Luise Adelgunde Victorie Gottsched: Die Pietisterey im Fischbein-Rocke (1736). Drama
Inhalt
Im Mittelpunkt der Komödie Die Pietisterey im Fischbein-Rocke oder Die doctormäßige Frau (1736) steht die wohlhabende Familie Glaubeleicht, deren Alltag während der Abwesenheit des Familienvaters zunehmend unter den Einfluss des Pietismus gerät. Frau Glaubeleicht übernimmt die religiösen Ansichten und Ratschläge des zwielichtigen Magisters Scheinfromm unkritisch und räumt ihm immer größeren Einfluss auf die Angelegenheiten ihrer Familie ein. Die Folgen zeigen sich in der Vernachlässigung des Haushalts. Besonders leidet jedoch die jüngere Tochter Luischen, deren Hochzeit mit ihrem Verlobten Herrn Liebmann von ihrer Mutter bereits seit zwei Jahren hinausgezögert wird. Scheinfromm verfolgt den Plan, Luischen stattdessen mit einem Mann aus seiner eigenen Familie zu verheiraten. Unter dem Vorwand, die natürliche Liebe zwischen Mann und Frau sei sündhaft und wahre Erlösung könne nur in einer lieblosen Ehe gefunden werden, überzeugt er Frau Glaubeleicht von diesem Vorhaben.
Daraufhin sucht Luischen Hilfe bei ihrem Onkel Wackermann, der seine Schwester zur Vernunft bringen soll. Seine Argumente bleiben jedoch wirkungslos. Stattdessen widmet sich Frau Glaubeleicht gemeinsam mit einem Kreis pietistischer Frauen Diskussionen über theologische Schlüsselbegriffe und plant, eine theologische Schrift zu verfassen. Obwohl Scheinfromm dieses Vorhaben mit dem Hinweis abtut, das Schreiben gelehrter Werke sei Männersache, bleibt Frau Glaubeleicht ihm selbst dann noch treu ergeben, als eine Frau aus dem Volk ihn öffentlich beschuldigt, ihre Tochter verführt zu haben. Scheinfromm setzt heimlich einen Ehevertrag für Luischen auf, durch den das gesamte Vermögen der Familie auf sie und damit letztlich auf Scheinfromms eigene Verwandtschaft übergehen soll. Auf sein Drängen hin soll Luischens Hochzeit noch am selben Tag stattfinden.
Erst im letzten Augenblick kann Wackermann Scheinfromms wahre Absichten aufdecken. Frau Glaubeleicht stellt schließlich selbst Scheinfromms Beteuerungen auf die Probe und erkennt, dass dessen scheinbar religiöser Eifer lediglich der eigenen Bereicherung diente. Luischens Hochzeit mit Herrn Liebmann steht nun nichts mehr im Weg und mit der Rückkehr ihres Vaters wird die vernünftige Ordnung innerhalb der Familie endgültig wiederhergestellt.
Einordnung
Die Pietisterey im Fischbein-Rocke ist nicht nur das erste von zahlreichen Lustspielen L. A. V. Gottscheds, sondern gilt auch als Beginn der deutschen Aufklärungskomödie überhaupt (vgl. Martens 2020, S. 151, 171). Die satirische Typenkomödie von 1736 setzt die poetologischen Reformen um, mit denen ihr Ehemann Johann Christoph Gottsched das deutsche Theater aufwerten und für die Vermittlung der Ideale der Frühaufklärung nutzen wollte (vgl. Stephan 2019, S. 159; Steinmetz 1978, S. 20).
Die einsträngige Handlung des Dramas wird innerhalb weniger Stunden an einem gleichbleibenden Schauplatz entwickelt. Die fünf Akte sind weitgehend in natürlicher Prosasprache gehalten. Damit erfüllt die Komödie die Prinzipien der Wahrscheinlichkeit und Natürlichkeit sowie die aristotelische Forderung nach Einheit von Handlung, Zeit und Ort, wie sie J. C. Gottsched in seiner rationalistischen Regelpoetik, der Critischen Dichtkunst, formuliert (vgl. Stephan 2019, S. 159; Ecker 2008, S. 55; Martens 2020, S. 156).
Diese Formstrenge ist maßgeblich auf die französische Vorlage des Stückes La femme docteure zurückzuführen. J. C. Gottsched sah in der Orientierung an französischen und englischen Dramen die Möglichkeit, das deutsche Drama auf europäisches Niveau zu heben (Stephan 2019, S. 164). In umfangreichen Übersetzungen erschlossen er und seine Frau ausländische Stücke für die deutsche Bühne (vgl. Stephan 2019, S. 164; Waters 1975, S. 254). In der Pietisterey übernimmt L. A. V. Gottsched Teile der französischen Vorlage nahezu wörtlich (vgl. Waters 1975, S. 259). Zugleich überträgt sie das französische Stück auf die deutschen Verhältnisse, indem sie die ursprüngliche Kritik am französischen Jansenismus für einen Angriff auf die deutsche, protestantische Frömmigkeitsbewegung des Pietismus nutzt (vgl. Waters 1975, S. 255).
