Marie Luise Kaschnitz (1901–1974)

Übersicht: Das lyrische Werk


Die 1957 im Claassen-Verlag erschienene Gedichtsammlung Neue Gedichte versammelt mehrere Gedichte und Gedichtzyklen der Lyrikerin aus dem Zeitraum von 1951 bis 1957 (vgl. Fenner 2015, S. 181). In ihrem Tutzinger Gedichtkreis etwa, auffallend durch seine häufigen Langzeilen, die „mitunter schon fast in Prosa aufgehen“ (Strack-Richter 1979, S. 29), thematisiert Kaschnitz die Verzweiflung über den Krieg sowie primär die empfundene Fremdheit und Gottesferne in einer zerstörten Welt: „Zu reden begann ich mit dem Unsichtbaren. / Anschlug meine Zunge das ungeheure Du, / Vorspiegelnd altgewesene Vertrautheit. / Aber wen sprach ich an?“ (Kaschnitz 1985, S. 245). Das religiöse Gedicht kreist um das Ringen damit, nach Kriegsende einen neuen Zugang zu Gott, der sich scheinbar zurückgezogen und die Menschen allein gelassen hat, zu finden: „Abgebrochen hast Du das alte Gespräch. / Wenn wir fragen, zu welchem Ende, / Schweigst Du. / Wenn wir fragen, warum so geschwinde, / Schweigst Du“ (ebd., S. 247). Trotz ihrer dunklen, schonungslos dargestellten Inhalte leuchtet in Kaschnitz’ Gedichten auch immer wieder ein Hoffnungsschimmer auf, ein Trost durch kleine Momente, etwa durch „die liebliche Zeichnung des Windes im Dünensande“ (ebd., S. 250). Auch wenn die Lyrikerin ihren Leser:innen keinen leicht verdienten Trost anbieten, sie vielmehr in die Verantwortung nehmen und zum Nachdenken anregen möchte, gestaltet sie in ihrer Lyrik nicht nur das Hässliche und Grausame, sondern der Ausdruck des Zerstörten wird durch die Darstellung von Harmonie und überzeitlichen Werten immer wieder auch überwunden, so Anna Fenner (vgl. Fenner 2015, S. 174).
Weitere oftmals aufgegriffene Themen sind die Vergänglichkeit und Sterblichkeit des Menschen, die etwa in der Ballade „Die Kinder dieser Welt“ im Mittelpunkt stehen: Die Lebenszeit des Menschen ist gleichnishaft im Bild von sieben Bergen dargestellt, so eine mögliche Lesart (vgl. Strack-Richter 1979, S. 33). Während auf dem ersten Berg noch „Jahrmarkt“ (Kaschnitz 1985, S. 255) ist, erwarten die Kinder auf den nächsten Bergen Sturmwinde und andere Gefahren, Erfahrungen mit der Liebe, Verluste geliebter Menschen und der Tod (vgl. ebd., S. 255f.). Auch in den drei Gedichten desselben Zyklus (Balladen) „Ahasver“, „Hiroshima“ und „Die Katze“ lassen sich Sujets wie Tod, Alter, Schmerz und Destruktion erblicken (vgl. ebd., S. 257-260). Diese vier, auch als moderne „Erzählgedichte“ (Strack-Richter 1979, S. 38) bezeichnete Balladen stechen besonders durch ihren Realitätsbezug hervor (vgl. ebd., S. 37f.).
Die zehn Gedichte des Zyklus Sizilischer Herbst dagegen vereinen Themen wie Armut und Krieg mit bildhaften Städte- und Landschaftsbeschreibungen Italiens (vgl. Kaschnitz 1985, S. 261–270). Vereinzelt tauchen reflektierende Verse über das Schreiben in einer von Lärm geprägten modernen Welt auf, etwa in der letzten Strophe des Gedichts „Der Eingeweihte“ aus dem 18 Gedichte umfassenden Zyklus Aus dem Tambourin hat er gegessen, wenn es dort heißt: „Irgendwo inmitten / Der brüllenden Städte / Ich / Senke das Antlitz / Schreibe“ (ebd., S. 274). Die jeweils für sich stehenden Gedichte dieses Zyklus fallen durch die Kürze ihrer Verse im Vergleich zu den vorherigen Gedichten ins Auge.
Neben den genannten finden sich im Werk ferner die Gedichtzyklen Jahreszeiten im Breisgau sowie Donauwellen 1956. In Letzterem versucht Kaschnitz den Krankenhausaufenthalt ihres Mannes zu verarbeiten, seitdem ihre Lyrik explizit oder implizit, z.B. durch die Spiegelung der Gestimmtheit des lyrischen Ich in einer sich verdüsternden Natur, „im Zeichen des Todes“ steht (Strack-Richter 1979, S. 78).
