Dr. Karolin Wetjen (Wissenschaftliche Mitarbeiterin)

Dr. Karolin Wetjen (geb. 1986) studierte Geschichte und Latein an der Universität Göttingen. 2019 erfolgte ebenfalls in Göttingen der Abschluss der Dissertation. In ihrer Arbeit untersucht sie Aushandlungsprozesse des Religiösen in einer verflechtungsgeschichtlichen Perspektive am Beispiel der Leipziger Mission am Kilimandscharo zwischen 1890 und 1920. 2017 war sie als Vertretung wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Neuere Geschichte (Prof. Dr. Rebekka Habermas). Von 2019 bis März 2023 forschte sie Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Kassel im Arbeitsbereich Neuere und Neueste Geschichte (Prof. Dr. Hubertus Büschel). Ihr Habilitationsprojekt nimmt mediale Entstehungs- und Veränderungsprozesse von Klimadebatten im Zeitraum zwischen 1800 und 1970 in den Blick. Dabei werden wissens- und wissenschaftsgeschichtliche Fragestellungen mit mediengeschichtlichen Ansätzen zu einer Geschichte von Klimawissen in der Moderne verknüpft. 2022 war sie im Rahmen des Projekts Fellow am Forschungskolleg Transkulturelle Studien der Universität Erfurt. Für ihr Studium und ihre Arbeiten wurde Karolin Wetjen mit Stipendien und Grants u. a. der Konrad-Adenauer-Stiftung, der Studienstiftung des Deutschen Volkes, des DAAD, und der Göttinger Graduiertenschule für Geisteswissenschaften ausgezeichnet.



Wissen über das Klima, über anthropogenen Klimawandel und dessen Auswirkungen auf die Umwelt prägt heutige Debatten. Was genau wann unter Klima jedoch von wem verstanden wurde, hat sich im Zuge des 19. und 20. Jahrhunderts stark gewandelt. Klima war nicht nur ein wichtiges Thema wissenschaftlicher Fachdebatten, sondern ebenso Teil politischer, wirtschaftlicher, kolonialer und medizinischer Diskurse wie auch bürgerlicher Konversationspraxis. Über Klima wurden Vorstellungen von Zeit, Vergangenheit ebenso wie Zukunft, und Raum organisiert. Hier setzt das das Habilitationsprojekt, das an der Schnittstelle von Wissens- und Mediengeschichte angesiedelt ist, an und untersucht den Wandel, die Verschiebungen und Verengungen vom Wissen über Klima(-wandel) in der Zeit zwischen ca. 1800 und etwa ca. 1970. An exemplarisch ausgewählten Fallbeispielen möchte die Studie deswegen Fragen nach der Entstehung, Vermittlung und Verbreitung der verschiedenen verflochtenen Aspekte des Klimawissens nachgehen. Drei Perspektiven sind dafür leitend: Erstens soll nach den medialen Produktions- und Verteilungspraktiken, -logiken und -bedingungen von Klimawissen gefragt werden; zweitens soll den verschiedenen Dimensionen von Klimawissen mit und jenseits der rein wissenschaftlichen Dimension nachgegangen werden. Drittens soll Klimawissen als Zugang zu Ordnungsprozessen von Raum und Zeit verstanden werden; dabei soll erstens untersucht werden, wie Zeitordnungen durch die Beschäftigung mit dem Klima herausgefordert werden; zweitens soll den Konstruktionsbedingungen nachgegangen werden, unter denen Klimawissen Skalierungen zwischen dem Lokalen, Regionalen und Globalen ermöglichte.

