Anna Louisa Karsch (1722–1791)
Übersicht: Das lyrische Werk
1764 erschien mit den Auserlesenen Gedichten in Berlin der erste größere Gedichtband der Dichterin Anna Louisa Karsch. Vorher erschienen ihre Gedichte zumeist in Einzeldrucken oder in kleineren Sammlungen wie Gesänge bey Gelegenheit der Feierlichkeiten Berlins (1763) oder Poetische Einfälle (1764) (vgl. Becker-Cantarino 1996, S. *12).
Die Sammlung enthält vor allem Gelegenheits- und Widmungsgedichte, die sich in insgesamt sieben Sektionen gliedern: in vier Bücher ,Oden‘, zwei Bücher ,Vermischte Gedichte‘ und in eine Sektion ,Einfälle‘. Während die ersten beiden Abteilungen ,Oden‘ und ,Vermischte Gedichte‘ geistliche Gedichte und Texte an fürstliche Personen, Freunde und Gönner versammeln und thematisch von Feldzügen, Geburtstagen, Krankheits- oder Todesfällen handeln, enthält die Sektion ,Einfälle‘ kürzere Gedichte, die um Alltagsbegebenheiten kreisen (vgl. Thomalla 2022, S. 158). Die Auserlesenen Gedichte zeichnen sich dadurch aus, dass fast alle Texte bezogen auf konkrete Anlässe sind und weltpolitische Ereignisse neben alltäglichen Dingen stehen (vgl. ebd., S. 158f.). Auch formal unterscheiden sich die Abteilungen: die ,Oden‘ stehen in freierer Form und meist in Reimen, die ,Vermischten Gedichte‘ im ,vers libres‘ und die ,Einfälle‘ umfassen kurze epigrammatische Sprüche (vgl. Anger 1966, S. 9f.*). Der Großteil der Gedichte ist zwischen Ende 1760 und Anfang 1763 entstanden (vgl. ebd., S. 10*).
Bereits das Eröffnungsgedicht „An Gott als sie bey hellem Mondschein erwachte“ lässt die religiöse Ausrichtung der Gedichte Karschs erkennen, welche auch durch die Mehrfachverwendung des Gedichttitels „An Gott“ im ersten Buch der ,Oden‘ unterstrichen wird. Das lyrische Ich wendet sich direkt an den Schöpfer, betont dessen Allmacht und Herrschaft über die Naturkräfte, etwa über das Wetter und die Gezeiten: „Wenn ich erwache, denk ich dein! / Du Gott! der Tag und Nacht entscheidet“ (Karsch 1996, S. 3). Zudem wird Gott – bezeichnet als „[m]ein Fels und mein Erretter“ (ebd., S. 20) – eine fundamentale Bedeutung im Leben des Ich zugeschrieben.
Wiederholt wird der Dritte Schlesische bzw. der Siebenjährige Krieg (1756-1763) und deren Auswirkungen thematisiert sowie der preußische König Friedrich II. gewürdigt. Davon zeugen die zahlreichen Lobgesänge auf den König, die ihn in unmittelbare Nähe zu Gott rücken: „Gott lieben ist die erste Pflicht, / Und bald nach Gott die Könige verehren“ (ebd., S. 83). Für ihre „bis zur Apotheose verstiegene Bewunderung Friedrichs“ gebraucht die Dichterin mannigfaltige Bilder, Epitheta und Topoi (Krzywon 1992, S. 40). Weitere von Karsch aufgegriffene Themen sind die Vergänglichkeit des menschlichen Lebens und die Ohnmacht und Gleichheit aller Menschen im Angesicht der Krankheit: „Nicht Geld, nicht Ruhm, verwachter Nächte Preiß! / Erkaufen uns noch Lust zu leben: / Der Jüngling zittert wie der Greiß“ (Karsch 1996, S. 90). Das Lob Karschs zielt neben dem König und Gott auch auf andere Personen, etwa auf die zahlreichen Subskribent:innen ihrer Gedichtsammlung. Auch das Thema der Freundschaft hält die Dichterin hoch, die an Wert jeden materiellen Reichtum übersteigt, „weil ich minder für das Geld, / Als für die Freundschaft fühle“ (ebd., S. 197). Ein zentrales Merkmal ihrer Gedichte ist die Adressatenbezogenheit bzw. die Dialogizität ihrer Lyrik, durch die sie spielerisch mit den Grenzen zwischen dem Privatem und Öffentlichem umgeht (vgl. Bennholdt-Thomsen/Runge 1992, S. 10). Dies verdeutlichen sehr vertrauliche Gedichte wie beispielsweise das Gedicht „An Herrn Professor Sulzer, über den Tod seines Kindes“ (vgl. Karsch 1996, S. 141–143).
