Heft 1/2 2026: Kompetenzorientierung heute – Geschichtsdidaktik und Geschichtsunterricht

Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 77 (2026), 1/2

Vor mittlerweile mehr als 20 Jahren ist die so genannte Klieme-Expertise „Zur Entwicklung nationaler Bildungsstandards“ erschienen. Ihr Konzept der Kompetenzorientierung stieß in den Fachdidaktiken und bei den Lehrkräften auf unterschiedliche Zustimmung. Am positivsten aufgegriffen wurde es dort, wo das fachliche Lernen ohnehin stark regelbasiert und aufgabenorientiert stattfindet, etwa in Mathematik. Eher zurückhaltend war die Reaktion in jenen Fächern, in denen komplexe und vielfach ergebnisoffene Deutungsprozesse eine zentrale Rolle spielen – dazu gehört Geschichte. Dennoch hat die Geschichtsdidaktik eine Reihe von Kompetenzmodellen entwickelt, ohne sich freilich auf ein gemeinsames Modell verständigen zu können. Neue Curricula haben dann wiederum eklektisch auf einzelne dieser Modelle Bezug genommen.
Der theoretische Diskurs ist schon seit einigen Jahren erkennbar abgeflaut. Bereits 2018 hat GWU dies zum Anlass genommen, Personen aus der zweiten Phase der Lehrerbildung im Hinblick auf ihre Einschätzung der Wirksamkeit von Kompetenzorientierung zu befragen (Heft 11/12). Das vorliegende Heft greift dies wieder auf. Zu Wort kommen diesmal (vornehmlich) Vertreterinnen und Vertreter der universitären Geschichtsdidaktik. Es geht um zwei Fragen: Wie steht es heute um den geschichtsdidaktischen Diskurs über Kompetenzen? Und wie stellt sich die Situation an den Schulen aus der Perspektive der Universität dar?
Zum Auftakt lässt Wolfgang Hasberg die Entwicklung des geschichtsdidaktischen Kompetenzdiskurses Revue passieren. Dass dieser unbefriedigend verlaufen sei, führt er unter anderem auf von außen – durch die Kultusbehörden – gesetzte Zwänge zurück. Thomas Sandkühler befasst sich mit der in der Geschichtsdidaktik hoch gehandelten „narrativen Kompetenz“. Er weist zunächst auf theoretisch-begriffliche Unklarheiten hin und analysiert dann zwei Unterrichtsstunden – mit dem (generalisierbaren?) Befund, dass Schülerinnen und Schüler einschlägige Kompetenzen durchaus zeigen, diese aber von den Lehrkräften weder gezielt intendiert noch als solche angesprochen werden.
Bayern war das Schlusslicht bei der Einführung kompetenzorientierter Curricula. Daniela Andre, Michele Barricelli und Monika Müller zeichnen aus der Perspektive der Geschichtsdidaktik, der Bildungsverwaltung und der Lehrerbildung deren Implementierung nach, wobei sie als Unterstützungsmaßnahmen die konsequente Einbindung von Multiplikatorinnen und Multiplikatoren, die Entwicklung von Unterrichtsbeispielen sowie Fortbildungsangebote herausstellen. Die zweite Ausbildungsphase von Geschichtslehrkräften ebenfalls in Bayern nehmen Charlotte Bühl-Gramer und Monika Kilau in den Blick. Sie haben dort tätige Seminarlehrkräfte befragt – zur Realisierung der kompetenzorientierten Vorgaben für Unterricht und Ausbildung äußern diese sich deutlich ambivalent. Zum Abschluss skizziert Waltraud Schreiber mögliche Aufgaben einer zukünftigen Kompetenzforschung; als konzeptionelle Verknüpfung von Praxis und Forschung beschreibt sie ein Projekt(bündel) zur Fortbildung von Geschichtslehrkräften.
In welche Richtung Anstöße für eine Neubelebung des geschichtsdidaktischen Diskurses zielen könnten, bleibt im Moment noch vage. Im schulischen Alltag scheint sich vor allem die (eigentlich nicht neue) Methodenkompetenz – im Sinne eines adäquaten Umgangs mit Quellen und Darstellungen – etabliert zu haben. Gewissermaßen darüberliegende Kompetenzen historischen Denkens sind, so scheint es, auch in den Vorstellungen von Geschichtslehrkräften weniger deutlich konturiert. Unterrichtspraktisch zentral ist in jedem Fall, dass Lehrkräfte immer wieder Möglichkeiten zum Erlernen, Anwenden und Üben von Kompetenzen anbieten – und dieses Kompetenzlernen auch für die Schülerinnen und Schüler explizit und transparent machen.

