Während die Erforschung antiker Mythen weitgehend durch den Blick auf griechisch-römische Quellen geprägt ist, erweitert die Forschungsgruppe STRATA die Materialbasis in Hinsicht auf Zeit, Raum, Inhalte und Gattungen, indem sie sowohl die früheste, altorientalische wie die spätere, jüdisch-christliche Antike einschließt.

Formal werden Mythen als Stoffe erfasst, die in verschiedener Gestalt konkretisiert werden und sowohl in kontextuell ausgeführten Kompositionen wie in isolierter Form als einzelne Handlungssequenzen vorliegen, z. B. innerhalb einer sumerischen Götterliste, einer griechischen Komödie oder im spätantiken Predigttext. Eine differenziert ausgearbeitete philologisch-historische Methodik mit Fokus auf der Analyse von Stoffen als Handlungssequenzen gibt der Forschungsgruppe ein innovatives Instrumentarium an die Hand, welches komparatistische Distinktionen auf eine systematische, quantifizierbare Basis stellt.

Die Forschungsgruppe nimmt außerdem das dynamische Potential von Mythen völlig neu in den Blick. Inhomogene Morphologien, Inkompatibilitäten und Inkonsistenzen mythischer Stoffe und Texte werden nicht als Fehler oder Ungenauigkeiten gewertet, geglättet oder gar emendiert, sondern als Indikatoren für einen komplexen Überlieferungsprozess interpretiert, deren Analyse verschiedene, historisch gewachsene Strata erkennen lässt.

Dieser innovative Ansatz wird exemplarisch auf antike Mythen mit Sphärenwechseln angewendet, also auf Mythen, die vom Gang in vertikal oder horizontal entfernte Sphären, d. h. Himmel, Unterwelt oder horizontale Randzonen wie die „Insel der Seligen“ handeln. Vorarbeiten haben gezeigt, dass solche Stoffe bislang in vielen Punkten unverständlich bleiben, so dass gerade hier ein methodischer Neuansatz Desiderat ist.