Seminarbezogenes Projekt: Linguistic Disobedience


Poem für Linguistic disobedience


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Dr. Jacqueline Gutjahr
Welche Sprache(n) spricht Demokratie? Die Zunahme autoritärer Tendenzen in den demokratischen Gesellschaften des 21. Jahrhunderts erfordert eine kritische Neubewertung der Funktions- und Wirkungsweisen von Macht durch Sprache. In ihrem Buch Linguistic Disobedience. Restoring Power to Civic Language (2019) zeigen Komska, Moyd und Gramling, wie sprachlicher Ungehorsam – einst ein kritisches Gegenmittel zur Hinterfragung von Macht – heute von bestimmten Staatschefs, digitalen Trollarmeen und anderen Akteur*innen instrumentalisiert wird, um interaktionale Hegemonie zu erlangen. Traditionelle Dichotomien von „sprachlichem Gehorsam“ und „sprachlichem Ungehorsam“ scheinen zu verschwimmen oder invertiert zu sein.
Diese Umkehrung wirft die Frage auf, welche Möglichkeiten noch bleiben, um gegen sprachlichen Missbrauch und sprachliche Instrumentalisierung durch Autoritäten anzugehen. Wie wäre sprachlicher Ungehorsam im Sinne sozialer und sprachlicher Gerechtigkeit und Teilhabe neu zu denken? In den Fokus rücken bedeutungsvolle Praktiken von Linguistic Disobedience, die Anderes und andere Stimmen, Sprechweisen und Sprachstile sicht-, hörbar und verständlich machen – etwa durch die Herausforderung dominanter Vorstellungen von Monolingualismus, sprachlichem Standard und Normativität, von ‚richtigem‘ und ‚legitimem‘ Sprachgebrauch.
Auf der Grundlage einer theoretischen Auseinandersetzung mit Relationen zwischen Sprache(n), Macht und Demokratie diskutieren wir im zweiten Teil des Seminars zusammen mit David Gramling (im Sommer 2026 Hannah-Arendt Fellow an der Abteilung Interkulturelle Germanistik) eine Reihe von Beispielen, um sprachlichen Ungehorsam als Konzept zu schärfen. Dazu untersuchen wir, welches Potenzial language critique, correction and care – definiert als zentrale Formen sprachlichen Ungehorsams (vgl. Komska, Moyd & Gramling 2019) – bergen, um sprachlichem Missbrauch und sprachlicher Gleichgültigkeit entgegenzuwirken. Im Rahmen ihres seminarbezogenen Projekts erarbeiten die Teilnehmenden selbstständig Fallstudien in den Bereichen Bildung, Kunst, Politik, Aktivismus und ziviles Engagement und erhalten die Gelegenheit, diese als Mitwirkende oder Ko-Autor*innen in ein Arbeitsbuch zu Linguistic Disobedience einzubringen.