Das Projekt verbindet also Kolonial- und Missionsgeschichte mit wissensgeschichtlichen bzw. theologiegeschichtlichen Perspektiven, um der Frage nach der Veränderung von Religion und Christentum in der Moderne nachzugehen. In einer Verbindung von mikrohistorischen und diskursanalytischen Ansätzen untersucht die Arbeit in einer Verflechtungsgeschichte, die Aushandlungsprozesse vom Christentum in der und durch die Mission analysiert, am Beispiel der Leipziger Mission am Kilimandscharo zwischen 1890 und 1920, wie in der Mission Formen vom Christentum ausgehandelt, religiöses Wissen produziert und angewandt wurde und wie dieses Wissen im Kaiserreich reflektiert und eingesetzt wurde. Methodisch folgt das Projekt einer postsäkularen Perspektive auf Religion. Religion und Christentum werden mithin als Objekt von Aushandlung begriffen. Die Arbeit argumentiert dementsprechend, dass die Mission, die dortigen Grenzziehungen des Religiösen und Aushandlungsprozesse des Christentums, in den zeitgenössischen theologischen und innerkirchlichen Debatten als »Laboratorien« galten, in denen alternative konservative Entwürfe von Kirche und Gemeinschaft erprobt wurden und schließlich als Lösungsvorschläge in die Debatte um Religion und Moderne mittels wissenschaftlich-theologischer Beiträge ebenso wie über die Frömmigkeit weiter Kreise ansprechender Missions- und Kirchenzeitschriften eingespeist wurden.


  • Mission als theologisches Labor. Aushandlungen des Religiösen um 1900, Stuttgart 2020.
  • Rezensionen: Historische Zeitschrift 314 (2022); Central European History 55 (2022), 1, Sehepunkte, Church History 2 (2022), Theologischen Revue Jg. 118 (2022)
  • Das Globale im Lokalen. Die Unterstützung der Äußeren Mission im ländlichen lutherischen Protestantismus um 1900, Göttingen 2013.

  • gem. mit Linda Ratschiller (Hg.), Verflochtene Mission. Neue Perspektiven auf die Geschichte von Missionen, Köln/Weimar/Wien 2018.

  • gem. mit Hubertus Büschel: Sinnliche Kontaktzonen. Ein Plädoyer für die Sinne in der Kolonialgeschichte, in: ÖZG 33 (2022), 180–190.
  • 'Almost Christian but not quite'. Der Begriff des "Heidenchristen" und die protestantische Mission, in: Interkulturelle Theologie. Zeitschrift für Missionswissenschaft 48 (2022), H. 2, 77–96.
  • "Aller Welt die Bibel, allermeist aber der evangelischen Welt". Bibel, Buch und globaler Protestantismus
im 19. Jahrhundert, in: Historische Anthropologie 25 (2017), H. 3, 367–390.

