Kunstwerk des Monats März

01. März 2026
Zwei Gipsabgüsse der "Zwölf Apostel" und ihre unterschiedliche Bewertung, Herstellung und Sammlungspraxis im Wandel der Zeit (SK 171 und A 922)
Vorgestellt von Aquinnah P. Labudda


KdM_03_26_SK 171_Gipsabguss eines Elfenbeinreliefs_ 12 Apostel


Die Universität Göttingen besitzt zwei Gipsabgüsse eines Elfenbeinreliefs der „Zwölf Apostel“ aus dem Bode-Museum, die zwar dasselbe Motiv abbilden, aber zwei sehr unterschiedliche Funktionen, Herstellungen und Bewertungen von Gipsabgüssen verkörpern. Der Vortrag geht der Frage nach, wie sich anhand dieser beiden Objekte exemplarisch ein Wertewandel von der didaktischen Reproduktion zum historisch aufgeladenen Sammlungsobjekt ablesen lässt.
Ausgehend von der unterschiedlichen Herstellungstechnik – von der historischen Formerei des 19. Jahrhunderts bis hin zum zeitgenössischen Abguss – werden Fragen nach Materialqualität, Detailtreue und dem sogenannten Generationsverlust gestellt: Was geht bei wiederholter Abformung verloren, was wird bewusst in Kauf genommen, und welche Rolle spielt Nachbearbeitung heute im Vergleich zum 19. Jahrhundert? Zugleich wird gezeigt, wie sich mit der Veränderung der Technik auch die Erwartungen an Authentizität, wissenschaftliche Dokumentation und handwerkliche Präzision verschoben haben.
Im Zentrum steht dabei die Sammlungspraxis: Während Gipsabgüsse im 19. Jahrhundert als günstige, massenhaft einsetzbare Bildungsmedien galten und vor allem Anschaulichkeit und Verfügbarkeit sichern sollten, werden sie im 21. Jahrhundert als eigenständige historische Quellen, als Zeugnisse von Sammlungsgeschichte und als Objektbiographien neu bewertet. Der Vortrag verfolgt die Wege der beiden Göttinger „Zwölf Apostel“-Abgüsse durch verschiedene Institutionen und ordnet ihre jeweilige Bewertung in die größeren Diskurse um Original, Kopie und Reproduktion ein.


Aquinnah Labudda