GEORG-AUGUST-UNIVERSITÄT GÖTTINGEN
THEOLOGISCHE FAKULTÄT
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Nachruf auf Professor Dr. Berndt Schaller
* 28. August 1930     † 1. Mai 2020


Dr. theol. Berndt Schaller ist am 1. Mai 2020 verstorben. Nach seiner Assistentenzeit war er von 1972 bis 1995 als Akademischer Rat, Oberrat und Hochschuldozent für antikes Judentum und Neues Testament an der Theologischen Fakultät der Georg-August-Universität Göttingen tätig.

Berndt Schaller studierte Theologie in Wuppertal, Heidelberg, Göttingen und Basel. Entscheidende Impulse empfing er von Joachim Jeremias, der ihn, nach einem Vikariat im Rheinland, nach Göttingen zurücklockte und zum Mitarbeiter am hiesigen Septuaginta-Unternehmen machte. 1961 erhielt er aufgrund seiner Dissertation „Gen. 1.2 im antiken Judentum“ die Doktorwürde. Anschließend wurde er Jeremias’ Assistent an der „Abteilung für spätjüdische Religionsgeschichte“ (seit 1966: „antikes Judentum“, heute: „Institut für Judaistik“), die er nach der Emeritierung seines Lehrers verantwortlich weiterführte und ausbaute. Er habilitierte sich 1980 mit verschiedenen Studien für „Judaistik einschließlich ihrer Bedeutung für die neutestamentliche Wissenschaft“ und wurde 1984 zum außerplanmäßigen Professor ernannt.

Werdegang und Venia zeigen an, welcher Doppelaufgabe sich Berndt Schaller als Forscher und Lehrer in Göttingen verpflichtet sah: der Erkundung des antiken Judentums durch respektvolle, sorgfältige Wahrnehmung der einschlägigen Quellen und der dadurch historisch wie traditionsgeschichtlich informierten, antijüdische Klischees überwindenden Auslegung des Neuen Testaments. Die Literatur des hellenistischen Judentums – neben der Septuaginta etwa das Testament Hiobs und die Paralipomena Jeremiou (JSHRZ III/3, 1979; I/8, 1998) – untersuchte er ebenso wie rabbinische Schriften. Innerhalb des Neuen Testaments galt sein Augenmerk der Jesusüberlieferung und den Paulusbriefen, vor allem der Stellung Jesu zur Tora und der paulinischen Schriftauslegung.

Zahlreiche Artikel für diverse Lexika dokumentieren sein Interesse an der und seine Begabung für die Vermittlung wissenschaftlicher Einsichten an eine breitere Leserschaft. Dabei widmete Berndt Schaller sein Wirken zunehmend der Klärung des Verhältnisses zwischen Christen und Juden in Neuzeit und 20. Jahrhundert. Studien zu jüdischen Gelehrten und zu antijüdischen Tendenzen in der protestantischen Exegese stehen hier neben Reflexionen auf das christlich-jüdische Gespräch. Letzteres beförderte er auch praktisch, etwa als Mitglied der EKD-Kommission „Kirche und Judentum“ (1981–1997) oder als evangelischer Präsident des Deutschen Koordinierungsrates der Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit (1995–2007). Zudem setzte er sich intensiv für die Aufarbeitung der jüdischen Regionalgeschichte ein; er durchforstete Archive, organisierte Ausstellungen und leitete Exkursionen zur Entzifferung verwitterter Grabsteine. Seine Arbeit mündete in etlichen Veröffentlichungen zu Juden und Judentum an der Georgia Augusta, Rabbinern und Synagogen in Göttingen sowie jüdischen Friedhöfen im südlichen Niedersachsen.

Berndt Schaller war international bekannt und geschätzt – nicht zuletzt in Israel, wo er mehrfach lehrte. Eine Festschrift hat er sich indes verbeten. Akzeptiert hat er nur die Edition einer Sammlung eigener Aufsätze („Fundamenta Judaica“, 2001) und eines Tagungsbandes („Judaistik und neutestamentliche Wissenschaft“, 2008) anlässlich hoher Geburtstage. Darin zeigt sich eine Bescheidenheit, die sein ganzes Wirken kennzeichnete. Er hatte hohe Ansprüche an seine Studierenden und Doktoranden – und wusste sie mit selbstkritischer Umsicht und Interesse an ihrer Meinung für die gemeinsame Arbeit zu begeistern. Im kollegialen Miteinander war er für seine klaren Worte bekannt, begegnete seinem Gegenüber aber mit Wertschätzung. Er vertrat in kirchlichen und gesellschaftlichen Fragen seine Positionen mit Nachdruck, nicht als Einzelkämpfer, sondern gemeinsam mit anderen. Wer Berndt Schaller zum Freund hatte, konnte seiner Treue gewiss sein.

Die Theologische Fakultät zu Göttingen gedenkt seiner in Ehrerbietung und Dankbarkeit.

Bernd Schröder, Dekan

Florian Wilk, Neues Testament

Hans-Jürgen Becker, Judaistik