Karsch schrieb Briefe, Panegyrik, Liebeslyrik, Casuallyrik, Verserzählungen, Episteln und Fabeln (vgl. Kitsch 2002, S. 15). Auch vor ihrer Berliner Zeit schrieb sie zahlreiche Gedichte. Anne Kitsch verweist auf die größtenteils schwere Zugänglichkeit: Viele ihrer Gedichte seien unveröffentlicht oder in zeitgenössischen Publikationen, Almanachen oder Einzeldrucken verstreut (vgl. ebd., S. 31). Ernst Josef Krzywon versucht sich an einer Klassifikation des lyrischen Frühwerks und unterteilt dieses in „Lyrik der Schwiebuser Zeit (1738 – 1749)“, „Lyrik der Fraustädter Zeit (1749 – 1755)“ und „Lyrik der Glogauer Zeit (1755 – 1761)“ (Krzywon 1992, S. 14, 27, 39). Als erstes überliefertes Gedicht, das Karsch mit 16 Jahren schrieb, gilt das Gedicht „Neujahrswunsch an den Rinderhirten“ (vgl. ebd., S. 14). Schon in ihrer Zeit in Fraustadt schrieb sie Lob- und Heldengedichte auf den König von Polen, während sie nach ihrer Umsiedlung nach Glogau und nach Ausbruch des Siebenjährigen Krieges 1756 ihr erstes Herrscherlob auf den Preußenkönig schrieb, das ihren raschen Aufstieg zur Sängerin von Friedrich begründete (vgl. ebd., S. 27, 39). Ihre Glogauer Kriegsgedichte, die Karsch in der Chronologie der Siege Friedrichs veröffentlichte, erschienen jeweils als Flugschriften (vgl. ebd., S. 40f.). Krzywon verweist darauf, dass ihre Lyrik aus schlesisch-polnischer Zeit bislang noch nicht hinreichend erforscht ist (vgl. ebd., S. 56).
Einordnung
Die Dichterin Anna Louisa Karsch wird als „[e]ine Ausnahmeerscheinung im literarischen Leben der damaligen Zeit“ beschrieben, da sie aus der Unterschicht stammte, keine Gelehrte war und nicht dem herrschenden Schönheitsideal entsprach, jedoch „aus dem Stegreif“ Gedichte schrieb, die ihre Zeitgenossen überraschten (Stephan 2008, S. 176). Sie erlangte als ‚preußische Sappho‘ eine so hohe Bekanntheit, dass sie sogar von Friedrich dem Großen empfangen wurde (vgl. ebd.).
