GEORG-AUGUST-UNIVERSITÄT GÖTTINGEN
THEOLOGISCHE FAKULTÄT
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Nachruf auf Professor Dr. theol. Dr. h.c. Bernd Moeller
* 19. Mai 1931      † 29. Oktober 2020


In der Nacht vom 28. auf den 29.10. verstarb der Kirchenhistoriker Bernd Moeller nach längerer schwerer Krankheit. 1931 in Berlin geboren, studierte er Evangelische und Katholische Theologie und Geschichte in Freiburg, Erlangen, Mainz, Basel, München und Heidelberg. 1956 wurde er mit einer Arbeit über die Mystik des Spätmittelalters zum Dr. theol. promoviert; 1958 folgte die Habilitation für Kirchengeschichte in Heidelberg mit einer Arbeit über den Reformator Johannes Zwick und die Reformation in Konstanz. 1964 übernahm Moeller den kirchengeschichtlichen Lehrstuhl in Göttingen; trotz anderer Rufe, u.a. nach Heidelberg und München, hielt er Göttingen bis zu seinem Ruhestand im Jahre 1999 die Treue. Zwei Mal diente er seiner Fakultät als Dekan (1968/9; 1997/8); in turbulenten Zeiten war er Rektor der Universität (1971/2). Das Graduiertenkolleg „Kirche und Gesellschaft im Heiligen Römischen Reich im 15. und 16. Jahrhundert“, eines der ersten in den Geisteswissenschaften, leitete er als Sprecher. Auch in seinen Ämtern als Kirchendeputierter der Universitätskirche und Senator stand der liberale Preuße für Kontinuität, Verlässlichkeit, wissenschaftliche Qualität, Autonomie der Hochschule und eine demokratische Diskurskultur. Seit 1976 gehörte Moeller der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen an, seit 1995 der Academia Europaea. 1998 zeichnete ihn die Universität Zürich mit der Ehrendoktorwürde aus.

In seiner Generation war Moeller derjenige evangelische Kirchenhistoriker, der die intensivste Zusammenarbeit mit anderen Disziplinen – der Musik- und Kunstgeschichte, der germanistischen und latinistischen Literaturwissenschaft, der Rechts- und der Allgemeinen Geschichte, der Katholischen Theologie – suchte. Den von ihm zwischen 1976 und 2001 geleiteten Verein für Reformationsgeschichte entwickelte er zum wichtigsten interdisziplinären und internationalen Diskussionsforum seines Fachgebietes. Als Lehrer war er beliebt; seine lebendigen Vorlesungen prägten Generationen von Religionslehrern und Pastoren. Seine kompakte Gesamtdarstellung der „Geschichte des Christentums in Grundzügen“ überarbeitete er stetig; sie erreichte zehn Auflagen und wurde das meistgelesene theologische Buch seiner Generation. Mit dem katholischen Kirchenhistoriker Raymund Kottje begründete er eine „Ökumenische Kirchengeschichte“, die bis heute ihren Platz unter den Lehrbüchern behauptet hat; sie inaugurierte eine heute selbstverständlich gewordene Diskurskultur ökumenischer Verständigung in seinem Fach. Mit Pathos bestand er – Spezialisierungsimperativen zum Trotz – auf der Einheit der Kirchengeschichte. Seine enge Zusammenarbeit mit dem Kunsthistoriker Karl Arndt rückte zentrale Aspekte in den Werken Dürers und Grünewalds in neues Licht. Moellers gemeinsame Oberseminare mit dem Historiker Hartmut Boockmann und dem Germanisten Karl Stackmann wurden legendär und prägten eine ganze Generation von Mediävisten und Historikern. Hier war der stets neugierige Forscher, der begeisterte Disputator, der kreative Anreger und der unkonventionellen Ideen und denen, die sie vertraten, gegenüber aufgeschlossene Lehrer ganz in seinem Element.

In seinem engeren Fachgebiet, der Erforschung der frühen Reformation, setzte Moeller mit seinem Erfolgsbuch „Reichsstadt und Reformation“ (1962; 32011) Maßstäbe, indem er es für die Rechts- und Sozialgeschichte öffnete und eine überaus fruchtbare Ära der Erforschung städtischer Reformationen einleitete. „Zwinglis Disputationen“ erfasste erstmals er in ihrer gewaltigen Strahlkraft. Die Erforschung der reformatorischen Flugschriften, populären Massenmedien, regte er an wie kein zweiter - in Ost und West. Viele seiner sprachlich ausgefeilten, prägnanten, thesenstarken Aufsätze lösten Diskussionen aus: zur Rolle der Priesterehe, zur Bedeutung von Buchdruck, Humanismus und Mönchtum, zu Einheit und Vielfalt der Reformation.

Mit Bernd Moeller verliert die Theologische Fakultät einen renommierten Forscher, verehrten Lehrer, treuen Kollegen, weisen Ratgeber und väterlichen Freund. Sie gedenkt seiner in Ehrerbietung und Dankbarkeit.

Bernd Schröder, Dekan

Thomas Kaufmann