Insgesamt lassen sich Kaschnitz’ Neue Gedichte als stark heterogene Gedichtsammlung beschreiben, die sich durch eine große formale wie thematische Spannweite von zeitlosen mythologischen und märchenhaften Motiven bis hin zum realen Zeitgeschehen des 20. Jahrhunderts auszeichnen, Natur- und Kunstbetrachtungen und zahlreiche existenzielle Fragen des Menschseins einschließen. In keiner zweiten Sammlung sind die Unterschiede zwischen den einzelnen Gedichten so groß (vgl. Pulver 1984, S. 66). Elsbeth Pulver bezeichnet die Neuen Gedichte als „Werk des Übergangs“ (ebd.), das den Weg von Kaschnitz’ Nachkriegslyrik bis zu den Gedichten der sechziger Jahre nachzeichne (vgl. ebd.). Im Vergleich zu den inhaltsreicheren Titeln der früheren Gedichtbänden wie Zukunftsmusik (1950) oder Ewige Stadt (1952) wirke der Titel Neue Gedichte anspruchslos, jedoch enthalte er schon die implizite Absichtserklärung, nicht nur neue, sondern auch neuartige Gedichte zu schreiben und primär eine neue lyrische Form zu finden (vgl. ebd.). Insbesondere der Tutzinger Gedichtkreis, der durch Umfang und Stil aus dem Rahmen des Bandes fällt, schließt formal zwar an die hymnischen Gedichte aus Kaschnitz’ Nachkriegslyrik an, zeigt als ihr Abgesang aber zugleich, dass diese Art von Lyrik nicht mehr möglich ist, so Pulver: „Ein zyklisches Gedicht, ausschweifend in der Länge, mit getragenem, feierlichem Vokabular, aber in einem gelegentlich zu Prosa erstarrenden Rhythmus, schwer erträglich in dieser Länge, auf jeden Fall nicht wiederholbar” (ebd., S. 66f.). Das wiederkehrende Motiv des Todes und die existenzielle Grundstimmung sind jedoch allgegenwärtig und lassen sich als inhaltliche Parallelen von Kaschnitz’ Gedichten erkennen.
Der Untertitel des 1970 erschienenen Werks Steht noch dahin. Neue Prosa erinnert an den programmatischen Titel Neue Gedichte und ist nach Pulver ebenso selbstbewusst im Sinne von „neuartig“ gesetzt (vgl. Pulver 1984, S. 122). In Kaschnitz‘ später Prosa zeigen sich eine radikale Verknappung und ein Verzicht auf Erzählmuster (vgl. Schweikert 2010, S. 404), sodass bei manchen Prosastücken des Bandes Steht noch dahin (1970) von Prosagedichten die Rede sein kann (vgl. Strack-Richter 1979, S. 191). Von vielen Interpret:innen – und nicht zuletzt von Kaschnitz selbst – wird die späte Prosa als Höhepunkt ihres Schaffens angesehen (vgl. Vormweg 1975; Schweikert 2010, S. 404).
Die Darstellungsweise in Steht noch dahin wird als schroff, streng (vgl. Behre 1990, S. 200 u. 201), „fast aggressiv[]“ (Vormweg 1975, S. 220) beschrieben. Unvermittelte Pointen und schockierende Kontraste prägen die meist halbseitigen Prosastücke. Skandalöse Zustände der Gegenwart, wie Verelendung und Krieg (z.B. ,,Die Kinder“, ,,Enfant inconnu“) und dystopische Zukunftsszenarien (z.B. ,,Futurologie“) bestimmen den Band inhaltlich ebenso wie die faschistische Vergangenheit. Kaschnitz, deren ,,Widerstand“ sich während des NS lediglich in der strengen Form des Sonetts zeigte (vgl. Vormweg 1975, S. 221), schreibt in ,,Fluchtgepäck“ selbstkritisch und verklärende Widerstandserzählungen entlarvend:
Jemand ist damals auf den Gedanken gekommen, einem Stern, einer Sternin tragen zu helfen, mitzugehen auf den Bahnhof, vielleicht in den Zug. Natürlich hat man nichts dergleichen getan, hat nur einem begleitenden SS-Mann einen zornigen, eisigen Blick zugeworfen, was für eine Heldentat, tatsächlich hat man danach gezittert [...]. (Kaschnitz 1982, S. 379)

