Provenienzforschung "Sensible Provenienzen", 2020-2023

Menschliche Überreste aus kolonialen Kontexten in den Sammlungen der Universität Göttingen



Die Debatten um Kulturgut aus kolonialen Kontexten in musealen Einrichtungen haben auch akademische Sammlungen mit menschlichen Überresten nicht unberührt gelassen. Eine kritische Auseinandersetzung um die Herkunft ihrer Bestände und deren Einsatz in Forschung und Lehre existieren jedoch in Deutschland seit 2010 geführt. Das von der VolkswagenStiftung finanzierte Forschungsprojekt untersucht die Provenienz menschlicher Überreste aus (proto-)kolonialen Kontexten zweier Göttinger Universitäts-Sammlungen. Provenienzforschung zielt darauf ab, die Herkunft der sterblichen Überreste, die Umstände ihres Erwerbs, ihr Transfer und ihre Transformation zu „Wissensdingen“ in akademischen Sammlungen sowie ihre Verwendung für Lehre und Forschung in den Blick zu nehmen.
Das Projektteam wird sich zum einen auf die 'Blumenbachsche Schädelsammlung' fokussieren, die auf den Naturforscher Johann Friedrich Blumenbach (1752-1840) zurückgeht. Nach Blumenbachs Tod wurde die Sammlung, welche etwa 245 Gebeine umfasst, von seinen Nachfolgern bis in die 1940er Jahre weitergeführt. Heute befinden sich rund 800 Gebeine in der Sammlung, von denen ca. 200 außereuropäischer Provenienz sind. Zum anderen wird die umfassende biologisch-anthropologische Sammlung in den Blick genommen, die am Hamburger Museum für Völkerkunde zwischen 1890 und den 1920er Jahren entstand und 1953 an die Göttinger Anthropologie abgegeben wurde. Eine erste Durchsicht ergab, dass circa 1.200 menschliche Überreste aus Ozeanien und Afrika stammen.
Das Projekt ist interdisziplinär angelegt und vereint unterschiedliche Disziplinen, die jeweils ihre methodischen Ansätze in das Projekt einfließen lassen: Eine sich hauptsächlich auf Archivmaterial stützende historisch-kritische Provenienzforschung wird durch anthropologisch-anatomische Zugänge erweitert. Parallel dazu wird eine ethnografisch-kulturanthropologische Begleitforschung die Forschungspraktiken im Bereich menschlicher Überreste innerhalb der teilnehmenden Disziplinen untersuchen. Dieses Teilprojekt soll auch bereits existierende Forschungsvorhaben zu menschlichen Überresten und aus ihnen hervorgegangene Restitution vergleichend untersuchen, sowie Kontakt zu den Herkunftsgesellschaften aufnehmen, um sie in das Projekt einzubinden.
Eine solche Kontaktaufnahme und Einbindung von Vertreter*innen der Herkunftsgesellschaften ist konstitutiver Teil des Projektes. Durch den Zugang zu unseren Forschungsmaterialien und zu den Göttinger Sammlungen erhoffen wir uns, diverse Perspektiven auf das Verständnis menschlicher Überreste aus kolonialen Kontexten kontrastieren und integrieren zu können.
Schließlich wird es darum gehen, gemeinsam eine Forschungsagenda für das Projekt zu entwickeln, die Anknüpfungspunkt für weitere Provenienzforschungen sein kann. Ein langfristiges Ziel des Projekts ist es, Wege für potentielle Rückführungen an unterschiedliche Herkunftsgesellschaften zu eröffnen. Diesem Ziel dienen Kurzzeitstipendien, die Wissenchaftler*innen aus den Herkunftsgesellschaften angeboten werden.

Das interdisziplinäre Forschungsprojekt wird gemeinsam von der Zentralen Kustodie, dem Lehrstuhl für Neuere Geschichte, Frau Prof. Dr. Rebekka Habermas, Herrn PD Dr. Richard Hölzl, dem Institut für Kulturanthropologie/Europäische Ethnologie, Frau Prof. Dr. Regina Bendix, dem Institut für Historische Anthropologie und Humanökologie, Frau Dr. Susanne Hummel, und dem Zentrum Anatomie/Blumenbachsche Schädelsammlung, Herr Prof. Dr. Christoph Viebahn, bearbeitet. Die Forschung wird von Dr. Jonatan Kurzwelly, Dr. Holger Stoecker, Katharina Stötzel und Dr. Tarisi Vunidilo durchgeführt.