Musikinstrumentensammlung der Universität Göttingen

Die Sammlung


Klänge aus aller Welt – und die Fragen, die sie aufwerfen

Die Musikinstrumentensammlung der Universität Göttingen gehört zu den größten universitären Sammlungen ihrer Art in Deutschland. Über tausend Instrumente aus Europa, Asien und Afrika – darunter Zeugnisse altägyptischer Musikpraxis – laden dazu ein, die Vielfalt der Klangtechniken zu entdecken. Zugleich ist die Sammlung ein Ort der Forschung, an dem wir fragen: Wessen Geschichten erzählen diese Objekte – und wessen Geschichten wurden dabei übergangen?

Ein Ort mit Geschichte der Musikwissenschaft

Die erste Gründung der Musikinstrumentensammlung wurde durch die Eröffnung des Leipziger „Musikwissenschaftlichen Instrumentenmuseum“ unter Theodor Kroyer (1873–1945) angeregt. Hermann Zenck (1898–1950), der bei Kroyer studiert hatte, bemühte sich nach seiner Berufung nach Göttingen 1932, die Musikinstrumentensammlung als Fachinfrastruktur der Musikwissenschaft – neben der Bibliothek mit den Denkmäler-Editionen und Gesamtausgaben – zu gründen. So entstand die erste Musikinstrumentensammlung durch eine Leihgabe der Firma Piano Helmholz in Hannover. Sie wurde jedoch aufgrund organisatorischer Misserfolge 1941 aufgelöst.

Die heutige Sammlung geht auf das Jahr 1964 zurück, als der Göttinger Musikwissenschaftler Heinrich Husmann (1908–1983) den Ankauf der rund 1.000 Instrumente zählenden Privatsammlung des Cellenser Instrumentenfabrikanten und Musikverlegers Hermann Johannes Moeck initiierte. Aus einem gemeinsamen Seminar mit dem Völkerkundler Günther Spannaus – „Probleme der Musikethnologie, musikwissenschaftlich und völkerkundlich betrachtet“ (WS 1962/63) – erwuchs das Konzept einer Lehr- und Forschungssammlung, die von Beginn an mit der Ethnologischen Sammlung der Universität eng verbunden war.

Im Schatten dieser Institutionalisierung stand die Biographie Hans Hickmanns (1908–1968). Seit seinem Studium eng mit Curt Sachs verbunden, trat Hickmann entschieden gegen die deutschnationale Ausrichtung der Musikwissenschaft ein. 1935 emigrierte er gemeinsam mit seiner Frau Brigitte Schiffer, einer jüdischen Komponistin und Musikwissenschaftlerin, nach Kairo; auch dort blieb er den Repressionen des nationalsozialistischen Regimes ausgesetzt. Während seines Aufenthalts in Ägypten katalogisierte Hickmann die Musikinstrumente des Ägyptischen Museums und schuf damit eine Grundlage, auf der die Musikarchäologie bis heute aufbaut. In diesem Zusammenhang entstand auch seine Sammlung altägyptischer Objekte, die er nach seiner Rückkehr nach Deutschland in den 1950er Jahren – infolge der politischen Veränderungen im Zuge des Panarabismus – an Hermann Johannes Moeck veräußerte. Bei dieser Gelegenheit erfasste Hickmann zugleich den gesamten Moeckschen Bestand in Form von Karteikarten, die bis heute die musikwissenschaftliche Grundlage der Göttinger Sammlung bilden. Ob die spätere Überführung der Sammlung nach Göttingen für Hickmann ein erfreulicher Vorgang war, lässt sich aus seinen Äußerungen nicht erschließen.