,Die Karschin‘ gilt als erste alleinstehende, weitgehend unabhängige Berufsschriftstellerin in Deutschland (vgl. Becker-Cantarino 1996, S. *2). Ihre Auserlesenen Gedichte brachten einen beachtlichen finanziellen Erfolg ein, der vor allem auch auf die lange Liste von Subskribent:innen zurückgeht (vgl. Heinrich 2022, S. 172). Die Sammlung ist dem Baron von Kottwitz zugeeignet, dank dem Karsch 1761 von Glogau nach Berlin – einem wichtigen Zentrum der deutschen Aufklärung – übersiedeln konnte, was ihrem Leben die zentrale Wende gab (vgl. Becker-Cantarino 1996, S. *1f.). Hier nahm sie teil am kulturellen, literarischen Leben, konnte mit ihrer Stegreifdichtung Geld verdienen und trat in der Öffentlichkeit erstmals als Dichterin in Erscheinung (vgl. Kitsch 2002, S. 47). Zu der Zeit befand sich der Siebenjährige Krieg auf seinem Höhepunkt, dementsprechend auch die Nachfrage nach patriotischer Dichtung, sodass sich Karsch am Hof wie in der Gesellschaft rasch als Gelegenheitsdichterin etablieren konnte (vgl. Thomalla 2022, S. 154).
Karsch galt primär als Unterhalterin und lernte das Dichten in der Tradition der Mündlichkeit: Zu ihren ersten dichterischen Versuchen inspirierten sie Melodien von Kirchenliedern: „Ich wählte die Melodie irgend eines geistlichen Liedes, saß bei dem murrenden Rade und wiederholte den jetzt gedichteten Vers solange, bis er in meinem Gedächtnis haften blieb“ (Karsch 1981, S. 34). Auch ihre Vorliebe für Loblieder klingt hier an: „Vorzüglich waren Loblieder meine Wahl; ich fühlte Zufriedenheit, wenn ich sie sang und tat mir selbst die Frage: sollte es wohl möglich sein, ein Lied zu machen?“ (ebd., S. 33). Karschs Lyrik steht in der Tradition der Anakreontik, durch Imitation anakreontischer Verse, etwa der Gedichte Johann Wilhelm Ludwig Gleims, sowie freierer Improvisation kreierte sie jedoch einen eigenen Stil (vgl. Baasner 2000, S. 22).
Die Rezeption ihres Werkes und deren Entwicklung wurde in erster Linie von zwei Aspekten gesteuert: der Vorrede zu ihren Auserlesenen Gedichten – verfasst von Johann Georg Sulzer – sowie den zeitgenössischen Rezensionen (vgl. Kitsch 2002, S. 155).
In der Vorrede wendet sich Sulzer gegen eine Regelpoetik und stellt die Natur als strengen Gegensatz zu Regeln und Kunst dar, für welche These ihm Karschs Lebenslauf als Beweis dient: Nicht Regeln und Unterricht sollten den Dichter bilden, sondern er sei von Natur aus dazu berufen (zitiert nach Epple 2003, S. 80). Sulzer bezieht sich in seiner Vorrede auf Platon, nach dem der Dichter seine Gesänge durch seine Begeisterung und sich selbst unbewusst hervorbringt (vgl. Karsch 1996, Vorrede S. VIIf.). Er verfolgte damit das Ziel, dass Karschs Dichtung nicht daraufhin beurteilt wird, wie sie mit bestimmten Regeln umgegangen ist, sondern in Hinblick auf ihr Dichten als Ausdruck eines emotionalen, irrationalen und enthusiastischen Antriebs – womit er den Empfindungsbegriff in den Blickpunkt rückte (vgl. Kitsch 2002, S. 160). Auch zu „ihren Improvisationen bei gesellschaftlichen Veranstaltungen gehörte nicht nur das Stegreifdichten auf vorgegebene Endreime, sondern das Dichten als Reaktion auf Situationen und Augenblicke“ (ebd., S. 161).
Karsch schrieb Sulzer vier Autobiographische Briefe (1761/62), die als Grundlage für die Vorrede dienen sollten (vgl. Epple 2003, S. 79f.) und in denen sie etwa auf ihre Kindheit und ihr Aufwachsen in ärmlichen Verhältnissen eingeht: „Man hat bei meiner Wiege weder von Ahnen, noch von Reichtümern gesungen“ (Karsch 1981, S. 23). Dadurch, dass Sulzer Karsch zum Naturgenie stilisierte, versuchte er, die dichterische Leistung der ungelehrten Frau aufzuwerten (vgl. Epple 2003, S. 80, 84). Zusätzlich führte die Selbstinszenierung – ein wesentliches Strukturelement ihrer Lyrik (vgl. Kitsch 2002, S. 47) – in ihren Gedichten als ,Sappho‘ (s. auch die Leseprobe) zu einer engen Verknüpfung von Leben und Werk der Dichterin. Diese Stilisierung geht zurück auf eine Empfehlung Gleims, dem Initiator des Gedichtbands (vgl. Epple 2003, S. 79).
