Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre (1795). Roman

Inhalt


Der Roman Wilhelm Meisters Lehrjahre zeigt die Entwicklung Wilhelm Meisters von der verträumten Faszination für das Theater zum tätigen Menschen auf. Während dieser Reise trifft Wilhelm auf eine Vielzahl von Figuren, die für ihn von großer Bedeutung sind. Um diese Inhaltsangabe nicht unnötig in die Länge zu ziehen, wird hier der Fokus auf die Handlungsabschnitte und Figuren gelegt, welche für das Ende des Romans von besonderer Bedeutung sind.
Die Lehrjahre sind aufgeteilt in acht Bücher. Die Handlung der ersten fünf Bücher wird von dem Theater geprägt, das Wilhelm schon seit seiner Kindheit begeistert. So berichtet er seiner Geliebten, der Schauspielerin Mariane, ausgehend vom Puppentheater seine kindlichen Theatererfahrungen und träumt von einem Leben am Theater. Nachdem er sich von seiner Geliebten betrogen glaubt, entsagt er zunächst seinem Traum und wird, wie es der väterliche Wunsch ist, Kaufmann und reist für Geschäfte.
Auf einer dieser Reisen trifft er auf Schauspieler, mit denen er eine Schauspieltruppe bildet. Dieser losen Gesellschaft treten noch ein alter Harfenspieler und Mignon bei. Sie ist ein Mädchen, welches Wilhelm einem Zirkus abkauft und kurze Zeit später adoptiert.
Mit dieser Gesellschaft werden sie für ein längeres Gastspiel auf ein Grafenschloss geladen. Dort setzt Wilhelm sich intensiv mit dem Theater auseinander, lernt die Werke Shakespeares kennen und es offenbaren sich ihm die negativen Seiten einer Gesellschaft von Schauspielern. Außerdem macht er Bekanntschaft mit dem Adel und sein letztes Treffen mit der Gräfin, bei dem sie sich küssen, führt zum Aufbrechen der Schauspieltruppe.
In den Rängen des Theaters zum Direktor aufgestiegen, hat Wilhelms Entscheidung, bei der Reise den kürzeren Weg zu nehmen, schwerwiegende Folgen. Sie werden überfallen und Wilhelm überlebt schwer verletzt. Die erste Hilfe liefern eine Frau, die ihm als „schöne Amazone“ in Erinnerung bleibt, und ihre Gefolgschaft.
Nach seiner Genesung entscheidet er sich zum letzten Mal für das Theater und gegen das Leben als Kaufmann. Er schließt sich dem Theaterdirektor Serlo an, der mit seiner Schwester Aurelie und einem kleinen Jungen namens Felix in einer Handelsstadt lebt. Wilhelm bearbeitet Hamlet und die anschließende Aufführung wird ein großer Erfolg. Darauf kommt es zu einem Brand im Wohnhaus der Schauspieler, für den Wilhelm den Harfner verantwortlich macht, und kurze Zeit später stirbt Aurelie. In ihrem Auftrag soll Wilhelm einen Brief an Baron Lothario überbringen und er begibt sich auf die Reise.
Das sechste Buch mit dem Titel „Bekenntnisse einer schönen Seele“ unterbricht die Darstellung von Wilhelms Leben und bezeichnet ein Buch, welches er zuvor überreicht bekommen hat. Es ist der Bericht einer Frau über ihr Leben und die Auseinandersetzung mit ihrem Glauben an Gott.
In den letzten beiden Büchern kommt Wilhelm mit der Übergabe des Briefes in eine neue Gesellschaft. Innerhalb dieser führt er Aufträge aus und alle Verwicklungen lösen sich allmählich auf. So erfährt er, dass Felix sein Sohn mit der mittlerweile verstorbenen Mariane ist. Außerdem wird er in einen Geheimbund, die Turmgesellschaft, eingeführt, indem ihm sein Lehrbrief überreicht wird, und ihm wird mitgeteilt, dass seine (titelgebenden) „Lehrjahre“ nun vorüber seien. Mitglieder der Turmgesellschaft sind ihm an vielen Stellen des Romans begegnet und haben auf seine Entwicklung eingewirkt. Zudem wird Wilhelm klar, dass Lothario, die Gräfin und die „schöne Amazone“ namens Natalie Geschwister sind, deren Tante die „schöne Seele“ aus den „Bekenntnissen“ ist. Während Wilhelms Aufenthalt geht es Mignon immer schlechter. Sie stirbt und ein aus Italien angereister Adeliger kann ihre ungeklärte Herkunft aufdecken. Sie ist das Kind des Harfners, welches er unbekannterweise mit seiner Schwester gezeugt hat. Aus diesem Grund träumt der Harfner von einer Bedrohung durch einen kleinen Jungen. Er versucht Felix zu vergiften, was an einer Eigenart des Jungen scheitert, und im Zuge dessen bringt der Harfner sich um.
Der Roman endet mit der Hochzeit von Wilhelm und Natalie und seinem Entschluss nach Italien zu reisen.

