Karoline von Günderrode (1780-1806)
Übersicht: Das lyrische Werk
Die „bedeutende philosophische Dichterin der Frühromantik“ (Weinmann 2023: 9) veröffentlichte zu Lebzeiten fast alle ihre Gedichte unter dem Pseudonym ‚Tian‘. Dieser männlich gelesene Name ermöglichte es ihr, nicht nur in zahlreichen Literaturzeitschriften ihre Texte abzudrucken, sondern auch 1804 den Gedichtzyklus Gedichte und Phantasien eigenständig verlegen zu lassen. Der Ursprung ihres Alias ist unbekannt. Hilmes vermutet jedoch, er sei eine „leicht verstümmelte, weibliche Form des Genies [Titan]; es fehlt das zweite ‚t‘ in der Mitte des Wortes. Durch die Wahl der Stoffe, Themen und Genres tritt Günderrode in einen Dialog mit den Besten“ etwa Voltaire oder Goethe (Hilmes 2024: 21).
Die gemeinten Stoffe und Themen ihrer Lyrik sind die enge Verzahnung aus Philosophie, Mythologie, Religion und Literatur, die sie im Duktus der frühromantischen Theorie ausarbeitet: Kunstautonomie, All-Einheit und romantischer Ironie sind zentrale Ideen ihrer romantischen Lyrik. In ihren Gedichten werden darüber hinaus vielfache literarische Einflüsse erkennbar, von Goethe, Herder und Schiller, aber auch von der nordischen Sagenwelt, der antiken Mythologie, der Dichtung aus dem Orient sowie „Anklänge an altindische, altpersische und mongolische Mythen“ (Kempf 2020). Die erste Veröffentlichung Gedichte und Phantasien ist zudem kein homogener Lyrikband, sondern vereint lyrische Dramen, prosaische Fragmente und klassische Gedichte in einer variablen Reihenfolge miteinander. Kurz nachdem der Band veröffentlicht war, wurde ihr Pseudonym enttarnt und die Gedichte zum Skandal: Günderrode dichtete nicht wie andere Frauen der Zeit über „Gott und Natur, Mütter, Kinder und Blumen“. Stattdessen „brach [sie] in eine bisher rein männliche Domäne ein“ und schrieb über „Heldentum, Tod, Unendlichkeit“ (Gersdorff 2006: 138), was zu spottenden Kritiken führte.
Der Zyklus Melete entstand in ihren letzten Lebensjahren 1805/1806 und wurde erst lange nach ihrem Tod veröffentlicht. Der Zyklus vereine „Vielseitigkeit, innovativen Charakter und Subversionspotenzial“, so Villinger, die ihn aus einer gendertheoretischen Perspektive liest: In Widmung an die weibliche Muse Melete liege die Möglichkeit, weibliche Autorschaft auf ein rein weibliches Publikum auszudehnen. Indem die Kunst einer weiblichen Sphäre zugeordnet wird, rücke der Zyklus eine künstlerische Aktivität der Frau in den Vordergrund, die selbst schreibt, statt nur passiv zu inspirieren (Villinger 2024: 83).
Die vielen nicht-menschlichen Sprechinstanzen, die im Zyklus auftreten, verhandeln zentrale menschliche Fragen in einer vom Menschen entfremdeten Position. „(Ko-)Existenz, Temporalität und Zerstörung sowie Fragen zum zeiträumlichen Verhältnis des Werdens und Vergehens, Überlebens und Todes“ sind Teil dieser Lyrik (Middelhoff/Wernli 2024: 10). Ihre Lyrik sei von „seelische[r] und sprachkünstlerische[r] Gestaltungsfülle ihrer Bilder und ihres Klangreichtums“ durchzogen und erschließe „Gebiete des menschlichen Denkens und Fühlens, die eine rein biographische Deutung ihrer Werke verbieten“ (Hille 1999: 89). Der große Fehler der Günderrode-Forschung sei es, ihre Gedichte ausschließlich in engem Zusammenhang mit ihrem Leben zu lesen – es schwinge das misogyne Narrativ der einsamen, unglücklichen, intellektuell gebildeten Frau mit (Rauchenbacher 2014: 14-16).
Einordnung
Karoline von Günderrode wurde 1780 in Karlsruhe geboren und gehörte zu der ersten Generation Frauen, die sich um 1800 dem männlich dominierten Literaturbetrieb annäherten. Sie bildeten sich durch selbstständige Lektüre philologisch, philosophisch und literarisch weiter und veröffentlichten eigene Texte (Weinmann 2023: 93-95). Ihr lyrisches Werk ist im Vergleich zu ihren veröffentlichten Briefen, Prosastücken und Dramen eher schmal; das hängt auch damit zusammen, dass sie mit nur 26 Jahren den Freitod wählte und 1806 starb. Dass sie dennoch heute hauptsächlich als Lyrikerin bekannt ist, hänge auch damit zusammen, dass ihre Erzählungen und Dramentexte zeitgenössisch noch stärker abgewertet wurden als ihre Lyrik. Das ‚weibliche Vordringen‘ in eine als männlich assoziierte Sphäre wurde von der Forschung in den 1990er Jahren übernommen und somit reproduziert (Middelhoff/Wernli 2024: 3).
