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Presseinformation: Der zerstreute Professor: Was Eremiten und Gelehrte verbindet

Nr. - 21.12.2021

Göttinger Historiker zeigt, wie gelehrter Habitus in natürlicher Einsamkeit entsteht

 

(pug) Während Einsamkeit heute überwiegend als Problem wahrgenommen wird, war der Rückzug aus der Gesellschaft über viele Jahrhunderte ein beliebter Trend. Vor allem im Mittelalter standen Eremiten hoch im Kurs: Verehrer und Hilfebedürftige suchten sie auf, um sich Rat zu holen, Streit schlichten zu lassen oder um mit ihren Almosen ein frommes Werk zu verrichten. Die in Einsamkeit lebenden Einzelnen entwickelten ab Mitte des 11. Jahrhunderts eine solche Anziehungskraft, dass auch die junge „scholastische“ Wissenschaft, die zur selben Zeit in den Städten Europas entstand, dem Ideal der Weltflucht nachstrebte. Wie sich aus dieser Lebensform ein gelehrter Habitus entwickelte, der die Wissenschaft bis heute prägt, erklärt Prof. Dr. Frank Rexroth von der Universität Göttingen jetzt in der Historischen Zeitschrift.

 

„Wer philosophische oder theologische, juristische oder medizinische Probleme studierte, ließ sich leicht anstecken von der Gabe der Einsiedler, sich mental von den Stimuli der Umwelt völlig abzuschotten und einen Zustand höchster Konzentration zu kultivieren“, so der Historiker. Auf diese Weise entstand schon in der frühesten Phase der europäischen Wissenschaft eine Kultur des Sich-Absonderns. Die Zeitgenossen berichten von Geistlichen und Laien, die sich aus Klöstern und Städten in Wälder, Sümpfe oder Wüsten zurückziehen und in der Natur Einsamkeit, Askese und Kontemplation suchen. Auffallend ist, dass sie dabei nicht allein bleiben, sondern sich in Gruppen zusammenfinden.

 

So begibt sich der Theologe und Philosoph Peter Abelard (1079 bis 1142) mit seinen Studenten für rund zwei Jahre an den Fluss Ardusson in der Champagne; diese zwei Jahre in der Einsiedelei gehören zu seinen produktivsten. „Die Pointe ist, dass die Gelehrten in dieser Zeit Verhaltensweisen ausprägen, die sie dann später wieder mit in die Stadt zurücknehmen,“ erklärt Rexroth. Aus dem Geist der Weltflucht entsteht der Habitus der Gelehrten: die Geburtsstunde für das Klischee vom „zerstreuten Professor“ – eine Vorstellung, die eigentlich die Fähigkeit zur totalen Konzentration auf die geistige Herausforderung meint.

 

„Die Wissenschaft, wie sie seither betrieben wird, ist von diesem Habitus der inneren Einsamkeit auch in der Ära von Großforschung und Exzellenzinitiative noch tief geprägt,“ so Rexroth. Sein aktueller Aufsatz über den Zusammenhang von „Einsamkeit“ und „Wissenschaft“ rekonstruiert die Anfänge dieser erklärungsbedürftigen Verbindung.

 

Originalveröffentlichung: Gelehrter Habitus und eremitische Lebensform. Eine Sozialgeschichte der Einsamkeit in der Ära Peter Abaelards, in: Historische Zeitschrift, Bd. 313/3 (2021), S. 614–644.

 

Link zum Video: https://youtu.be/JPZQ_j6u3yQ

 

Kontakt

Prof. Dr. Frank Rexroth

Georg-August-Universität Göttingen

Philosophische Fakultät

Telefon (0551) 39-24668

E-Mail: frank.rexroth@uni-goettingen.de

Internet: www.uni-goettingen.de/de/69960.html