Durch die Darstellung und Verspottung eines Lasters soll die klassische Verlachkomödie der Frühaufklärung sowohl unterhalten als auch erziehen (vgl. Steinmetz 1978, S. 21). Die Komik beruht dementsprechend nicht auf Wortwitz oder der Darstellung von Anstößigkeiten, sondern auf der Lächerlichkeit des lasterhaften Verhaltens selbst (vgl. Martens 2020, S. 157; Steinmetz 1978, S. 28). Auch die Pietisterey steuert die Rezeption stark, indem ihre Figuren auf charakteristische Typen reduziert und durch ‚sprechende‘ Namen eindeutig gekennzeichnet werden (vgl. Ecker 2008, S. 55).
In ihrer binomischen Struktur verbindet die Komödie dabei das individuelle Laster mit einem allgemeinen gesellschaftlich Missstand, indem sie sich ausdrücklich gegen den Pietismus als religiöse Strömung wendet (vgl. Steinmetz 1978, S. 33f.; Ecker 2998, S. 54). Frau Glaubeleichts Leichtgläubigkeit und mangelnde Vernunft machen sie empfänglich für die Manipulation durch Scheinfromm und die Pietisten (vgl. Steinmetz 1978, S. 33f.). Sie erscheint dadurch auch als Opfer einer Verführung, ihr Laster als grundsätzlich heilbar (vgl. Steinmetz 1978, S. 20–22, 28). Folgerichtig erhält Frau Glaubeleicht am Ende des Stückes die Möglichkeit zur „Selbstaufklärung“ (Bannasch 2009, S. 265). Ihre Abkehr von Scheinfromm entspricht dem aufklärerischen Vertrauen in die Möglichkeit, Einsicht durch Erfahrung und Vernunft zu gewinnen (vgl. Ecker 2008, S. 54). Demgegenüber wird Scheinfromm selbst als Vertreter des Pietismus als grundlegend verbrecherischer Akteur gezeichnet (vgl. Steinmetz 1978, S. 33f.; Bannasch 2009, S. 264).
Die deutliche Parteinahme gegen den Pietismus macht die polemische Schärfe der Pietisterey aus. Das Stück wurde nach seiner Veröffentlichung mehrfach verboten und beschlagnahmt (vgl. Martens 2020, S. 153f.; Ecker 2008, S. 54). Möglicherweise hat L. A. V. Gottsched diese Reaktion antizipiert, als sie sich entschied, die Komödie anonym unter fingiertem Verlags- und Erscheinungsort zu veröffentlichen (Martens 2020, S. 153–155, 165). Auch in der Forschung wird die Einseitigkeit der Darstellung problematisiert: Die Autorin setze ungerechtfertigt Pietismus und religiöse Heuchelei gleich, wobei ihre „Lust an Polemik“ (Ecker 2008, S. 58) teilweise auf Kosten der Dramaturgie des Stückes gehe (vgl. Steinmetz 1978, S. 35; Ecker 2008, S. 57–59; Waters 1975, S. 266).
Gerade in dieser Spannung zwischen Polemik und aufklärerischem Anspruch liegt jedoch eine zentrale Eigenschaft des Stücks. Die Pietisterey tritt zwar nicht ausdrücklich als aufklärerisches Programm auf und wurde zeitgenössisch teilweise sogar als Schrift aus dem Umfeld der lutherischen Orthodoxie verstanden, die mit dem Pietismus konkurrierte (vgl. Martens 2020, S. 153, 166). Ihrer Satire liegt jedoch mit dem festen Glauben an die menschliche Vernunft ein zentrales Ideal der Aufklärung zugrunde, worauf auch ihre zentrale Stellung in der deutschen Literaturgeschichte zurückzuführen ist (vgl. Martens 2020, S. 167f.).
Literaturangaben
- Bannasch, Bettina (2009): Von Menschen und Meerkatzen. Luise Adelgunde Victorie Gottscheds Pietisterey im Fischbein-Rocke. In: Pietismus und Neuzeit, Bd. 35, S. 253–271. (SUB: Signatur ZA 40381)
- Ecker, Hans-Peter (2008): Antipietistische Satire und Dokument problematischer weiblicher Identität: Luise Adelgunde Victorie Gottscheds Die Pietisterey im Fischbein-Rocke; Oder die Doctormäßige Frau. In: Revista de Filología Alemana, Bd. 16, S. 53–64. (Online zugänglich über die EZB)
- Gottsched, Luise Adelgunde Victorie (2020): Die Pietisterey im Fischbein-Rocke. Komödie. Hrsg. von Wolfgang Martens. Ditzingen: Reclam. (Vereinigte Theologische Seminare: Signatur Na 825)
- Steinmetz, Horst (1978): Die Komödie der Aufklärung. 3. Aufl. Stuttgart: Metzler. (SDP-Bibliothek: Signatur S-3 3/516 3. A.)