Des Weiteren enthält Steht noch dahin eine Vielzahl von Beobachtungen, Porträts, Glossen und Gedankenspielen. Die Textblöcke sind oft zeitkritisch und muten zuweilen aphoristisch an. Monologisch aber ist dieser Prosaband nicht. So wird in ,,Schwester – Schwester“ dem larmoyanten Pessimismus des Sprecher-Ichs die nüchterne Perspektive einer bereits gestorbenen Schwester gegenübergestellt (vgl. Kaschnitz 1982, S. 405). Zudem treten in den Prosastücken unterschiedliche Sprecherrollen auf und es kommt zum dezidierten Einsatz von Fiktion. Daher – und obwohl private Aufzeichnungen oft die Grundlage für Kaschnitz‘ Prosastücke bilden (vgl. Schweikert 2001, S. 28f.) – ist die gängige Einordnung des Bandes als autobiographische Prosa fragwürdig.

Einordnung


Marie Luise Kaschnitz (1901–1974) zählt zu den prägenden Stimmen der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur. Ihr umfangreiches Werk umfasst Lyrik, Romane, Erzählungen, Hörspiele und autobiographische Aufzeichnungen und zeichnet sich durch eine Entwicklung von traditionellen, klassizistischen Formen hin zu einer radikal modernen, fragmentarischen Schreibweise aus. Ihr Spätwerk nimmt dabei oftmals die Form eines „Zwiegesprächs“ mit sich selbst an, das persönliche Schicksalsschläge sowie gesamtgesellschaftliche Erschütterungen des 20. Jahrhunderts reflektiert (vgl. Schnell 1984, S. 173).
Geboren am 31. Januar 1901 in Karlsruhe als Tochter einer badisch-elsässischen Adelsfamilie, wuchs Kaschnitz in Potsdam und Berlin auf. Mit ihrem Aufwachsen setzte sie sich später in ihrem Prosaband Orte (1973) auseinander, wo sie ihr schlechtes Gewissen bezüglich ihrer Privilegien thematisierte: „Ich habe einmal einen Brief bekommen, der mir klargemacht hat, was ich nicht war, nicht getan, nicht durchgemacht habe“ (zitiert nach Drewitz 1984, S. 16).
Nach einer Buchhändlerlehre heiratete sie 1925 den Archäologen Guido von Kaschnitz-Weinberg, dessen berufliche Stationen ihren Lebensweg und die Topographie ihres Werkes maßgeblich prägten. So wurde Rom zu einem zentralen Motiv, das sich in Werken wie dem Gedichtzyklus Ewige Stadt (1952) oder den Römischen Betrachtungen (1955) manifestierte. Auch Frankfurt wurde zu einem Bezugspunkt, den sie in dem Zyklus Rückkehr nach Frankfurt (1947) literarisch verarbeitete (vgl. Schweikert 2010, S. 404).
Kaschnitz ist vor allem für ihr Nachkriegswerk bekannt, in dessen Wandel sich zwei wesentliche Strömungen der Nachkriegsliteratur spiegeln: die Rückbesinnung auf traditionelle Werte sowie die formale wie inhaltliche Abkehr von allem Vorausgegangenen. Ihre ersten literarischen Arbeiten veröffentlichte sie bereits ab 1933. Mit Gedichte (1947) wurde ihre frühe Lyrik aus den Jahren 1930 bis 1944 erstmals gesammelt veröffentlicht. Es folgten Totentanz und Gedichte zur Zeit (1948), Zukunftsmusik (1950) und Ewige Stadt. Rom-Gedichte (1952). In diesen frühen Gedichten fand Kaschnitz zunächst Halt