Günderrode pflegte eine enge Freundschaft zu Bettine von Arnim. Aus den Briefen geht hervor, dass Bettine sie ermutigte, ihre Gedichte zu veröffentlichen und auch ihrem Bruder Clemens Brentano einige der Texte zeigte. Nach der Veröffentlichung des ersten Gedichtbandes erhielt Günderrode einen Brief von Brentano, in dem er ihr von seiner Begeisterung über die Gedichte berichtet. Trotz dieses Lobs war ihre Lyrik der zeitgenössischen Kritik ausgesetzt, die zum Teil vernichtend ausfiel und sich besonders daran störte, dass Günderrode ihre ‚weibliche Sphäre‘ verlassen hatte. So schrieb etwa Christian Nees 1807 über ihr Ziel, romantische Kunst zu schaffen: „[D]ie weibliche Natur in ihr ließ sie [...] dieses Ziels verfehlen. In einer kraftlosen Mitte erlahmte ihr Flug“ (zit. nach Weinmann 2023: 106).
Die romantische Kunst und das Ziel, etwas Dauerhaftes zu schaffen, um nicht in Vergessenheit zu geraten, gehen als Beweggründe für ihre lyrische Tätigkeit aus zahlreichen Briefen hervor (Gersdorff 2006: 144). Günderrode verschrieb sich dem romantischen Autonomiepostulat, das die Kunst als eigenständig und nicht zweckmäßig betrachtet: „Eine moralische Indienstnahme lehnt sie ab; ausdrücklich votiert sie für das Individuelle und aus sich selbst heraus Bestehende von Kunst und Poesie“ (Hilmes 2024: 22). Ihr Werk ist zudem durchzogen von weiteren programmatischen Ideen der Romantik, wie der unerfüllbaren Sehnsucht nach Unendlichkeit.
In ihrem Nachlass befand sich auch ein Studienbuch, das Günderrode als Notizbuch für ihre Lektüren und Gespräche diente. Darin befinden sich Listen der philosophischen und poetischen Werke, die sie gelesen hat, Tabellen über indische, antike und religiöse Mythen sowie Notizen aus Gesprächen mit Freunden. Mit Hilfe dieses Buches lässt sich gut rekonstruieren, welchem Einfluss ihre Lyrik ausgesetzt war und aus welchem Wissensfundus sie schöpfen konnte. Die inhaltliche Vielfalt und starke Intertextualität ihrer lyrischen Texte finden in diesem Studienbuch einen Ursprung (Weinmann 2023: 101).
Trotz dieser Umstände, die ihre Texte für kulturwissenschaftliche und wissenshistorische Untersuchungen öffnen, rückt in der Forschung ihr kurzes, in der Liebe unglückliches Leben immer wieder in den Mittelpunkt zur Erschließung ihrer Lyrik. Die autobiografischen Lesarten dominieren, ebenso die Fokussierung auf ihre weibliche respektive männlich-anonyme Autorschaft (Middelhoff/Wernli 2024: 11). Im Gegensatz dazu heißt es in Lexika, ihr Werk stelle ein „bedeutsames Zeugnis der Frühromantik“ dar (Kempf 2020).
Literaturangaben
- Gersdorff, Dagmar von: „Die Erde ist mir Heimat nicht geworden“. Das Leben der Karoline von Günderrode. Frankfurt am Main/Leipzig 2006.
- Hille, Markus: Karoline von Günderrode. Hamburg 1999.
- Kempf, Edith: Günderrode, Karoline von: Das lyrische Werk. In: Heinz Ludwig Arnold (Hg.): Kindlers Literatur Lexikon (KLL). Stuttgart 2020. DOI: 10.1007/978-3-476-05728-0_6580-1.
- Middelhoff, Frederike/Wernli, Martina: Karoline von Günderrode (neu) lesen. Zur Einleitung. In: Dies. (Hg.) Noch Zukunft haben. Zum Werk Karoline von Günderrodes. Berlin 2024, S. 1-17.
- Hilmes, Carola: Vom Skandal der männlichen Autorenmaske. In: Middelhoff/Wernli (Hg.): Noch Zukunft haben. Zum Werk Karoline von Günderrodes. Berlin 2024, S. 19-52.
- Villinger, Antonia: Romantische Mythosrezeption. Karoline von Günderrodes Melete-Zyklus (1805-1806) aus kulturwissenschaftlicher und hochschuldidaktischer Perspektive. In: Middelhoff/Wernli (Hg.): Noch Zukunft haben. Zum Werk Karoline von Günderrodes. Berlin 2024, S. 67-85.
- Rauchenbacher, Marina: Karoline von Günderrode. Eine Rezeptionsstudie. Dissertation. Würzburg 2014.