  • Explaining Climate Change and Predicting its Impacts. The Popularization of Brückner’s Theory on Climate Variations as an Anticipatory Narrative, in: Evi Zemanek/Christopher Schliephake (Hg.), Anticipatory Environmental (Hi)Stories: Narratives of Coming Nature(s) – from Antiquity to the Anthropocene, Lanham/ML, zur Veröffentlichung angenommen.
  • A Mission’s Colonialism. The Leipzig Mission Society and Colonial Negotiations of the Religious and the Secular, in: Moritz Fischer / Michael Thiel (Hg), Investigations on the "Entangled History" of Colonialism and Mission in a New Perspective – Untersuchungen zur "Verflechtungsgeschichte" von Kolonialismus und Mission in neuer Perspektive. 20. Ludwig-Harms-Symposium, Berlin 2022, 115–130.
  • Entangled Mission: Bruno Gutmann, Chagga Rituals, and Christianity,1890–1930, in: Jenna Gibbs (Hg.), Global Protestant Missions. Politics, Reform, and Communication, 1730s–1930s, London/New York 2020, 209–230.
  • gem. mit Richard Hölzl: Negotiating the Fundamentals? German Missions and the Experience of the Contact Zone, 1850–1918, in: Rebekka Habermas (Hg.), Negotiating the Secular and the Religious in the German Empire. Transnational Approaches, Oxford/New York 2019, 196–234.
  • Gemeinde im Laboratorium. Aushandlungsprozesse des Christentums und Kirchenzucht in der Mission am Beginn des 20. Jahrhundert, in: Linda Ratschiller/Karolin Wetjen (Hg.), Verflochtene Mission. Neue Perspektiven auf die Geschichte von Missionen, Köln/Weimar/Wien 2018, 89–116.
  • gem. mit Linda Ratschiller: Verflochtene Mission. Ansätze, Methoden und Fragestellungen einer neuen Missionsgeschichte, in: dies., Verflochtene Mission. Neue Perspektiven auf die Geschichte von Missionen, Köln/Weimar/Wien 2018, S. 9–24.
  • Religionspädagogische Resonanzen und die Mission. "Christianity-Making" im missionarischen Bildungsraum am Ende des 19. Jahrhunderts, in: David Käbisch/Michael Wermke (Hg.), Transnationale Grenzgänge und Kulturkontakte: Historische Fallbeispiele in religionspädagogischer Perspektive, Leipzig 2017, S. 23–38.
  • Abdrucken, Verändern, Auslassen. Das Stationstagebuch der Station Mamba im Missionsblatt der Leipziger Missionsgesellschaft um 1900, in: Silke Strickrodt/Katja Werthmann/Geert Castrick (Hg.), Sources And Methods For African History And Culture. Essays in Honour of Adam Jones, Leipzig 2016, S. 201–220.
  • Der Körper des Täuflings. Konstruktionen von Körpern und die Beschneidungsdebatte der Leipziger Missionsgesellschaft, ca. 1890–1914, in: Siegfried Weichlein/Linda Ratschiller (Hg.), Europäische Missionare und afrikanische Körper, Köln/Weimar/Wien 2016, S. 73–94.
  • Mission im, trotz und als Kolonialismus. Anmerkungen zur Leipziger Mission, in: Habari 16 (2014), H. 3, S. 36–43.
  • "... ich ersuche ihn herzlich, uns recht oft mit seinen vortrefflichen Aufsätzen zu erfreuen." Christliche Autoren in der Zeitschrift Sulamith, in: Medaon – Magazin für jüdisches Leben in Forschung und Bildung 5 (2011), Nr. 8, S. 1–7. Download als PDF
  • "Die Straße des Verderbens". Schwarzmarkt und Göttinger Nachkriegskriminalität, in: Maren Büttner/Sabine Horn (Hg.), Alltagsleben nach 1945. Die Nachkriegszeit am Beispiel der Stadt Göttingen, Göttingen 2010, S. 31–58.

  • zu Gilles Vidal, Marc Spindler et Annie Lenoble-Bart (dir.), L’ Allemagne missionnaire d’ une guerre à l’ autre (1914–1939). Effrondrement et resilience, Paris, Karthala, 2017, in: Social Sciences and Missions 34 (2021), 247–249.
  • zu Johannes Paulmann (Hg.): Humanitarianism and Media. 1900 to the Present. New York 2019, in: H-Soz-Kult 02.12.2019. Online hier verfügbar

  • aus dem Englischen: Patrick Harries, Von der Information zum Wissen. Ein Missionsarchiv zu Afrika, in: Rebekka Habermas/Alexandra Przyrembel, Von Käfern, Märkten und Menschen. Kolonialismus und Wissen in der Moderne, Göttingen 2013, S. 126–136.

  • Bericht über die Sektion „Sinnliche Fakten“ auf dem 54. Deutschen Historikertag und Interview mit Karolin Wetjen, MDR Kultur am Nachmittag, 22.9.23
  • Interview Online hier verfügbar
  • Tagungsbericht: Missionarinnen und Missionare als Akteure der Transformation und des Transfers. Außereuropäische Kontaktzonen und ihre europäischen Resonanzräume, 1860–1940. 29.09.2011–01.10.2011, Göttingen, in: H-Soz-u-Kult, 12.11.2011. Online hier verfügbar
  • Blogeintrag: "Eine feste Burg ist unser Gott". Kirchenmusik und Identität in der Äußeren Mission um 1900, in: Klang und Identität, 25.05.2015. Online hier verfügbar