Bei den Auserlesenen Gedichten gelang es Karsch und den Herausgebern somit, „durch die strategische Inszenierung eines biografisch-ästhetischen Narrativs“ aus Karschs Popularität Gewinn zu erzielen (Heinrich 2022, S. 175). Auch die „performative Qualität“ (ebd., S. 171) ihrer Lyrik, die ebenfalls wieder auf ihre Person zurückverweist, diente als Verkaufsargument (vgl. ebd.). Die Faszination an Karsch ergab sich zum einen aus dem Zusammenspiel von Werk und Herkunft der Dichterin, zum anderen aus dem Schöpfungsprozess selbst, sodass Sulzer in der Vorrede auch einen Fokus auf den spontanen Einfall für eine Dichtung legt (vgl. ebd., S. 171f.). „Das Besondere, das die Lyrikerin auszeichne, liege weder im Gegenstand noch im Stil ihrer Dichtung, sondern vielmehr in Karsch selbst: in der Art, wie sie dichte, aber auch in dem Umstand, dass sie, ohne formalen Bildungshintergrund, überhaupt dazu fähig sei“ (ebd., S. 172).
Tobias Heinrich aber betont, dass das Leben als öffentliche Person – v.a. als Frau – nicht notwendig mit einem Zugewinn an sozialer Eigenständigkeit einherging, so auch bei Karsch, die sich materiellen wie ideellen Zugriffen und dem Wohlwollen ihrer Förderer ausgesetzt sah und zur Projektionsfläche der Erwartungen Dritter wurde (vgl. ebd., S. 173f.). Beispielsweise durfte Karsch nicht selbst über das aus ihrer Gedichtsammlung erwirtschaftete Kapital verfügen und lediglich ein Jahreseinkommen von 100 Talern beziehen (vgl. Becker-Cantarino 1996, S. *13). Als literarische „celebrity“ wurde ihr eine Form der öffentlichen Aufmerksamkeit zuteil, die in erster Linie ihrer Person selbst und erst nachgeordnet ihren Leistungen – der Qualität ihres literarischen Werks – galt (vgl. Heinrich 2022, S. 167).
Die zeitgenössische Rezeption ihres Werks war gespalten. Insbesondere die Auffassung der ungelehrten Naturdichtung galt mit Karschs Status als Auftrags- und Gelegenheitsdichterin als unvereinbar und wurde rege diskutiert (vgl. Kitsch 2002, S. 155; auch Thomalla 2022, S. 154, 157). Denn der Gelegenheitsdichtung wurde sowohl eine Massenhaftigkeit als auch ein dafür nötiges dichterisches handwerkliches Können zugeschrieben und erfuhr im 18. Jahrhundert außerdem eine allgemeine Abwertung (vgl. Kitsch 2002, S. 155, 157f.), sodass die pejorative Bewertung ihrer Arbeit als Gelegenheitsdichterin ein „Grundtenor“ in der Beurteilung ihrer Person und Dichtung blieb (vgl. ebd., S. 159).
