Mascha Kaléko (1907-1975)

Übersicht: Das lyrische Werk


Mascha Kalékos Werk kann grob in drei Phasen eingeteilt werden: In ihrer frühen Schaffenszeit Ende der 1920er schreibt sie primär im Stil der Neuen Sachlichkeit über das alltägliche Leben in Berlin und verbindet dabei individuelle Eindrücke aus der Großstadt mit objektiven Gegebenheiten. Die Gegensätze zwischen der monotonen, mitunter überfordernden „Alltagsrealität des Massenmenschen“ und der Suche nach einem „kleinen Glück“ bestimmen den Erfolg ihrer frühen Gedichte (Heuwinkel 2012: 258). Mit Veröffentlichungen vorrangig in Zeitschriften erinnern auch ihre Titel an schnelle Notizen und alltägliche Momente: Betrifft: Erster Schnee, Interview mit mir selbst oder Chanson am Montag „sind auf kunstvolle Weise wie für Leser gemacht, die es eilig haben“ (Mikota 2020).
Ihr Tonfall wird als „heiter-melancholisch“ aufgefasst (Rosenkranz 2014: 187) und trifft damit einen Nerv der Zeit; zudem behandeln ihre Gedichte Themen der Bürowelt und des Alltags, Liebe und Geborgenheit – alles Themen, die ihre Leserschaft ansprechen (Mikota 2020). Ihre ersten eigenständigen Veröffentlichungen Das lyrische Stenogrammheft (1933) und Kleines Lesebuch für Große (1935) werden in der Forschung als „kleine Bestseller“ betitelt (Rosenkranz 2014: 191).
Nach ihrer Emigration aus Deutschland 1938 stagniert ihr lyrisches Schaffen: Angekommen in New York steht zunächst das tägliche Überleben im Vordergrund, es bleibt wenig Zeit für ihre Kunst. So veröffentlicht sie nur vereinzelt Gedichte in der deutschsprachigen Emigrantenzeitschrift Aufbau und erst 1945 wieder einen eigenständigen Lyrikband, der Verse für Zeitgenossen heißt. Darin verarbeitet sie die Emigration aus Deutschland, nach dem sie sich trotzdem als ihre Heimat sehnt und zu dem sie zugleich ambivalente Gefühle hegt (Rosenkranz 2014: 192f.). In diesem Lyrikband thematisiert sie auch erstmals ihre jüdische Herkunft, ihr Jüdisch-Sein und was es bedeutet, zu einer unterdrückten Minderheit zu gehören (Mikota 2020).
1959 verlässt Kaléko zum dritten Mal eine ihr mittlerweile lieb gewonnene Heimat und zieht mit ihrem Mann Chemjo Vinaver, nach Jerusalem, wo dieser Musik komponieren möchte. Mit dem Umzug setzt die dritte Phase ihres Schaffens ein, denn ihr erwachsener Sohn bleibt in den USA, wo er etwa zehn Jahre später überraschend stirbt. Der Tod ihres einzigen Kindes stellt für Kaléko einen schweren Schicksalsschlag dar, der sich in ihrem Schreiben spiegelt: Sie gerät in den 1960er Jahren zunehmend in Vergessenheit, da ihr heiter-ironischer Tonfall „eine[r] resignierten Traurigkeit gewichen“ ist, ihre Bücher nicht neu aufgelegt werden und neue Formen der Lyrik relevant werden (Rosenkranz 2014: 201).
Ihre Gedichte sind insgesamt durchzogen von christlichen und anderen religiösen, literarischen, philosophischen und psychologischen Zitaten, Motiven und Ideen. Die „leichtfüßigen Verse“ besonders der ersten Lyrikbände „kippen nicht in Sentimentalität um [und] aufkommende Rührung wird ironisch gebrochen. Der heiter-ernste Ton ihrer Gedichte wird zu Mascha Kalékos Markenzeichen“ (ebd.: 190). In der Exillyrik hingegen überwiegen „melancholische Betrachtungen [...] der Fremdheit und Wurzellosigkeit“ und nach dem Tod ihrer Familie sei ihre Sprache geprägt von Pathos und Künstlichkeit, die nicht an die wehmütige Sorglosigkeit der 1930er anknüpfen kann (Heuwinkel 2012: 258).