  • Das mittlere Wetter. Zugänge zum Klimawissen im 19. Jahrhundert, Vortrag im Forschungskolloquium Neuere Geschichte, Universität Göttingen, Januar 2023.
  • Das Klima skalieren. Die Produktion und Zirkulation von Klima(-wandelwissen) am Ende des 19. Jahrhunderts, Vortrag im Forschungskolloquium Kultur/Gesellschaft, Universität Bielefeld, Januar 2023.
  • Das mittlere Wetter. Verflochtenes Klimawissen in der Moderne, Vortrag im Forschungskolloquium Geschichte, FernUniversität Hagen, Januar 2023.
  • Experience the Climate through the Senses. A Multisensory Approach to Climate History, Vortrag auf der Tagung "Multisensuality Through History and Across Media International Scientific Conference", Universität Wien, November 2022.
  • Klimawissen in der Zeit zwischen 1800 und 1970, Vortrag im Forschungskolleg Transkulturelle Studien, Universität Erfurt, November 2022.
  • Das Klima der Moderne. Beobachtungen des Klimawandels als Zeitdiagnosen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, Vortrag auf den 6. Schweizerischen Geschichtstagen, Genf, Juni 2022.
  • Naturzukünfte. Krisendiskurse und wissenschaftliche Expertise im 19. und 20. Jahrhundert, Vortrag auf den 6. Schweizerischen Geschichtstagen, Genf, Juni 2022.
  • Koloniale Vergangenheit aufarbeiten. Eine Spurensuche in der Universitätsstadt Göttingen. Workshop Göttingen Postkolonial, Göttingen, Juni 2022.
  • Als Umwelt Mode wurde. Umweltbewusstsein und Satire in den 1960er und 1970er Jahren, Vortrag auf der Tagung „Lachen und Verlachen. Komik und Satire in gesellschaftlichen, politischen und kulturellen Umbruchsituationen seit dem 19. Jahrhundert“, Universität Kassel, Mai 2022.
  • Mission und Zivilisierung. Koloniale Grenzziehungen des Religiösen um 1900, Vortrag im Rahmen des Webinars “Mission & Colonialism Revisited: Mission – Religionsimperialismus und/oder Kulturimperialismus?”, Mission Eine Welt Basel, Mai 2022.
  • Narrating Climate Change and its Impacts. Explaining Eduard Brückner’s Theory on Climate Variations to a broader Public in the 19th and 20th Century, Vortrag auf der Tagung “Anticipatory Environmental (His)tories. Coming Nature(s) from Antiquity to the Anthropocene, Februar 2022.
  • Koloniales Klima. Das Wissen vom tropischen Klima um 1900, Vortrag auf der Tagung Atmosphären und klimatische Topographien“, Linz, Dezember 2021.
  • Becoming a Scientific Fact. The Mediazation of a Climate Change Theory at the End of the Nineteenth-Century, Vortrag auf der SSHA Annual Conference, Philadelphia, November 2021.
  • Die drohende Apokalypse. Expertise in den Medien des Umwelt- und Naturschutz seit dem 19. Jahrhundert, Vortrag auf dem 53. Deutschen Historikertag, München, Oktober 2021 (verschoben von September 2020).
  • Demarcations of the Religious and the Secular. Entangled Perceptions of Circumcision and the Colonial, Vortrag im Rahmen des Workshops “Boundaries of Religion. Demarcations and Negotiations”, KollegForschungsgruppe "Multiple Secularities – Beyond the West, Beyond Modernities”, Universität Leipzig, Juni 2021.
  • Den kolonialen Wald erforschen. Koloniales Wissen in und um Göttingen um 1900, Vortrag im Rahmen der Ringvorlesung „Waldanschauungen“, Universität Göttingen, Mai 2021.
  • Negotiating Religion during Colonialism. Entangled Mission Work in East Africa, 1890–1920, Vortrag auf dem 20. Ludwigs-Harms-Symposion, Fachhochschule für Interkulturelle Theologie Hermannsburg, Mai 2021.
  • Koloniales Erinnern und die Notwendigkeit geschichtswissenschaftlicher Forschung. Das Beispiel Göttingen, Vortrag im Rahmen des Agrargeschichtlichen Seminars zu postkolonialer Erinnerungskultur, Witzenhausen, Februar 2021.