Aus Anlass des 200. Todestages der Dichterin fand 1991 ein Symposium in Berlin statt, dessen Ergebnisse in der Forschung als wegweisend für eine Neubewertung ihres Werks angesehen werden (vgl. Schaffers 1997, S. 201). Anke Bennholdt-Thomsen und Anita Runge stellen drei identifizierbare Forschungsrichtungen zu Karsch vor: das literaturtheoretische Interesse am umfangreichen Briefkorpus der Dichterin, das sozial- und kulturgeschichtliche Interesse mit Blick auf die Möglichkeiten und Grenzen der literarischen Produktion von Frauen sowie die geistesgeschichtliche Forschungsrichtung, die sich mit der Untersuchung der Sonderstellung Karschs im Literaturbetrieb des 18. Jahrhunderts beschäftigt (vgl. Bennholdt-Thomsen/Runge 1992, S. 8). Außerdem wird herausgestellt, dass das bisherige wissenschaftliche Karsch-Bild stark von der zeitgenössischen Rezeption beeinflusst ist, die sich auf die zwei Eigentümlichkeiten – das Naturgenie und die Unterschichtssozialisation – konzentrierte (vgl. ebd.). Das Resümee des Symposiums war eine Revision dieses einseitigen Karsch-Bildes, indem eine Distanz der Lyrikerin zu ihrer Selbstdarstellung herausgearbeitet wurde (vgl. ebd., S. 9). „Ein Schwerpunkt der Fragen [...] lag nicht mehr bei dem, was sie sein durfte und sollte, vielmehr bei dem, was sie als Dichterin selbst wollte, und insbesondere, was sie konnte“ (ebd.). Auch wird die Auffassung vom Naturtalent insofern abgeschwächt, dass betont wird, dass Karschs dichterische Leistung auch einen Kunstverstand erkennen lässt und ihr Kunstethos notwendig von der Wirkungstendenz und dem Zweck geprägt war – denn sie schrieb unter sozialem Druck und gezielt für Unterstützung und Gelderwerb für sich, ihre Familie und andere Bedürftige (vgl. ebd. S. 9f.). So wird Karsch im Resümee als eine Dichterin beschrieben, „deren spontane Einbildungskraft sich denn doch mit Regel und Geschmack verbindet und deren Herkunft sie [...] zur volksnahen Schnellschreiberin und -rednerin [macht], wie ein angestrengtes Arbeits-, Ehe-, Familien- und Liebesleben, von Not und Zwang gekennzeichnet, es ihr abverlangt“ (ebd., S. 11).
Literaturangaben
- Anger, Alfred: Nachwort. In: Anna Louisa Karsch: Auserlesene Gedichte. Stuttgart 1966, S. 3*–18*.
- Baasner, Rainer: Poesie ‘gelehrter Frauenzimmer’ in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts am Beispiel Philippine Gatterers und Anna Louisa Karschs. In: Aus dem Schatten treten. Aspekte weiblichen Schreibens zwischen Mittelalter und Romantik. Hg. von Kurt Erich Schöndorf, Elin Nesje Vestil und Thomas Jung. Frankfurt a. M. 2000, S. 11–26.
- Becker-Cantarino, Barbara: Vorwort. In: Anna Louisa Karsch: Auserlesene Gedichte. Nachdruck der Ausgabe von 1764. Karben 1996, S. *1–*23.
- Bennholdt-Thomsen, Anke / Anita Runge: Vorwort. In: Dies. (Hg.): Anna Louisa Karsch (1722–1791). Von schlesischer Kunst und Berliner „Natur“. Ergebnisse des Symposions zum 200. Todestag der Dichterin. Göttingen 1992, S. 7–11.
- Epple, Angelika: Die Debatte um das „eigenthümliche Genie“ der Anna Louisa Karsch. In: Dies.: Empfindsame Geschichtsschreibung. Eine Geschlechtergeschichte der Historiographie zwischen Aufklärung und Historismus. Köln 2003, S. 78–90.
- Heinrich, Tobias: »Ob Sappho für den Ruhm schreibt?« Anna Louisa Karsch als Celebrity. In: Das achtzehnte Jahrhundert. Zeitschrift der Deutschen Gesellschaft für die Erforschung des achtzehnten Jahrhunderts. Anna Louisa Karsch. Edition und Öffentlichkeit. Jahrgang 46 (2022), H. 2, S. 164–175.
- Karsch, Anna Louisa: Auserlesene Gedichte. Nachdruck der Ausgabe von 1764. Mit einem Vorwort von Barbara Becker-Cantarino. Karben 1996.