- Stephan, Inge (2019): Aufklärung. In: Deutsche Literaturgeschichte. 9. Aufl. Stuttgart: Metzler, S. 151–184. (SDP-Bibliothek: Signatur E-10 3/203 9.A.)
- Waters, Michael (1975): Frau Gottsched's Die Pietisterey im Fischbein-Rocke: Original, Adaptation or Translation? In: Forum for Modern Language Studies, Bd. 11 (3), S. 252–267. (SUB: Signatur ZA 26821)
Ausgaben
- Anonym (1736): Die Pietisterey im Fischbein-Rocke; Oder die Doctormäßige Frau. In einem Lust-Spiele vorgestellet. Rostock: Selbstverlag [Leipzig: Breitkopf]. (Online zugänglich)
- Gottsched, Luise Adelgunde Victorie (2020): Die Pietisterey im Fischbein-Rocke. Komödie. Hrsg. von Wolfgang Martens. Ditzingen: Reclam. (Vereinigte Theologische Seminare: Signatur Na 825)
- Bougeant, Guillaume-Hyacinthe (1731): La critiqe de La femme docteur. Paris: Tonson. (Online zugänglich)
Französisches Vorbild:
Weiterführende Literatur / Ressourcen
- Brandes, Helga (2000): „Luise Adelgunde Victorie Gottsched: Die Pietisterey im Fischbein-Rocke; Oder die Doctormäßige Frau“. In: Dramen vom Barock bis zur Aufklärung. Stuttgart: Reclam, S. 200–223.
- Brecht, Martin; Ackva, Friedhelm (Hg.) (1995): Der Pietismus im achtzehnten Jahrhundert. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.
- Gottsched, Johann Christoph (1730): Versuch einer Critischen Dichtkunst vor die Deutschen. Leipzig: Breitkopf.
- Kording, Inka (Hg.) (1999): Louise Gottsched – „mit der Feder in der Hand“: Briefe aus den Jahren 1730–1762. Darmstadt: Wiss. Buchges.
- Wurst, Karin A. (Hg.) (1991): Frauen und Drama im achtzehnten Jahrhundert. Köln/Wien: Böhlau.
- Bozzi, Paola (2001): Heroine of Scholarship and Woman Writer: L. A. V. Kulmus Gottsched’s Die Pietisterey im Fischbein Rocke; oder die Doctormäßige Frau. In: Laura Martin (Hg.), Harmony in Discord: German Women Writers in the Eighteenth and Nineteenth Centuries. Bern u.a.: Lang, S. 69–93.
Lesedauer
- Persönliche Lesezeit: 4 Stunden
Leseprobe
1. Akt
1. Auftritt
Jungfer Luischen, Cathrine.
[…]
CATHRINE.
Ich muß gestehen, daß ihr Herr Vater sehr unbillig handelt, daß er uns so lange Zeit dem Eigensinne seiner närrischen Frauen überlässt. Er hat sie verlobet: Sie soll die Hochzeit vollziehen, indessen reiset er seiner Geschäffte wegen nach Engelland. Der liebe GOtt sey mit ihm! Mich dünckt aber er wird bey seiner Wiederkunft sehr erschrecken, wenn er sie noch ledig, und sein Haus in diesem schönen Zustande finden wird. Sein Keller ist zur Buchdruckerey; seine Böden sind zu pietistischen Buchläden; und seine Zimmer zu Winckel- Kirchen geworden. Wie wird er nicht erstaunen, wenn er einen Hauffen begeisterter Böhmisten und Quäcker finden, und seine Frau als eine Päbstin unter ihnen sitzen sehen wird. Die Laquaien selbst zancken sich schon über die dunckeln Schrifft-Stellen; und ich hörte nur noch neulich, daß der Kutscher seine Pferde vor Orthodoxen schalte; weil er kein ärger Schimpf-Wort wuste.
[…]
JUNGFER LUISCHEN.
Mich tröstet die Hoffnung, daß mein Vater bald wieder kommen wird.
CATHRINE.
Er wird ja freylich bald kommen müssen: Und es heist auch in dem letzten Briefe: Er würde mit ehesten eintreffen.
JUNGFER LUISCHEN.