Zwischen 1976 und 1984 wurde im historischen Accouchierhaus in der Kurzen Geismarstraße eine erste Dauerausstellung eingerichtet. Nach vierjähriger Restaurierung des Gebäudes entstand dort 1989 eine neukonzipierte, heutige Ausstellung im zweiten Obergeschoss. Die heutige Diskussionsgrundlage verdankt sich im Wesentlichen der musikethnologischen Forschung, der kustodischen Arbeit und dem Bestandskatalog des ehemaligen Kustos Klaus-Peter Brenner, der die Sammlung zwischen 1992 und 2022 betreute. Als das Musikwissenschaftliche Seminar 2021 in das Kulturwissenschaftliche Zentrum umzog, verblieb die Instrumentensammlung im Accouchierhaus – ein Ort mit eigener Aura und eigener Geschichte.

Sammlung im Wandel – Kolonialität reflektieren

Die Musikinstrumentensammlung wurde nicht in der Frühphase kolonialer Erwerbungen gegründet. Ihre Ordnungssysteme – Terminologien, Klassifikationen, geografische Zuschreibungen – stehen gleichwohl in einem Verhältnis zur kolonialen Moderne des universitären Sammelns. Formeln wie „Musikinstrumente aus aller Welt und Zeiten“ suggerieren einen neutralen Universalismus: Europäische Kunstmusik wird zum Maßstab, „außereuropäische“ Objekte werden, explizit oder implizit, als ‚exotisch‘, ‚primitiv‘ oder ‚ursprünglich‘ gerahmt. Diese Wissensordnungen wirken in der Sammlungsinfrastruktur fort – und fordern wissenschaftliche Selbstreflexion ein.

Die Kulturelle Musikwissenschaft (Prof. Dr. Birgit Abels) und die Digitale und Materielle Musikwissenschaft (Jun.-Prof. Dr. Ryoto Akiyama) stellen sich dieser Aufgabe. Im Seminar Grundlagen der Organologie (seit WS 2023/24) untersuchen Studierende Erwerbskontexte und Objektbiografien und reflektieren die Bedingungen, unter denen musikwissenschaftliches Wissen entsteht. Die laufende Überprüfung des Moeckschen Bestands berücksichtigt auch, dass mutmaßlich in den Handelswegen der Nachkriegszeit unrechtmäßig erworbene Kulturgüter zirkulierten. Die konsequente Umgestaltung der Sammlungspraxis steht unmittelbar bevor.

Open Collection – FAIR denken, verantwortlich handeln

Ein zentrales Vorhaben ist die Öffnung der Sammlung über digitale Plattformen – nach den FAIR-Prinzipien (Findable, Accessible, Interoperable, Reusable) und den CARE-Prinzipien (Collective Benefit, Authority to Control, Responsibility, Ethics). Digitale Öffnung allein genügt jedoch nicht: Normdaten, kontrollierte Vokabulare und algorithmische Werkzeuge können koloniale Wissensordnungen fortschreiben, wenn sie unreflektiert übernommen werden. Im Vertiefungsmodul „Digitale und Materielle Musikwissenschaft“ (ab SoSe 2025) wird Datenkuratierung deshalb als dekolonialer Prüfstein zum Gegenstand der Lehre.

Eigentums- und Zugehörigkeitsfragen werden in ihren aktuellen geo- und kulturpolitischen Dimensionen sensibel behandelt. Es geht nicht allein um die Aufarbeitung einer vergangenen Wissenschaftsgeschichte, sondern um die Kontinuitäten globaler kolonialer Modernität bis in die Gegenwart.

Personal

Leitung: Jun.-Prof. Dr. Ryoto Akiyama
Studentische Hilfskraft (kustodische Arbeit): Emily Marohn

Kontakt & Besuch

Musikinstrumentensammlung der Georg-August-Universität Göttingen
Accouchierhaus · Kurze Geismarstraße 1 · 37073 Göttingen
Tel.: +49 (0)551 39-24930 ·
Mail: musikinstrumentensammlung@uni-goettingen.de

Für Besichtigungstermine und Führungen wenden Sie sich bitte an das Musikwissenschaftliche Seminar.

Sammlungsbestände

Sammlungsbestände im Sammlungsportal der Universität Göttingen (fortlaufend aktualisiert)
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