- Karsch, Anna Louisa: Herzgedanken. Das Leben der »deutschen Sappho« von ihr selbst erzählt. Hg. u. eingel. von Barbara Beuys. Frankfurt 1981.
- Kitsch, Anne: „Offt ergreiff ich um Beßer mein zu sein die feder ...“. Ästhetische Positionssuche in der Lyrik Anna Louisa Karschs (1722–1791). Mit bislang unveröffentlichten Gedichten. Würzburg 2002.
- Krzywon, Ernst Josef: Tradition und Wandel. Die Karschin in Schlesien (1722-1761). In: Anna Louisa Karsch (1722–1791). Von schlesischer Kunst und Berliner „Natur“. Ergebnisse des Symposions zum 200. Todestag der Dichterin. Hg. von Anke Bennholdt-Thomsen und Anita Runge. Göttingen 1992, S. 12–56.
- Schaffers, Uta: Auf überlebtes Elend blick ich nieder. Anna Louisa Karsch in Selbst- und Fremdzeugnissen. Göttingen 1997.
- Stephan, Inge: Aufklärung. In: Wolfgang Beutin et. al.: Deutsche Literaturgeschichte. Von den Anfängen bis zur Gegenwart. 7., erw. Aufl. Stuttgart 2008, S. 148–181.
- Thomalla, Erika: Edierte Natur. Anna Louisa Karschs Auserlesene Gedichte (1764) in der literarischen Öffentlichkeit des 18. Jahrhunderts. In: Das achtzehnte Jahrhundert. Zeitschrift der Deutschen Gesellschaft für die Erforschung des achtzehnten Jahrhunderts. Anna Louisa Karsch. Edition und Öffentlichkeit. Jahrgang 46 (2022), H. 2, S. 151–163.
Ausgaben
- Karsch, Anna Louisa: Auserlesene Gedichte. Nachdruck der Ausgabe von 1764. Mit einem Vorwort von Barbara Becker-Cantarino. Karben 1996. (SUB: Signatur: 97 A 25738)
- Karsch, Anna Louisa: Auserlesene Gedichte. Neue Gedichte. Berlin: Hofenberg 2015.
(ohne Erfassung des Subskribentenverzeichnisses)
Weiterführende Literatur / Ressourcen
- Dziudzia, Corinna: Von Distanz und Nähe. Anna Louisa Karsch und die Tradition der poetria laureata. In: Das achtzehnte Jahrhundert. Zeitschrift der Deutschen Gesellschaft für die Erforschung des achtzehnten Jahrhunderts. Anna Louisa Karsch. Edition und Öffentlichkeit. Jahrgang 46 (2022), H. 2, S. 176–188.
- Karsch, Anna Louisa: Die Karschin. Friedrichs des Großen Volksdichterin. Ein Leben in Briefen. Eingel. und hg. von Elisabeth Hausmann. Frankfurt a. M. 1933.
- Pott, Ute (Hg.): Plötzlich Poetin!? Anna Louisa Karsch – Leben und Werk. Göttingen 2022.
Lesedauer
- Auserlesene Gedichte: 4 Stunden und 15 Minuten (individuelle Lesezeit)
Leseprobe
An den Dohmherrn von Rochow,
als er gesagt hatte, die Liebe müsse sie gelehret haben, so schöne Verse zu machen
Kenner von dem saphischen Gesange!
Unter deinem weissen Ueberhange
Klopft ein Herze, voller Gluth in dir!
Von der Liebe ward es unterrichtet
Dieses Herze, aber ganz erdichtet
Nennst du sie die Lehrerin von mir!
Meine Jugend ward gedrückt von Sorgen,
Seufzend sang an manchem Sommermorgen
Meine Einfalt ihr gestammelt Lied;
Nicht dem Jüngling thöneten Gesänge,
Nein, dem Gott, der auf der Menschen Menge,
Wie auf Ameishaufen niedersieht!
