch“ galten (ebd.).
Tatsächlich wird Bobrowskis Lyrik heute als konsequenter Versuch beschrieben, der funktionalen, rationalisierten und beschleunigten Alltagssprache der Moderne eine eigenständige poetische Form entgegenzusetzen, ohne dabei in künstliche oder rein retrospektive Sprachmodelle abzugleiten. Formal verbindet er diese sprachliche Zurücknahme mit einer intensiven Erschließung von Landschaft, Geschichte und kultureller Erinnerung. Ein für ihn charakteristisches Verfahren ist dabei das „Aufsteigen zum Konkreten“ (Hartung 1965, S. 1190–1191): Seine Gedichte beginnen oft mit scheinbar isolierten, abstrakten Substantiven, die erst im Verlauf durch syntaktische Erweiterungen, nachgestellte Attribute und bildhafte Präzisierungen Gestalt annehmen. Da das Verb häufig in den Hintergrund tritt, entstehen in seinen Texten keine linearen Handlungsverläufe, sondern hochverdichtete, statische Landschafts- und Erinnerungsszenen in einer stark konzentrierten und reduzierten Sprache (Hartung 1965, S. 1190–1191).
Literaturangaben
- Gajek, Bernhard / Eberhard Haufe: Johannes Bobrowski. Chronik – Einführung – Bibliographie. Frankfurt a.M. / Bern / Las Vegas 1977.
- Glenn, Jerry : An Introduction to the Poetry of Johannes Bobrowski. In: The Germanic Review 41/1 (1966), S. 45–56.
- Hamburger, Michael: Das Überleben der Lyrik. Berichte und Zeugnisse. München / Wien 1993.
- Hartung, Günter: Johannes Bobrowski. In: Weimarer Beiträge 11/6 (1965), S. 1189–1217.
- Kleinert, Paul Alfred: Johannes Bobrowski: Gesammelte Gedichte. planet lyrik 2017 (zuletzt abgerufen am 11.07.2026).
- Scrase, David: Understanding Johannes Bobrowski. Columbia, South Carolina 1995.
- Völker, Klaus: Seine Dichtung war brüderlich. In: Heinz Ludwig Arnold (Hg.): Johannes Bobrowski. München 2005, S. 40–52. (= text + kritik, Bd. 165)
- Wolf, Gerhard: Johannes Bobrowski. Leben und Werk. Berlin 1967.
Ausgaben
- Bobrowski, Johannes: Schattenland Ströme. Gedichte. 4. Aufl. Stuttgart: Deutsche Verlags-Anstalt 1965. (SDP-Bibliothek, Signatur: X-Bob 0.2).
- Bobrowski, Johannes: Schattenland Ströme. Gedichte. Frankfurt a.M.: Fischer Taschenbuch Verlag 1991.
Weiterführende Literatur / Ressourcen
- Degen, Andreas: Johannes-Bobrowski-Bibliographie (Stand 2002).
- Degen, Andreas / Stefan Descher: Bobrowski-Bibliographie 2002–2016: Fortsetzung und Ergänzung der Johannes-Bobrowski-Bibliographie von 2002 (Stand: Januar 2017).
Lesedauer
- Schattenland Ströme: ca. 30 Minuten (individuelle Lesedauer)
Leseprobe
Immer zu benennen
Immer zu benennen:
den Baum, den Vogel im Flug,
den rötlichen Fels, wo der Strom
zieht, grün, und den Fisch
im weißen Rauch, wenn es dunkelt
über die Wälder herab.
Zeichen, Farben, es ist
ein Spiel, ich bin bedenklich,
es möchte nicht enden
gerecht.
Und wer lehrt mich,
was ich vergaß: der Steine
Schlaf, den Schlaf
der Vögel im Flug, der Bäume
Schlaf, im Dunkel
geht ihre Rede -?
Wäre da ein Gott
und im Fleisch,
und könnte mich rufen, ich würd
umhergehen, ich würd
warten ein wenig.
(Quelle: Georg Langenhorst: Gedichte zur Gottesfrage. Texte – Interpretationen – Methoden. Ein Werkbuch für Schule und Gemeinde. München: Kösel 2003, S. 117. Open-Access-URL: Langenhorst_53138.pdf )
Was finden wir an diesem Gedicht interessant?
An diesem Gedicht interessiert uns besonders, wie selbstverständlich es zunächst mit dem Benennen der Welt beginnt und damit eine scheinbar einfache Bewegung der Sprache vorführt. Doch schnell zeigt sich, dass dieses Benennen unsicher wird. Die Natur bleibt nicht bloß ein Objekt der Beschreibung, sondern besitzt eine eigene „Rede“, die dem Menschen entgleitet. In den Zeilen „Zeichen, Farben, es ist/ein Spiel, ich bin bedenklich,/es möchte nicht enden/gerecht“ wird diese Unsicherheit besonders deutlich, weil das lyrische Ich nicht nur an der Sprache zweifelt, sondern auch daran, ob dieses Sprechen überhaupt noch angemessen oder gerecht sein kann.
Besonders interessant finden wir außerdem, dass dieses Gedicht den Schreibstil Bobrowskis gut erkennen lässt. Die Sprache bleibt stark verdichtet und bildhaft, arbeitet mit wenigen, aber prägnanten Naturmotiven und entwickelt daraus keine abgeschlossene Aussage, sondern eine tastende Bewegung des Sprechens. Gerade diese Mischung aus Genauigkeit und Offenheit zeigt, wie Bobrowski zwischen Wahrnehmung, Erinnerung und sprachlicher Unsicherheit schreibt.
Lisa Finaschin (M.Edu.-Studierende), Ari Sadoun (M.Edu.-Studierender), Ina Swoboda (M.A.-Studierende)