in der Tradition, etwa durch die Formstrenge des Sonetts, um das Grauen der Zeit zu sublimieren. Sie sind geprägt von „ewigen Themen“ wie Natur, Heimat und Vergänglichkeit (Zürcher 1984, S. 197). Ein charakteristisches literarisches Doppelmotiv bildet das Spannungsfeld zwischen Freude und Grauen, wobei das Idyll durch eine lauernde Bedrohung gestört wird (vgl. ebd.). Während viele Zeitgenoss:innen nach 1945 einen radikalen „Kahlschlag“ forderten, beteiligte sie sich am „lyrischen Nachkriegsfrühling“, der durch eine „Stunde der Tradition“ das geistige Vakuum zu füllen suchte (ebd., S. 199). Repräsentativ für diese Phase ist ihr Bemühen, die Wirklichkeit durch einen Prozess der Vergeistigung und Metamorphose aufzuheben. Das Motiv der „Großen Wanderschaft“ drückt dabei die existentielle Suche nach Identität und Sinn inmitten von Ruinen aus (vgl. Schnell 1984, S. 174; vgl. Zürcher 1984, S. 199).
Ab Mitte der 1950er Jahre vollzog Kaschnitz das, was Peter Huchel einen „radikalen Stilwechsel“ nannte (zitiert nach Schnell 1984, S. 176), hin zu einer verknappten, harten Sprache, die auf die Dissoziation der modernen Welt sowie auf den Tod ihres Mannes im Jahr 1958 antwortete. Dieser Wechsel begann mit der Sammlung Neue Gedichte (1957) und wurde mit Dein Schweigen – meine Stimme (1962) fortgesetzt. Es dominieren Motive des Verlusts, des Alterns, des Todes und der radikalen Desillusionierung angesichts einer als zerstört wahrgenommenen Welt (vgl. Schweikert 1984, S. 10; vgl. Schnell 1984, S. 181). Globale Bedrohungen wie die atomare Aufrüstung und das Motiv des „verlorenen Ichs“ in einer anonymen Gesellschaft ziehen sich durch ihr Schaffen (vgl. Schnell 1984, S. 173; vgl. Grimm 1984, S. 209). Ihre späten Gedichte werden so zu Zeugnissen eines persönlichen Widerstandes gegen die „verwaltete Welt“ (Schweikert 1984, S. 10).
Kaschnitz gilt als Wegbereiterin der modernen Frauenliteratur, da sie deren autobiographische Schreibweise bereits in den 1960er Jahren vorwegnahm (vgl. Schweikert 1984, S. 10, 15). In der Rezeption wurde ihr Werk jedoch oft als harmlose „Damenliteratur“ etikettiert, was sie vehement ablehnte. Sie wehrte sich gegen das Image der „grand old lady“ und betonte stattdessen die moralische Verpflichtung der Kunst zum „Vordenkopfstoßen“ sowie zur Verletzung von Tabus (vgl. Schweikert 1984, S. 9–10).
Mit ihrer radikalen Desillusionierung, ihrem Schreiben, das zunehmend vom Bewusstsein eines Identitätsverlusts und der Zerstörung der Welt bestimmt war, stand sie quer zum Aufbruch der 68er-Generation (vgl. Schweikert 1984, S. 10, 15). Und trotz hoher Auflagen stieß sie auch in der Literaturwissenschaft zeitweise auf Unverständnis und geriet fast in Vergessenheit (vgl. Schweikert 1984, S. 9–10). Zu Lebzeiten erhielt sie jedoch zahlreiche Auszeichnungen, darunter 1955 den renommierten Georg-Büchner-Preis. Sie verstarb am 10. Oktober 1974 während eines Aufenthalts in Rom.