Einordnung


Der 1795/96 erschienene Roman Wilhelm Meisters Lehrjahre ist nur ein Teil der Beschäftigung Goethes mit der Figur Wilhelm Meister. Bereits 1777 erwähnt Goethe in einem Tagebucheintrag Arbeiten am Wilhelm Meister und 1829 erscheint abschließend die zweite Fassung des Romans Wilhelm Meisters Wanderjahre. Goethes erste Auseinandersetzung mit dem Wilhelm Meister endete 1785 mit dem nie beendeten und erst 1910 wiederentdeckten Roman Wilhelm Meisters theatralische Sendung, der den Weg Meisters von kindlicher Begeisterung für das Theater in die Theatergesellschaft schildert. Diesen Inhalt überarbeitet Goethe mithilfe Schillers für die Lehrjahre, denn die Sicht Goethes auf das Theater hat sich ähnlich zu der Entwicklung seiner Figur Wilhelm Meister im Laufe der Zeit gewandelt. Ereignisse wie Goethes Italienaufenthalt und die Französische Revolution veränderten seine Einstellung hin zu den Idealen der Weimarer Klassik. Durch die Umarbeitung und die Erweiterung des Stoffs vergrößert sich das Themenspektrum von dem Fokus auf das Theater auf weitere Bereiche, die vor allem von den unterschiedlichen Figuren getragen werden. Beispiele sind hier das Verhältnis von Bürgertum und Adel (Turmgesellschaft), die Kunstauffassung (Mignon, Harfner), Pietismus (die schöne Seele) und romantische Beziehungen (Mariane, Natalie, usw.). Über all diesem steht jedoch die individuelle Entwicklung Wilhelm Meisters, in seinen eigenen Worten: „mich selbst, ganz wie ich da bin, auszubilden“ (Goethe 1992, Bd. 9, S. 657), was die Benennung des Werks mit dem erst später entstandenen Begriff des Bildungsromans erklärt. „Das wichtigste Muster des Bildungsromans […] ist Goethes Wilhelm Meister“ (Jacobs 1972, S. 70), und damit ist der Bildungsroman durch das Spannungsfeld seiner Begriffsdefinition und der Deutung des Bildungswegs Wilhelm Meisters fest mit den Lehrjahren verbunden. Eine Besonderheit des Romans, die auch zu den abweichenden Deutungen führt, ist, dass nicht eine übergeordnete Instanz Wilhelm Meisters Entwicklung bewertet, sondern die Figur „als autonomes Subjekt der Selbstbestimmung und der Welterfahrung als strukturierender Mittelpunkt des Romans gesetzt wird“ (Saariluoma 2004, S. 200 f.).

Literaturangaben


  • Jacobs, Jürgen: Wilhelm Meister und seine Brüder. Untersuchungen zum deutschen Bildungsroman. München 1972.
  • Saariluoma, Liisa: Erzählstruktur und Bildungsroman. Wielands „Geschichte des Agathon“, Goethes „Wilhelm Meisters Lehrjahre“. Würzburg 2004.
  • Steiner, Uwe: Wilhelm Meisters Lehrjahre. In: Bernd Witte/Theo Buck/Hans-Dietrich Dahnke/Regine Otto/Peter Schmidt (Hg.): Goethe-Handbuch in vier Bänden. Bd. 3: Prosaschriften. Stuttgart/Weimar 1997, S. 113–152.


Ausgaben


  • Goethe, Johann Wolfgang: Wilhelm Meisters Lehrjahre. In: Ders.: Sämtliche Werke. Briefe, Tagebücher und Gespräche. Bd. 9: Wilhelm Meisters Lehrjahre. Hg. von Wilhelm Voßkamp und Herbert Jaumann. Frankfurt a. M. 1992, S. 355–992. (SDP-Bibliothek: Signatur TG-1 1/33:9)
  • Goethe, Johann Wolfgang: Wilhelm Meisters Lehrjahre. Hg. v. Ehrhard Bahr. Mit einem Nachwort von Marcel Krings. Stuttgart 1982 (Reclams Universal-Bibliothek, Nr. 14182).