Einordnung


Mascha Kaléko wurde 1907 im heutigen Polen geboren, ihr Vater zog 1914 mit der Familie nach Frankfurt am Main und 1918 nach Berlin um, wo Mascha eine Heimat fand und eine Lehre zur Stenografin machte. In ihrer Freizeit schrieb sie schon in der Schulzeit Gedichte und führte diese Leidenschaft auch während der Ausbildung fort. Zusätzlich besuchte sie Abendvorlesungen in Psychologie und Philosophie, bei denen sie ihren ersten Ehemann Saul Kaléko kennenlernte. 1933 und 1935 veröffentlichte sie ihre ersten Lyrikbände, die mit der Mischung aus „Witz und Wehmut“ (Rosenkranz 2014: 190) den Nerv des in Berlin lebenden ‚Massenmenschen‘ trafen und zu schneller Bekanntheit der Lyrikerin beitrugen. In der Stadt gehörte sie der schöpferischen Bohème an, die sich im ‚Romanischen Café‘ traf und dort diskutierte oder gemeinsam dichtete. Zu diesem Kreis gehörten etwa Kurt Tucholsky, Joachim Ringelnatz, Else Lasker-Schüler, Erich Kästner und Walter Mehring. Die Werke dieser Schriftstellenden werden oft miteinander verglichen, entwickeln jedoch alle ihre eigene lyrische Schreibweise (Mikota 2020).
Die Literatur der Neuen Sachlichkeit, zu der Kalékos Lyrik zählt, ist unter anderem von einer Maskierung der Gefühle geprägt, die das Innere des Menschen schützen soll, um mit den Herausforderungen der Gegenwart umgehen zu können. Zudem steht statt ästhetischer Formvollendung die realitätsgetreue Darstellung des Lebens mit Mittelpunkt. In Kalékos Lyrik wird dies mit Hilfe alltagsnaher Sprache und Themen, geringer Symbol- und Bildsprache sowie einzelnen Gedichten im Berliner Dialekt (Schnack im Treppenhaus) umgesetzt (Mikota 2020). Mit ihren anfänglichen Publikationen in Zeitungen begründet Kaléko einen einsetzenden Trend der Neuen Sachlichkeit, mit dem Lyrik im Alltag ebenso präsent werden soll wie etwa Fotografien oder kurze Erzählungen. Das „Stereotyp der Lyrik als der höchsten, elitärsten literarischen Gattung“ sollte mit Hilfe der sog. ‚Zeitungslyrik‘ überwunden werden (Siebörger 2026: 21).
1933 erschien schließlich der erste eigenständige Gedichtband, nachdem Kaléko schon viele Jahre in Zeitschriften publiziert und sich einen Namen gemacht hatte. Nachdem die Nationalsozialisten jedoch 1935 erfuhren, dass Kaléko Jüdin ist, erhielt sie ein Veröffentlichungsverbot, ihre Bücher wurden beschlagnahmt, Nachdrucke durften keine mehr erstellt werden. Ebenso erging es zahlreichen anderen Schriftstellenden aus dem Romanischen Café – nicht zuletzt wegen dieses zeitweiligen Verbots besteht bis heute eine Forschungslücke zur literarischen Neuen Sachlichkeit (ebd.: 19f.).
1956 verbringt Kaléko erstmals seit der Auswanderung wieder Zeit in Deutschland und kehrt für ein halbes Jahr nach Berlin zurück. Dort ist sie hin- und hergerissen zwischen der gegenwärtigen Zerstörung, den vergangenen Gräueltaten und schönen Erinnerungen an ihre Heimatstadt. Sie wird jedoch zugleich beruflich wieder sehr gefragt, da Verleger und Journalisten auf ihre Rückkehr aufmerksam werden und sie zu Lesungen und Radiosendungen einladen. Während eines weiteren Aufenthalts 1959 in Deutschland wurde sie schließlich für den renommierten Fontane-Preis nominiert, zog ihre Nominierung allerdings zurück, nachdem sie erfahren hatte, dass ein Jurymitglied ehemaliger SS-Soldat war. Bis heute begründet ihre Erstveröffentlichung Das lyrische Stenogrammheft „die Popularität und den anhaltenden Ruhm der Autorin“, denn bis 2012 wurde es wiederholt aufgelegt und mit insgesamt 300.000 Exemplaren verkauft (Heuwinkel 2012: 258).
Insbesondere ihre Werke der Großstadt- und Exillyrik sind zentral für ihre Rezeption, wobei die Schwierigkeit, insbesondere für literaturwissenschaftliche Überblickswerke darin besteht, dass Kalékos Texte nicht in eine Schublade sortiert werden können. Jutta Rosenkranz schreibt darüber: Kaléko habe sich „von der jungen Autorin charmanter Großstadtverse zur Dichterin eindrucksvoller Exillyrik entwickelt [...]. Ihre Gedichte sind witzig und melancholisch, altmodisch und gegenwartsbezogen zugleich und werden oft unterschätzt, weil sie leicht verständlich sind“ (Rosenkranz 2014: 204f.).