Literaturangaben


  • Behre, Maria: Marie Luise Kaschnitz. Wohin denn ich. - Tage, Tage, Jahre. - Steht noch dahin. Orte [Art.]. In: Kindlers neues Literatur-Lexikon. Hg. v. Walter Jens. Bd. 10. München 1990, S. 199-202. (SDP-Bibliothek: Signatur A-4 1/28:10)
  • Drewitz, Ingeborg: Marie Luise Kaschnitz. Ein Porträt. In: Marie Luise Kaschnitz. Hg. von Uwe Schweikert. Frankfurt am Main 1984, S. 15–24. (SDP-Bibliothek: Signatur W-KA 75 5/2)
  • Fenner, Anna Magdalena: Trauer in der deutschen Nachkriegslyrik. Zur Emotionsgestaltung bei Günter Eich, Marie Luise Kaschnitz und Nelly Sachs. Elektronische Dissertation. Göttingen 2015, https://dx.doi.org/10.53846/goediss-4992.
  • Grimm, Reinhold: Ein Menschenalter danach. Über das zweistrophige Gedicht Hiroshima von Marie Luise Kaschnitz In: Marie Luise Kaschnitz. Hg. von Uwe Schweikert. Frankfurt am Main 1984, S. 209–225. (SDP-Bibliothek: Signatur W-KA 75 5/2)
  • Kaschnitz, Marie Luise: Gesammelte Werke in sieben Bänden. Hg. von Christian Büttrich u. Norbert Miller. Frankfurt am Main 1981–1989. (SDP-Bibliothek: Signatur W-KA 75 1/2; SUB: Signatur HS 600 Kas:z = FA 11061)
  • Pulver, Elsbeth: Marie Luise Kaschnitz. München 1984. (SUB: Signatur ZA 41427:40; SDP-Bibliothek: Signatur W-KA 75 6/3)
  • Schnell, Ralf: Das verlorene Ich. Zur impliziten Poetik der Marie Luise Kaschnitz. In: Marie Luise Kaschnitz. Hg. von Uwe Schweikert. Frankfurt am Main 1984, S. 173–192. (SDP-Bibliothek: Signatur W-KA 75 5/2)
  • Schweikert, Uwe: Vorwort. In: Marie Luise Kaschnitz. Hg. von ders. Frankfurt am Main 1984, S. 58–77. (SDP-Bibliothek: Signatur W-KA 75 5/2)
  • Schweikert, Uwe: Vom Ich zu den Vielheiten des Ich. Zur autobiographischen Prosa von Marie Luise Kaschnitz. In: ,,Für eine aufmerksamere und nachdenklichere Welt’’. Beiträge zu Marie Luise Kaschnitz. Hg. v. Dirk Göttsche. Stuttgart/Weimar 2001, S. 27-40. (SDP-Bibliothek: Signatur W-KA 75 5/8)
  • Schweikert, Uwe: Kaschnitz, Marie Luise [Art.]. In: Metzler Lexikon Autoren. Deutschsprachige Dichter und Schriftsteller vom Mittelalter bis zur Gegenwart. Hg. v. Bernd Lutz und Benedikt Jeßing. 4. Aufl. Stuttgart 2010, S. 404f. (SDP-Bibliothek: Signatur A-6 1/42 4.A.)
  • Strack-Richter, Adelheid: Öffentliches und privates Engagement: Die Lyrik von Marie Luise Kaschnitz. Diss. Frankfurt am Main 1979. (SUB: Signatur ZA 27296:303)
  • Vormweg, Heinrich: Über Marie Luise Kaschnitz. In: Ders. (Hg.): Marie Luise Kaschnitz. Ein Lesebuch. 1964-1974. Frankfurt am Main 1975, S. 219-225. (SDP-Bibliothek: Signatur W-KA 75 2/5)
  • Zürcher, Gustav: ,,Vom elenden, herrlichen Leben.“ Die Nachkriegsgedichte von Marie Luise Kaschnitz. In: Marie Luise Kaschnitz. Hg. von Uwe Schweikert. Frankfurt am Main 1984, S. 193–208. (SDP-Bibliothek: Signatur W-KA 75 5/2)


Ausgaben


  • Kaschnitz, Marie Luise: Gesammelte Werke in sieben Bänden. Hg. von Christian Büttrich u. Norbert Miller. Frankfurt am Main 1981-1989. (SDP-Bibliothek: Signatur W-KA 75 1/2; SUB: Signatur HS 600 Kas:z = FA 11061)
  • Kaschnitz, Marie Luise: Steht noch dahin. 9. Aufl. Berlin 2016 (Suhrkamp Taschenbuch Verlag).


Weiterführende Literatur / Ressourcen


  • Gersdorff, Dagmar von: Marie Luise Kaschnitz. Eine Biographie. Frankfurt am Main 1992. (SDP-Bibliothek: Signatur W-KA 75 6/6)
  • Göttsche, Dirk (Hg.): ,,Für eine aufmerksamere und nachdenklichere Welt’’. Beiträge zu Marie Luise Kaschnitz. Stuttgart/Weimar 2001. (SDP-Bibliothek: Signatur W-KA 75 5/8)
  • Reichardt, Johanna Christiane: Zeitgenossin. Marie Luise Kaschnitz. Eine Monographie. Frankfurt am Main 1984. (SUB: Signatur ZA 27296:780)
  • Gedichte und Audioaufnahmen von Marie Luise Kaschnitz auf Lyrikline.


Lesedauer


  • Neue Gedichte (1957): ca. 45 Minuten (individuelle Lesezeit, S.L.)
  • Steht noch dahin (1970): ca. 1 Stunde (individuelle Lesezeit, J.M.)