Michael Sauer


ABSTRACTS (S. 2)


EDITORIAL (S. 4)


IN EIGENER SACHE (S. 5)


BEITRÄGE

Wolfgang Hasberg
Aufbruch – Abbruch – Umbruch?
Zur Debatte um Kompetenzen historischen Denkens in der Geschichtsdidaktik (S. 6)

Thomas Sandkühler
Narrative Sätze und historische Sinnbildung
Zur narrativen Kompetenz im Geschichtsunterricht der Sekundarstufe II (S. 26)

Daniela Andre/Michele Barricelli/Monika Müller
Zum Stand der Kompetenzorientierung des Geschichtsunterrichts in Bayern
Ein Bericht aus der Institution und der Lehrer*innenbildung (S. 45)

Charlotte Bühl-Gramer/Mona Kilau
Angekommen? Kompetenzorientierung im Geschichtsunterricht
Beobachtungen aus der zweiten Phase der Lehrkräftebildung (S. 59)

Waltraud Schreiber
Kompetenzorientierung weiterdenken
Eine disziplinäre Herausforderung für die Geschichtsdidaktik S. 71)


INFORMATIONEN NEUE MEDIEN

Gregor Horstkemper
Vernetzte Aufklärung (S. 90)


LITERATURBERICHT

Benjamin Steiner
Aufklärung und Absolutismus (S. 92)


NACHRICHTEN (S. 118)


AUTORINNEN UND AUTOREN (S. 120)


ABSTRACTS

Wolfgang Hasberg
Aufbruch – Abbruch – Umbruch
Zur Debatte um Kompetenzen historischen Denkens in der Geschichtsdidaktik
GWU 77, 2026, H. 1/2, S. 6 – 25
Kompetenzorientierung war das Konzept, um die von PISA offenbarten Defizite im Bildungswesen zu beheben. Davon blieben auch Geschichtsdidaktik und Geschichtsunterricht nicht unberührt, die von den Kultusbehörden gedrängt wurden, Modelle zu entwickeln und umzusetzen. Es entwickelte sich ein gespaltener Diskurs, der von unterschiedlichen Akteuren auf unterschiedlichen Ebenen mit Bezug auf divergente Anwendungsbereiche und vor allem ohne gemeinsame begriffliche Basis betrieben wurde. Dieser kakophone Diskurs wird aus geschichtsdidaktischer Perspektive dargestellt. Die konstruktive Etablierungsphase ist längst zum Stillstand geronnen, der nicht nur im Bereich der Curricula bereits retardierende Züge erkennen lässt. Bevor die Kompetenzdebatte stillschweigend in den Tiefen der permanenten Bildungsreform verschwindet, sollte die Chance genutzt werden, mögliche Erträge zu sichten und zu sichern.