Literaturangaben


  • Heuwinkel, Christiane: Mascha Kaléko. In: Metzler Lexikon der deutsch-jüdischen Literatur. Stuttgart 2012, S. 257-259.
  • Mikota, Jana: Kaléko, Mascha. Das lyrische Werk. In: Heinz Ludwig Arnold (Hg.): Kindlers Literatur Lexikon. Stuttgart 2020. DOI: 10.1007/978-3-476-05728-0_7054-1.
  • Rosenkranz, Jutta: Zeile für Zeile mein Paradies: bedeutende Schriftstellerinnen. 18 Portraits. München 2014.
  • Siebörger, Lisa: Lyrik der Neuen Sachlichkeit. Themen und Motive bei Mascha Kaléko, Erich Kästner und Kurt Tucholsky. Dissertation. Göttingen 2026.


Ausgaben


  • Kaléko, Mascha: Sämtliche Briefe und Werke in vier Bänden. Band 1: Werke. Hg. von Jutta Rosenkranz, mit Übersetzungen von Britta Mümmler. München 2012. (SDP-Bibliothek, Signatur W-KA 55 1/1:1)
  • Kaléko, Mascha: Das lyrische Stenogrammheft. Kleines Lesebuch für Große. Hamburg 1977. (SDP-Bibliothek, Signatur W-KA 55 4/2)


Weiterführende Literatur / Ressourcen


  • Kilchmann, Esther: Poetologie und Geschichte literarischer Mehrsprachigkeit. Deutschsprachige Literatur in translingualen Bewegungen (1900-2010). Berlin/Boston 2024.
  • Otto, Linda: Sprache(n) im Exil. Zum Verlust und Wiedergewinn der Sprache in der Exillyrik von Mascha Kaléko. München 2022.
  • Patz Sievers, Evelyn: Zur Problematik der Sprache als Heimat im Kontext des Exils in der Lyrik von Rose Ausländer und Mascha Kaléko. Frankfurt am Main 2014.
  • Rosenkranz, Jutta: Mascha Kaléko – Biografie. München 2013.
  • Schöneich, Juliane: Mascha Kaléko und die Grenzen der neuen Frau. In: Sarah Guddat (Hg.): Geschlechterbilder im Wandel? Das Werk deutschsprachiger Schriftstellerinnen 1894-1945. Frankfurt am Main 2011, S. 225-252.
  • Weidermann, Volker: Wenn ich eine Wolke wäre. Mascha Kaléko und die Reise ihres Lebens. Köln 2025.
  • Website Mascha Kaléko


Lesedauer


  • Das lyrische Stenogrammheft: 50-60 Min. (individuelle Lesezeit)
  • Kleines Lesebuch für Große: 45-50 Min. (individuelle Lesezeit)


Leseprobe


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Was finde ich an diesen Gedichten interessant?


Kalékos Lyrik ist ein klassisches Beispiel dafür, dass Lyrik ein Alltagsbegleiter sein kann und sowohl von tiefen Gefühlen wie Liebe, Melancholie und Einsamkeit als auch von den unspektakulären Begebenheiten des Lebens handeln kann. Sie stellt eine ‚Gebrauchslyrik‘ im positiven Sinne dar, denn sie drückt mit wenigen Worten genau das aus, was viele nach einem langen Arbeitstag oder im Umgang mit ihren Mitmenschen fühlen.
Besonders das Gedicht Großstadtliebe präsentiert die Anonymität der Großstadt der 1920er, die heute noch immer aktuell ist. Beendet das lyrische Ich die distanzierte, unverbindliche und mitunter unpersönliche Beziehung mit einer getippten Kurznachricht, ist der Weg zu modernem Onlinedating und Ghosting nicht weit. Kaléko verwendet eine schnörkellose, klare Sprache, die einen schnellen Zugang zu den Gedichten gewährt, ohne jedoch banal zu sein. Ihr Werk ist ein melancholisches Vergnügen, das die Lesenden jedoch nicht traurig zurücklässt, sondern geradezu beschwingt, dass eine andere Person die eigenen Schwierigkeiten so treffend in Worte fassen konnte.
Zudem kann die Betrachtung ihrer Werke unter vielen verschiedenen Aspekten geschehen, die auch die Vielschichtigkeit ihres Schreibens und dessen Verzahnung mit ihrem Leben offenlegen: Ihre Lyrik thematisiert weibliches Schreiben in einer männerdominierten Welt, ihr Jüdischsein sowie die Großstadt und die 1920er als Umbruchsphase nach einem Weltkrieg. Sie schrieb über den Nationalsozialismus, über ihr Exil und damit verbundene Trauer, über das Gefühl von Heimatlosigkeit und später über den Verlust geliebter Menschen. Diese Liste kann nur unvollständig bleiben, denn Mascha Kaléko ist eine vielfältige Stimme, die zurecht nicht ‚in eine Schublade‘ sortiert werden kann.

Katarina Fiedler (M.A./M.Edu.-Studierende)