Leseprobe


Hiroshima

Der den Tod auf Hiroshima warf
Ging ins Kloster, läutet dort die Glocken.
Der den Tod auf Hiroshima warf
Sprang vom Stuhl in die Schlinge, erwürgte sich.
Der den Tod auf Hiroshima warf
Fiel in Wahnsinn, wehrt Gespenster ab
Hunderttausend, die ihn angehen nächtlich
Auferstandene aus Staub für ihn.

Nichts von alledem ist wahr.
Erst vor kurzem sah ich ihn
Im Garten seines Hauses vor der Stadt.
Die Hecken waren noch jung und die Rosenbüsche zierlich.
Das wächst nicht so schnell, daß sich einer verbergen könnte
Im Wald des Vergessens. Gut zu sehen war
Das nackte Vorstadthaus, die junge Frau
Die neben ihm stand im Blumenkleid
Das kleine Mädchen an ihrer Hand
Der Knabe der auf seinem Rücken saß
Und über seinen Kopf die Peitsche schwang.
Sehr gut erkennbar war er selbst
Vierbeinig auf dem Grasplatz, das Gesicht
Verzerrt von Lachen, weil der Photograph
Hinter der Hecke stand, das Auge der Welt.


(Zitat: Das angegebene Gedicht von Marie Luise Kaschnitz, das in den Neuen Gedichten (1957) publiziert wurde, ist online auf folgender Website frei verfügbar: Poetry Foundation)

Was finden wir an diesen Gedichten interessant?


Die Texte von Marie Luise Kaschnitz bestechen durch eine außergewöhnliche Intensität: Getragen von einer wachen Zeitdiagnostik hallen ihre Werke in den Leser:innen lange nach. Als kritische und scharfsichtige Beobachterin der Moderne verzichtet Kaschnitz auf verklärende Naturidylle. Stattdessen spiegelt sie in ihren Texten eine technisierte, oft kalte Realität wider. Dabei scheut sie vor den existenziellen Abgründen der Gegenwart und den dunklen, oft verdrängten Seiten des Menschen nicht zurück, was uns besonders beeindruckt hat. In ihrem Gedicht „Hiroshima“ konfrontiert sie uns bspw. direkt mit der Schuld und dem Wahnsinn der Vernichtung, wenn die Gespenster der „Hunderttausend“ aus dem Staub auferstehen (vgl. Kaschnitz 1985, S. 285).
Das Besondere ihres Schaffens liegt in dieser kompromisslosen Offenheit und der inhärenten Ambivalenz zwischen Schrecken und Zuversicht, Erinnerung und Aufbruch. So blickt die Lyrikerin zwar immer wieder in furchtbare Abgründe, lässt dazwischen jedoch stets die Hoffnung auf eine bessere Zukunft aufblitzen – das Vertrauen in die Wandlungsfähigkeit des Menschen bleibt bestehen. Dies evoziert exemplarisch etwa das Ende ihres Textes „Amselsturm“ in Steht noch dahin: „Amselsturm hinter den Regenschleiern, und wer sagt, daß in dem undurchsichtigen Sack Zukunft nicht auch ein Entzücken steckt“ (Kaschnitz 1982, S. 414). Es ist genau diese Dynamik zwischen präziser Realitätsanalyse und dem trotzigen Festhalten an der Möglichkeit eines menschlichen Neubeginns, die ihr Werk so zeitlos und lesenswert macht.
Besonders interessant finden wir auch die enorme stilistische Vielseitigkeit: Ihre Prosastücke etwa sind keine monologisierenden Betrachtungen, sondern vielstimmige Dokumente eines kreativen, nach allen Seiten hin offenen Denkens. Einer der Gründe für die erkennbare ‚Prosaisierung’ bei Kaschnitz ist ihre Bemühung „um eine zutreffende Situationsschilderung der gegenwärtigen Zeit, die, entgegen der traditionellen Einschränkung auf die Perspektive des lyrischen Ich, mehrere Aspekte beinhalten muß, wenn sie ‚objektiv’ sein will“ (Strack-Richter 1979, S. 192). Es gehe Kaschnitz um ein genaues Erfassen der differenzierten Wirklichkeit, wofür sich das Ich aus der maßgebenden Rolle zurückziehen müsse (vgl. ebd.).

Johanna von der Fecht (M.A.-Studierende), Sidney Lazerus (M.A.-Studierende), Jakob Malzahn (M.A.-Studierender), Leonie Clara Trzeba (M.Edu.-Studierende)