- Weinmann, Ute: Karoline von Günderrode. Eine Annäherung an die Lebensgeschichte der Dichterin und an ihre Spuren in Winkel ab 1806. Wiesbaden 2023.
Ausgaben
- Günderrode, Karoline von: Sämtliche Werke und ausgewählte Studien. Hg. von Walter Morgenthaler. Historisch-kritische Ausgabe. Basel 1990. (SDP-Bibliothek, Signatur V-GU 20 1/4:1)
Weiterführende Literatur / Ressourcen
- Becker-Cantarino, Barbara: Mythos und Symbolik bei Karoline von Günderrode und Friedrich Creuzer. In: Heidelberger Jahrbücher 51 (2007): 200 Jahre Heidelberger Romantik, S. 281-298.
- Hilmes, Carola: „…wie eine Religion zu zweit“. Literarische Reflexionen romantischer Liebe bei Karoline von Günderrode und Loe Andreas-Salomé. In: Dies.: Skandalgeschichten. Aspekte einer Frauenliteraturgeschichte. Königsstein/Taunus 2004, S. 61-79.
- Kalnik-Franke, Ilona: Frauen-Bilder. Zur literarischen Inszenierung von Weiblichkeit; eine Analyse ausgewählter Texte von Karoline Günderrode. Bochum 2000.
- Kastinger Riley, Helene M.: Zwischen den Welten. Ambivalenz und Existenzialproblematik im Werk Caroline von Günderrodes. In: Dies. (Hg.): Die weibliche Muse. Sechs Essays über künstlerisch schaffende Frauen in der Goethezeit. Columbia 1986, S. 91-119.
Lesedauer
- Gedichte und Phantasien (1804): 45-60 Min. (individuelle Lesezeit)
- Melete (posthum 1909): 30-40 Min. (individuelle Lesezeit)
Leseprobe
Die eine Klage
(I)
Wer die tiefste aller Wunden
Hat in Geist und Sinn empfunden
Bittrer Trennung Schmerz;
Wer geliebt was er verlohren,
Lassen muß was er erkohren,
Das geliebte Herz,
(II)
Der versteht in Lust die Thränen
Und der Liebe ewig Sehnen
Eins in Zwei zu sein,
Eins im Andern sich zu finden,
Daß der Zweiheit Gränzen schwinden
Und des Daseins Pein.
(III)
Wer so ganz in Herz und Sinnen
Konnt' ein Wesen liebgewinnen
O! den tröstet's nicht
Daß für Freuden, die verlohren,
Neue werden neu gebohren:
Jene sind's doch nicht.
(IV)
Das geliebte, süße Leben,
Dieses Nehmen und dies Geben,
Wort und Sinn und Blick,
Dieses Suchen und dies Finden,
Dieses Denken und Empfinden
Giebt kein Gott zurück.
(Zitat: TextGrid Repository (2012). Günderode, Karoline von. Gedichte. Melete. Die eine Klage. TextGrid Digitale Bibliothek).
In den ausgewerteten Leselisten wird zusätzlich das Gedicht Der Luftschiffer empfohlen.
Was finde ich an diesen Gedichten interessant?
Die Gedichte von Günderrode benötigen Zeit und Lexika, in denen religiöse, mythologische oder ideengeschichtliche Begriffe und Figuren nachgeschlagen werden können. Clemens Brentano schrieb ihr als Kommentar zu Gedichte und Phantasien, dass ihre Lyrik mitunter „sehr gelungen aufgegebenen Exerzitien oder Ausarbeitungen gleicht“ (zit. nach Hille 1990: 87). Obwohl diese Generalisierung dem Werk nicht gerecht wird, trifft sie doch eine zentrale Schwierigkeit im Umgang mit der Lyrik: Es sind nur wenige Gedichte dabei, die intuitiv verständlich sind, weil sie ein Gefühl unmittelbar transportieren oder ohne Intertexte in sich schlüssig sind. Die anderen Texte dagegen benötigen einige Zuwendung in der Recherche der Hintergründe, bevor der Spaß an Günderrodes Sprachspielen, emotionalen Bildern und Verarbeitung der Themen Liebe, Freundschaft, Mythos und Tod einsetzt. Doch diese Arbeit lohnt sich, denn in ihrer akribischen Intertextualität versteckt sich mitunter ein gesamter Wissenskosmos in nur einem kurzen Gedicht, an dem frühromantische Theorien, Ideen und Bezugnahmen zur Philosophie deutlich werden.
Anfangen würde ich anachronistisch mit dem posthum veröffentlichten Zyklus Melete, da dieser mehr Gedichte enthält, die ohne viel Recherche Freude bereiten. Ist man danach an Günderrodes Stil gewöhnt und erkennt bereits mit wenig Aufwand einige ihrer Bezüge zur Religion oder Menschheitsgeschichte, lassen sich die Texte aus Gedichte und Phantasien weit leichter lesen und verstehen.
Katarina Fiedler (M.A./M.Edu.-Studierende)