DFG-Projekt "Materialität, Wissensordnung, Institution. Die Eigenästhetik des Klangarchivs"

Zum April 2017 wurde am Lehrstuhl für Kulturelle Musikwissenschaft der Georg-August-Universität Göttingen das DFG-Projekt "Materialität, Wissensordnung, Institution. Die Eigenästhetik des Klangarchivs" aufgenommen. Das Projekt, das eine Laufzeit von drei Jahren hat, beschäftigt sich mit Schallarchiven als Wissensorten, die verfasst sind in der Materialität der Tonträger, die sie beinhalten; in der Wissensordnung, die sie produzieren und repräsentieren; und in der Institution, die sie darstellen.

Kritisch auf aktuellen Entwicklungen in der Archivtheorie aufbauend argumentiert das Projekt, dass Klangarchive ihre Strahlkraft und Relevanz für zeitgenössische musikalische Praktiken und Musikdiskurse jedoch nicht nur durch das historische Narrativ erlangen, das sie vorschlagen, sondern vielmehr auch durch ihre Eigenästhetik. Die Eigenästhetik von Archiven historischer Tonaufnahmen wird dabei verstanden als jener Effekt archivalischer Verfahrensweisen, der die materielle Artikulation, Präfiguration und Manifestation von Wissensordnungen sinnlich wahrnehmbar macht. Die Sichtbarmachung von Wissensordnung geschieht nicht anhand der Einzelarchivalien, sondern entlang von Archivstrukturen; hierdurch entsteht eine Form, die über eine ihr spezifische Semantik verfügt und symbolisch aufladbar ist. Gleichzeitig markiert sie sich selbst und stellt sich als Form dar, so dass eine binnenstrukturelle Selbstbezüglichkeit entsteht. Dies resultiert in einer dem Archiv eignenden spezifischen, sinnlich wahrnehmbaren Formsprache, die wie andere ästhetische Darstellungsformen affizierendes Potenzial hat.

Diese archivspezifische Ästhetik soll im hier vorgestellten Projekt erstmalig untersucht und hinsichtlich ihres ausgesprochen weitreichenden analytischen Potenzials für die Musikwissenschaft ausgelotet werden. Hierzu werden mehrere relevante Archive historischer Aufnahmen nordindischer Raga-Musik systematisch analysiert. Den Kern des Materials bildet die umfangreiche, bislang unaufgearbeitete Sammlung van Lamsweerde, angesiedelt am Musikwissenschaftlichen Seminar der Universität Göttingen.
Nach Abschluss der Projektarbeiten wird der Fachwissenschaft damit ein überaus bedeutsamer Quellenbestand zugänglich gemacht; darüber hinaus erfolgt eine transdisziplinär relevante Pionierstudie zu den besonderen, und besonders Wirkmächtigen, Spezifika von Klangarchiven als Wissensort.