Weiterführende Literatur / Ressourcen


  • Bahr, Ehrhard (Hg.): Johann Wolfgang Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre. Erläuterung und Dokumente. Durchgesehene, ergänzte und bibliographisch ergänzte Ausgabe. Stuttgart 2000 (Reclam – Erläuterung und Dokumente, Nr. 7826).
  • Borchmeyer, Dieter: Weimarer Klassik. Portrait einer Epoche. Weinheim 1998.


Lesedauer


  • Hörbuch: ungekürzt gelesen von Hans Jochim Schmidt: 26 Std. und 27 Min.
  • Individuelle Lesezeit: 15–16 Std.


Leseprobe


Auf einmal aber fiel im nächsten Busche ein Schuß, und gleich darauf noch einer, und die Gesellschaft fuhr erschreckt auseinander. Bald erblickte man bewaffnete Leute, die auf den Ort zudrangen, wo die Pferde nicht weit von den bepackten Kutschen ihr Futter einnahmen.

Ein allgemeiner Schrei entfuhr dem weiblichen Geschlechte, unsere Helden warfen die Rappiere weg, griffen nach den Pistolen, eilten den Räubern entgegen, und forderten, unter lebhaften Drohungen, Rechenschaft des Unternehmens.

Als man ihnen lakonisch mit ein Paar Musketenschüssen antwortete, druckte Wilhelm seine Pistole auf einen Krauskopf ab, der den Wagen erstiegen hatte, und die Stricke des Gepäckes auseinander schnitt. Wohlgetroffen stürzte er sogleich herunter; Laertes hatte auch nicht fehl geschossen, und beide Freunde zogen beherzt ihre Seitengewehre, als ein Teil der räuberischen Bande, mit Fluchen und Gebrüll, auf sie losbrach, einige Schüsse auf sie tat, und sich mit blinkenden Säbeln ihrer Kühnheit entgegen setzte. Unsre junge Helden hielten sich tapfer; sie riefen ihren übrigen Gesellen zu, und munterten sie zu einer allgemeinen Verteidigung auf. Bald aber verlor Wilhelm den Anblick des Lichtes, und das Bewußtsein dessen, was vorging. Von einem Schuß, der ihn zwischen der Brust und dem linken Arm verwundete, von einem Hiebe, der ihm den Hut spaltete und fast bis in die Hirnschale durchdrang, betäubt, fiel er nieder, und mußte das unglückliche Ende des Überfalls nur erst in der Folge aus der Erzählung vernehmen.


(Zitat: TextGrid Repository (2012). Johann Wolfgang von Goethe: Werke. Romane. Wilhelm Meisters Lehrjahre. 2. Bd. TextGrid Digitale Bibliothek) [Goethe 1992, Bd. 9, S. 586]

Im Roman sollen vorzüglich Gesinnungen und Begebenheiten vorgestellt werden; im Drama Charaktere und Taten. Der Roman muß langsam gehen, und die Gesinnungen der Hauptfigur müssen, auf welche Weise es wolle, das Vordringen des Ganzen zur Entwicklung aufhalten. Das Drama soll eilen, und der Charakter der Hauptfigur muß sich nach dem Ende drängen, und nur aufgehalten werden.


(Zitat: TextGrid Repository (2012). Johann Wolfgang von Goethe: Werke. Romane. Wilhelm Meisters Lehrjahre. 3. Bd. TextGrid Digitale Bibliothek) [Goethe 1992, Bd. 9, S. 675]

Was finde ich an dem Text interessant?


Der Roman ist aufgrund seiner Länge und trotz der Merkwürdigkeiten, auf die Wilhelm Meister trifft, nie wirklich spannend. Auch die einzelnen Figuren lösen keine besondere Faszination aus. Vielmehr ist interessant, wie Goethe aus den Ereignissen und Figuren einen Roman komponiert, der die Zeit und sein ästhetisches Programm trefflich widerspiegelt; gleichzeitig jedoch genug Offenheit besitzt, um nie wirklich ausgelesen zu werden. Deshalb ist es empfehlenswert, vor der Lektüre eine gewisse literaturgeschichtliche Vorbildung zum 18. Jahrhundert zu besitzen und zum Beispiel Anton Reiser oder Die Leiden des jungen Werthers gelesen zu haben, um den Roman besser verstehen und genießen zu können.

Sören Kleist (M.A.-Studierender)