Ohne Regung, die ich oft beschreibe,
Ohne Zärtlichkeit ward ich zum Weibe,
Ward zur Mutter! wie im wilden Krieg,
Unverliebt ein Mädchen werden müßte,
Die ein Krieger halb gezwungen küßte,
Der die Mauer einer Stadt erstieg.
Sing ich Lieder für der Liebe Kenner:
Dann denk ich den zärtlichsten der Männer,
Den ich immer wünschte, nie erhielt;
Keine Gattin küßte je getreuer,
Als ich in der Sapho sanftem Feuer
Lippen küßte, die ich nie gefühlt!
Was wir heftig lange wünschen müssen,
Und was wir nicht zu erhalten wissen,
Drückt sich tiefer unserm Herzen ein;
Rebensaft verschwender der Gesunde,
Und erquickend schmeckt des Kranken Munde
Auch im Traum der ungetrunkne Wein.
Was finde ich an diesen Gedichten interessant?
Beim Lesen der Gedichte von Anna Louisa Karsch sind mir besonders die Beschreibungen der Natur durch ihre Detailverliebtheit und Beseeltheit in Erinnerung geblieben, etwa wenn die Dichterin eine Biene beschreibt: „Die Honigträgerin verläßt ihr kleines Haus / Und saugt den Veilchen, wenn sie duften, / Die Süßigkeit des kleinen Kelches aus“ (Karsch 1996, S. 324) oder auch, wenn sie in dem Gedicht „Vorbitte wegen eines Nußbaums“ um den Erhalt eines geliebten Baumes bittet (vgl. ebd., S. 201–203).
Neben diesen harmonischen, friedlichen Beschreibungen stehen jedoch auch zahlreiche düstere Themen. Rainer Baasner hebt in Bezug auf Karschs Lyrik die schon erkennbare Abgrenzung zur Tradition der Anakreontik hervor: Dadurch, dass Karsch Beschreibungen der Härte des Frauenlebens, die nicht in die heile Welt der anakreontischen Geselligkeit passen, einbinde, fließe die Erfahrungswirklichkeit in die poetische Gestaltung ein (vgl. Baasner 2000, S. 24). Er bezieht sich hier auf das autobiografisch zu lesende Gedicht „Belloisens Lebenslauf“ (1761/62), welches laut ihm eine für die Zeit neuartige „Ich-Stärke“ beweise, da sich die Selbsteinschätzung nicht mehr nur auf Vermittlungsinstanzen, sondern vielmehr auf Natur, Musen und die eigene Wahrnehmung beziehe (vgl. ebd., S. 23f.) Auch in ihren Auserlesenen Gedichten wird diese – gerade in Bezug auf Frauen – neue Vorstellung vom Dichten als von Gott, Musen oder der Natur inspiriert erkennbar, auch wenn hier gleichzeitig die schon angesprochene häufige Fremdzuschreibung bei Karsch deutlich wird: „Mit zart geschaffenem Herzen / Ward sie einst Sapho genannt; / Ihr waren Musen gefällig, / Und sie war Freunden getreu“ (Karsch 1996, S. 230). Weiterhin machen die fließenden „Übergänge zwischen einer höfischen, formalisierten und einer intimisierten, im Zeichen der Freundschaft stehenden Form der Patronage“ (Thomalla 2022, S. 157), die in ihren Auserlesenen Gedichten durch den heterogenen Adressatenkreis aus adligen Gönner:innen und Freund:innen der Dichterin entstehen, ihre Gedichte besonders interessant.
Neben ihren Gedichten beeindruckt Karsch aber auch als Frau, die sich von ihren schwierigen Verhältnissen, arbeitsintensiven Tagen und ständigen seelischen wie finanziellen Sorgen nicht von ihrer Leidenschaft – dem Dichten – abhalten ließ, weshalb eine nähere Beschäftigung mit dieser Dichterin und ihrem Werk sehr lohnenswert ist.
Sidney Lazerus (M.A.-Studierende)