Wenn er aber nicht käme? Könnte nicht auch mein Vetter die Mama bewegen, daß sie meine Heyrath vollzöge? Er hat mir versprochen, noch heute mit ihr davon zu sprechen. Was meinst du?
CATHRINE.
Wer? der Herr Vetter Wackermann? Nein, Jungfer Luischen! Herr Wackermann ist ein Officier, ein redlicher, vernünfftiger, verständiger Mann, der mit ihrer Mama – – – nur klug und vernünfftig redet: Aber damit nimmt sie kein Mensch ein! Doch ich muß gehen.
JUNGFER LUISCHEN.
Höre doch! Es fällt mir ein, ob wir nicht den Herrn Scheinfromm gewinnen könnten? Er gilt viel bey der Mama.
CATHRINE.
Ja! das weiß ich! aber trau sie ihm nicht. Die Mama thut nichts, als was dieser heilige Mann ihr einbläset: Es ist also sehr wahrscheinlich, daß er wohl gar selbst die Ursache ihrer verzögerten Hochzeit ist. Wer weis, was er für einen Nutzen darunter sucht? Er hat einen Vetter.
JUNGFER LUISCHEN.
Nun? Er hat einen Vetter?
CATHRINE.
Geb sie acht! Er hat sich wohl gar in den Kopf gesetzt, daß sein Vetter ihr Mann werden soll: Und wenn er es erst beschlossen hat; an der Mama wird es nicht fehlen. Denn es ist erschrecklich, der Mensch hat keine Verdienste, er hat keinen Verstand, es ist gar nichts an ihm: Und er hat mit seinen heuchlerischen Mienen und Reden die Frau so eingenommen. Dem sey wie ihm wolle; Ich mercke daß er seit einiger Zeit gegen mich sehr höfflich thut. Vielleicht hat er mir etwas zu entdecken. Ich wills abwarten. Aber stille! Da kömmt ihre Mama mit der Jungfer Schwester.
Was finde ich an dem Text interessant?
Besonders interessant erscheint mir an der Pietisterey die Darstellung weiblicher Gelehrsamkeit. Schließlich ist der drohende Untergang der Familie Glaubeleicht darauf zurückzuführen, dass eine Frau die Familiengeschäfte führt und es wagt, sich für anderes als ihre häuslichen Pflichten zu interessieren (vgl. Ecker 2008, S. 62). In einer zentralen Szene diskutiert Frau Glaubeleicht mit anderen pietistischen Frauen ausführlich über den Begriff der Wiedergeburt. Der vermeintlich gelehrte Disput erweist sich dabei vor allem als lächerliches Ringen um Anerkennung, in dem die Frauen als ‚pseudogelehrt‘ bloßgestellt werden (vgl. Bannasch 2009, S. 254, 259). Neben ihnen erscheint selbst Scheinfromm als Stimme der (männlichen) Vernunft (vgl. Waters 1975, S. 262).
Dass sich die Gelehrtensatire der Pietisterey ausdrücklich auch gegen weibliche Gelehrsamkeit richtet (vgl. Bannasch 2009, S. 254), wurde in der Forschung aus zwei Gründen mit Verwunderung aufgenommen. Erstens entwickelte gerade die Frühaufklärung ein Ideal der gebildeten Frau, das über eine auf den häuslichen Bereich beschränkte „züchtige Frauengelehrsamkeit“ (Bannasch 2009, S. 260) hinausging. Zweitens stammt das Stück aus der Feder einer Frau, die vermeintlich gerade dieses Ideal verkörperte (vgl. Ecker 2008, S. 58).
Um dieses Paradox zu erklären, wurden häufig biographische Bezüge zwischen der „doctormäßigen Frau“ des Stücks und L. A. V. Gottsched selbst hergestellt (vgl. Bannasch 2009, S. 267). Eine solche Lesart, die darin etwa einen individuellen Konflikt widergespiegelt sieht, ist jedoch nicht unproblematisch. Dem gegenüber stehen Ansätze, die die Darstellung weiblicher Gelehrsamkeit stärker auf die bedeutende Rolle zurückführen, die Frauen als Organisatorinnen und auch spirituelle Führerinnen im Pietismus einnahmen (vgl. Bannasch 2009, S. 264; Ecker 2008, S. 57). So erscheint die Kritik an weiblicher Gelehrsamkeit stärker als Kritik an pietistischer ‚Pseudogelehrsamkeit‘, die im Stück überwiegend durch Frauen repräsentiert wird.
In jedem Fall wirft die Pietisterey durch die Spannung zwischen der satirischen Darstellung gelehrter Frauen und dem Leben seiner Autorin in besonderem Maße die Frage nach dem Verhältnis eines Werkes zu der Biographie seiner Autorin auf.
Marie Luise Böttcher (MA-Studierende)