Thomas Sandkühler
Narrative Sätze und historische Sinnbildung
Zur narrativen Kompetenz im Geschichtsunterricht der Sekundarstufe II
GWU 77, 2026, H. 1/2, S. 26 – 44
Geschichtslehrerinnen und Geschichtslehrer haben oft Vorbehalte gegen die Kompetenzorientierung im Fach Geschichte. Dieser Forschungsbefund wird im vorliegenden Aufsatz einerseits bestätigt, andererseits durch den Befund relativiert, dass Kompetenzförderung in zwei aktuellen Geschichtsschulstunden in der gymnasialen Oberstufe Brandenburgs durchaus stattgefunden hat, allerdings nicht intendiert und nicht konsequent. Was das Kernstück der narrativen Kompetenz anbelangt, scheinen Kommunikationsprobleme zwischen Fachdidaktik und Schulpraxis vor allem an dominanten Lesarten der narrativen Geschichtstheorie zu liegen. Demgegenüber wird hier vorgeschlagen, narrative Kompetenz als Synthese aus narrativer Logik und historischer Sinnbildung zu modellieren, die narrativ sein kann, aber nicht sein muss.

Daniela Andre/Michele Barricelli/Monika Müller
Zum Stand der Kompetenzorientierung des Geschichtsunterrichts in Bayern
Ein Bericht aus der Institution und der Lehrer*innenbildung
GWU 77, 2026, H. 1/2, S. 45 – 58
Die grundlegende Umstellung der Lehrplanwerke auf eine ebenso fächerübergreifende wie domänenspezifische Kompetenzorientierung für alle allgemeinbildenden Schulfächer erfolgte in Bayern (im sog. LehrplanPLUS) später als in den übrigen Bundesländern. Auf frühere Erfahrungen konnte man zurückgreifen, eine eigene Auffassung des Paradigmenwechsels zugleich prägen. Trotzdem war, wie woanders auch, ein Ausgleich zwischen wissenschaftlicher Vorgabe, Regulierungen in der Bildungsverwaltung und praktischer Unterrichtsgestaltung erst zu schaffen. Der Artikel zeichnet den Weg der didaktischen Erörterung, die Implementierung neuer behördlicher Richtlinien sowie Herausforderungen für das Fach Geschichte im Zusammenspiel der Phasen der Lehramtsbildung im Freistaat nach.

Charlotte Bühl-Gramer/Monika Kilau
Angekommen? Kompetenzorientierung im Geschichtsunterricht
Beobachtungen aus der zweiten Phase der Lehrkräftebildung
GWU 77, 2026, H. 1/2, S. 59 – 70
Der Beitrag widmet sich der Frage, ob und inwiefern das Konzept der Kompetenzorientierung inzwischen im Handlungsraum des Geschichtsunterrichts angekommen ist. Dafür wurden 20 Seminarlehrkräfte an Gymnasien, die in Bayern vollumfänglich für die zweite Phase der Lehrkräftebildung zuständig sind, um Einschätzungen zur Kompetenzorientierung im Unterricht und ihrer Rolle in der zweiten Ausbildungsphase schriftlich befragt. Die freien Statements dieser Expertengruppe geben Einblicke in diesen Transfer, aber auch in Veränderungen von Unterrichtspraxis und Lehrkräfteprofessionalisierung wie auch in die Relevanzzuweisung der Kompetenzorientierung für guten Geschichtsunterricht. Aus der Auswertung werden abschließend einige Entwicklungsaufgaben abgeleitet.

Waltraud Schreiber
Kompetenzorientierung weiterdenken
Eine disziplinäre Herausforderung für die Geschichtsdidaktik
GWU 77, 2026, H. 1/2, S. 71 – 89
Die Kompetenzorientierung ist in der Geschichtsdidaktik etabliert, wird jedoch kaum mehr als Forschungsthema vorangetrieben. Der Beitrag plädiert für eine Kompetenzforschung 2.0, die Theorie, Empirie und Praxis integrativ verbindet und die disziplinäre Entwicklung der Geschichtsdidaktik stärkt. Sie zielt darauf, disziplinäre Theoriebildung zu konsolidieren, historisch-politische Bildung zu stärken, Professionalisierungsprozesse gezielt zu rahmen und neue empirische Forschungsfelder zu erschließen. Am Lehrkräfte-Fortbildungsprojekt KLUG werden einige dieser Ansätze konkretisiert.